Autobiographien und Biographien

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    • Nachdem ich neulich die altehrwürdige bzw zum klassiker gewordene Goethe-Biographie von Friedenthal gelesen habe, habe ich gestern in "Die Zeit" eine begeisterte Rezension zu dieser neuerschienenen Goethe Biographie von Safranski entdeckt. Hat die jemand schon gelesen und möchte mir etwas dazu sagen?


      Liebe Grüsse ringsum von
      Fairy Queen
      Da es der Gesundheit förderlich ist, habe ich beschlossen, glücklich zu sein (Voltaire)


    • Diese jüngst erschienene, gestern in Wien vom Autor präsentierte Einführung in Leben und Werk faßt den gegenwärtigen Forschungsstand zusammen und ersetzt die bisherigen, mehr oder weniger auf dem Kracauer- Buch beruhenden Biographien, von denen wohl das rororo-Bändchen von P.Walter Jacob die meiste Verbreitung gefunden hat, durch eine wesentlich gründlichere Darstellung. Sie ist gut lesbar geschrieben und von einem Halbfranzosen verfaßt, der sowohl Musikologe als auch Historiker ist, also beste Voraussetzungen bot. Ralf-Olivier Schwarz betont, wie schon der Untertitel andeutet, das Übernationale. Noch zu Lebzeiten hatte ja Offenbach mit heftigen Angriffen zu kämpfen, die chauvinistische Strömungen gegen ihn lancierten. Insbesondere der deutsch-französische Krieg von 1870/71 nährte solche Vorurteile. Für die Franzosen galt er vielfach als Preuße und "Spion Bismarcks", nicht nur aus heutiger Sicht ein geradezu lächerlicher Vorwurf, für die Deutschen erschien der gebürtige Kölner als Vaterlandsverräter. Daß Offenbach (konvertierter) Jude war, verstärkte die Hassgefühle nur noch. Sie scheinen selbst nach dem Dritten Reich noch weitergewirkt zu haben, als in Köln darum ging, ob der Platz vor den Städtischen Bühnen (wo einst die Synagoge stand) "Offenbachplatz" oder "Theaterplatz" benannt werden sollte.. Die damals vorgebrachten Argumente gegen Offenbach lösen in ihrer Borniertheit bei mir Kopfschütteln und Abscheu aus. Glücklicherweise setzte sich damals dann doch die Vernunft durch. Auch in Frankreich passierte Ähnliches. Zu Wien unterhielt Offenbach ein gutes und florierendes Verhältnis, obwohl ihn die Wiener anfangs nicht um Erlaubnis gefragt hatten, als sie seine Werke verwerteten. Aber Offenbach war klug genug, sich dem nicht entgegenzustellen, sondern sich diese Entwicklung zunutze zu machen - mit großem Erfolg, denn seine Bühnenschöpfungen blieben an der Donau immer wieder populäre Dauerbrenner und zu keiner anderen europäischen Stadt entwickelte er ein so harmonisches Verhältnis (seine Wahlheimat Paris natürlich ausgenommen). Selbst Wien konnte sich jedoch nicht dazu durchringen, einen prominenten Straßenzug nach ihm zu benennen. Die Offenbachgasse führt ein eher verstecktes Dasein im 2.Bezirk, und nur wenige kennen sie.

      Schwarz unterstreicht den Umstand, auf den der Offenbach-Forscher Peter Hawig schon vor langer Zeit hingewiesen hat: daß das bedeutende rein instrumentale Schaffen des Komponisten bisher weder ausreichend bekannt noch genügend erforscht ist. Hier ist mancher wertvolle Schatz zu heben. Natürlich stellt Schwarz auch einmal mehr fest, daß Offenbach, ungeachtet seiner immensen Bedeutung für die Operette, mit einer Ausnahme nie eine solche geschrieben hat. Er nannte seine Werke meist "opéra-bouffe", während später Karl Kraus den spezifischen Terminus der "Offenbachiade" prägte. Es sind eben Kreationen sui generis.

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    • Lieber Sfantu,

      Da ich das sehr umfangreiche OEuvre Offenbachs nur zu einem sehr geringen Teil kenne, ist mir auch nicht wirklich klar, wie und warum Offenbach einteilte in "opéra-comique", "bouffonnerie musicale", "opérette". "opéra-bouffon", "opéra-bouffe", "opérette-bouffe" u.a.m.

      Die "Operetten" sind alle einaktig, aber das ist nicht das entscheidende Kriterium, denn auch "opéra-comique" und "opéra-bouffe" können Einakter sein. Die Benennung muß offenbar doch mit Stoff und Machart zu tun haben. Um das zu verifizieren, müßte man aber sämtliche Schöpfungen Offenbachs sehr gut kennen. Und das sind laut Werkliste über 120!

      Ralf-Olivier Schwarz ist in seinem Präsentationsvortrag nicht auf die Charakterisierung eingegangen, hat nur auf die differenzierte Nomenklatur hingewiesen. Soviel Zeit war leider nicht.

      Offenbach selbst hat die "Opéra-comique" jedenfalls als spezifisch französische Gattung angesprochen, die aber in die Krise geraten sei. Das Hochtrabende und Düstere war ihm nicht geheuer (der "Hoffmann" entsteht ja erst ganz spät).


      Liebe Grüße
      Waldi
    • Ich komme gerade von einer kleinen Ausstellungseröffnung über "Offenbach, Suppè und der Beginn der Wiener Operette". Der Direktor der Städtischen Musiksammlung berichtete unter anderem von einer gleichzeitig laufenden Tagung, wo auch das von Sfantu angeschnittene Problem diskutiert wurde. Die Musikologen kiefeln noch an der Frage herum und können bis jetzt keine befriedigende Antwort anbieten, sind aber angeblich irgendwie auf dem Weg dorthin (der aber vermutlich noch lang ist).

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    • Lieber Waldi,

      besten Dank für die Informationen!
      Nicht wahr? Es scheint doch nur allzu verständlich, daß eine Kunstform, die noch im Werden & im Wandel begriffen ist, sich ihre Namen & Begriffe erst noch stiften muß.
      Für jemanden, dessen Passion in der Hauptsache bei der Instrumentalmusik liegt, interessiert mich natürlich auch der Hinweis auf die kaum beachteten resp. erforschten Instrumentalkompositionen Offenbachs. Nennt Schwarz diesbezüglich Werktitel in seinem Buch?

      Merci & liäbi Grüess us Bärn,
      Sfantu
    • Lieber Sfantu,

      Schwarz listet nur die Bühnenwerke systematisch auf. Näher geht er ein auf Offenbachs Erstlingswerk, das 1833 publizierte Divertimento über Schweizerlieder. In seinen frühen Pariser Jahren macht sich Offenbach dann einen Namen durch Tanzmusik und wird sogar als "Walzerkomponist" apostrophiert. Der Zusammenarbeit mit Flotow entspringen dien Stücke für Klavier und Violoncello Réveries und Chants du soir. In den 1840er Jahren komponiert Offenbach sehr viel für Violoncello, z.B. das Capriccio Le Cor des Alpes und etliche Opernparaphrasen. Schwarz nennt weiters ein Quartett für vier Violoncelli, eine Grand scène Espagnole und diverse Violoncello-Duos sowie Les Larmes der Jacqueline (1851). Dieses Werk erhielt durch den Tod Jacqueline Du Prés neue Aktualität. Auch die Duos werden angeblich oft aufgeführt.

      Näheres zu den Instrumentalkompositionen bietet Peter HAWIG: Jacques Offenbach, Facetten zu Leben und Werk, Köln 1999.

      In Wien gebrauchte man schon bei der ersten Kontaktaufnahme zu Offenbach (1858) ausschließlich den Begriff "Operette", wie ihn auch Suppè verwendete. In Frankreich könnten die unterschiedlichen Benennungen unter anderem auf dem Grad an Parodistischem beruhen. Bezüglich "Opéra-comique": Offenbach demonstriert einen nostalgischen Hang für das 18.Jahrhundert. Sehr bezeichnend (trotz aller Betonung des Französischen), daß er - mit großem Erfolg - dem Publikum ein bis dahin in Paris so gut wie unbekanntes Stück vorsetzt: L'Imprésario. Das Libretto stammt von Halévy und Battu, die Musik aber ist von Mozart - es ist eine Adaption von dessen Schauspieldirektor! Der kluge Rossini nennt Offenbach denn auch den "kleinen Mozart der Champs-Élysées".

      Grüezi und Servas nach Bern
      Waldi

      Zwei Beispiele:

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