Bachs Chaconne Partita 2 in d-moll für Klavier?

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    • Bachs Chaconne Partita 2 in d-moll für Klavier?

      Ich habe gerade einen Film gesehen ("Das blaue Zimmer", nach einem Roman von Simenon). Im letzten Viertel des Films, wo es um eine Gerichtsverhandlung ging, wurden immer wieder Melodien eingespielt, die ich zu erkennen meine, nämlich aus Bachs d-Moll-Chaconne aus der Partita Nr.2.
      Was mich verwirrt hat, war, dass keine Violine zu hören war, sondern ein Klavier, und in den Schlusstakten waren auch Akkorde zu hören, die auf einer Geige nicht spielbar sind. Es ist also nicht an dem, dass da jemand einfach die Originalnoten auf einem Klavier gespielt hat statt auf einer Geige.
      Gibt es eine "offizielle" Klavierfassung der Partita Nr.2?
    • Es gibt Bearbeitungen von Busoni und Brahms, möglicherweise noch mir unbekannte weitere. Die von Busoni ist auf CD durchaus häufig zu finden. Den Film kenne ich leider nicht, sodass ich nicht sagen kann, wer da was spielt.
      ............Das führt unvermeidlich zur Einebnung der jeweiligen Komponistenpersönlichkeit zugunsten der Hervorhebung der sie umgebenden zeitgebundenen Konventionen, soweit wir diese heute verstehen, also zur interpretatorischen Nivellierung der kompositorischen Qualität (Christoph Schlüren)


      Gruß
      Vinding
    • Vielen Dank für die Antwort! (Ich wundere mich gerade, dass meine Frage hier überhaupt erschienen ist. Gestern Nacht bekam ich "an error has occurred, try later" angezeigt und habe dann keinen weiteren Versuch mehr gemacht, meine Frage abzusetzen ...)
      Ich werde mal auf die Suche nach der Busoni-Bearbeitung gehen. Insgesamt hat mir die Musik übrigens bei weitem nicht so gut gefallen wie das Original, was natürlich auch an der Interpretetion liegen kann. Ich habe eine Aufnahme auf CD, bei der nach und nach eine starke geradezu körperlich spürbare Spannung aufgebaut wird, während es gestern auf dem Klavier viel "dahingespielter" klang.

      Grüße von Zefira
    • Liebe Zefira,

      Brahms' Bearbeitung sind Studien für die linke Hand! Sie gefallen mir deutlich mehr als die Busoni-Bearbeitung, da sie näher am Original sind und die Schwierigkeiten für die Violine auf die linke Hand allein simulieren. Eine aktuelle Einspielung bietet die Vinnitskaya auf Alpha 1. Toll.

      LG Siamak
    • Liebe Zefira,

      vor dem Geld-Ausgeben kannst Du Dich ja hier akustisch vorab informieren:

      Brahms Sokolov leider nicht auf CD
      Busoni Pletnjow auch auf CD



      Vinnitskaya vermutlich nicht mit CD identisch?
      ............Das führt unvermeidlich zur Einebnung der jeweiligen Komponistenpersönlichkeit zugunsten der Hervorhebung der sie umgebenden zeitgebundenen Konventionen, soweit wir diese heute verstehen, also zur interpretatorischen Nivellierung der kompositorischen Qualität (Christoph Schlüren)


      Gruß
      Vinding

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Vinding ()

    • Danke für die Links. Gekauft hätte ich mir das eher nicht, ich bevorzuge die ganz normale Fassung mit Violine, die für mich einfach spannender klingt. Es ist schwer mit Worten zu erklären - ich habe beim Anhören des Stücks auf der Violine gespielt ein intensives "Gefühl von Architektur", eines Klanggebäudes, ein quasi vertikales Gefühl, während die Klavierfassung viel mehr fließt, also mehr horizontal klingt. (Versteht das jemand ---?)

      Es hat mich nur interessiert, von welchem Komponisten die Klavierfassung stammt. Da ich ziemlich sicher bin, eine einhändige Fassung gehört zu haben, muss es wohl Brahms gewesen sein.

      Ich habe zwei CD-Aufnahmen der Partita Nr.2, aber ich höre meistens nur eine davon. Bei der anderen schnauft mir die Geigerin zu laut ...

      Nachtgrüße von Zefira
    • Ich kann das gut verstehen. Ich glaube, dass das daher kommt, dass Akkorde auf der Geige "mühsam" sind, und allein durch dieses technische Problem entsteht eine gewisse Art von Spannung, bzw. kann es dadurch nicht so fließen. Beim Klavier entfällt das dann natürlich.

      Aus Interesse: Welche Geigerin schnauft denn so? :D Und welche Aufnahme hörst du dann stattdessen?
      "Wir können genauso gut unsere Geigen nehmen und sie mit unseren Knien zerbrechen." (Fritz Kreisler über Jascha Heifetz)
    • Ich habe eine Aufnahme mit Gidon Kremer. Das Gefühl der Spannung und des Aufeinander-Aufbauens (Stichwort Architektur), das ich bei seiner Einspielung bekomme, liegt an seinem energiegeladenen Spiel.
      Die andere Aufnahme (die mit dem Schnaufer) ist mit Lucy van Dael. Ich habe leider im Moment nicht die Zeit, beide Aufnahmen noch einmal konzentriert anzuhören, werde es aber so bald wie möglich nachholen.
    • Lucy van Dael sagt mir gar nichts; hast du die alte oder die neue Kremer Aufnahme? Ich habe die neue, die mag ich auch sehr gerne, auch wenn sie sehr exzentrisch ist. Aber eben das engergiegeladene, spannungsreiche gefällt mir da sehr gut.
      "Wir können genauso gut unsere Geigen nehmen und sie mit unseren Knien zerbrechen." (Fritz Kreisler über Jascha Heifetz)
    • Ich habe eben die Aufnahme mit Lucy van Dael im CD-Spieler. In den ersten Sätzen der Partita ist mir das laute Atmen nicht aufgefallen, erst in der Chaconne. Da hört man manchmal am Ende einzelner Läufe ein richtiges Luftschnappen - nicht so schön.

      (Es stört mich nicht generell, den Musiker atmen zu hören - ich habe sogar eine Aufnahme mit Paganini-Stücken, bei der ich das rhythmische, konzentrierte Atemgeräusch des Geigers sehr mag, zumal sich mein eigener Atem automatisch damit synchronisiert ... jetzt geraten wir ins Esoterische :saint:

      Die Aufnahme mit Gidon Kremer, die ich habe, müsste diese sein (bei mir ist das Cover etwas anders). Ob die Violinkonzerte auf der CD (wie es in der Rezension kritisch heißt) viel zu schnell gespielt wurden, kann ich nicht beurteilen, aber die Einspielung der Partita finde ich großartig.
    • Nicolas_Aine schrieb:

      Lucy van Dael sagt mir gar nichts
      ist eine "Alte-Musik-Expertin" aus dem Umfeld von Kuijken, Brüggen und Schröder, soweit ich weiss als (Hochschul?)Lehrerin aktiv. Also eher nichts für meine Ohren, aber für "HIPPER" vermutlich eine interessante Interpretin...

      ...
      Grüß Dich 1Ton
      ............Das führt unvermeidlich zur Einebnung der jeweiligen Komponistenpersönlichkeit zugunsten der Hervorhebung der sie umgebenden zeitgebundenen Konventionen, soweit wir diese heute verstehen, also zur interpretatorischen Nivellierung der kompositorischen Qualität (Christoph Schlüren)


      Gruß
      Vinding
    • Mir ist auch aufgefallen, dass auf der CD "Barock Violine" steht.
      Spielt denn Gidon Kremer auf einer neuzeitlichen Geige?
      Entschuldige bitte meine Unwissenheit, ich habe mich ehrlich gesagt um solche Dinge nie gekümmert. Ich sehe, dass Fabio Biondi einen ganz anderen Geigenbogen hat, als ich es zu sehen gewohnt bin, und ich kann eine Theorbe und ein Krummhorn erkennen, sonst fehlt mir jedes Wissen in solchen Dingen.
    • Kremer spielt (laut wiki) momentan auf einer Nicola Amati von 1641. Ich bin nicht ganz sicher, ob deine Aufnahme aus den 70ern ist oder die von 1980, ich habe grade erst rausgefunden, dass er die 2. Partita schon früher eingespielt hat. Falls es die von 1980 ist, könnte er schon auf einer Stradivari gespielt haben, die er in diesem Jahr bekam. Für beide Geigen allerdings gilt: Die wurden im 19. Jh. umgebaut, d. h., Decke verstärkt, Bassbalken, anderer Steg etc. Daher kann man schon sagen, dass es eine "moderne" Geige ist. Als Faustregel kannst du dir vielleicht merken: Wenn es große Künstler aus dem letzten Jahrhundert sind, spielen sie "moderne" Instrumente.
      "Wir können genauso gut unsere Geigen nehmen und sie mit unseren Knien zerbrechen." (Fritz Kreisler über Jascha Heifetz)
    • Ich habe mir gerade Bilder von Kremer beim Spielen angeschaut.

      Hier sieht man eine grobe Übersicht über verschiedene Bögen. Ganz oben ein barocker, in der Mitte ein klassischer, und unten ein moderner Bogen:


      [Quelle: themonteverdiviolins.org]

      Kremer verwendet auf allen Bildern, die ich gefunden habe, den unteren Bogen.

      Die barocke Violine hat auch ein wesentlich kürzeres Griffbrett, ungefähr so:

      [Quelle: themonteverdiviolins.org]



      LG,
      Hosenrolle1
    • Vielen Dank für die Info! Ich habe keine Ahnung, von wann die Aufnahme ist, es steht nichts auf der CD. Gekauft habe ich sie in den Achtzigern.
      Später habe ich die Chaconne noch von anderen Geigern sehr schön gespielt gehört, u.a. mal in einem Konzert von Andreas Feldmann - ist Dir vielleicht ein Begriff, der Bruder von Tobias Feldmann, die Feldmanns sind unsere Nachbarn. Aber Gidon Kremers Interpretation ist für mich nicht zu toppen! Sie wirkt auf mich immer so elektrisierend wie ein Glas Schampus.

      Edit, sorry, ich hatte Hosenrolles Beitrag noch nicht gesehen.
      Die barocke Bogenform ist tatsächlich die, die ich bei Biondi gesehen habe. Er nimmt den Bogen auch weiter oben zur Hand als Geiger mit modernen Bögen. Ich habe selbst mal als Schülerin etwas Geige gespielt und erinnere mich, dass ich den Bogen (natürlich einen modernen) immer ganz unten am Frosch anfassen musste.

      (Ihr wisst das natürlich alles schon, ich rede nur so daher :A

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