Freunde, vernehmet die Geschichte - Ein berühmtes Opernlied und seine besten Sänger

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    • Freunde, vernehmet die Geschichte - Ein berühmtes Opernlied und seine besten Sänger

      Adolphe Adam (1803-1856), ein französischer Komponist, der heute hauptsächlich noch durch sein Ballett "Giselle" bekannt ist, schrieb auch die einst bei unseren Großeltern bekannte und beliebte Spieloper DER POSTILLON VON LONJUMEAU, ein Werk, das hierzulande schon lange von den Bühnen verschwunden ist. In seinem Ursprungsland Frankreich wird es gelegentlich noch aufgeführt.
      Ein Stück aus dieser heiteren Oper ist allerdings bis heute nicht vergessen, und zwar das Auftrittslied des Postillons Chapelou: "Mes amis, écoutez l'histoire", bei uns besser bekannt unter dem deutschen Titel: FREUNDE, VERNEHMET DIE GESCHICHTE. Ein Lied, ein Ohrwurm, wie es sich jeder höhensichere Tenor nicht besser und wirksamer wünschen kann. Bis zum hohen D steigt die Melodie in der dritten und letzten Strophe bei der Phrase ".... so schön und froh ....".
      Jedem Opernfreund, der das Lied kennt (und wer kennt es nicht?), fallen sogleich berühmte Interpreten ein: Joseph Schmidt, Helge Roswaenge, Herbert Ernst Groh. Der bekannteste Interpret ist wohl der kürzlich verstorbene Schwede Nicolai Gedda, der mit einer Aufführung dieses Werks an der Königlichen Oper Stockholm im Jahr 1952 sein Debüt und gleichzeitig seinen Durchbruch feierte. Zufällig weilte der legendäre EMI-Produzent Walter Legge in der schwedischen Hauptstadt und hörte Gedda. Die Folge war ein erster Plattenvertrag, und noch im gleichen Jahr wurde er zu einer Gesamtaufnahme von Mussorgskys "Boris Godunow" herangezogen. Der Rest der Erfolgsgeschichte ist bekannt.
      In der Folge hat Gedda das Postillonlied immer wieder in seine Programme genommen und es nicht weniger als mindestens dreimal auf Platten gebannt, in der Originalsprache französisch, in deutsch und, nicht zu vergessen, wurde das Lied bei seinem Debüt mitgeschnitten und inzwischen auf CD veröffentlicht, in schwedischer Sprache. Seine Interpretationen sind alle hervorragend, nur die französische Fassung leidet nach meinem Empfinden ein wenig am Dirigat von Georges Prêtre, der ein gar zu rasches Tempo vorlegt.

      Und trotzdem: Bis heute ist meine liebste Version die Aufnahme mit dem Mainzer Tenor Josef Traxel, der es am 1.11.1955 mit dem Chor der Städtischen Oper Berlin und den Berliner Symphonikern unter Leitung von Wilhelm Schüchter aufgezeichnet hat (EMI-Electrola). Diese Leichtigkeit, dieses so ganz leichte, ohne jede Anstrengung erreichte hohe D, das glockenrein ertönt und von Traxel schier endlos gehalten wird, klingt mir immer im Ohr, wenn ich an das Lied denke. Ich habe es seinerzeit in dieser Interpretation kennengelernt, was möglicherweise eine gewisse Voreingenommenheit mit sich bringt, aber ich denke, daß besser als Traxel kein Tenor dieses herrliche Stück vortragen kann. Ich besitze es noch auf einer 30 cm-LP:

      und habe es später auf einer EMI-CD neu erworben, die leider längst vergriffen ist. Aber auf dieser Preiser-CD ist es ebenfalls enthalten:



      Welches sind eure Lieblingsaufnahmen dieses Tenor-Schlagers?

      LG Cavaradossi

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    • Noch ein Nachtrag. Es gibt noch eine schöne Version von Peter Anders, entstanden um 1940 in Berlin. Hier ist sie drauf:


      Glänzend gesungen, mit jugendfrischem Elan, aber mir scheint Anders' Stimme eine Spur zu schwer, zu wenig beweglich für dieses Stück. Wegen der fehlenden Speicherkapazität sind die Orchesterteile gekürzt, der Chor ist ganz gestrichen, und Anders bleibt auch bei dritten so schön und froh beim hohen C, um dann in der Schluß-Stretta bei Lonjumeau nicht das hohe D, sondern - wenn ich es richtig einschätze - auf Des zu steigen. Wie gesagt, eine sehr gute Aufnahme, aber es fehlt der letzte Thrill.


      LG Cavaradossi
    • Lieber Falstaff,

      danke für Deinen Eintrag. Joseph Schmidt hast Du zu völlig zu Recht genannt, auch ich habe ihn gleich in meiner Einführung zum Thema aufgeführt.
      Im übrigen nimm Dir Zeit, das Lied ist ja vor allem ein Bravourstück für Tenöre. Ich höre es mir immer wieder mit großem Vergnügen an, vor allem, wenn es mit Verve und anstrengungslos gebildeter Höhe vorgetragen wird.

      Ich wünsche einen schönen Feiertag

      LG Cavaradossi
    • Soeben sehe ich, daß auch Heinz Hoppe, der sich vor allem als Operettensänger einen Namen gemacht hat, sich an das Stück gewagt hat. Ich kenne Hoppe eigentlich nur aus der Tiefland-Aufnahme unter Paul Schmitz (Berlin Classics), da singt er den Pedro, und zwar sehr gut. Außerdem singt er den Tenorpart in Gounods Cäcilienmesse unter Hartemann (EMI), auch da macht er eine gute Figur.
      Kennt jemand seinen Postillon? Ich habe die Aufnahme nicht, aber Hoppes Stimme wäre eigentlich recht gut dafür geeignet. Vor allem würde mich interessieren, ob und wie er das hohe D meistert. Hier ist seine Aufnahme drauf:


      LG Cavaradossi

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Cavaradossi ()



    • Die schwedische Version von 1952 ist in dieser Box enthalten. Abgesehen davon, daß sich die schwedische Sprache für diese Arie offenbar nicht besonders gut eignet, hat Gedda das Postillion-Lied später meines Wissens (ich kenne nicht alle seine Versionen) stets viel besser gesungen. Hier kämpft er doch noch ein wenig mit den Schwierigkeiten, bewältigt sie zwar, doch merkt man die Anstrengung. Dazu ist das Dirigat nicht besonders aufregend, achtbare Routine halt. Ein gutes Beispiel, daß auch ein Traum-Sänger nicht gleich vom Himmel fällt, sondern sich seine außergewöhnlichen Fähigkeiten erst erarbeiten muß.
    • Waldi schrieb:



      Die schwedische Version von 1952 ist in dieser Box enthalten. Abgesehen davon, daß sich die schwedische Sprache für diese Arie offenbar nicht besonders gut eignet, hat Gedda das Postillion-Lied später meines Wissens (ich kenne nicht alle seine Versionen) stets viel besser gesungen. Hier kämpft er doch noch ein wenig mit den Schwierigkeiten, bewältigt sie zwar, doch merkt man die Anstrengung. Dazu ist das Dirigat nicht besonders aufregend, achtbare Routine halt. Ein gutes Beispiel, daß auch ein Traum-Sänger nicht gleich vom Himmel fällt, sondern sich seine außergewöhnlichen Fähigkeiten erst erarbeiten muß.
      Ich halte seine deutsche Version aus dem bekannten Querschnitt von 1965 für seine beste:

      Auch klanglich ist das eine optimale Aufnahme, während Geddas französische Originalversion mir einen zu schnellen, fast gehetzten Eindruck macht. In dieser Recital-CD ist sie (Track 12) enthalten:

      mit dem Orchestre National de le RDF, Dirigent: Georges Prêtre (aufgenommen 1961).

      Es gibt noch weitere Versionen mit Gedda, aber die sind wohl z.Zt. gestrichen.

      Gruß,
      Cavaradossi
    • Irgendwie witzig, dass hier bislang v.a. deutsche Versionen gepostet wurden. Wie sieht es denn mit den Originalsprachlern aus?
      Gedda wurde genannt und ist sicherlich eine absolute Bank.

      Ich fand zunächst einmal Rockwell Blake.



      Eigentlich bin ich ja ein ausgesprochener Blake-Fan. Aber damit hadere ich irgendwie. Ich finde ihn nicht immer intonationsrein und außerdem fehlt mir an den entsprechenden Stellen doch ein wenig die Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit. Und zu sehr kommt er doch immer noch von der italienischen und nicht der französischen Oper her.



      :hello Falstaff
    • Und dann fand ich diese Aufnahme und bin wirklich hin und weg. Auch wenn ihm die absolute Höhe nicht so schön und sicher wie Gedda gelingt.



      Hier finden sich alle Merkmale des französischen Gesangstils. Leichtigkeit der Intonation, das Singen mit der Voix Mix, Charme und Esprit eben, eine Rhetorik vom Wort her und so fort.

      Hier hört man Henry Legay mit der Arie. Ich weiß nicht, von wann die Aufnahme ist, schätze aber aus den 50iger Jahren.



      :hello Falstaff
    • Falstaff schrieb:

      Irgendwie witzig, dass hier bislang v.a. deutsche Versionen gepostet wurden.
      Lieber Falstaff,

      dafür gibt es meines Erachtens eine recht einfache Erklärung: Als "Der Postillon von Lonjumeau" noch in jedem größeren deutschen Stadttheater aufgeführt wurde, gab es praktisch keine Aufführungen in der Originalsprache; alle fremdsprachigen Opern wurden ganz selbstverständlich deutsch gesungen. Und so war es auch mit den Plattenaufnahmen: Joseph Schmidt, Helge Rosvaenge, Peter Anders, Rudolf Schock, Josef Traxel, Heinz Hoppe, Nicolai Gedda, sie alle nahmen das berühmte Postillonlied in deutscher Sprache auf.
      Als die Originalsprache auf deutschen und deutschsprachigen Bühnen sich durchsetzte (so ab ca. 1965), wurde Adams Oper kaum noch gespielt und geriet allmählich in Vergessenheit, wie auch die deutschen Spielopern von Lortzing, Nicolai, Kienzl und Flotow.

      Die erste Version des Postillonliedes in der französischen Originalsprache, die ich kennenlernte, war die von Nicolai Gedda in einem Recital von 1961. Ich habe sie weiter oben genannt.
      Ganz ähnlich ging es dem berühmten Lied der Mignon "Kennst du das Land, wo die Zitronen blüh'n" aus der gleichnamigen Oper von Ambroise Thomas (nach Goethes Roman "Wilhelm Meisters Lehrjahre"). Im deutschen Repertoire wurde das Lied selbst von den berühmtesten Interpretinnen ganz selbstverständlich auf deutsch gesungen. Ich nenne spontan die Aufnahmen von Elisabeth Grümmer, Irmgard Seefried, Anny Schlemm, Käte Heidersbach oder Karin Branzell. Die erste französische Version, die ich kennenlernte, war die mit Vesselina Kasarova auf dieser CD:

      aufgenommen 2001 in den Bavarian Studios, München.

      Auch diese schöne Spieloper ist aus den Spielplänen der deutschsprachigen Opernhäuser verschwunden. Ob sie in Frankreich noch aufgeführt wird, entzieht sich meiner Kenntnis.

      Gruß,
      Cavaradossi
    • Kein ausgesprochener Stimmen-Fan, interessiert mich in erster Linie immer das ganz Werk - auch, wenn es nicht ohne Reiz ist, eure Beispiele im Vergleich zu hören. Auf meiner Gesamtaufnahme schlägt sich John Aler, wie ich finde, mehr als passabel.



      John Aler, Ensemble Choral Jean Laforge, Orchestre Philharmonique de Monte-Carlo - Thomas Fulton
      (2 LPs, EMI, 1985)

      John Mark Ainsley & Adolf Dallapozza hätten auch die passende Kehle für diese Tessitura
    • Cavaradossi schrieb:

      Als "Der Postillon von Lonjumeau" noch in jedem größeren deutschen Stadttheater aufgeführt wurde, gab es praktisch keine Aufführungen in der Originalsprache; alle fremdsprachigen Opern wurden ganz selbstverständlich deutsch gesungen.
      Lieber Cavaradossi, das ist natürlich richtig und von daher ganz eindeutig, warum die Versionen von deutschen Sängern (nehmen wir Gedda mal dazu ^^ ) eben auf Deutsch sind.

      Aber es gab, gibt mit Sicherheit eine ganze Reihe von Franzosen, die diese Arie auch gesungen haben. (Wobei ich nicht weiß, in wieweit dieses Werk in Franzreich weiterhin aufgeführt wird.) Ich wunderte mich nur, dass auf die Sänger (wieder Gedda als Ausnahme) nicht zurückgegriffen wurde. Wobei ich schon auch nicht ohne weiteres Henry Legay gefunden habe.

      Aber da muss es doch mehr geben, oder? ;)

      LG Falstaff
    • Falstaff schrieb:

      Aber es gab, gibt mit Sicherheit eine ganze Reihe von Franzosen, die diese Arie auch gesungen haben.
      Lieber Falstaff,

      davon bin auch ich überzeugt, aber leider gibt die Recherche nach französischen Fassungen bzw. französischen Tenören, die diese Arie gesungen haben, so gut wie nichts her. Auch ich bin nur auf Henry Legay gestoßen (in der GA), ansonsten Fehlanzeige. Zumindest was Amazon oder jpc betrifft.

      John Aler in der Fulton-Aufnahme ist Amerikaner, und in einer älteren Ausgabe des Bielefelder Katalogs sind ausschließlich Versionen mit deutschen Künstlern in deutscher Sprache aufgeführt, mit Ausnahme von Gedda, der es französisch gesungen hat, aber der war Schwede.
      Die Oper wird auch in Frankreich heute nicht mehr den Zuspruch haben, den sie einmal hatte, aber ich denke, dass eine Aufführung im Ursprungsland immer noch wahrscheinlicher ist als anderswo. Aber das hilft uns ja bei der Suche nach französischen Aufnahmen des Stücks nicht weiter.

      LG, Cavaradossi