Mendelssohn: 'Reformations - Sinfonie

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Mendelssohn: 'Reformations - Sinfonie

      Zum Reformationsjubiläum bietet sich ein Thread zu dieser Sinfonie doch irgendwie an.

      Als zweite Sinfonie komponiert (1829/30), als Werk eines Zwanzigjährigen, erschien sie aber erst 1868 im Druck und erhielt so die Nummer 5. Mendelssohn selber dirigierte die Uraufführung 1832 in Berlin.

      Da ich kein musikalisch gebildeter Experte bin, kann ich die Sinfonie wenig bis kaum beschreiben. Auffällig, selbst für mich als Laie, ist aber die Verwendung kirchenmusikalischer Zitate, wie dem 'Dresdner Amen', aus dem gregorianischen 'Magnificat' oder 'Eine feste Burg ist unser Gott'. Ebenso erinnert mich die Fuge im vierten Satz stark an Bach.

      Als 'alter' Lutheraner fasziniert mich diese Musik schon sehr. Andere hier im Forum können aber mit Sicherheit mehr zur musikalischen Struktur sagen.

      Meine liebste Aufnahme ist die von Charles Munch.



      Much schafft es, nicht nur das Jubilierende, Jubelnde dieser Symphonie wiederzugeben, sondern auch das Unbedingte, oftmals Herrische und Unerbittliche des Protestantismus. Auch wenn es so wohl nicht von Mendelssohn gedacht war, ist es doch dem Protestantismus nicht fremd und muss/sollte bei einer Interpretation, meiner Meinung nach, mitgedacht werden. Das fehlt mir zum Beispiel bei Herbert von Karajan, der die Fuge im vierten Satz zwar technisch unglaublich toll dirigiert, der aber insgesamt für mein Empfinden bei diesem Werk (vielleicht nicht nur hier ;) ) zu sehr an der Oberfläche des Werkes verbleibt, bzw. die Möglichkeiten, die diese Symphonie bietet, zu wenig auslotet.



      :hello Falstaff
    • Hallo Falstaff,

      auch ich bin kein Fachmann, sondern nur ein musikbegeisterter Laie, und kann deshalb keine großartige Werbeschreibung beitragen, aber ich kenne Mendelssohns Reformations-Sinfonie seit meiner Jugend. Ich habe sie auf LP kennengelernt, und zwar mit dieser Aufnahme:

      Sie entstand 1953, zu einer Zeit, als das Werk kaum aufgeführt wurde. Arturo Toscanini hatte aber, aus welchen Gründen auch immer, eine Affinität dazu und setzte die Sinfonie immer wieder auf seine Konzertprogramme. Es gibt auch weitere Aufzeichnungen, aber die oben (als CD) abgebildete ist seine letzte. Klanglich ist sie natürlich antiquiert, aber musikalisch gefällt sie mir trotz der strengen Auffassung des Dirigenten auch heute noch.
      Meine erste Stereo-Version war dann, ebenfalls noch auf LP, die Bostoner Münch-Aufnahme von 1958, die charmanter daherkommt als Toscaninis Lesart. Der Klang lässt auch hier einige Wünsche offen, trotz "Living Stereo". Doch musikalisch ist es eine fantastische Aufführung.
      Mir gefällt allerdings auch die Karajan-Fassung sehr gut; oberflächlich möchte ich sie nicht nennen, aber sicher ist sie ein wenig "hochglanzpoliert", wenn man das so sagen darf. Technisch läßt sie kaum Wünsche offen.
      Meine liebste Aufnahme ist aber seit vielen Jahren diese hier:



      Sie ist der Gesamtaufnahme von 1984 entnommen, die Claudio Abbado mit dem LSO für die DG eingespielt hat. Tontechnisch erstklassig, ist sie auch künstlerisch nach meinem Empfinden ganz großartig gelungen.
      Mir hat das lange vernachlässigte Werk von Anfang an gut gefallen, besser als die ungleich populärere Schottische Sinfonie, obgleich ich nicht verhehlen will, dass sie nicht unbedingt zu meinen absoluten "Lieblingssinfonien" zählt. Aber von Zeit zu Zeit landet sie auf meinem CD-Spieler, und ich höre sie dann mit Genuss. Vor allem das "eingebaute" Dresdner Amen beeindruckt mich, mehr noch als der Luther-Choral. Das mag vielleicht daran liegen, dass ich kein Lutheraner bin.
      Ich finde es aber gut, dass die Sinfonie heute wieder häufiger aufgeführt wird als z.B. in den 1950/60er Jahren. Mendelssohn komponierte das Werk aus Anlass der 300jährigen Wiederkehr des Augsburger Bekenntnisses von 1530. Die (verspätete) Uraufführung war kein großer Erfolg, der Komponist nannte sein Werk "ein dickes Tier mit Borsten, als Medizin gegen einen schwachen Magen zu empfehlen", was immer er damit gemeint hat. Es heißt sogar, dass Mendelssohn so unzufrieden war, dass er die Partitur vernichten wollte. Zum Glück hat er das dann doch unterlassen.

      Beinahe hätte ich eine schöne Aufnahme der Reformations-Sinfonie ganz vergessen, das will ich aber noch schnell nachholen:



      Sie zählt zu den allerersten Aufnahmen, die der damals 30jährige Lorin Maazel im Januar 1961 für die DG produziert hat. Ich schätze sie ebenfalls hoch ein, und sie wurde sogar für würdig befunden, in die berühmte "Originals"-Reihe aufgenommen zu werden. Klarheit und Frische zeichnen die Interpretation aus - ich würde sie zwischen Münch und Abbado ansiedeln, und sie klingt für ihr Alter erstaunlich gut.

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Don Perlimplin ()

    • Don Perlimplin schrieb:

      Beinahe hätte ich eine schöne Aufnahme der Reformations-Sinfonie ganz vergessen, das will ich aber noch schnell nachholen:



      Sie zählt zu den allerersten Aufnahmen, die der damals 30jährige Lorin Maazel im Januar 1961 für die DG produziert hat. Ich schätze sie ebenfalls hoch ein, und sie wurde sogar für würdig befunden, in die berühmte "Originals"-Reihe aufgenommen zu werden. Klarheit und Frische zeichnen die Interpretation aus - ich würde sie zwischen Münch und Abbado ansiedeln, und sie klingt für ihr Alter erstaunlich gut.
      Danke, lieber Don Perlimplin, für den Tipp. Ich habe mir die Aufnahme auf Youtube angehört und sofort bestellt. Wunderbar zügig, klar und unprätentiös. Aber gleichzeitig dabei für mich alten Lutheraner immer noch genug 'Reformatorisches' vorhanden. Allerdings fehlt mir im 4. Satz doch ein wenig die Strenge, die ja nun (leider) auch im Protestantismus vorhanden ist. Dafür dann wiederum aber wunderbar musiziert.

      So, nun werde ich mich mal dem Toscanini zuwenden. Ich bin ja nicht unbedingt ein Freund von ihm, könnte mir aber vorstellen, dass er doch sehr in die Nähe dessen kommt, was ich weiter oben in Bezug auf Munch geschrieben habe.

      LG Falstaff
    • Gestern hörte ich noch Wolfgang Sawallisch.



      Ich kann mir nicht helfen. Mir erging es ähnlich wie bei seinem Beethoven-Zyklus. Das ist alles anständig dirigiert, ohne großartige Fehl und Tadel, aber eben auch immer (nur) recht nett. Ich frage mich halt immer wieder, warum diese Aufnahmen braucht, wenn es gleichzeitig so viele andere, wirklich hervorragende und besondere gibt. Dabei schätze ich Sawallisch als Operndirigenten eigentlich sehr. Aber im sinfonischen Bereich hat er mich weder auf CD noch live je überzeugt.

      :hello Falstaff
    • Nun auch diese hier:


      Via YouTube, aber es wird wohl diese hier sein.

      Meine Güte, Toscanini war schon gut. Wie gerne hätte man das in einer besseren Tonqualität. Das ist schon ein Statement. Er hat die große Wucht (dem Thema entsprechend) die Rigorosität, einen gewissen, diesmal gar nicht einmal böse gemeinten 'Propagandaton', aber auch immer wieder die zarten Momente, das Aufblühen und auch das Vergehen und diese völlig unsentimentale Einbettung des 'Dresdner Amens'.

      :hello Falstaff

      PS: Wie gerne hätte ich nun als Gegenpol eine Aufnahme dieser Sinfonie mit Furtwängler.
    • Hallo Falstaff,

      es freut mich, dass Dir die Maazel-Aufnahme gut gefällt. Was für ein großartiger Dirigent war er doch in seinen Anfangsjahren. Später hat ihn die Routine eingeholt, leider. Es gibt aus dieser Zeit auch die Beethoven-Sinfonien Nr. 5 und 6, ebenfalls mit den Berliner Philharmonikern. Die Aufnahmen sind von 1959, aber bereits in Stereo.

      Seit kurzem sind sie sogar auf dieser CD greifbar. Die Sechste ist mir ein wenig zu nassforsch angegangen, aber die Fünfte finde ich großartig. In seinem Plattenführer "Ewiger Vorrat" von 1960 nennt Christoph Ecke seine Version neben denen von Erich Kleiber und Otto Klemperer und schreibt: "Von der Fünften hat Honegger gesagt, nachdem er sie 200mal gehört habe, sei sie für ihn nur noch Geräusch" und fährt fort: "Maazels Darstellung, weniger atmosphärisch als die vorgenannten beiden, besitzt gleichwohl ungeheure Vitalität, .... sie hätte auch Honegger noch einmal aufhorchen lassen."

      Doch zurück zur "Reformations-Sinfonie":

      Falstaff schrieb:

      Wie gerne hätte ich nun als Gegenpol eine Aufnahme dieser Sinfonie mit Furtwängler.
      Leider stand Mendelssohn nicht in Furtwänglers musikalischem Zentrum. Es gibt von ihm neben dem Violinkonzert (mit Yehudi Menuhin) m.W. nur Aufnahmen der Hebriden-Ouvertüre und der zum "Sommernachtstraum", aber keine Sinfonie. Und wenn, wäre wohl nur die "Italienische" infrage gekommen, denn die Nr. 5 war in Deutschland zu Furtwänglers Zeiten so gut wie unbekannt. Umso erstaunlicher, dass Toscanini sie im fernen Amerika immer wieder auf seine Programme setzte, sowohl bei den New Yorker Philharmonikern als auch bei der NBC.

      Die Sawallisch-Aufnahmen kenne ich leider nicht. Aber mir geht es ähnlich: Als Dirigent von Konzertmusik hat mich Sawallisch nie nachhaltig beeindruckt (ich kenne einige Sinfonien von Beethoven, Brahms u. Schubert), aber als Operndirigent war er schon toll (z.B. Capriccio v. Strauss, Mozarts Zauberflöte, Wagner-Opern).

      Gruß, Don Perlimplin
    • Don Perlimplin schrieb:

      Leider stand Mendelssohn nicht in Furtwänglers musikalischem Zentrum. Es gibt von ihm neben dem Violinkonzert (mit Yehudi Menuhin) m.W. nur Aufnahmen der Hebriden-Ouvertüre und der zum "Sommernachtstraum", aber keine Sinfonie.
      Lieber Don Perlimplin, natürlich konnte Furtwängler 12 Jahre lang Mendelssohn aus bekannten Gründen nicht aufnehmen. Aber es ist schon richtig, dass er auch vor 1933 und nach 1945 keine besondere Rolle in seinem Dirigentenleben spielte. Die discographische Hinterlassenschaft ist ja wirklich sehr ärmlich. Und ich könnte mir auch vorstellen, dass die treibende Kraft hinter der Violinkonzertaufnahme wohl eher Menuhin war.

      Don Perlimplin schrieb:

      Die Sawallisch-Aufnahmen kenne ich leider nicht. Aber mir geht es ähnlich: Als Dirigent von Konzertmusik hat mich Sawallisch nie nachhaltig beeindruckt (ich kenne einige Sinfonien von Beethoven, Brahms u. Schubert), aber als Operndirigent war er schon toll (z.B. Capriccio v. Strauss, Mozarts Zauberflöte, Wagner-Opern).
      Ich habe als ganz junger Klassikhörer Sawallisch einmal mit der 5. Bruckner gehört und war eigentlich ziemlich schockiert. Das mag an meiner damaligen Unkenntnis gelegen haben, aber wohl auch an Sawallisch. (Einen Strauss-Abend mit ihm empfand ich damals als nicht wesentlich besser.) Dabei hatten mich schon damals seine Opernaufnahmen (genau die, die du nanntest) sehr begeistert. Schon komisch. :)

      LG Falstaff
    • Benutzer online 1

      1 Besucher