Schumann : Kinderszenen , Teil 2

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    • Schumann : Kinderszenen , Teil 2

      Robert Schumanns " Kinderszenen" , Opus 15 , komponiert im Frühjahr 1838, habe ich versucht anhand der tatsächlich relevanten Quellen gestern , 26. August 2006 , hier mit einem ersten Teil vorzustellen .

      Meine Überlegungen gehen dabei von den Quellen , den gesicherten Mitteilungen Dritter über das Werk in seiner Entstehung , seiner Rezeption , der tatsächlichen Aufführungspraxis , die wohl erst um 1860 breitere Kreise erreicht hat , also nach Roberts Tod , Schumanns sehr liebevoll verfassten entscheidenden Hinweisen an Clara aus den Jahren 1838 und vor allem 1839 ( s.: Briefwechesel und Tagebücher ) hin zu den ständigen und bis zur Gesamtausgabe durch Clara Schumann bei Breitkopf & Härtel mit den höchst bedauerlicherweise gerade auch von Clara kaum ernsthaft berücksichtigten Hinweisen von Johannes Brahms , d e m Sachwalter bezüglich der Werke Robert Schumanns ( Tagebücher ; Briefwechsel ; Mitteilungen durch J. Brahms ) aus . Sie führen dann im weiteren Verlauf in diesem Beitrag hin zu den sehr unterschiedlichen Aufführungspraxen durch Clara selbst und einige ihrer Schülerinnen ( welch eine bizarres Missverständnis ! ) bis zu der Wiederaufnahme der Werke für Klavier solo von Schumann im 20. Jahrhundert , vor allem seit es die Möglichkeit gab , diese auf Tonträger aufzunehmen .

      Es ist dabei wichtig jetzt schon festzustellen , dass sich die schriftlichen Mitteilungen von Clara Schumann über das Unverständnis "der Franzosen" ( Briefe ; 1839 ) als eine wohl nur völlig falsche politische Fehleinschätzung verstehen lassen .

      Wir wissen heute , dass es gerade die sog. Französische Schule im weitesten Sinne gewesen ist , die die Renaissance der Schumann - Interpretationen so dynamisch vorwärtsgetrieben hat . Lazar Lévy , der grosse Pianist und Pädagoge, hat dabei wie Alfred Cortot , der uns 1935 eine bis heute ergreifende Wiedergabe der "Kinderszenen" hinterlassen hat und die auch rein manuell - technisch keinen Vergleich zu scheuen braucht ( von der geistigen Durchdringung dieser aussergewöhnlichen Komposition ganz zu schweigen ) .

      Vor diesem Hintergrund und gesicherten Wissen stellt sich natürlich die Frage :

      Wie ist das Werk zu interpretieren ?

      Hans Joachim Köhler ( 1973 ) und Joachim Draheim ( 1988 ) als sein Antipode als Herausgeber der "Kinderszenen" bei zwei verschiedenen Verlagen sowie der Musikwissenschaftler Udo Zilkens ( 1996 ) , der leider in seiner fleissigen Arbeit die aktuellen Tendenzen nur teilweise nennt und auflistet , aber sie nicht überzeugend gewichtet und bedauerlicherweise nur deutschsprachige Werke entscheidend berücksichtigt , haben sich eingehend und sehr detailliert mit der seit Robert Schumanns Lebzeiten anhanhaltenden sehr divergierenden Meinungsvielfalt über die Entstehungsgeschichte des Werkes, über Sinn der nachträglich von Robert hinzugefügten Überschriften über die einzelnen Stücke und die Frage der "richtigen" Reihenfolge der einzelnen Piècen im Geamtwerk auseinandergesetzt . Liest man ihre Ausführungen wie die der verschiedensten anderen Autoren , so muss es irrtümlicherweise so scheinen, als ob uns Robert einen kompositorischen Torso hinterlassen habe. Dass dies defintiv weder im gesamten noch bei den Einzelstücken der Fall ist , habe ich im ersten Teil aufgezeigt . Und selbst Clara Wieck , die mit den "Kinderszenen" in der Zeit nach dem Tod ihres Mannes selbst grösste interpretatorische Schwierigkeiten hatte bezüglich dessen präzisen Angaben, hat dazu ein gehöriges Mass an Verwirrung gestiftet . Etwa indem sie das Werk nach sicherer Überlieferung zeitweise sehr unterschiedlich gespielt hat, auf jeden Fall anders als ihr Mann es ihr ausdrücklich in seinen Briefen vor allem 1839 so nahegelegt hatte .

      Daher sei auf die drei oben genannten Arbeiten von Köhler, Draheim und Zilkens hingewiesen, damit wir unsere eigene Meinung damit vergleichen und auch durchaus daran messen können.

      Ausserdem hat sich der Pianist und Musikschriftsteller Alfred Brendel nicht nur schon vor rund 30 Jahren in einem der erwähnten Diskussionsforen über die "Kinderszenen" zu Wort gemeldet , sondern auch in einem seine Bücher eine nicht schlüssige , ja falsche Werkanalyse vorgelegt . Vladimir Horowitz , ein akribischer Tüftler bei vielen seiner Werkinterpretationen im besten Sinne, hat die "Kinderszenen" - entgegen allen Erwartungen - so augefasst , dass diese vom Schlussstück " Der Dichter spricht " aus aufgefasst werden müssen . Diese Meinung habe ich persönlich immer geteilt . Die Tatsache , dass Horowitz in seiner späteren Zeit der Karriere fast immer die "Träumerei" , die Brendel als den Mittelpunkt des Werkes ansieht , gespielt hat , ändert aber nichts an der Stellung des Werkes in Schumanns "Szenen" . Horowitz , wie andere Pianistinnen und Pianisten , die die "Träumerei" oft als "Zugaben" , "Encore" oder "Bis" gespielt haben , waren sich vor allem der Wirkung des Stückes auf das Konzertpublikum bewusst . Dass es dann dabei, betrachtet auf das Gesamtwerk, als ein in sich geschlossenes, zu seltsamsten pianistischen "Verrenkungen" und groben Fehlinterpretationen gekommen ist , lässt sich anhand der weit über 100 Aufnahmen leicht hören . Dass allerdings einer der Rezensenten in der Schumannforschung ausgerechnet die Wiedergabe durch Wilhelm Kempff als "kitschig" ( so im Originaltext ) bezeichnet hat, muss als Skandal bezeichnet werden . Die fast sachliche Innigkeit Kempffs ist geradezu Ausdruck seines subtilen Werkverständnisses nahezu aller Werke Robert Schumanns . Kein Zweifel : Kempff bleibt einer der grössten Schumanninterpreten überhaupt !

      Johannes Brahms hat im April 1879 , fast 23 Jahre nach Robert Schumanns Tod, an Clara ausdrücklich noch einmal auf Roberts Originalvorstellungen in einem Brief hingewiesen, als die Neuausgabe bei Breitkopf & Härtel in Vorbereitung war mit der der Herausgeberin Clara Schumann als federführender Verfasserin . Dass Clara , die sich ja zu diesem Zeitpunkt genau 40 Jahre (!) mit dem Werk intensivst theoretisch wie vor allem auch durch ihre Wiedergaben ab 1838 praktisch verfasst hat , uns keine differenzierte und differenzierende Stellungnahme hinterlassen hat , ist für das gesamte Schumann - Verständnis , die Rezeption seiner Werke negativ, folgenschwer und kontraproduktiv bis heute geblieben . Alleine die Frage der Mittelstimmen , z. B. auch in den Symphonien ( George Szell hat sie, wohl um ein transparenteres Klangbild zu erreichen ; Gesamtaufnahme ; CBS / Sony ; mit einem ausführlichen Beitrag durch Szell ) fast völlig weggelassen , wäre eine Anmerkung durch Clara wert gewesen .

      So finden sich laut H J Köhler im Erstdruck keine Metronomangaben, wozu sich Schumann selbst auch schriftlich mitgeteilt hatte ( Quelle: Deutsche Staatsbibliothek , Berlin ) . Robert hat dies selbst auch gesichert so betont gehabt ( F. Whistling ; Leipzig ; 1939 ) . Also zum Zeitpunkt der Entstehung und Drucklegung . Köhler ( aa= ) fügt in seiner sehr sorgfältigen Analyse zurecht an , dass die "uns zu schnell erscheinenden Tempi .....nicht so befremdlich ( wirken ) , wenn die Stücke auf einem historischen Instrument gespielt werden ". Insofern trifft auch das Wort vom "denkenden Spieler" zu , wenn er den Klang und die Möglichkeiten der damaligen Instrumente berücksichtigt . Man kann dann aber auch , ohne dem Werk allzu grossen Zwang anzutun , die Stücke also auch auf dem dem modernen Konzertflügel unserer Zeit , also dem grossen Steinway , nach individueller Auffassung spielen , wenn man die Vorgaben Robert Schumanns befolgt und die Hinweise von Wilhelm Kempff , die ich anstelle eines Vorwortes verwendet habe , beherzigt . Sie dürfen dann aber nicht zu einer pianistischen Jagd werden noch in sich zerfallen . Letzteres ist nach gesicherter Überlieferung Clara Schumann selbst "passiert ; ihren Schülerinnen , die uns einige Aufnahmen hinterlassen haben, leider im selben Masse, weil sie sich bedauerlicherweise an Claras Vorgaben und nicht an denen von Robert, die vorgelegen haben, orientiert hatten . Dieses kritiklose Folgen und Befolgen eines Lehrers ist, wie ich dies anhand der Aussagen von Horowitz und Alexis Weissenberg dargestellt habe, geradezu verhängnisvoll .

      Da Robert Schumann , entgegen den Ausführungen von Udo Zilkens ( aaO ) sehr genaue Hinweise in seinen Briefen an Clara mitgeteilt hat , treffen die Werkauffassungen einiger weniger Pianistinnen und Pianisten besonders zu . Sie haben auch aus diesem Grund daher auch Referenzcharakater .

      Da Zilkens ( aaO ) in seiner Monografie am Beispiel der "Träumerei" leider nur eine der von Clara Schumann offensichtlich verwendeten Metronomangaben vorstellt ( was den Sachverhalt nicht erhellt , sondern unsinnig verschleiert ! ), verwischt er völlig und verfälschend die Fehlwirkungen, die Clara mit ihren völlig willkürlich verschiedenen Interpretationen angerichtet hat . Es ist nie ( schlüssig ) untersucht worden , was Clara Schumann damit tatsächlich bezwecken wollte ! Spekulativ können wir annehhmen, dass sie ihre Virtuosität ganz eigensinnig in den Vordergrund stellen wollte, also auif den Sinn des Werkes keinerlei Rücksicht nehmen wollte . Die "Kinderszenen" sind eben kein hochvirtuoses Werk für "Tastenlöwen" . Sie zeichnen in erster Linie die Künstler aus und zeigen deren intellektuelles Vermögen , das wie etwa Arrau ( 1974 ) , Cortot ( 1935 ) oder Weissenberg ( besonders live etwa in Salzburg oder auf der Aufnahme bei EMI France )
      ganz werktreu spielen bei allen unterschiedlichen Feinheiten im einzelnen . Die von Zilkens herangezogene Tempowahl in absoluten Zeitmassen von Paul Badura - Skoda ( dem schnellsten ) bis zu Alexis Weissenberg ( dem poetischsten träumenden Interpreten ) ist absolut irreführend , da wir so niemals eine Vorstellung bekommen können , wie das Werk in den einzelnen Wiedergaben tatsächlich klingt . Die "Kinderszenen" sind keine olympische Disziplin, in der es um rein technisches Zeitmass geht .

      Warum Clara entgegen ihren überlieferten Briefmitteilungen an Robert aus 1838 ff. sich später so schwer mit Roberts ( und auch mit Johannes Brahms' ) Interpretationsvorstellungen tat ( oder sie dies ganz gezielt vorgenommen hat ! ) muss auch deswegen Spekulation bleiben , weil Clara das Werk bezüglich der Tempi , Pedalbehandlung und Phrasierung im selben Zeitraum so deutlich unterschiedlich gespielt hat . Manuell - technische Gründe können es nicht gewesen sein . Manchew erinnert dabei an das "Projekt Schubert" , dasl Vladimir Horowitz anlässlich seiner Wiedergabe der Schubertschen B - Dur- Sonate, D 960 , in den USA anhand der ganz unterschiedlichen Publikumsreaktionen wie im Laborversuch ohne Seele veranstaltet hat . Dass am Ende eine der seelenlosesten schubertfernsten Aufnahmen aller Zeiten das Ergebnis war, ist hinreichend bekannt .

      Etwas salopp formuliert stehen diejenigen Künstler(innen) auf der Seite Roberts , die sich an dessen schriftlichen Mitteilungen gehalten haben . Dies beinhaltet aber ausdrücklich nach meiner Meinung , dass die "Kinderszenen" ein "geschlossener Zyklus" sind . Auch dies ist bei der Beurteilung der Interpretationen entscheidend zu berücksichtigen . ( Bei Frédéric Chopin finden wir Vergleichbares in dessen "Préludes" . Man muss nur sehr genau hinhören und sich mit der Entstehungsgeschichte eingehend befassen . )

      Vor diesem geschilderten Sachverhalt , den ich nicht frei von einer Schuldzuweisung insbsondere an Clara zu schildern versucht habe , höre ich meine Idealinterpretation - un d keine idealisierte "Deutung" aus einer bestimmten "Schulmeinung" . Es handelt sich , dies sei expressis verbis festgehalten, um den Versuch , einer Problemlösung anhand der Wahrheit, die dem Schöpfer dieser ganz aussergewöhnlichen Komposition vorgeschwebt hat .

      Bei Durchsicht der vorhandenen und jemals , soweit bekannt , aufgenommen Tonträgerdokumente sind die "Kinderszenen" weit über 100 mal aufgenommen worden . Von Einzelstücken wie der "Träumerei" oder "Der Dichter spricht" einmal ganz abgesehen . Es gibt früheste Aufnahmen , die von Schülerinnen Clara Schumanns vor rund 100 Jahren aufgenommen worden sind ( auch das a - Moll - Klavierkonzert ) . Leider sind aktuell keine dieser Wiedergaben vollständig erhältlich . Die bekannten Aufnahmen beweisen den historisch begründeten Einfluss, den Clara Schumanns "Lehrmeinung", wohl der ganz späten Jahre ihrer langen Karriere, nachhaltigst hatte , und den tatsächlichen Blick auf Robert Schumanns Vorstellungen völlig verschleiert haben . Dies ist schlichtweg dramatisch ungünstig gewesen für die weitere Rezeption der "Kinderszenen", wahrscheinlich aber auch für alle anderen Werke Roberts .

      Es ist nicht mehr sicher eruierbar, ab wann die regelmässige Aufführungspraxis der "Kinderszenen" begonnen hat . Wahrscheinlich erst nach dem Tod von Robert Schumann 1856 . Es gibt kaum zuverlässige Berichte über die Konzerte Claras oder die von Johannes Brahms, der ja ein überragender Pianist gewesen ist . Sicher ist, dass Brahms sich sein Leben lang völlig selbstlos um Schumanns Kompositionen bemüht hat, damit diese nicht - vergleichbar dem grossen Schaffen Franz Schuberts - für rund 100 Jahre in der Versenkung verschwinden ( im Falle von Franz Schubert waren es bekanntlich Artur Schnabel , Eduard Erdmann , Friedrich Wührer , Clifford Curzon und dann schon später Radu Lupu in seinem legendären "Londoner Zyklus" Anfang der 1970er Jahre wie auch Alfred Brendel mit seinen stark musikphilologischen Interessen , die sich um die Neu- und Wiederbelebung der Werke Schuberts ewige Verdienste erworben haben . Angesichts eines Ausscheidens von Lupu oder Brendel aus dem grossen Konzertbetrieb ist zu befürchten , dass Schuberts Werke, mangels "Lobby" und Nachlässigkeit der gobalisierten Industrie dasselbe wiederholen wird . Dasselbe könnte in gleichem Masse auch für die Klavierwerke von Schumann zutreffen .

      Bei den Werken Robert Schumanns gebührt sicherlich Johannes Brahms der edle Lorbeerkranz für die Erhaltung seiner Werke . Bei Clara ist leider wegen ihrer mit zunehmendem Alter sehr ambivalenten Haltung zu den Werken ihres ( verstorbenenen ) Mannes eine sichere Bewertung nicht abschliessend möglich . Die führenden Interpreten zumindest einiger Werke für Klavier solo von Schumann waren die in früheren Beiträgen dieser "Schumann-Reihe" von Siamak ("AcomA")
      und mir ("Ganong" ) durch mich erwähnten Paderewsky , Harold C Bauer , P Grainger , Sergey Rachmaninov und Josef Hofmann bevor dann ab 1966 Alexis Weissenberg weltweit Schumann zum Durchbruch in den internationalen Konzertsälen sogar mit reinen Schumann - Programmen verhalft . Vladimir Horowitz blieb mit seiner Schumannsicht leider fast ausschliesslich den USA verbunden ( hier besonders seiner Sonatensicht und der Wiedergabe der "Humoreske" ) . In Frankreich , wie gesagt , folgten die bedeutenden französischen Pädagogen und Pianisten ganz Lazar Lévy und Alfred Cortot , dessen Einfluss auf das in Deutschland beherrschende Schumannbikld nicht hoch genug gewürdigt werden . Dies gilt ausdrücklich auch für Cortot als Kammermusiker und Liedbegleiter . Aldo Ciccolini , naturalisierter Franzose, hat uns noch in seinen späten Jahren feinsinnigste Interpretationen hinterlassen, der vor allem das fast spirituell - poetische Klangspektrum hervorhob .
      Harold C Schonberg , der damalige Musikchefkritiker der "New York Times " hat das legendäre Recital Weissenbergs in New York als einen der Höhepunkte seiner gesamten Klaviererlebnisse beschrieben . --- Wer auch dabei war , der wird nur zustimmen können und müssen .

      Es sei nochmals darauf hingewiesen, wie heikel , schwierig es ist , und bleiben wird, reine Schumann - Programme in einem Soloabend zu spielen ( also ganz anders als bei Beethoven oder Chopin , aber ähnlich wie bei Franz Schuberts Sonatenkosmios , dessen Impromptus , der "Wanderer"-Fantasie etc. ) . Bis heute konnte ich dafür keine Begründung finden . Auch die meisten Rezensenten , sofern sie keine ausgewiesenen Kenner Schumanns sind oder Liebhaber seiner Werke , tun sich erfahrungsgemäss sehr schwer mit ihren meist schon sachlich falschen Beiträgen . Der rein pianistisch - interpretatorisch aussergwöhnlich beeindruckende Soloabend mit Radu Lupu hier in Düsseldorf war ein weiterer Beweis und dies , obwohl es Lupu gelungen ist , den von Wilhelm Kempff geschilderten Werksinn hörbar zu machen und klang-poetisch stimmig zu vermitteln .

      Im Konzertalltag , wo fast nur noch grauer Alltag herrscht , finden wir die "Kinderszenen" leider kaum noch . Dies ist auch die Erfahrung anderer mit Schumanns Werken vertrauter Autoren . Zum Teil dürfte dies auch damit zusammenhängen , dass die grossen bedeutenden Schumanninterpreten verstorben sind oder nicht mehr krankheitsbedingt konzertieren können .

      Meines Wissens verdanken wir die letzten grossen Interpretationen live in ihren Konzertprogrammen Claudio Arrau, Wilhelm Kempff ( immerhin schon rund 30 Jahre zurückliegend ) , Alexis Weissenebrg ( Paris , New York und bei den "Salzbuger Festspielen" sowie Vladimir Horowitz ( dass der Jude Horowitz ausgerechnet in Wien , wo Schumann Wichtiges komponiert hattte und leben wollte und dennoch so übelst behandlet worden ist , seine wohl letzten "Kinderszenen" öffentlich gespielt hat (( Mitschnitt bei der DGG )) muss einen glücklich stimmen und sollte die Wiener Österreicher für immer daran erinnern , dass ein jüdischer Pianist Schumanns Grösse über den spezifischen österreichsichen Faschismus von Metternich über Hitler souverän gestellt hat !

      Das Werk

      Nach dem oben Geschriebenen bedarf es keiner grossen Vorstellung der 13 Szenen des Werkes .

      Die Nr. 1 "Von fremden Menschen und Ländern" findet in der Literatur eine zunehmende Bedeutung . Es gibt aktuell Autoren , die
      darin den Schlüssel zum Verständnis des gesamten Werkes sehen ! . Auch Clara Wieck war 1838 f. zunächst von diesem Werk ausserordentlich angetan, berührt und fasziniert . Was sie dann später, etwa ab 1860, dem eigentlichen Beginn der Verbreitung der "Kinderszenen" dazu sagte und meinte , wissen wir leider nicht sicher . Interessant ist übrigens , dass vor allem die lange gelebt habenden Töchter der Eheleute Schumann sich bezüglich der Werke ihres Vaters ausserordentlich, befremdlich zurückgehalten haben . Clara selbst hatte ja jedes der 13 Stücke ganz aussergewöhnlich , ganz mit innigsten Empfindungen und Hoffnungen auf eine gemeinsame Zukunft mit Robert beschrieben gehabt ( vgl.: Briefwechsel ; Tagebücher ) .
      In diesem E i n g a n g s - Stück finden wir fast nicht erklärbare , nicht einfühlbare, nicht nachzuerlebende Interpretationsunterschiede . Zumn Vergleich sei auf die Wiedergaben durch Clara Haskil , die das Stück fast ( zu ) unbekümmert transparent speilt , Alfred Cortot ( er misst dem Stück schon ein erhebliches Gewicht bei für die Rückschau eines Erwachsenen auf seine / die Kindheit ) , Arrau, der Cortot im Interpretationsansatz nicht fern steht, und die erstaunlich zurückhaltende , fast intim - scheue Auffassung durch Martha Argerich, die schon hier alle ihre Kritiker widerlegt . Hört denn da niemand genau hin , Frau Pieschacon - Rafael ?

      Kuriose Geschichten

      Hasche-Mann

      Bittendes Kind . Wir alle kennen diese Situation . Und Clara Wieck hatte , sie war je noch sehr jung als Robert das Werk komponiert hat, sicherlich noch ihre Kindheitserlebnisse vor Augen, in iihrem Herzen gehabt . Auch hier geklingt Martha Argerich Aussergewöhnliches . Wir spüren , dass diese Frau Kinder haben muss, dass sie dieses bittende Kind in sich nacherleben und bei sich fühlen kann . Dasselbe gilt für die drei mir bekannten Aufnahmen durch Alexis Weissenberg .

      Glückes genug . Gibt es des Glückes genug für ein Kind ? Cortot oder Arrau und Kempff scheinen dies innig zu reflektieren . Nicht ohne dass eine gewisse Skepsis bleibt ( eben aus der Rückschau ) .

      Wichtige Begebenheit . Für Kinder sind die meisten Ereignisse in ihrem jungen , beschützten Leben wichtige Begebenheiten . Da müssen wir als Erwachsene oder Eltern dann auch Verständnis haben auch wenn es uns alles nicht mehr so wichtig scheinen mag . . . Glücksmomente im Leben eines Kindes und eine "wichtige Begebenheit" sind sind für jeden , der sein Kindsein noch erinnert oder Kinder selbst , Momente , die ein lebenlang in uns haften bleiben . Robert Schumann war der einfühlsamste , der einfühlfähigste Kenner der kindlichen Seele ! Wer diesen Zyklus gehört und verstanden hat, wird sehr schnell alle Lehrbücher der Kinder- ud Jugendpsychologie und -Psychiatrie zur Seite legen .
      Wie unterschiedlich dann bei gleichem Tempo diese Stücke klingen können ist im driekten Vergleich aus dem Spiel etwa zwischen Argerich und Haskil, von Weissenberg zu Katsaris überdeutlich zu hören . Undes fällt dann nicht schwer intuitiv zu entscheiden , wen ich mir als Eltern wünschen würde !

      Träumerei

      Am Kamin . Ein Stück, mit dem Clara schon ihre Mühe hatte, es so richtig zu verstehen. Sie war hier mehr vergleichende Deuterin einer französischen gegen eine deutsche Stimmung und euie ns Gestimmtseins.

      Ritter vom Steckenpferd

      Fast zu ernst . Hier tun sich interpretatorische Welten wieder einmal auf . Die Welt der Nachdenklichkeit eines Kindes - n i c h t des Interpreten ! - wird bei Argerich , Arrau , Cortot oder Kempff und Weissenberg zu einem tiefenpsychologischen Ereignis . Gerät Katsaris in allen seinen Aufnahmen oder Horowitz in Wien dann entweder zu oberflächlich oder zu kalkuliert . Bei Clara Haskil hört man geradezu , dass es dem Kind mit einem "Fast zu ernst" zu lange dauert . Das sehr rasche Tempo ( 30 Sekunden schneller als die Argerich in solch einem kurzen Stück : Da muss man wirklich hinhören , ob die wundervolle Clara Haskil nicht nur Schumanns Vorgaben verfehlt !

      Fürchtemachen

      Kind im Einschlummern . Hier stellt sich tatsächlich die vieldiskutierte Frage , warum Robert die Nr. 12 nicht etwa vor die "Träumerei" gesetzt hat ? Aber der Komponist beweist auch hier seine bezwingende psycholgische Einfühlungsfähigkeit in die Seele eines Kindes und seinen Sinn für einen nicht zu steigernden dramatischen Aufbau . Denn : Während ein Kind im Einschlummern liegt , ganz friedlich , die eigenen Träume als Tagesbewältigung und die Emotionalität in den ganz frühen Morgenstunden erlebend ( ( so etwa Thews et al.: Physiologie ; Lehrbuch , 29. A., Springer ) noch nicht intelektuell kennend , ist der Rückblickende , bei Robert Schumann selbstverständlich der D i c h t e r , schon gegenwärtig und spricht . Er erzählt über die Ereignisse seines eigenen Lebens als Kind und nicht-kindlichen Lebens ! ) aus der subjektiven Erinnerung .

      Dass ein rund 28-jähriger Mann solch ein Werk schaffen kann und den Inhalt der Überschriften nicht nur musikalisch darzustellen vermag , sondern auch inhaltlich verbal präzise erläutert, gehört für mich zu den Wundern menschlicher Fähigkeiten !

      Für mich ist auf seine Weise fast jede "Szene" des Werkes von fast gleichrangiger Bedeutung . Zumal im gesamten Zyklus . Ausnahmen sind allenfalls , und etwas gewollt dann doch am Ende , die "Träumerei" und "Der Dichter spricht" , in dem Schumann seine grossen Literaturkenntnisse dann auch indirekt wieder aufnimmt .

      Träumerei . Schumann konnte nicht wissen, welche neurophysiologische Bedeutung dem Traum , dem Träumen zukommt . Neben den umfangreichen Ausführungen in dem vielbändigen Werk "Physiologie des Menschen" ( Urban & Schwarzenberg ) aus den 1970er Jahren sind es immer noch die Ausführungen von William F. Ganong , Professor für Physiologie in San Francisco, die er in seinem weltweit noch immer führenden Lehrbuch auch aktuell wieder beschreibt und zu recht zwischen den der Physiologie des Traumes Erwachsener und der von Kindern unterscheidet . Keine pseudowissenschaftliche Deutung à la S. Freud, worauf selbst im derzeitigen Standardlehrbuch von Schmidt et al. nachdrücklich hingewiesen wird .

      Interpretationsempfehlungen : ( Sie ist kein "Ranking" ! )

      Alexis Weissenberg ( EMi France / Toshiba EMI , Japan )

      Wilhelm Kempff

      Claudio Arrau

      Alfred Cortot

      Martha Argerich .

      Alles Gute !

      F r a n k


      Meinen Eltern in Dankbarkeit und meinem Sohn in Liebe und Vertrauen zugeeignet . F.

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Ganong ()

    • Lieber Frank,

      ich möchte Dir auch zunächst einfach danken für die große Mühe, die Du Dir gemacht hast, um die zwei Einführungs-Beiträge über die 'Kinderszenen' zu verfassen! Ich hatte mich schon sehr darauf gefreut, dass es mit Schumann weitergehen würde, aber das Ergebnis Deiner Recherchen und Überlegungen, das hier nun aus Deiner Feder zu lesen ist, ist wirklich beeindruckend!

      Du bietest viel Stoff, der nicht nur zu lesen, sondern auch erst einmal zu verarbeiten ist. Ich werde mir meine vorliegenden Aufnahmen in der nächsten Zeit noch einmal anhören und mich später dann wieder in Deinem Thread zu Worte melden.

      Herzliche Grüße
      von Cosima
    • @Frank,

      gerade habe ich mit viel Freude und interesse Teil 1 und 2 der "Kinderszenen" gelesen und bin wiedereinmal aufs Neue völlig begeistert von Deiner Einleitung.

      :down :down

      Was die Aufnahme vom M. Argerich angeht muss ich Dir unbedingt zustimmen. Eine IMO der besten Aufnahmen der DG überhaupt und eine derart wundervolle Aufnahme der Kinderszenen.

      Diese Aufnahme höre ich immer wieder gerne. Vielelicht wegen dem von Dir angesprochenen Verständnis der Frau und Mutter Argerich, das in dieser Aufnahme durchklingt. Genau weiss ich es nicht, aber es ist etwas besonderes an dieser großartigen Aufnahme.

      _____

      Administrator: Das Klassikforum
    • Schumann : Kinderszenen , Teil 2

      ... so ist sie wirklich "unsere" Martha . Voller "Feuer" , wie Clara Schumann in ihren frühen, besten Jahren und voller zärtlichem , aber nie weinerlichen , Empfinden ( wie Clara Schumann in ihren extrem schwierigen Lebensphasen ) .

      Martha Argerich w u s s t e mit jeder Faser ihres Verstandes und in jedem Schlag ihres Herzens , um was es in den "Kinderszenen" geht . Darum gelang ihr diese herrliche Aufnahme .

      Viele Grüsse ,
      Frank
    • Lieber Frank,

      Deine detaillierten Ausführungen habe ich nun nochmals gelesen. Sie sind sehr interessant und bezeugen Deine intensive Auseinandersetzung mit der Thematik. Da ich selber nur wenig Hintergrundinformationen bislang hatte, blieb mir nichts übrig, als Deinem Ratschlag zu folgen, der da lautet: „Es reicht zunächst völlig, sich das Werk insgesamt einfach unvoreingenommen anzuhören!“ Vielleicht sollte man noch hinzufügen: …und beim Anhören in die eigene kindliche Seele hineinzuhorchen. - Ich glaube, dass sich dann automatisch ein Gefühl dafür einstellt, wie dieses großartige Werk klingen sollte.

      Logisch erscheinen mir Deinen Erklärungen hierzu:

      Kind im Einschlummern . Hier stellt sich tatsächlich die vieldiskutierte Frage , warum Robert die Nr. 12 nicht etwa vor die "Träumerei" gesetzt hat ?


      Ich meine auch, dass die Nr. 12 vor das Stück „Der Dichter spricht“ gehört. Das Kind schlummert ein, befindet sich in einem Zustand zwischen Wachsein und Schlafen. Die Grenzen sind fließend, weshalb das Stück leise ausklingt, ohne ein richtiges Ende zu haben. Danach kann eigentlich nichts mehr folgen, nur noch der „Der Dichter spricht“, also der Rückblickende (nun wieder als Erwachsener) selber. Dadurch wirkt der Zyklus in sich abgerundet, bekommt ein schlüssiges Ende. Es wirkt so, als sei durch das Einschlummern der Rückblickende aus seiner eigenen Rückschau erwacht; als habe er „sein Kind“ nun wieder gehen lassen…

      Ich kenne diese Interpretationen:

      Samson Francois (EMI, 1964)
      Vladimir Horowitz (Sony, 1962)
      Martha Argerich (DG, 1984)
      Ivan Moravec (Supraphon, 1987)

      Martha Argerich und Ivan Moravec sind hier meine liebsten Interpreten. Ich meine, dass beide wussten, worum es in dem Werk geht und dies auch fantastisch vermitteln können.

      Gruß, Cosima :)
    • Lieber Frank:

      Auch von mir für den zweiten Teil Deiner hochinteressanten Ausführungen zu den "Rückspiegelungen eines Älteren für Ältere" (Schumann) meinen herzlichsten Dank!

      Wie schon bei den neulich besprochenen "Waldszenen" sind auch hier die manuell-pianistischen Ansprüche eher gering, wirklich überzeugende Aufnahmen aber eher rar. Ich besitze diese Aufnahmen:

      Cortot (1935) Andromeda ANDRCD5012
      Schnabel (1947) Artone 222329354
      Curzon (1954) Decca Legends 4664982
      Haskil (1955) Philips Great Pianists of the 20th Century 4568292
      Horowitz (1962) Sony Horowitz: The Complete Masterworks Recordings 1962-1973 (vol. I) S2K53457
      Kempff (1973) DG 4350452
      Barenboim (1979) DG Resonance 4311672
      Argerich (1984) DG 4106532
      Katsaris (1986) Teldec Digital Experience 9031758632
      Horowitz (1987) Philips Great Pianists of the 20th Century 4568382

      Schnabel und Haskil scheiden wegen ihrer Tempowahl schon im Vorfeld aus. (Du hast ja sehr überzeugend und detailliert zu dieser Problematik geschrieben.) Clara Haskil spielt durchgehend viel zu schnell und völlig wider den romantischen Geist. Sie war zwar in Cortots Meisterklasse, aber hat offenbar hier nichts von ihm lernen können. Cortot selbst war für mich die Entdeckung (und den Hinweis verdanke ich ja Dir), für mich ist er der Maßstab, an dem ich alle anderen Aufnahmen nunmehr messen werde. (Der Transfer des obskuren Andromeda-Labels ist sehr zufriedenstellend.) Cortot spielt wohl wirklich völlig im Geiste des Komponisten. Er ist übrigens auf der DVD "The Art of Piano" zu sehen, wie er 1953 seine Pariser Meisterklasse in "Der Dichter spricht" einführt. Das Stück sei mehr zu träumen als zu spielen, es ende im Geist der Unendlichkeit.

      Gegen Cortot fällt sogar Kempff ab, von dem es leider nur eine Version der Szenen gibt. Geistig durchdrungen hat er die Szenen sicher ebenso wie sein Freund Cortot, stellenweise fehlt es doch ein wenig an Spannung und Dynamik, wenn sie gefordert sind. Fast ebenso sehr schätze ich Curzons Monoaufnahme, deren Klangqualität sogar für die Zeit leider ein wenig zu wünschen übrig läßt. Ansonsten eine hochpoetische Version. Das Loblied auf Martha Argerichs Einspielung ist schon gesungen worden, ich stimme natürlich mit ein! Beide Aufnahmen von Horowitz überzeugen mich nicht, die Poesie bleibt bei ihm ein wenig auf der Strecke. Die weiteren oben aufgeführten Aufnahmen sind nicht weiter bemerkenswert.

      Gruß,

      Zelenka
    • Das Loblied auf Argerich wiederhole ich jetzt nicht. Habe ich mir eben angehört: besser geht es wirklich nicht.

      Besonders gut gefallen mir aber auch die "distanzierteren" Aufnahmen von Arrau (1974, Philips) und - noch nicht erwähnt, wie mir scheint - von Alfred Brendel (1981/82, Philips). Über Brendels theoretische Ausführungen, die oben kritisiert wurden, kann ich nichts sagen. Aber seine Aufnahme scheint mir doch hörenswert. Das Spiel könnte man vieleicht am besten als grüblerisch charakterisieren, als ob sich der Pianist selbst beim Spielen zuhört. Sicher nicht kindlich, sondern ziemlich ernst. Doch ist das ein Fehler?

      Viele Grüße, Hannes
    • Original von sennahresor
      Über Brendels theoretische Ausführungen, die oben kritisiert wurden, kann ich nichts sagen. Aber seine Aufnahme scheint mir doch hörenswert. Das Spiel könnte man vieleicht am besten als grüblerisch charakterisieren, als ob sich der Pianist selbst beim Spielen zuhört. Sicher nicht kindlich, sondern ziemlich ernst. Doch ist das ein Fehler?

      Viele Grüße, Hannes


      Der Pianist sollte eigentlich nicht durchgehend grübeln. Er sollte eher träumen ...

      Gruß,

      Zelenka
    • Schumann: kinderszenen , Teil 2

      Lieber Zelenka,

      lieber Hannes !

      Vorab : ich habe Alfred Brendels theoretische Ausführungen nicht "kritisiert" , sondern nur angemerkt , dass ich seine Auffassung ( wie auch Horowitz u. a. ) nicht teile , dass die "Träumerei" , weil sie als Nr. 7 rechnerisch im Mittelpunkt szteht , auch der Kern des Werkes ist . In noch stärkerem Masse bin ich der Auffassung , dass die in den letzten 20 Jahren diskutierte Frage , ob nicht gar das erste Stück als "Kern des Werkes" anzusehen sei , definitiv nicht teile .

      Ich habe es immer wieder betont , dass ich grundsätzlich seit vielen Jahren Alfred Brendels Bücher , Aufsätze etc. zu klassischer Musik sehr schätze und sie mir wichtige Anregungen gegeben haben . Neben den "Kinderszenen" sind seine Ausführungen zu den letzten drei Sonaten von Franz Schubert und deren Interpretation durch Arthur Schnabel meiner Meinung nach von bedauerlicherweise bislang nirgendwo aufgenommener Bedeutung . Geradezu eine Pflichlektüre !

      Zelenka hat , ohne dass wir uns darüber je ausgetauscht hätten , Clara Haskils Interpretation nicht nur erwähnt , sondern sie u. a. wegen der Tempi als nicht zu den überzeugenden Aufnahmen gerechnet . ich stimme dieser Meinung absolut zu . Ich schätze Clara Haskil ausserordentlich . Sie blieb viel zu lange eine leider völlig unterschätzte Pianistin und war sicherlich eine grosse Persönlichkeit .

      Ihre Interpretation der "Kinderszenen" ist , ich habe die Passage dann bewusst weggelassen , für mich aus didaktischen Gründen vor dem Hintergruind dessen , was ich in den beiden Teilen meiner Ausführungen geschrieben habe, falsch, wie wohl auch Clara Schumann das Werk fehlinterpretiert haben dürfte ( Quelle : Tagebücher , Briefe , Briefe von Johannes Brahms ) .

      Sie spielt das Werk sehr kühl , ohne Nacherleben der kindlichen Seele . Dass sie dies alles anders kann , wenn es um Tiefgründigkeit, um ein "Spiel auf Leben und Tod" geht , beweist der erste Satz ihrer Interpretation der B-Dur-Sonate , D 960 , von Franz Schubert .

      Obwohl sie ja eng mit Alfred Cortot befreundet gewesen ist , hat sie dessen Meisterklassen und möglichen Interpretationsweise dann leider nicht in sich aufgenommen .

      Viele Grüsse ,

      Frank
    • liebe Schumann-freunde, lieber Frank,

      herzlichen dank für diesen detaillierten und erfahrenen thread. natürlich gehören die 'kinderszenen' zu den werken schumanns, mit denen ich sehr früh berührung bekam, schon aufgrund des klavierunterrichtes während der schulzeit. ich gebe zu, dass ich einige stücke aus dem zyklus weniger 'mag', andere auf mich eine sehr berührende wirkung entfalten.

      weniger mögend: wichtige begebenheit, träumerei

      sehr berührend: glückes genug, fast zu ernst, kind im einschlummern, der dichter spricht.

      folgende interpretationen sind mir bekannt:

      vladimir horowitz (1950 und 1987/live)
      alfred brendel (philips)
      alexis weissenberg (emi france)
      ivan moravec (supraphon)
      nelson freire (2002)

      mit den beiden horowitz-aufnahmen und der aktuellen einspielung freires komme ich bestens zurecht. es sind sehr unkomplizierte interpretationen, welche den kern der aussage treffen. selbstverständlich bin ich der ansicht, dass niemand anders so schön singt, wie vladimir horowitz !

      die interpretation alexis weissenberg ist IMO solide, seine 'wichtige begebenheit' erscheint mir allzu brutal. alfred brendel spielt sehr sorgfältig, ohne das der funke überspringt.

      gruß, siamak :engel
    • Original von Zelenka

      Der Pianist sollte eigentlich nicht durchgehend grübeln. Er sollte eher träumen ...

      Gruß,

      Zelenka


      Lieber Zelenka,

      da wüßte ich aber gerne, wie Du dir die praktische Umsetzung von "träumen" in Klavierspiel vorstellst. Für mein Empfinden kann der Pianist nur vom Träumen "erzählen".
      Um den Unterschied zwischen Argerich und Brendel zuzuspitzen: Bei Argerich geschieht das in direkter Rede, bei Brendel in indirekter. Beides finde ich genauso legitim und genauso reizvoll.

      Viele Grüße, Hannes
    • Original von sennahresor
      Um den Unterschied zwischen Argerich und Brendel zuzuspitzen: Bei Argerich geschieht das in direkter Rede, bei Brendel in indirekter. Beides finde ich genauso legitim und genauso reizvoll.


      Ich sehe das anders. Schumanns Intention war, in den Stücken 1-12 das Kind sprechen zu lassen – und zwar direkt durch die Person des Rückblickenden. Nur so macht es Sinn, wenn im letzten Stück eben dieser Rückblickende in Form von „Der Dichter spricht“ sich selbst (als Erwachsener) wieder zu Wort meldet.

      Wenn ein Pianist in grüblerischer Art und Weise durchgehend vom Erwachsenen-Standpunkt über das Kind sinniert (und sei es auch in träumerischer Form), ohne die Kinderseele selbst sprechen zu lassen, ist die m.E. die Intention des Komponisten verfehlt worden.

      Zu Horowitz: Ich kenne nur die 1962er Studio-Aufnahme. Technisch spielt er gut, ohne Frage, aber es gelingt ihm m.E. nicht, die Facetten und Empfindungen des Kindes darzustellen. Er spielt sie nur nach, er macht sie nicht direkt erlebbar.

      Gruß, Cosima
    • Original von Cosima

      Schumanns Intention war, in den Stücken 1-12 das Kind sprechen zu lassen – und zwar direkt durch die Person des Rückblickenden. Nur so macht es Sinn, wenn im letzten Stück eben dieser Rückblickende in Form von „Der Dichter spricht“ sich selbst (als Erwachsener) wieder zu Wort meldet.



      Hallo Cosima,
      "durch die Person des Rückblickenden" - da stimme ich gerne zu, aber "direkt"? Ein Rückblick ist doch eigentlich etwas indirektes.
      Schumann betont, wenn er am Ende den Dichter, also eine Erzählinstanz, in den Blick rückt, genau das vermittelte der Darstellung.
      Sicherlich kann diese Erzählung vom Pianisten mehr (Brendel) oder weniger (Argerich) distanziert umgesetzt werden - aber legitim ich beides.
      Viele Grüße, Hannes
    • RE: Schumann : Kinderszenen , Teil 2

      Liebe Schumann - Freunde !

      Erfreulicherweise ist die Interpretation der "Kinderszenen" durch Alexis Weissenberg , eine tatsächlich herausragende Interpretation der Komposition , nun wieder erhältlich .

      Zu bestellen über amazon.de , da es die Aufnahme in Deutschland leider noch immer nicht gibt .


      Grüsse ,

      Frank
    • Die kindlich-naivste (im besten Sinne) Interpretation von "Träumerei", die ich jemals gehört habe, stammt von Walter Gieseking aus Berlin von 1938.

      Enthalte in dieser empfehlenswerten, nicht völlig zu Tode restaurierten Billig-Ausgabe:

      Gruß, ab

      Wissen ist Beschreiben können.
      (Rudolf Arnheim)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von ab ()

    • Schumann : Kinderszenen , Teil 2

      Lieber "ab" ,

      ich habe an anderer Stelle vor längerer Zeit schon einmal zu allen Giesekingfaufnahmen der Werke von Robert Schumann zusammenfasend geschrieben .

      Die "Kinderszenen" gehören sicherlich unter den überwiegend schwachen Wiedergaben , zu den ganz schwachen Deutungen .

      Wer Schumann sammelt , der soll sich die Aufnahmen kaufen , aber er wird keine musikalische Bereicherung erfahren .

      Es gibt nach einer in Deutschland erschienen sehr sorgfältigen wissenschaftlichen Arbeit über die "Kinderszenen" einen Anhang der bekannten Aufnahmen ( darunter zwei Schülerinnen von Clara Schumann , die ihrer Lehrerin aber keineswegs unter zu Grundelegung des Notentextes von Clara Schumannund der wichtigen , wertvollen Hilfe von Johannes Brahms ) . Zählt man weitere Aufnahme hinzu , die seither erschienen sind , so muss ich leider feststellen , dass Walter Gieseking hier jedenfalls mit viel Wohlwollen in der Mittelklasse liegt .

      Es gibt bei deutlich über 100 Aufnahmen keine zehn Interpretationen , die Schumanns Vorstellungen und seinen interpretatorisch - gedanklichen Ansprüchen entsprechen . Wahrscheinlich sind es , wertet man streng , allenfalls fünf Aufnahmen .

      Viele Grüsse ,

      Frank

      PS.:

      Meiner Erfahrung nach bei Klavier solo - Werken gibt es bei fast allen Hauptwerken in aller Regel nur wenige wirklich dauerhaft fesselnde , immer neu faszinierende , intellektuell anspruchsvolle , scharf am Notentext orientierte u7nd auch emotional gesättigte Aufnahmen .

      Eine gegenteilige Meinung würde mich sehr überraschen .

      Ich habe gerade in einem persönlichen Brief gerade nochmals zu Robert Schumanns "Kinderszenen" einige grundsätzliche Ausführungen geschreiben . Ebewn , ohne näheres auszuführen im Vergleich zu einer völlig anderen Komposition von ebenso überragender Bedeutung , dier von einem hochkompetetenten Autor beschrieben und besprochen wird / werden wird . Ich bin auf diesen Text iin seiner Endfasung mehr als gespannt . . FGB

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Ganong ()

    • RE: Schumann : Kinderszenen , Teil 2

      Lieber Frank!

      Auf der Aufnahme befindet sich leider nur die "Träumerei", so dass ich leider nichts zu Giesekings gesamter Aufnahme der Kinderszenen sagen kann.

      Wie Du weißt, interessiere ich mich stets für das rein Hörbare und kümmere mich weniger darum, ob die Interpretation authentisch ist oder nicht. Gerade auch in dieser Hinsicht meine ich, Deine Aussage sogar verschärfen zu können: Bei fast allen Hauptwerken scheint es auch mir in aller Regel nur wenige wirklich dauerhaft fesselnde, immer neu faszinierende, intellektuell anspruchsvolle, und insbesondere auch emotional gesättigte Aufnahmen zu geben, selbst wenn man auch solche berücksichtigt, die nicht sich so streng auch am Notentext und den Absichten der Komponistin orientieren!

      Gieseking gehört für mich trotz all seiner Mängel hier (nicht nur bei Schumann) dazu.

      Von den 5 Aufnahmen, die Deine strengsten Kriterien erfüllen, habe ich selbst keine einzige, und habe auch bloß bislang die von Argerich angehört (ohne sie mir aus persönlichen Geschmacksgründen kaufen zu wollen).

      Ich hoffe, wir können hier später dann noch Deinen Kommentar zur der angesprochenen Veröffentlichung des "hochkompetenten Autors" lesen!

      Stets für viele Deiner Hinweise sehr dankbar, mit herzlichem
      Gruß, ab

      Wissen ist Beschreiben können.
      (Rudolf Arnheim)

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