Eingespieltes Kammerensemble VS. Supergroup

    • Eingespieltes Kammerensemble VS. Supergroup

      Es ist mir heute untergekommen, dass ich ein Trio hörte, das von drei namhaften Einzelinterpreten gespielt wurde.

      Bei Opernaufnahmen geht es fast gar nicht anders, als eine Sängerriege nur für diese Aufnahme zusammenzustellen.
      In der Kammermusik gibt es aber die Alternative, ein eingespieltes Ensemble spielen zu lassen. Die haben dann sogar einen eigenen Namen.

      Habt Ihr gute Erfahrungen mit sogenannten Supergroups, oder bevorzugt Ihr Ensembles, die jahrelang aufeinander eingespielt sind?

      Ich selbst habe noch kein abschließendes Urteil gefällt und möchte erst Eure Meinung lesen.

      Grüße
      Jürgen
    • Hallo!

      Da geht es mir ähnlich, es gibt einige phantastisch gute Aufnahmen mit den von dir so getauften Klassik-Supergroups und es gibt phantastische Aufnahmen mit Formationen wie z.B. dem Fred Sherry Quartet und natürlich vielen anderen.

      Kammermusikformationen höre ich mir explizit immer dann bevorzugt an wenn ich ein Stück aus einer bestimmten Perspektive hören will, "Supergroup" eher dann wenn ich eine nicht festgelegte Perspektive die qúasi "erspielt" wird hören will, (hier sei z.B die alte Aufnahme des Brahms-Horntrios op. 40 mit Perlman/Tuckwell/Ashkenazy genannt.

      So ergibt für mich beides Sinn.

      MFG Günther
    • ich habe, seit dieser Thread eröffnet wurde, immer wieder drüber nachgedacht. Ich bin zu dem Ergebnis gekommen, dass ich tendenziell "Supergroups" vorziehe. Und zwar habe ich den Eindruck, dass ein einem eingespielten Ensemble jedes Mitglied seinen eigenen Charakter zugunsten eines gemeinsamen Ensemblecharakters aufgibt, in einer "Supergroup" finde ich das nicht. Grenzfälle sind so Kombinationen wie Heifetz/Rubinstein/Piatigorsky o.ä., die ja auch lange bestanden. Interessanterweise mag ich es lieber, wenn da drei Charaktere da sind, die eigentlich alle Solisten sind, und das auch in ihren Stellen klar und deutlich erkennen lassen. Und in den Stellen, in denen sie "unwichtig" sind, gibt es dann trotzdem den Druck von unten auf den "Solisten", wenn man so will.
      "Wir können genauso gut unsere Geigen nehmen und sie mit unseren Knien zerbrechen." (Fritz Kreisler über Jascha Heifetz)
    • Ein Grenzfall ist das Arcanto Quartet (Antje Weithaas, Daniel Sepec, Tabea Zimmermann, Jean-Guihen Queyras). Eine Ansammlung Solo-Künstlern, die aber unter dem Gruppennamen auftreten und schon eine Weile zusammenspielen und daher eher als eingespieltes Ensemble wahrgenommen werden.

      Und dann gab es mal eine Kollaboration von Isaac Stern, Alexander Schneider und Pablo Casals, die das Sextett von Brahms und das Quintett von Schubert gespielt haben. Letzeres noch mit Tortelier, aber so ganz hunderprozentig ist das nie lösbar - wo soll man einen Star-Bratscher hernehmen? :D
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Cetay ()

    • ja, das Schubert Quintett mit Stern, Casals etc. ist mir auch gleich eingefallen. Ich glaube, dassdas im Bereich der Streicherkammermusik seltener vorkommt, weil wer von solch großen Namen will schon zweite Geige spielen... Mit Abstrichen könnte man vielleicht auch noch das Tetzlaff Quartett anführen (Christian Tetzlaff, Elisabeth Kufferath, Hanna Weinmeister, Tanja Tetzlaff) und eher noch das Julia Fischer Quartett (Julia Fischer, Alexander Sitkovetsky, Nils Mönkemeyer, Benjamin Nyffenegger). Ich finde es übrigens ganz schrecklich, wenn sich Quartette nach dem 1. Geiger benennen. Beim Tetzlaff Quartett seh ichs ja noch ein, da spielen ja immerhin zwei, aber "Julia Fischer Quartett"????
      "Wir können genauso gut unsere Geigen nehmen und sie mit unseren Knien zerbrechen." (Fritz Kreisler über Jascha Heifetz)
    • Etwas ist auffallend: die Mitglieder der festen Quartette, treten fast nie solistisch auf: Sind Norbert Brainin (Amadeus), Robert Mann (Juilliard), oder die Streicher des Emerson, Hagen, Alban Berg, oder Melosquartetts ... je als Solisten in Violin, Bratschen oder Cellokonzerten aufgetreten. Es wird kaum Beispiele geben.
      Andererseits ist eine auffallende Tendenz zu erkennen, dass Solisten, die bereits einen Namen haben, sich zu mehr oder weniger festen Kammermusikformationen zusammenschliessen: Manche wurden schon erwähnt: Tetzlaffquartett, Arcantoquartett, Julia Fischer Quartett. Auch bei den Brüdern Capuçon oder bei Isabelle Faust ist eine deutliche Neigung zur Ensembleformung zu sehen, wenn auch reine Streichquartette bei ihnen noch fehlen. Die Grenze zwischen 'festen' und 'Gelegenheits-Ensembles' löst sich mehr und mehr auf.
      Es wundert mich überhaupt, dass so viele Geiger jahrelang mit demselben bescheidenen Repertoire an Violinkonzerten um die Welt reisen, kammermusikalisch fast nur Violinsonaten spielen, aber den Rest der Kammermusik links liegen lassen. Dabei wird wohl mitspielen, dass es schwierig sein wird, neben den solistischen Verpflichtungen genügend Termine für Ensembleauftritte (und Proben) zu finden.
      Das Julia Fischer Quartett werde ich in Kürze live erleben.
    • ich würde mich über einen Bericht vom Julia Fischer Quartett sehr freuen!
      Ich denke, dass das tatsächlich größtenteils eine Zeitfrage ist. Wobei das Solorepertoire grade bei den Geigern auch nicht so klein ist, auch wenn im Konzertsaal natürlich meist dieselben Werke zu hören sind.
      "Wir können genauso gut unsere Geigen nehmen und sie mit unseren Knien zerbrechen." (Fritz Kreisler über Jascha Heifetz)
    • hm, da hab ich ehrlich gesagt noch nicth drüber nachgedacht. Das mag heutzutage durchaus ein Gesichtspunkt sein. Aber eigentlich ist es genau das, warum ich solche Besetzungen lieber mag, eben weil diese Unterordnung nur sehr begrenzt stattfindet. Zumindest bei den "Alten", die aktuellen Ensembles kenne ich nicht sehr gut. Andererseits, wenn man es eben so macht wie Julia Fischer mit dem "Julia Fischer Quartett", ist das marketingtechnisch bestimmt auch hilfreich :D
      "Wir können genauso gut unsere Geigen nehmen und sie mit unseren Knien zerbrechen." (Fritz Kreisler über Jascha Heifetz)
    • Im Jazz ist es übrigens gang und gäbe, dass Ensembles nach ihren Leitern benannt werden - aber es tut Reputation und dem Ruhm der Ungenannten keinen Abbruch. Jeder der sich ein wenig in der Materie auskennt, wird bei Charlie Parker Quintett, Zweites Miles Davies Quintett oder John Coltrane Quartett die Namen der Verschwiegenen im Schlaf aufsagen können.
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)
    • ...oder das von mir sehr geschätzte, leider nur kurzlebige Fred Frith Guitar Quartet, dessen Musik freilich nur bei sehr weitgefaßter Definition des Begriffs noch zum "Jazz" zu rechnen ist:




      Dieses Album enhält u. a. eine sehr hörenswerte Bearbeitung der Komposition "Pulau Dewata" des Frankokanadiers Claude Vivier (1948-1983).
      Das Ensemble habe ich 1997 live im Heidelberger Karlstorbahnhof erlebt.
      zwischen weißem rauschen und nichtton
    • Auf Wunsch von Nicolaus Aine ein Bericht vom KOnzert des Julia Fischer Quartetts:
      Besetzung: Julia Fischer & Alexander Sitkovetsky (Geige), NilsMönkemeyer (Bratsche), Benjamin Nyffenegger (Cello)
      Alle Beteiligten sind auch ausserhalb der Quartettformation viel beschäftigt.Julia Fischer als berühmte und vielgefragte Solistin, Sitkovetsky undMönkemeyer spielen auch in anderen Kammermusikformationen (auch auf CD),Nyffenegger ist 1. Cellist im Tonhallorchester Zürich.
      Das JFQ habe ich schon einmal vor ca. 2 Jahren gehört, damals mit einemQuartett von Martinu, Dvoraks Zypressen und Schuberts letztem Quartett (Nr. 15,G-Dur)
      Auf einem anderen Forum schrieb ich damals:
      "…. hatte in seinem Beitrag die Balance der Stimmen bemängelt, u.a. dass dieNebenstimmen oft zu prominent waren. Mir ist im Schubertquartett auch etwasaufgefallen, was die Klangbalance betrifft, allerdings sehr positiv. Es sind indiesem Quartett ganz wunderbare Passagen, die den Charakter einesDoppelkonzerts für Geige und Cello mit Begleitung der zweiten Geige und derBratsche hatten. Mal war JF dominant, dann trat sie zurück und das Cellospielte sozusagen die erste Geige und so wechselte das ab. Das fand ich sehrüberzeugend, aber es war mir noch nie so stark aufgefallen wie an diesem Abend,obwohl ich das Stück in zahlreichen Aufnahmen (und live mit dem Tokyo Quartett)sehr gut zu kennen glaube. Ich glaube nicht, dass meine Sitzposition, 2. Reihe,rechts vom Cello diesen Eindruck erzeugt hat. Der duettierende Wechsel in derDominanz zwischen den beiden Instrumenten wurde auch durch den körperlichenAusdruck, vor allem dem des Cellisten, deutlich herausgestellt.
      Die Blickkontakte der Spieler waren manchmal von einemspöttisch-freundschaftlichen Lächeln begleitet, dessen tiefere Bedeutung sichdem Zuhörer nicht erschloss, dass aber davon zeugte, dass auch dasaußermusikalische Verständnis der Beteiligten vorzüglich ist.
      Nach diesem Abend hoffe ich, dass das JFQ auch bald auf dem CD-Marktpräsent sein wird. Warum nicht mit dem doch stark vernachlässigten Martinu?"

      Vor ein paar Tagen habe ich das JFQ erneut gehört, diesmal mit BeethovensHarfenquartett, Janaceks „Kreutzersonate“ und Schuberts a-moll Quartett („Rosamunde“)– welch wunderbares Programm. Es kann keine Rede davon sein, dass JF –sozusagen aus solistischer Gewohnheit – dominiert. Natürlich ist zuberücksichtigen, dass viele klassische Quartettkompositionen ohnehin die ersteGeige dominieren lassen, so dass sie ohnehin etwas hervorgehoben ist. Aber qua Klangbalance, auch qua musikalischerAusdruckskraft, waren keine Unterschiede zu bemerken. Das Quartett ist eineEinheit und nichts lässt erkennen, dass drei Mitglieder auch ausserhalb desQuartetts solistische Funktionen haben. Der Höhepunkt des Abends im fast völligausverkauften, recht grossen Konzertsaal‚De Singel‘ in Antwerpen, war für mich, vielleicht auch für die meisten Zuhörer, Janacek. Das Spiel scheute vor keinen Extremen zurück, die Instrumentalisten –am wenigsten die immer elegante JF –waren auch körperlich voll im Einsatz. Die klanglichen Schroffheiten wurdenmaximal ausgeführt, die besänftigenden, leisen lyrischen Passagen bekamendadurch noch mehr Intensität. Ich muss gestehen, dass diese Aufführung michemotional extrem stark bewegt hat. Um zumindest äusserlich scheinbar ruhig zubleiben, begann mein ganzer Körper leicht zu zittern. Die Interpretation warein emotionaler Schock. (Qua Intensität des Spiels vielleicht vergleichbar mitder CD-Aufnahme des Hagenquartetts, die ich aber nur noch vage in Erinnerunghabe).
      Der Schubert danach – nach der Pause – klang dann eher harmlos (was nachdem Janacek Exzess quasi unvermeidlichwar). Das a-moll Quartett ist ja das sanfteste, das am wenigsten dramatische,der späten Schubertquartette, fast ohne die emotionalen Ausbrüche vieler anderer späten Schubertwerke. Die Farben, vor allem im reizvollen dritten Satz, warenwunderbar.
      Im Kontext der Diskussion hier in diesem Thread: es ist verständlich, dassdas Quartett nach Julia Fischer benannt ist. Nicht weil sie im Ensemblespieldominiert, sondern weil sie ein Zuhörermagnet ist. Mit einem anderen Namen wäreder Saal nicht randvoll gewesen. Sie zieht auch jüngere Hörer an.
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