Franz Liszt - Totentanz

    • Franz Liszt - Totentanz

      Der 'Totentanz' von Liszt ist ein etwa eine Viertelstunde dauerndes Konzertstück für Klavier und Orchester. 1847-49 entstand es in Weimar, wurde aber in den folgenden Jahren mehrfach von Liszt über- und bearbeitet (1853, 1859, 1859-65 für zwei Klavier, 1860-65) 1865 wurde es dann von Johannes Verhulst mit Hans von Bülow als Solisten, dem das Werk auch gewidmet ist, uraufgeführt.

      Das Werk verbindet in Variationen ein Thema aus der Gregorianik ('Dies Irae') mit einem wilden, rasenden Thema, dem des Totentanzes. Satzgrenzen gibt es für Liszt nicht mehr, das ganze musikalische Geschehen spult sich scheinbar unaufhaltsam düster und tröstlich-strahlend ohne Unterbrechung vor einem ab, auch wenn es immer wieder intensive Momente der Besinnung gibt. 'But no rest for the wicked', sofort bricht der eigentliche Totentanz wieder hinein.

      Natürlich muss der Solist hochvirtuos spielen können, besonders in den 'Tanz'-Passagen. Aber wie immer bei Liszt ist es damit nicht getan. Virtuosität nicht als Selbstzweck, sondern als Voraussetzung, als Beherrschung des Handwerks.

      Mich fasziniert immer wieder, wie modern Liszt z.B. in seinen Klavierkonzerte (und rechnet man den 'Totentanz' einfach mal mit dazu) oder auch der h-Moll-Sonate ist, wie er die formalen Strukturen der Klassik und Romantik (z.B. was den Aufbau in Sätzen angeht) aufbricht, obwohl er inhaltlich weiterhin ganz der Romantik verpflichtet ist. Da steht jemand an einem Wendepunkt der musikalischen Entwicklung, bzw. treibt sie auch voran. Gleiches gilt aber auch für mein Empfinden für die Intensität im Ausdruck.

      :hello Falstaff
    • Eine der klassischen Aufnahmen ist wohl diese hier:



      Bei Cziffra habe ich manchmal das Gefühl, dass er sich manchmal einen Tick zu sehr auf seine unglaubliche Technik verließ. Das ist hier nicht unbedingt gegeben. Er geht das ganze Stück durchaus sehr ausdrucksstark an. Trotzdem verbleibt vielleicht doch ein Rest von Distanz, von Beherrschtheit. Wenn auch nur ein kleiner. Aber das bekommt dem Stück durchaus. Und sein Sohn als Dirigent folgt ihm da sehr genau.

      :hello Falstaff
    • Ein weiteres Werk, dass sich mir bis heute nicht so ganz erschlossen hat - oder aber mich noch nicht begeistern konnte, allerdings muss ich sagen - und ich spreche hier als Pianist! - dass mich Liszt allenfalls in seinem Spätwerk, das ja gerade teilweise gar nicht mehr sehr virtuos ist, noch am ehesten anspricht. Zu sehr habe ich bei ihm immer wieder das Gefühl, das Circensische wird, sei es auch kein reiner Selbstzweck, doch auch mitunter unmotiviert eingeflochten. So ein wenig ist es schon die Haltung: Schaut mal her, was ich mit zwei Händen alles kann! Dass Liszt damit sicher nicht allein steht, ist klar. vergleiche ich ihn aber mit Chopin, dem eigentlich nur oberflächliche Hörer leere Virtuosität vorwerfen können, so entbehrt mir Liszt oft die poetische Qualität zu sehr, wenngleich mir die progressiven Facetten durchaus gefallen könnten. Ich habe auch schon Liszt gespielt, und manche Werke fesseln einfach (etwa der berühmte Mephisto-Walzer Nr. 1), aber ich tue mich mit seinem Gesamtwerk eher schwer. Ich bin ja ohnehin nicht unbedingt ein sehr romantisch orientierter Musiker...
      Manchmal ist es auch eine Interpretationsfrage. Ich finde, die Interpretationen, die den virtuosen Aspekt in den Vordergrund stellen, oft recht uninteressant, so toll die Technik der Ausführenden auch sein mag. Die Aufnahmen von Claudio Arrau beispielsweise haben mir hier eine andere Möglichkeit eröffnet und teilweise die lyrische Seite Liszts erst offenbart. Gewisse Werke werden mir immer Probleme bereiten, so etwa die H-Moll-Sonate, die ich formal für einen interessanten aber nicht gelungenen Versuch halte; die dreisätzige Sonatenform in eine einsätzige umzuformen, dabei aber durchgängig auf nur zwei kontrastierende Einfälle zu setzen ist meiner Ansicht nach so nicht machbar, das Werk bekommt dadurch Längen, so habe ich es bislang immer empfunden.
      Der Totentanz ist ein weiteres Werk dieser Kategorie. Streckenweise ist es mir ein Gewurschtel erster Güte... es gibt immerhin die Aufnahme mit Rian de Waal auf einem 1886er Erard, mit Anima Eterna unter Immerseel, wo immerhin das ganze nicht dank modernen Konzertflügels wie russischer Modernismus hingedonnert daherkommt (ich übertreibe jetzt mal bewusst), aber trotzdem: das Dies Irae ist nun mit seiner rhythmisch nicht gerade abwechslungsreichen Gestalt sicher kein unproblematisches Grundmaterial, außerdem als gregorianische Melodie nicht unbedingt prädestiniert für die Lisztsche Harmonik (hier scheinen mit ähnliche Probleme vorprogrammiert wie bei Rachmaninovs Variationen über "La Follia"). Sicher hat der "Showman" Liszt genau gewusst, wie er was zu dosieren hat, damit das Stück an den richtigen Stellen wieder in Fahrt kommt, aber bloße Handwerkskunst reicht mir nicht, um ein Stück als große Komposition zu schätzen. Liszt macht mit dem Material, was er halt mit allem macht, und so klingt es mal nach Salon, mal nach Klavierkonzert Nr. 1, dann nach Nr. 2, dann nach ungarischer Rhapsodie, dann nach Etüde, leider eher weniger nach symphonischer Dichtung (dort zeigt Liszt ganz andere Qualitäten, vielleicht weil mal kein Klavier dabei ist). Instrumentieren konnte übrigens wirklich gut! Da hat er Chopin gegenüber die Nase ganz weit vorn gehabt. In diesem Fall nur nützt es meiner Ansicht nach nix, zu kurz sind die Momente, in denen das Orchester glänzt. Zu viele chromatische Oktavkaskaden, Dreiklangs-Springereien in übelsten Abständen, Tremoli etc., die ich nirgendwo motiviert sehe verderben mir das Werk immer wieder. Dann die schnellen Follia-Variationen gegen Ende: nix weiter als Mini-Etüden, die nur das harmonische Muster virtuos einkleiden. Das konnte Liszt locker improvisieren (das würde ich mir sogar noch zutrauen!), im Gegensatz zu Beethoven, dre ebensolche improvisatorischen Fähigkeiten hatte, hat Liszt das Ganze kompositorisch meiner Meinung nach leider nicht in der Nachbearbeitung veredelt. So bleibt mir das Werk nichts als eine gute Idee, die letztlich nur als Flickenteppich verwirklicht wurde. Aber das ist nur meine bescheidene Meinung.

      Herzliche Grüße
      Satie
      "...the only logical starting point for a genuine creative art of music -- the ear, and the manifold delights and stimuli that the ear, in conjunction with the experienced mind, can find in the exercise of imagination."
      Harry Partch
    • Lieber Satie, jedenfalls Dank für diese interessante Einschätzung, so weit ich sie als musikalischer Laie nachvollziehen konnte. ;) Ob es eine bedeutende Komposition ist, kann ich nach Noten sozusagen nicht beurteilen. Ich kann immer wieder nur sagen, wie es auf mich wirkt, was natürlich völlig subjektiv ist (und natürlich für eine wirkliche Diskussion nicht sehr weiterführend). Wobei sicherlich auch eine Beurteilung aufgrund von Noten ganz anders ausfallen könnte. Aber der Hinweis auf den 'Showman' Liszt, der er mit Sicherheit auch wahr und deine nachfolgenden Schlüsse finde ich sehr bedenkenswert. Trotzdem trifft mich dieses Stück ebenso wie seine beiden Klavierkonzerte, weil für mich, als reiner Hörer, seine 'Handwerkskunst' dabei nicht im Vordergrund steht, nicht stehen kann.

      Satie schrieb:

      vergleiche ich ihn aber mit Chopin, dem eigentlich nur oberflächliche Hörer leere Virtuosität vorwerfen können, so entbehrt mir Liszt oft die poetische Qualität zu sehr
      Hier fett: Scheint ja immer noch ein gängiges Vorurteil zu sein. Dabei muss man bei Chopin noch nicht einmal musiktechnisch bewandert sein, um zu merken, dass das Quatsch ist. Man muss nur hören können. ;)

      Liszt hatte sicherlich einen anderen Ansatz als Chopin, es war nicht unbedingt ein primäres Interesse. Seine Poesie kommt für mein Empfinden härter, vielleicht auch karger, weniger betont daher. Aber alleine die Petrarca-Sonetten zeigen ihn doch auch ganz poetisch.

      Satie schrieb:

      das Werk bekommt dadurch Längen, so habe ich es bislang immer empfunden.
      Das habe ich, zum Glück, bislang noch nicht empfunden. Höchsten in Ansätzen bei mittelmäßigen Interpretationen. Aber, wie gesagt, siehe oben. :)

      LG Falstaff
    • Lieber Falstaff,
      natürlich ist das, was ich geschrieben habe, nur meine persönliche Meinung, die übrigens im Fall des Totentanzes auch nur auf Höranalysen beruht. Mein (sich immer mehr erhärtender) Verdacht, dass im Fall von Liszt die Interpretation sicher ganz entscheidend ist für den Gesamteindruck der Stücke, zeigt vielleicht auch, wie sehr er sich vieles selber auf den Leib komponiert hatte. Interessantes Gegenbeispiel zur von manchen behaupteten These, das Werk seien nur die Noten!
      Der H-Moll-Sonate muss ich wahrscheinlich noch einmal eine Chance geben, tatsächlich ist das letzte Hören doch schon recht lange her...

      Herzliche Grüße
      Satie
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      Harry Partch
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