Sinfonien-Gerippe

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    • Sinfonien-Gerippe

      Sinfonien-Gerippe? Nein, hier geht es nicht um die lautmalerische Darstellung von tanzenden Skeletten, wie sie in diversen Totentänzen zu hören ist. In diesem Faden wollen wir uns mit einer von Komponisten selten bedienten Ensemblestärke und Instrumentierung beschäftigen: dem erweiterten Kammerensemble in gemischter Bläser-Streicher-Besetzung. Das Gros der kanonisierten Kammermusikwerke findet sich zwischen Duo und Quintett oder Sextett, darüber hinaus wird die Luft dünn. Beethoven hat ein Septett geschrieben, aber das gilt nicht unbedingt als seine allergrößte Errungenschaft und auch das bekannteste Werk dieser Gattung, Schuberts Oktett steht trotz seiner unzweifelhaften Größe im Schatten der späten Klaviersonaten, Sinfonien, Quartette und des Quintetts.
      Sinfonien-Gerippe nenne ich das deshalb, weil die Besetzung des Sinfonieorchesters so ausgedünnt wird, dass für jede Stimme nur noch ein Instrument übrig bleibt. Werke mit Klavier oder Harfe scheiden aus, da in der Regel Konzert-Gerippe entstehen, ebenso wie Werke für reine Streicher- oder reine Bläserbesetzungen. Der Mischklang ist, was mich interessiert und was für mich den besonderen Reiz ausmacht. Ich habe nicht vor eine Enzyklopädie zu verfassen, sondern nach und nach Werke, denen ich auf meiner Expedition durch die Gattung begegne, kurz vorzustellen. Und ich hoffe, dass ihr Werke kennt, die mir bislang entgangen sind. Man findet doch ab und an noch etwas, das nicht auf den einschlägigen Listen auftaucht, etwa die Arbeiten von Johann Niesle. Überhaupt ist das Spannende an einer solchen systematischen Erkundung, dass ich auf unbekannte Komponisten oder bekannte Komponisten, mit denen ich mich noch nie beschäftigt habe, gestoßen werde. Ich bin gespannt, was da so alles zusammenkommt.
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

      Dieser Beitrag wurde bereits 4 mal editiert, zuletzt von Cetay ()

    • Beethovens Septett und Schuberts Oktett bilden die Blaupause für diese Gattung, aber es gibt auch frühere Beispiele, insbesondere das sogenannte "Nannerl-Septett" von Mozart. Das ist ein richtiger Reißer, originelle Ideen und Gedankentiefe wechseln mit ziemlich derben Episoden ab und bei der Instrumentierung werden alle Register gezogen. Das Septett könnte eine Einstiegsdroge in diese ganz spezielle Klangwelt sein, insbesondere wenn es auf Instrumenten der Zeit gespielt wird.


      Wolfgang Amadeus Mozart; Divertimento D-Dur, K. 251 für Oboe, zwei Hörner, zwei Violinen, Viola & Kontrabass
      Amsterdam Baroque Orchestra, Ton Koopman
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Cetay ()

    • Mein erstes Beispiel wird möglicherweise keine Begeisterungsstürme beim Thread-Ersteller hervorrufen und ist aus meiner Sicht knapp an der Grenze zum Kitsch angesiedelt. Aber hin und wieder kann ich mich dem Schmäh dieser melodienseligen, fast gänzlich reibungsfreien und auch strukturell gut gemachten Musik dann doch nicht entziehen. Es entstammt spürbar der Übergangszeit des Fin de siècle, in der man sich im Wohlstand sonnte, kommendes Unheil ahnte, aber nicht an sich heranließ:

      Ermanno Wolf-Ferrari (1876 - 1948): Kammersinfonie in B-Dur, für elf Instrumente, op. 8, 1901



      amazon.de/Sinfonia-Camera-u-Mi…-37&keywords=wolf+ferrari

      :hello Wolfgang

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Andréjo ()

    • Die Begeisterungstürme bleiben deswegen aus, weil da ein Klavier dabei ist. :thumbdown:

      Cetay schrieb:

      Sinfonien-Gerippe nenne ich das deshalb, weil die Besetzung des Sinfonieorchesters so ausgedünnt wird, dass für jede Stimme nur noch ein Instrument übrig bleibt. Werke mit Klavier oder Harfe scheiden aus, da in der Regel Konzert-Gerippe entstehen, ebenso wie Werke für reine Streicher- oder reine Bläserbesetzungen
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Cetay ()

    • Danke nochmals! Den Hinweis auf Harfe und Klavier hatte ich in der Tat übersehen.

      Daher ein anderer Vorschlag. Er gehört in die klassizistisch-konservative Richtung der Hoch- bis Spätromantik. Das Werk besitze ich im Rahmen einer Gesamteinspielung der Kammermusik bei Thorofon. (Ich habe gleich noch einen Termin und schaue mir Deinen Tipp zum Verkleinern ein ander Mal an.)


      Josef Rheinberger (1839 - 1901): Nonett für Bläserquintett, Violine, Viola, Violoncello und Kontrabass, Es-Dur, op. 139, 1884


      :beer Wolfgang
    • Aber das hier müsste doch passen:



      Arnold Schönberg - Kammersymphonie Nr. 1 op.9 von 1906

      Das einsätzige Werk bildet den Übergang von Schönbergs früher, tonaler Phase zur Atonalität des späteren Werks ist somit zu einem Schlüsselwerk nicht nur seiner Musik geworden.

      :hello Falstaff

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Falstaff ()

    • Zählt dann auch Franz Schrekers "Kammersymphonie für 23 Soloinstrumente" dazu? Hier gibt es zwar sowohl Harfe als auch Klavier, aber keines der beiden Instrumente scheint mir so dominant, dass ich von einem Konzert-Gerippe sprechen würde.



      Gruß Amonasro :hello
      Die Wahrheit nachbilden mag gut sein, aber die Wahrheit erfinden ist besser, viel besser. (Giuseppe Verdi)
    • Der Übergang zwischen einem erweiterten Kammerensemble und einem Kammerorchester ist fließend. Ich konzentriere mich bei meiner Expedition auf Besetzungsstärken von 7 bis 10, weil da die Besonderheiten am deutlichsten herauskommen, aber wer will, kann auch Henri Pousseurs Danseurs gnidiens cherchant la perle clementine (Aquarius-memorial III) für 37 Solisten nennen - wird aber möglicherweise wegen des Klaviers erneut wenig Begeisterung ernten. :thumbup:
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)
    • Cetay schrieb:

      Werke mit Klavier oder Harfe scheiden aus, da in der Regel Konzert-Gerippe entstehen
      Kann ich nicht nachvollziehen. Die meisten Werke dieser Besetzungsgröße findest du im 20. Jahrhundert, dort ist aber das Klavier eher "ein Instrument unter anderen", wie zB bei bei Weberns "Konzert für neun Instrumente" (op. 24) oder Hindemiths erster Kammermusik (insgesamt 13 Musiker). Oder soll einfach nichts "perkussives" (gezupftes, geschlagenes) dabei sein?

      Zu reinen Streicher Bläser-Besetzungen vgl auch:

      de.wikipedia.org/wiki/Septett#…her-Bl.C3.A4ser-Besetzung

      de.wikipedia.org/wiki/Oktett_(Musik)#Gemischte_Besetzungen

      Bei größeren Besetzungen wird bei wiki u. a. Brittens Sinfonietta op 1. für 10 Soloinstrumente aufgeführt. Ein kurzes Reinhören bei youtube lässt auf Britten-typische Qualität schließen. :)
      zwischen weißem rauschen und nichtton

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von EinTon ()

    • Eine reine Bläserbesetzung hat Gounods Petite Symphonie für 9 Bläser: 1 Flöte, 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotte und 2 Hörner. Und der Name sagt ja quasi schon Sinfonien-Gerippe. :D



      Bei mir erzeugt das Stück leider nur Langeweile (der 2. Satz hat ein paar schöne Melodien). Besser gefällt mir Dvořáks schwungvolle Bläserserenade auf der selben CD, die disqualifiziert sich aber durch die zu große Besetzung (10 Bläser + Cello & Kontrabass).

      Gruß Amonasro :hello
      Die Wahrheit nachbilden mag gut sein, aber die Wahrheit erfinden ist besser, viel besser. (Giuseppe Verdi)
    • EinTon schrieb:

      Cetay schrieb:

      Werke mit Klavier oder Harfe scheiden aus, da in der Regel Konzert-Gerippe entstehen
      Kann ich nicht nachvollziehen. Die meisten Werke dieser Besetzungsgröße findest du im 20. Jahrhundert, dort ist aber das Klavier eher "ein Instrument unter anderen", wie zB bei bei Weberns "Konzert für neun Instrumente" (op. 24) oder Hindemiths erster Kammermusik (insgesamt 13 Musiker). Oder soll einfach nichts "perkussives" (gezupftes, geschlagenes) dabei sein?
      Was ich hauptsächlich vermeiden wollte, sind verkappte Klavierkonzerte mit ausgedünnter Begleitung, wie etwa die Septette von Hummel. Ich denke, wenn etwas gezupftes oder geschlagenes dabei ist, dann geht der Effekt des abgespeckten Sinfonieorchesters verloren. In der Tat gab es im 20. Jahrhundert viele Werke dieser Besetzungsstärke, aber ein Stück wie Rebecca Saunders CRIMSON - Molly’s Song 1 für 12 Soli, mechanische Metronome, Pfeifen und 3 Spieldosen hat nun gar nichts mehr von einem bis zum Gerippe abgemagerten Sinfonieorchester. Wo will man die Grenze ziehen? Also bleibt es dabei: In diesem Faden soll es um Werke für Kammerensemble in gemischter Bläser-Streicher-(und-sonst-nix)-Besetzung gehen.
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)
    • Ein idealer Protagonist für diesen Thread ist das Oktett op. 96 (1807) von Anton Reicha. Reicha wurde 1770 geboren und ist engster Zeitgenosse von Beethoven. Damit sind -glaubt man den Meinungsmachern für korrekten Musikgeschmack- die Möglichkeiten für eine Einordnung von vorneherein beschränkt. Er ist entweder Kleinmeister oder Biedermeier oder Epigone oder Schubert/Mendelssohn/Weber. Nummer 4 scheidet aus und von Nummer 3 ist wenig hörbar. Kleinmeister kann der Quasi-Begründer und Schöpfer von Spitzenwerken der Gattung des Bläserquintetts kaum genannt werden. Also muss er wohl ein Biedermeier sein, samt den negativen Konnotationen allgemein (weder kalt noch warm) und speziell (Hausmusik, vom bürgerlichen Geschmack bestimmt, leichte und heitere Werke). Man hat es nicht leicht im Schatten des Titanen. Dennoch habe ich seinem Oktett eine Chance gegeben und es hat sie gut genutzt. Es hat mir so gefallen, dass ich es gleich mehrere Male angehört habe und so 4 verschiedene Interpretationen kennengelernt habe. Nicht um zu vergleichen und dann der Welt mitzuteilen, was ich an feinsten Unterschieden wahrnehmen kann, sondern um die zu finden, die meinem Hörgeschmack am meisten entspricht.

      Die Besetzung ist für Oboe, Klarinette, Horn, Fagott, 2 Violinen, Viola, Violoncello & Kontrabass ad libitum. Reicha weicht vom Schubertschen Besertzungs-Modell ab, indem er den dort obligaten Kontrabass durch das Fagott ersetzt und damit die Balance zugunsten der Bläser verschiebt. Das Werk hat wahrhaft titanische Ausmaße -allein der erste Satz dauert eine Viertelstunde- und bringt es auf rund 40 Minuten Spieldauer. Viersätzig folgt es dem Modell der klassischen Sinfonie und ich meine hier und da Einflüsse des späten Haydn (besonders der Anfang des Adagio) wie auch des frühen Beethoven zu hören. Aber nichts Revolutionäres und Heroisches wie die drei Jahre zuvor erschienene Eroica und damit halt Biedermeier. Ich sehe das freilich positiv: Ein leicht nachvollziehbarer Aufbau, der Verzicht auf undurchdringliche Gedankentiefe und übermäßig exaltierte Ausdrucksmittel, sowie das Fehlen von ideologisch auszudeutenden "Inhalten" machen per se noch keine zweitklassige Musik. Meine Einschätzung aus dem Geradehörfaden kann so stehen bleiben: "Ein sehr schönes Werk, trotz einiger etwas einfältig wirkender Themen. Das ist eine Krankheit die bei vielen "Kleinmeistern" der Frühklassik bis Frühromantik zu beobachten ist, aber das fällt hier nicht weiter ins Gewicht, weil er etwas daraus macht." Mir gefallen die -zwangsläufig- praktisch pausenlos solistisch agierenden Bläser einfach viel zu gut, als dass ich über den einen oder anderen Gassenhauer nicht weghören könnte. Dafür gibt es im Gegenzug markante Themen & Melodien, die sich mit dem gebotenen Ernst in den Ohren festbeißen. Nachdem ich mich an Schuberts Oktett zeitweise sattgehört habe, war Reichas op. 96 das Stück, das mich zur systematischen Auseinandersetzung mit Kammermusikwerken für eine gemischte Besetzung aus Streichern und Bläsern veranlasst hat.

      Gehörte Einspielungen:


      Octuor de France


      Consortium Classicum (AD: 1992)


      Consortium Classicum (AD: 1974)


      Ensemble Karl Stamitz

      Mein Votum geht klar an das Consortium Classicum (AD: 1992) und zwar wegen der Kopplung mit Blancs Septett, das in meinen Ohren ebenfalls eine ganz große Nummer ist.
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

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    • Der erste ausgereifte Prototyp der Gattung ist Beethovens Septett Es-Dur, op. 20 für Klarinette, Horn, Fagott, Violine, Viola, Violoncello & Kontrabass aus dem Jahr 1799. Der Komponist mag das anders gesehen haben, denn es sind abschätzige Äußerungen überliefert, allen voran die vielzitierte: Mein Septett schickt ein wenig geschwinder in die Welt – weil der Pöbel drauf harrt. (Das Zitat ist nicht ganz historisch informiert wiedergegeben, denn zu der Zeit schrieb man noch "schikt", aber ich finde das sieht bescheuert aus.) Nichtsdestotrotz vereinigt es für mich alles, was diese Gattung so interessant macht: die obligate Stimme für jedes Einzelinstrument aus der Kammermusik, das Konzertieren, wie man es von der Sinfonia Concertante kennt und das formale Gewicht der Sinfonie. Beethoven hat die Viersätzigkeit der letztgenannten mit zwei eingeschobenen Divertimento-Sätzen ergänzt und den sinfonischen Anspruch durch gravitätische langsame Einleitungen im Eröffnungs- und im Schlusssatz betont. Was den Maestro gestört haben mag, ist die allzu große Popularität, die er sich freilich durch die übermäßige Verwendung von derben Gassenhauer-Melodien selbst zuzuschreiben hatte. Das ist für mich ein etwas störendes Element, das mir aber die Freude an diesem wunderbaren Werk nicht wirklich verderben kann, doch wer stets Bedeutungsschwere und Drama braucht, könnte das als etwas zu leichtgewichtig empfinden. Wer mehr über dieses Werk wissen will, der sei auf die einschlägigen Quellen verwiesen, z.B. die Kammermusikkammer.

      Ich habe noch nicht allzu viele Einspielungen gehört. Wem es gar nicht historisch informiert genug sein kann, der ist beim RESOUND-Projekt an der richtigen Adresse.


      Solisten des Orchester Wiener Akademie

      Eine echter Geheimtipp ist in meinen Ohren das Kammerorchester aus Uppsala. Man erwartet aus dem hohen Norden nicht unbedingt das allergrößte Gespür für Beethovens Geist, aber vielleicht ist die -von mir klischeehaft unterstellte- nordische Kühle das Geheime. Irgendwie klingen die Gassenhauer hier weniger nach Futter für den harrenden Pöbel. Damit hat die Achillesferse ein Tape, während ich ansonsten keinerlei hörbare Abstriche machen muss. Dazu gibt es die Kopplung mit einem ganz vorzüglichen, identisch besetzten Werk des immer noch sträflich unterbelichteten Franz Berwald. Wenn eine Aufnahme des Ur-Septetts genügen müsste, dann fiele meine Wahl ganz klar auf diese:


      Uppsala Chamber Soloists
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    • Zur endgültigen Serienreife hat Schubert die Gattung geführt. Er orientierte sich dabei eng an der Vorlage, unter anderem übernahm er von Beethoven die Sechssätzigkeit und die langsamen Einleitungen in den Ecksätzen, ging aber auch entscheidend darüber hinaus, indem er die Besetzung um eine zweite Violine zum Oktett (F-Dur, D. 803) erweiterte. Schubert selbst sah dieses Werk zusammen mit anderen Kammermusikwerken der Zeit als Weg zur großen Sinfonie. In der Tat tauchen Passagen aus dem ersten Satz in der Unvollendeten wieder auf. Mehr Worte will ich darüber nicht verlieren; wer sich für die Musik des frühen 19. Jahrhundert und für die Kammermusik interessiert, kennt dieses Werk. Die Popularität und der Rang des Werks sorgen dafür, dass es leicht jede Menge Lesestoff darüber zu finden gibt - sogar Analytiker kommen auf ihre Kosten.

      Es gibt mehrere Dutzend Einspielungen, von denen ich ein ganzes gehört haben dürfte. Nicht vergleichend, sondern immer dann wenn ich Lust hatte, das Werk zu hören und das kam in letzter Zeit ziemlich oft vor. Herausragend fand ich zwei, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten: Da ist auf der einen Seite die Old School Aufnahme mit dem Wiener Oktett zu der ich schrieb: "Diese (...) wird heute gerne als nicht mehr zeitgemäß angesehen und auf 'fröhliches Wiener musizieren' reduziert; modernere Aufnahmen böten mehr Detail und Drama und würden die den zeitlich benachbarten Werken ebenbürtige Größe und Tiefe aufzeigen. Papperlapapp - das muss m.E. genau so leicht musiziert werden, sonst wird das zu einer sehr zähen Angelegenheit." Und dann wäre noch das Ensemble Prisma zu nennen: "Diese Aufnahme muss unbedingt bekannt(er) werden. Das Ensemble arbeitet mit einem unabhängigen japanischen Label zusammen und vertreibt CDs über die eigene Webseite, entsprechend werden sie von den Hauspostillen der großen Label-Medienkonzerne nicht vorgestellt oder rezensiert. AllMusic hat diese Lücke geschlossen und völlig zurecht die Höchstnote gezückt. So lebendig, kontrastreich, farbig und vor allem spannungsvoll (nix da mit himmlischen Längen) habe ich das noch nie gehört."


      Wiener Oktett (1958)


      Ensemble Prisma Wien (auf historischen Instrumenten)
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    • Peter von Winter (1754-1825) ist einer dieser Namen, denen ich ohne die gattungsspezifische Suche wohl kaum begegnet wäre. Und sogleich frage ich mich, warum er so gut wie vergessen ist. Zu Lebzeiten war er hoch angesehen und sein Septett Es-Dur, op. 10 für 2 Violinen, Klarinette, 2 Hörner, Viola & Violoncello (1803) zeugt von seiner Kunst. Die Komposition steht in der Nachfolge von Beethovens Septett, weicht aber in der Besetzung ab und beschränkt sich auf die herkömmlichen vier Sätze der klassischen Sinfonie. Das Werk strotzt nur so vor einprägsamen, aber nicht banalen Themen - insbesondere das fünftönige Hauptmotiv, die Keimzelle des ausgedehnten Kopfsatzes bekommt man nicht mehr so leicht aus dem Kopf. Dazu gibt es jede Menge an raffinierten aus der Instrumentierung herausgeholten Effekte, die freilich nie Selbstzweck sind, sondern in die thematisch-motivische Arbeit integriert bleiben. Das ist Oberhaltung allererster Güte und eine dicke Empfehlung. Ein kurzer Quercheck beim d-Moll Flötenkonzert beweist, dass das keine Eintagsfliege ist - von von Winter will ich definitiv mehr hören.


      Consortium Classicum, Dieter Klöcker
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)
    • Während Peter von Winter eine echte Bereicherung des Hörrepertoires darstellt, sind das interessanteste an den Werken von Johann Martin Friedrich Nisle (1780-1873) die Titel in Kombination mit den Besetzungsangaben. Es gibt ein Oktett D-Dur für Flöte, Klarinette, 2 Hörner, Streichquartett & Kontrabass und ein Septett Es-Dur für Flöte, Klarinette, Horn, Fagott, Violine, Viola, Violoncello & Kontrabass (beide um 1803-06 herum geschrieben). Niemand muss jetzt an Nisles mathematischen Fähigkeiten zweifeln, das hat so seine Richtigkeit. Der Kontrabass ist zwar obligat, verdoppelt aber stets nur die tiefste Stimme (meist das Cello) und wird deshalb nicht mitgezählt. Als ob die Kontrabassisten nicht schon genug Spott über sich ergehen lassen müssten. Der kürzeste Witz: 'Gehen 2 Kontrabassisten an einer Kneipe vorbei...'

      Für Nisle ist die Charakterisierung als Biedermeier recht treffend. Ich schätze freilich die emotionale Ausgeglichenheit und Leichtigkeit dieser Musik. Es muss nicht immer Existenz verhandelt werden. Statt dessen erfreue ich mich an den fantasievollen Texturen und satten Farben, die das Consortium Classicum perfekt und spielfreudig darbietet.


      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

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    • Lieber Cetay,

      wenn es ein Stück gibt, dem ich jemals begegnet bin, welches Deine Kriterien geradezu exemplarisch erfüllt, dann dieses hier:


      Louise Farrenc - Nonett Es-dur op. 38 für Flöte, Oboe, Klarinette. Horn, Fagott, Violine, Bratsche, Violoncello & Kontrabass (1850)
      Consortium Classicum
      (CD, Divox, 1994)

      Adagio - Allegro
      Andante con moto
      Scherzo. Vivace
      Adagio. Allegro

      Die Quellenlage / der Forschungsstand zu dieser Komponistin sind wohl weiterhin recht bescheiden - trotz des relativen Booms auf dem Tonträgermarkt seit etwa Anfang / Mitte der 90er.
      Als Frau. Mit dem Schaffensschwerpunkt auf Kammermusik & Instrumentalwerken generell - Mitte 19. Jh in Fronkreisch - wo neben Oper & Ballett nichts von niemandem ernsthaft wahrgenommen wurde resp. interessierte: sich in diesem Umfeld behaupten zu wollen: ein Akt der Selbstaufgabe oder der unumstösslichen Selbstgewissheit? Jedenfalls landete Madame Farrenc mit ihren zuvor entstandenen Sinfonien zumindest Achtungserfolge. In Grösse der Erfindung wie auch der Meisterschaft im Handwerklichen kommen bspw. die 9 Gattungsbeiträge des Zeitgenossen Ludwig Spohr dagegen geradezu biedermeierlich harmlos daher. Was bewog Farrenc also zur kammermusikalischen Verknappung, wenn dies hier mühelos auch voll orchestriert überzeugen könnte? Das muss vorläufig wohl im Dunkeln bleiben...
      Das Nonett stellt für mich jedenfalls ein Beispiel der Perfektion dar: da kennt jemand die Charakteristika, die spieltechnischen Möglichkeiten der einzelnen Instrumente & ihrer Klangeffekte ganz genau. Es fällt schwer, aus diesem Meisterwerk etwas besonders hervorzuheben. Der III. Satz hat immerhin so etwas wie Hit-Qualitäten. Jedenfalls ist er beim hiesigen Kultur-Radio SRF 2 eine Art Chartbreaker. Ein Hauch Mendelssohnschen Elfenspuks geistert hier hindurch, auch gibt es (denkbare) Reminiszenzen an die Wolfsschlucht-Szene.

      Wenn selbst Freundin & Katze immer wieder entzückt lauschen, muss es schon was taugen...
    • Danke für diesen Tip. Das werde ich mir mal zu Gemüte führen - gibt's beim Markführer unter den Strömdienstleistern- wenn ich aus 中华 zurück bin.
      Meine selbst verordnete 12-monatige Hör-Diät beginnt zum Glück erst am 1. Juli. :W
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