Perlen vor die Säue - Neue Musik für junge Menschen

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    • Perlen vor die Säue - Neue Musik für junge Menschen

      Das schwedische Ensemble the peärls before swïne experience (dt. Die Perlen vor die Säue Erfahrung) wurde 1995 gegründet und gab sich die Mission, das Licht der Neuen (sprich: zeitgenössisch-klassischen) Musik in die Welt zu tragen. Ob ein solcher Name und CD-Cover mit Schweinen drauf dazu taugen? Der konservative Mainstream-Klassikhörer wird das sofort wegklicken, aber der hört eh prinzipiell keine Musik von lebenden Komponisten. Der elitäre Avantgarde-Hörer wird das sofort wegklicken, aber den braucht man eh nicht mehr auf Anders Hillborg, David Lang oder Tristan Murail zu stossen. Punk hörende Prolls klicken vielleicht drauf, aber nach 10 Sekunden Hörproben wieder weg. Was bleibt als Ziel? Eine ganz und gar im Dunklen liegende Gruppe von Hörern, die sich in Randgebieten des musikalischen U-Sektors tummelt und dort Zeugs hört, das abgefahrener und experimenteller ist als vieles, das unter dem Banner der E-Musik firmiert. Kennt irgendjemand das Album Homotopy to Marie von Nurse with Wounds? Das wäre klassische Avantgarde reinsten Wassers, wenn es in irgendeinem Experimentalstudio à la RICSSD (Suche zwecklos - hab ich gerade erfunden) entstanden und auf einem einschlägigen Festival aufgeführt worden wäre. Die Spezies, die sich solches Zeugs anhört, würde bestimmt auch Neue Musik konsumieren, wenn sie wüsste, was es da für geile Sachen gibt.

      Mit Schweinen allein ist es freilich nicht getan, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, auch das Auftreten sollte entsprechend sein. Typen in Pinguinkostümen, die bei ihren Auftritten weder Hallo noch Tschüss sagen und zwischen den Stücken schweigen, kommen nicht so gut an. Und damit sind wir bei dem, was das wirkliche Alleinstellungsmerkmal der Schweineperlen ist. Damit es auf Konzerten überhaupt etwas anzusagen gibt, dürfen sich die Stücke nicht ewig hinziehen - deshalb gibt die Truppe bei Kompositionsaufträgen vor, dass die Dauer so bei fünf Minuten liegen sollte. Mit einem solchen Programm im Gepäck kann man durch viele Ansagen den Kontakt zum Publikum aufbauen und halten und ganz nebenbei erreicht man möglicherweise auch den einen oder anderen aufmerksamkeitsdefizitären Smartphone-Zombie. Natürlich wird es eine Gruppe, die zeitgenössische Klassik spielt, nie in die Hitparaden schaffen, aber die hier werden immerhin rund um den Globus auf Rockfestivals oder Weltmusik-Tage eingeladen und spielen regelmäßig im Stockholmer SEKT-Club vor 18 bis 35-jährigen. Freilich nicht um verwässerten Populismus anzubieten, sondern um einem abenteuerlustigen Publikum genuine Avantgarde vorzustellen. Über 100 Kompositionen aus 19 Ländern hat das Ensemble inzwischen im Repertoire. Nach soviel 5-Minuten-Stoff haben George Kentros (Violine), Mats Olofsson (Violoncello), Sara Hammarström (Flöten) und Mårten Landström (Klavier) ein ehrgeiziges Projekt gestartet. Sie könnten in ihrer Besetzung die Hummel-Transkriptionen der Beethoven-Sinfonien spielen, aber das wäre dann doch zu dröge. Aufträge für Kompositionen, die aus diesen Transkriptionen etwas Neues machen, zu vergeben und so ums Jahr 2020 herum einen eigenen persönlichen Beethoven-Zyklus zu haben, ist da schon verlockender. Mittlerweile sind sechs Komponisten an Bord, unter anderem Bernhard Lang.

      Wie komme ich eigentlich auf diese Gruppe? Ich habe die unten gezeigte Aufnahme beim Stöbern nach Musik von Tristan Murail als Treffer bekommen - nach Murail habe ich gesucht, weil er in dieselbe musikalische Schublade wie Gérard Grisey gehören soll - und mit Grisey habe ich mich (wieder) beschäftigt, weil er bei unserem Rätselspiel erwähnt und interessant gemacht wurde, womit sich das Mitmachen gelohnt hat... ich schweife ab). Weil ich weder ein konservativer Mainstream-Klassikhörer noch ein elitärer Avantgarde-Hörer bin, aber Homotopy to Marie für eines der größten Alben aller Zeiten halte, habe ich draufgeklickt. Und weil ich kein Punk hörender Proll bin -naja, Punk höre ich schon ab und zu und man sagt, dass ich nach 24 Dosen Budweiser auch mal zum Proll werde, aber ich kann mich da nie dran erinnern und Videos auf dem Smartphone überzeugen mich auch nicht; die kann heute jeder 3-jährige fälschen- jedenfalls habe ich es nach 10 Sekunden nicht weggeklickt sondern den Download-Button nach rechts geschoben. Jetzt ist es in meiner Bibliothek und begeistert mich so, wie schon lange nichts mehr - außer die in der selben schlaflosen Nacht entdeckten Kompositionen von Bengt Hambraeus oder die HIP-Version des Nonetts von Spohr, aber das sind andere Geschichten, für die ich Insomnia zu danken habe. Hier geht es um die Sauerei, dass folgendes Album seit 2003 der deutschsprachigen Forenleserschaft vorenthalten wurde - was hiermit korrigiert wäre:


      swïne live! (Werke von David Lang, Mårten Josjö, Per Mårtensson, André Chini, Annie Gosfield, Anders Hillborg, Tristan Murail, Mikael Edlund & S. Pat. Simmerud)
      the peärls before swïne experience

      Prädikat: Hörpflicht!
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Cetay ()

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