Oper auf der Bühne - Inszenierungen, die wir nicht vergessen können

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    • Oper auf der Bühne - Inszenierungen, die wir nicht vergessen können

      In diesem Thread soll es beileibe nicht um Regietheater oder konventionelle Inszenierung gehen. Sondern vielmehr um Bühnenproduktionen, egal welcher 'Couleur', die uns wichtig waren/sind, die wir für besonders gelungen halten, die unsere Sicht auf das Werk weitergebracht haben oder die uns es überhaupt erst erschlossen haben.

      Wichtig dabei ist allerdings, dass ihr die Produktionen vollständig live erlebt habt, was nicht unbedingt die Anwesenheit im Theater bedeutet.

      Ich beginne einmal mit der 'alten' Holländer-Inszenierung der Hamburgischen Staatsoper in der Regie von Wieland Wagner. Sie war wohl ziemlich identisch mit der aus Bayreuth, in der Silja die Senta gab.



      In Hamburg lief sie bis in die 90iger Jahre hinein. Als ich sie Anfang der 80iger erstmalig sah, war ich zunächst ziemlich schockiert ob der Ästhetik der späten 50iger (war damals noch nicht top-aktuell :D ), die sich v.a. in den Kostümen und Farben zeigte. Das änderte sich dann mit den Jahren. Was ich aber von Beginn an wertschätzte, war die Wucht, die diese Inszenierung auch noch gut 30 Jahre nach der Premiere besaß. Sie besaß, obschon schon lange im Repertoiretheater verschlissen (Wieland hätte sich sicherlich im Grabe umgedreht), eine Unbedingtheit, eine grandiose Zwangsläufigkeit. Sicherlich auch bedingt durch die totale Reduktion der Kulissen.

      Im 1. Akt nur eine Andeutung eines Schiffdecks und direkt dahinter auftauchend, skelettartig, Riesenflügel gleichend das Schiff des Holländers, der dann im Zentrum dieser Kulisse stehend seine große Arie sang. Der Einbruch des Unbegreiflichen in eine biedere Welt. Wenige Mittel und trotzdem war alles da.

      Ansonsten betonte Wieland besonders die Rolle der Senta als Außenseiterin in einer festgefügten, festgelegten Welt. Deutlich wurde das im 1. Bild des zweiten Aktes, in dem (Gott, diese Kostüme :) ) die Spinnerinnen an den Bühnenseiten saßen, Sentas Stuhl, in der Mitte stehend, mit Sitzrichtung auf Mary ausgerichtet war. Sie selber, Senta, blickte aber entgegen dieser Ausrichtung während ihrer Arie ständig in Richtung Publikum, nach vorn, ins Ungewisse.

      Großartig dann das Duett mit Erik. Beide standen sich minutenlang ohne jedwede Interaktion gegenüber, sich anstarrend, abschätzen, abtasten. Und trotzdem entstand eine wahnsinnige Spannung. Handlung wurde dabei fast vollständig in den Kopf, in die Fantasie des Zuschauers verlagert.

      Im 3. Akt dann wieder streng ritualisierte, automatisierte Bewegungen des Matrosenchors, erstarrt, leblos. Bis sie dann von den 'wirklichen' Toten verdrängt werden, die aber eine ganz andere Dynamik und Gewalt besaßen. Und da herum die 'normalen' Menschen, aus deren Mitte heraus Senta den Weg auf die nun von den Toten verlassene, leere Fläche fand und sich zu dem Holländer bekannte. Zurück blieb Dunkelheit.

      Fasziniert hat mich immer, dass diese Inszenierung die Möglichkeit bot, die quasi nur angedeutete Bilder mit eigenen Vorstellungen, Ideen, Fantasien zu füllen. Es gab das Konzept, welches allerdings nach mehreren Jahrzehnten nur noch in Ansätzen vorhanden war, dessen berühmte Lichtregie auch wohl nur noch rudimentär erlebbar war, es gab aber auch eine Freiheit des eigenen Miterlebens, Mitdenkens und Mitfühlens.

      Natürlich funktionierten die Aufführungen nur, wenn starke Bühnenpersönlichkeiten vorhanden waren. Wieland konnte, was das angeht, ja noch aus dem Vollen schöpfen. Zum Glück sah ich die Inszenierung noch in einer Zeit, in der es diese Sänger noch in ausreichendem Maß gab. Adam, Hale, Estes, van Dam, Morris, Grundheber, McIntyre, Bjoner, Behrens, Balslev, Moll, Schunk etc. Sie waren durchweg in der Lage, unabhängig von stimmlicher Verfassung, eine quasi leere Bühne zu füllen.

      Interessanterweise gibt es auf YouTube einen Mitschnitt aus Rom aus dem Jahr 1997, die die Inszenierung größtenteils so zeigt, wie ich sie noch gesehen habe. Wieland scheint damit durch Europa 'getourt' zu haben. Keine Ahnung. Aber sie ist es, wenn auch vieles, v.a. die Personenführung sehr, sehr weit von meinen Hamburger Erlebnissen entfernt ist.



      :hello Falstaff