Fast oder zu Unrecht vergessene Sänger von Weltrang: Tenöre

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    • Lieber Perlimplin, danke für die Nennung von Renato Cioni. Die beiden Studio-Aufnahmen mit Sutherland sind wirklich empfehlenswert. Schade, dass keine weiteren Aufnahmen folgten. Hier spielt möglicherweise auch eine Rolle, dass Sutherland, die zu dieser Zeit mit verschiedenen heute wenig bekannten Tenören (neben Cioni z. B. Mario Monti, Pierre Duval, John Alexander) Aufnahmen machte, später überwiegend mit Pavarotti gekoppelt wurde. Anfangs war ich wegen dem doch eher dünnen und verglichen mit Pavarotti weniger schönen Klang seiner Stimme skeptisch, aber gerade wenn ich mit Pavarottis Edgardo auf der späteren Sutherland-Aufnahme vergleiche, finde ich Cionis Darstellung die deutlich emotionalere. Gerade im Rezitativ vor dem Duett mit Lucia und in der Szene, in der er Lucias Ring von sich wirft, wird das deutlich. Der Duca im Rigoletto liegt ihm noch etwas besser, auch wenn ich hier doch Pavarotti leicht vorziehe. Beide Aufnahmen sind zudem in den übrigen Rollen ausgezeichnet besetzt.

      Gruß Amonasro :hello
      Die Wahrheit nachbilden mag gut sein, aber die Wahrheit erfinden ist besser, viel besser. (Giuseppe Verdi)
    • Ein schier unerschöpfliches Thema, wenn man einmal richtig in die Vergangenheit einsteigt. Hier nun aber erstmal ein Sänger aus den 50igern.

      Gino Penno (1920-1998)

      Penno sang eigentlich nur in den 50iger Jahren. Zu Beginn des Jahrzehnts debütierte er in Cherubinis 'Lodoiska' und beendete seine Karriere dann etwa 10 Jahre später aus nicht ganz bekannten Gründen. Gesundheitsprobleme, Verlust der Stimme, angestrebte Karriere als Rechtsanwalt? In den Jahren dazwischen sang er jedenfalls v.a. in Italien, aber auch in London, Paris oder an der MET.

      Penno verfügte über einen dramatischen bis hochdramatischen italienischen Tenor, sang die klassischen dramatischen Partien des italienischen Fachs aber auch Siegfried oder Lohengrin. Seine Stimme zeichnete sich nicht unbedingt durch Flexibilität aus, aber durch Durchschlagskraft, eine bezwingende Dramatik und kraftvolles, sicheres Singen aus. Allerdings, jedenfalls habe ich es immer so gefühlt, brauchte er das entsprechende Umfeld, um zu wirklich großer Form aufzulaufen.

      Offiziell sind nur wenige Einspielungen vorhanden. Die Konkurrenz von del Monaco und Corelli war wohl zu groß. Möglicherweise fehlte ihm auch der Ehrgeiz für eine 'richtige' Plattenkarriere.


      So weit ich es übersehe, war es das auch schon. Eine Aufnahme, die zu Beginn seiner Karriere (1950) entstand.

      Berühmter ist er allerdings durch seine Zusammenarbeit mit Maria Callas, die auf verschiedenen Mitschnitten dokumentiert ist:




      Wobei ich v.a. Penno als Jason einfach unwiderstehlich finde. Ganz groß!


      Penno hatte sicherlich nicht DIE Stimme, aber heutzutage wäre man doch froh, gäbe es noch einen Sänger für die dramatischeren Rollen des italienischen Fachs.


      :hello Falstaff
    • Auch bei den Tenören gibt es noch vernachlässigte Größen zu entdecken.

      Ein Sänger, der seit Jahren total aus dem Blickfeld geraten ist und doch, vor allem in Deutschland, eine aufsehenerregende Karriere gemacht hat, ist der ungarische Tenor Sandor Konya.
      Er wurde 1923 in Sarkad geboren, wurde im 2. Weltkrieg Soldat und geriet 1945 in Norddeutschland in US-Gefangenschaft. Dort wurde er mehr zufällig entdeckt und konnte nach seiner Ausbildung 1951 in Bielefeld als Turiddu debütieren. Er kam bald zur Städtischen Oper Berlin, sang in Hamburg, Stuttgart und München und wurde bereits 1958 von Wieland Wagner nach Bayreuth geholt, wo er überaus erfolgreich mehrere Jahre als Lohengrin auftrat. Es wurde eine seiner Paraderollen, die er über 300mal auf der Bühne gesungen hat. In der Folge sang er in Bayreuth auch den Stolzing (ab 1959) und den Parsifal (ab 1960).
      Bereits 1960 trat er erstmals an der Mailänder Scala auf, und ein Jahr später hatte er sein Debüt an der MET in New York. Konya trat auf allen großen Bühnen der Welt auf, neben Wagner vor allem im italienischen Fach. Berühmt war u.a. sein Radamès.
      Konya nahm die deutsche Staatsbürgerschaft an und ließ sich am Steinhuder Meer nieder. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er auf Ibiza, wo er 2002 gestorben ist.
      Seine große Zeit hatte Sandor Konya in den 1960er Jahren. Er besaß eine große, dramatische Stimme, und sang in fast akzentfreiem Deutsch, so auch viele seiner italienischen Rollen. Das bezeugen auch etliche Tondokumente. Neben diversen Mitschnitten von den Bayreuther Festspielen gibt es auch einige Studioproduktionen, von denen ich einige hier vorstellen möchte. Sein Debüt-Album bei der DGG sah so aus:

      Aber auch auf CD ist der Sänger, zumindest in antiquarischen Ausgaben, noch präsent:


      und dann noch ein paar Querschnitte auf LP:



      Die gab es m.W. auch alle auf CD, leider finde ich die Cover dazu nicht. Wahrscheinlich sind diese Auflagen längst vergriffen.
    • Konya ist nie aus dem Blickfeld geraten, schon gar nicht für Wagner-Freunde:




      außerdem:





      :hello LT
      Arm bin ich auf die Welt gekommen,
      alle meine Mitgift ist Haupt und Hand.
      ---
      Beharrlichkeit führt zum Ziel!
      ---
      Das wahre Genie wird bei Bewunderung des Fremden nicht dessen Nachahmer,
      sondern erhält dadurch nur den schönen Anstoß, neue Bahnen zu finden.
      ---
      ... wenn ich keine Oper unter den Fäusten habe ist mir nicht wohl!
      ---
      Soli deo gloria
      (CMvW -- Carl Maria von Weber)
    • Liebestraum schrieb:

      Konya ist nie aus dem Blickfeld geraten, schon gar nicht für Wagner-Freunde
      Hallo Liebestraum,

      da magst Du recht haben, aber ich bin kein Wagner-Enthusiast, habe aber trotzdem zwei Lohengrin-GA im Schrank (Kempe und Kubelik). Die Leinsdorf-Aufnahme wurde viel gelobt, aber ich habe sie nicht, ebenso nicht die Meistersinger-GA mit Kubelik. Doch es ist gut, dass Du sie herausgestellt hast, denn Konya war auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn ein großartiger, allseits anerkannter Wagner-Tenor.

      Hallo Waldi,

      die von Dir abgebildete Tosca-Aufnahme habe ich auch abgebildet, nur mit einem anderen Cover. Sie wurde übrigens in deutsch gesungen, wie auch die Bohème. Es gab auch noch eine Butterfly auf Deutsch, die gibt es m.W. aber nicht auf CD:




      Der Dirigent war Ferdinand Leitner. Alle drei Puccini-GA sind gut klingende Stereoproduktionen. Leider hat die DGG - wahrscheinlich mangels Absatz - die Serie nicht fortgeführt.
    • Ich möchte jetzt einen Sänger vorstellen, der möglicherweise in seinem Heimatland gar nicht so sehr vergessen ist, was ich nicht beurteilen kann und der, so weit ich weiß, wohl auch nicht an allen großen Opernhäusern dieser Welt gastiert hat. Sein künstlerisches Zentrum war Paris. Aber ich möchte trotzdem hier an ihn erinnern, weil er für einen Gesangsstil stand, der ab den 60iger/70iger Jahren kaum noch gepflegt wurde, durch den die entsprechenden Werke aber eigentlich erst ihre volle Faszination erhalten.

      Henri Legay wurde 1920 in Paris geboren und starb dort 1992. Studiert hat er in Brüssel und Paris, verdiente sich sein Geld u.a. als Begleiter von Piaf und Montand und debütierte 1952 an der Opéra-Comique, bevor er dann an das Palais Garnier wechselte. Seine Auftritte scheinen sich auf Frankreich, die Schweiz und Belgien beschränkt zu haben. Auch auf Platte ist er relativ selten vertreten, musste er mit seinem Repertoire und seinem Gesangsstil doch mit Vanzo, Simoneau und v.a. Gedda konkurrieren.

      Henri Legay war ein typischer Vertreter der klassischen französischen Gesangstradition. Eine musikalische Linie wird dabei stets aus der Sprache her entwickelt und weniger aus der Melodie, auch aus dem Klang heraus, wie bei den Italienern. Wortdeutlichkeit, Charme und Esprit des Vortrags, leichte, relativ helle Tonbildung, Einsatz der Voix mixte in der Höhe und damit Vermeidung der reinen Bruststimme zeichnen u.a. diese Schule und auch den Gesang von Legay aus. Dabei besaß er stimmlich mehr Fundament als z.B. Simoneau, aber vielleicht nicht die technische Vollkommenheit eines Gedda. Er bewegte sich v.a. im lyrischen französischen und italienischen Fach.

      Die geringe Zahl seiner Studioaufnahmen mag zunächst auf die schon damals überwältigende Präsenz von Nikolai Gedda zurückzuführen sein (später dann Alfredo Kraus) und dann wohl auch auf die aufkommende Mode (Legay sang noch bis mindestens 1979), auch die französische Oper immer stärker mit italienisch geschulten Sängern zu besetzen. Nicht nur Domingo und Carreras haben sich in diesem Bereich ja weidlich ausgetobt. So wie der typische lyrische italienische Tenor a la Schipa, Valletti, Tagliavini, Kraus langsam verschwand, so fanden auch Legay, Vanzo oder Simoneau nur in Gedda und Kraus wirkliche Nachfolger. Aber letztlich ist auch dieser Stil ziemlich verschwunden.

      Deshalb finde ich es schon wichtig, hier an Legay zu erinnern, der immer ein wenig im Schatten der beiden anderen (Vanzo/Simoneau) stand. Seine Aufnahmen, auch dank der jeweiligen Partner und Dirigenten sind, jedenfalls für mich, auch heute noch grandiose Zeugnisse einer ziemlich vergangenen Kunst.

      Dies gilt v.a. für die wirklich unübertroffene 'Manon':



      Dazu gibt es wunderbar lyrisch gesungene und trotzdem blühende 'Perlenfischer':










      :hello Falstaff

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    • Heute möchte ich an einen Tenor erinnern, der in seiner russischen Heimat zwar eine große Anzahl von Gesamtaufnahmen hinterlassen hat, der aber im Westen dann kaum noch zum Zuge kam. Wohl auch, weil seine Stimme ihren Zenit damals bereits überschritten hatte.

      Wladimir Atlantov wurde 1939 in Leningrad geboren, debütierte 1962 am Kirow-Theater in Leningrad, sang ab 1967 am Bolschoi in Moskau und konnte dann ab 1987 auch im Westen gastieren.

      Zunächst sang er die gängigen Spinto-, aber auch lyrische Partien des russischen, italienischen und französischen Repertoires und wandte sich dann in späteren Jahren u.a. auch dem Otello zu.

      Atlantows Stimme zeichnete sich eigentlich immer durch große Kraft aus, war stets höhensicher (gerade dort blühte sie geradezu auf), war aber auch immer zu feineren dynamischen Abstufungen fähig. Die waren aber immer eher erkämpft als selbstverständlich. Seine wirklich gute Atemkontrolle befähigte ihn dagegen zu lang gesponnenen Phrasen und seine Diktion mindestens im Russischen scheint mir ebenso gut gewesen zu sein. Gleichzeitig besaß er, v.a. in späteren Jahren, aber auch immer eine gewisse Unstetigkeit in der Tongebung. Und auch die längeren Phrasen litten oft darunter. Sein Timbre (und auch seine Herangehensweise an das unterschiedliche Repertoire) war typisch slawisch oder in diesem Fall russisch. Eine leichte Schärfe, Härte war nicht zu überhören. Die Wärme eines typisch italienischen Tenors war nicht sein eigen.

      ABER:
      Atlantow konnte auf der Bühne eine unglaubliche Präsenz entwickeln, so dass die Mankos seiner Stimme leicht in den Hintergrund gerieten. Ich habe ihn den 80iger und 90iger Jahren oftmals als Otello und Canio erlebt und es war wirklich ein Erlebnis! Gerade diese Gebrochenheit in der Stimmführung passte wunderbar zu den beiden Charakteren (er hatte etwas von einem 'Tier', auch wenn das sicherlich nicht im Sinne von Stimmpuristen ist) und gleichzeitig genoss man es, dass dort ein Sänger auftrat, beim dem man keine Angst haben musste, bei dem man wusste, dass er diese Partien, nicht nur darstellerisch, bewältigen würde. Feinheiten durfte man nicht unbedingt erwarten. Aber die Kraft dieser Stimme und die Bühnenpersönlichkeit überwältigten einen wirklich. Und man kann sagen, was man will, aber sichere, strahlende, kraftvolle Spitzentöne haben auch etwas für sich. So oft hört man sie live ja doch nicht. :)

      Atlantows diskographisches Vermächtnis, was die UdSSR-Zeit angeht, ist nicht immer unbedingt einfach erhältlich. Aber es lohnt sich, hört man doch dort eine Stimme, die einen, wenn auch nicht durch sensible Technik, aber durch die Unmittelbarkeit der Interpretation und des Singens wirklich einnimmt.

      Sein musikalisches Leben spielte sich wohl v.a. zwischen Leningrad, Moskau, Wien und anderen Städten in Westeuropa ab. Ob er jemals seinen Otello in New York präsentieren konnte, entzieht sich meiner Kenntnis. Wenn nicht, haben sie dort wirklich etwas verpasst.






      :hello Falstaff
    • In bezug auf Timbre und Musikalität zählt Rudolf Christ zu meinen angenehmsten Erinnerungen. Christ wurde 1916 in Wien geboren, erlernte das Installateurshandwerk. 1939 trat er in den Chor der Wiener Volksoper ein, studierte Gesang und kam über Innsbruck dann wieder nach Wien zurück, wo er 1949-76 im Ensemble der Volksoper wirkte. Dort war er der führende Haustenor, sang aber auch natürlich an der Staatsoper. Häufig trat er auch an der Deutschen Oper am Rhein auf und gastierte darüber hinaus in der Schweiz, in Italien, Belgien und den Salzburger Festspielen, spielte sich aber nie in den Vordergrund. Dennoch wurde ihm die verdiente Auszeichnung als österreichischer Kammersänger zuteil. Ein Herzinfarkt bedeutete einen entscheidenden Karriereknick. Christ starb relativ früh 1982 in Wien.
      Auf Tonträgern ist er vor allem in Operetten verewigt, für die sich sein schmiegsames Organ vortrefflich eignete. Doch war er ein ausgesprochen vielseitiger Tenor. Zu seinen Partien zählten u.a. Tamino, Hoffmann, Almaviva, Fenton, Wenzel, Nemorino, Eisenstein und viele andere. meine Liebe zur Oper verdanke ich wohl ein wenig auch ihm, konnte ich ihn doch in den 1950ern noch selbst auf der Bühne der Volksoper erleben. Auch am Rhein, so wurde berichtet, soll er noch viele Freunde haben.

    • Viel zu früh gestorben ist der amerikanische Sänger Donald GROBE (1929-1986), der in Chicago debütierte, dessen langjähriges Stammhaus aber die Deutsche Oper in Berlin wurde. Doch sang er an vielen führenden Theatern, in Salzburg, an der Met usw. Sein wunderschön timbrierter lyrischer Tenor befähigte ihn zu großen Partien, obwohl er oft nur für kleinere, für einen Spieltenor gedachten Rollen eingesetzt wurde. In dieser Hinsicht ist er etwa mit Gerhard Unger zu vergleichen. So wie dieser brillierte Grobe auch in dem so schwierig zu bewältigenden Fach der deutschen Spieloper. Einen weiteren Schwerpunkt in seinem Repertoire bildeten Werke des 20.Jahrhunderts. Hans Werner Henze schrieb für ihn die Rolle des Studenten Wilhelm in "Der junge Lord".

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Waldi ()

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