Aufnahmen auf CD, DVD, Blu-ray: Historisch informierte Aufführungspraxis bleibt aktuell -- Originalklang-Ensembles rückläufig

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    • Aufnahmen auf CD, DVD, Blu-ray: Historisch informierte Aufführungspraxis bleibt aktuell -- Originalklang-Ensembles rückläufig

      Das sollte die Beschäftigung für die Musiker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts werden: Die Suche nach dem Originalklang der großen Meisterwerke gespielt auf historischen Instrumenten.

      Unter Nikolaus Harnoncourt entsteht der Concentus Musicus, Anfang der 70er gründeten zeitgleich Goebel die Musica Antiqua Köln, Hogwood die Academy of Ancient Music und Kuijken das Ensemble La Petite Bande. Das eröffnet die Grabenkämpfe um aufführungspraktische Details. Denn wie sich schnell herausstellt, kann man die Quellen so oder anders lesen und Unliebsames einfach ignorieren. Damit hat sich auch der »Originalklang« erledigt. Harnoncourt erteilt dem authentischen Monteverdi schon in den 60er Jahren eine Absage, bei ihm gibt’s nur – Harnoncourt pur. Heute ist er ein Denkmal, wenn auch ein funkensprühendes, der eigenen Stilistik.
      Und wozu dann der Forschungsaufwand? Das ist allen Dirigenten der ersten Generation gemeinsam, ob Christie, Kuijken oder Jacobs: Die Quellen sind erschlossen, das Wissen enorm, aber es wird beweglich eingesetzt und soll das interpretatorische Gespür mehr leiten als einengen. Musik macht man für das Publikum von heute, wer weiß schon, wie es im Barock wirklich zuging? Die bekanntermaßen schmale Besetzung öffentlicher Opernhäuser in Venedig hindert René Jacobs nicht, die Opern Cavallis mit allem aufzuführen, was der moderne Orchestergraben an erlesenen Renaissanceinstrumenten aufnehmen kann. Das ist nicht authentisch, aber herrlich sinnlich. Sein Forscherinteresse hat sich heute auf die Zeit zwischen 1790 und 1830 verlagert.
      Auch das ist ein Trend. Jacobs‘ Blick aus dem Barock "nach vorn" hat Mozarts Opern wieder taufrisch gemacht. Philippe Herreweghe arbeitet sich durch die großen Chorwerke des Barock, bevor er sinfonisch bis zu Schumann und Bruckner vorstößt. Minkowski bekommt bei Berlioz Begleitschutz von Paul McCreesh, dem ehemaligen Gabrieli-Meister. Als müsse man die Musikgeschichte ein zweites Mal erzählen. Das ist das Ende der "Alten Musik", aber die Aufführungspraxis hat gerade erst begonnen.
      Ihr größter Gewinn liegt eigentlich in der Vielfalt stilistischer Möglichkeiten. Keine Generation vor uns konnte aus so viel Musik und so vielen Varianten wählen. Für die Klavierkonzerte Bachs herrscht weder Cembalo-Zwang, noch Steinway-Gebot, es gibt sie herrlich romantisch mit Edwin Fischer, dynamisch federnd auf dem Cembalo mit Richard Egarr, historisch geschärft auf dem modernen Flügel mit Alexandre Tharaud oder sogar, a la Busoni, von Martin Stadtfeld. Wer wollte sich da ereifern, statt immer wieder neu zu genießen? Klar, wer sich eine Welt der überzeitlich gültigen Beethoven-Interpretation wünscht, reagiert auf Wahlfreiheit überfordert. Der göttliche Funken des Kunstwerks verliert sich nicht im Pluralismus – man findet ihn ohnehin nur im eigenen Musikgenuss, nicht im Klang großer Namen vor traditionsreichen Orchestern.

      Als problematisch erweist sich auch das "Spiel auf Originalinstrumenten": denn deren Nachbau bzw. Neubau lässt viele Fragen offen. Während der Nachbau z.B. eines historischen Blas-Instruments klangliche Einbußen bedeuten würden, weil ständig der Speichelfluss aus dem Instrument entfernt werden muss, dass aber nicht immer möglich ist, weil das Instrument halt spielen muss, bedeutet diese Regulierung ja schon einen Eingriff in die Originalklang-Kultur. Solche und andere Eingriffe für eine praktikablere Spielweise halte ich für fragwürdig.

      Wenn man die letzten 10 Jahre Revue passieren lässt, was die Neuaufnahmen betrifft, so ist deutlich erkennbar, dass sehr wohl historisch informiert gespielt wird, die Produktionen auf Originalinstrumenten jedoch rückläufig sind. Viel mehr werden moderne Orchester kleiner besetzt und hier und da mit historischem Instrumentarium bestückt.

      Für mich selbst stellt die Originalklang-Bewegung eine Interpretationsvariante einen Ansatz da - nicht mehr aber auch nicht weniger. Zu glauben, so klang es zu Zeiten Bach, Händels, Mozarts oder Beethovens ist eine Illusion. Eher ist es eine historisch informierte Annäherungsweise aus heutiger Sicht mit einer Vielfalt stilistischer Möglichkeiten der unterschiedlichen Interpreten.

      Damit ist auch klar, dass Produktionen mit einer solchen Aufführungspraxis durchaus Eingang in meine umfangreiche Sammlung von CDs, DVDs und Blu-rays finden, sie ergänzt sie, bliebe aber unvollständig, wenn die anderen wichtigen Aufnahmen der letzten 60 Jahre mit modernem Orchester fehlen würden.


      :hello LT
      Arm bin ich auf die Welt gekommen,
      alle meine Mitgift ist Haupt und Hand.
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      Beharrlichkeit führt zum Ziel!
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      Das wahre Genie wird bei Bewunderung des Fremden nicht dessen Nachahmer,
      sondern erhält dadurch nur den schönen Anstoß, neue Bahnen zu finden.
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      ... wenn ich keine Oper unter den Fäusten habe ist mir nicht wohl!
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      Soli deo gloria
      (CMvW -- Carl Maria von Weber)

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Liebestraum ()

    • Hallo Liebestraum und besten Dank für eine Wiederaufnahme des Themas HIP!

      Wenn man es genau nimmt, ist letzten Endes alles eine Frage der persönlichen Ästhetik. Ich beispielsweise mag weder vibratoreiches Streicherspiel noch solchen Gesang und bin daher extrem empfänglich auch für die noch frühen Beispiele der HIP. Auch schätze ich, wenn Terzen (wenigstens tendenziell) rein intoniert werden, die Harmonien verschmelzen dadurch ganz anders. Im Prinzip ist mir tatsächlich wurscht, welche wissenschaftlichen Hintergründe zu einem solchen Spiel führen, auch wenn ich mich selber durchaus damit befasst habe und das Ganze sehr interessant finde.

      Liebestraum schrieb:

      Denn wie sich schnell herausstellt, kann man die Quellen so oder anders lesen und Unliebsames einfach ignorieren. Damit hat sich auch der »Originalklang« erledigt.
      Gut, man kann immer noch sagen: originaler als bei Karajan dürfte es schon sein. Aber natürlich gibt es hier extreme Unterschiede. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es diese Unterschiede damals eben auch gab. Es werden kaum alle gleich gespielt haben...
      Ob das Thema Originalinstrumente tatsächlich so ein heißes ist, weiß ich nicht einmal. Ein Hammerklavier aus dem 18. Jahrhundert klingt heute mit eiiger Sicherheit dürftig, es sei denn, es ist so stark restauriert, dass man es gleich hätte nachbauen können. Bei den Streichinstrumenten bin ich mir nicht so sicher, wie große die Unterschiede sind, und bei den Blechbläsern und Holzbläsern bin ich vollends überfragt. Ich finde allerdings diesen Punkt eher zweitrangig, denn meine Ästhetik wird auch bedient, wenn man moderne Instrumente benutzt.

      Die Beobachtung, dass vor allem die neueren Produktionen den Originalklang-Anspruch nicht mehr haben, würde ich gefühlsmäßig bestätigen. Ich glaube, es hat auch damit zu tun, dass man sich heute nicht gegenüber Experten behaupten muss. Früher musste man sich eine Existenzberechtigung erst einmal schaffen und deshalb mit fundiertem Wissen glänzen (zumindest vermeintlich). Ich glaube allerdings, dass die HIP-Bewegung auch aus einem Überdruss heraus entstanden ist. Gerade in der Musikausbildung (meine lag vor allem in den 80er- und 90er-Jahren) hat man diese ätzenden Traditionslinien, die ziemlich viel Kreativität abwürgen. "Ein so saftiges Forte bei Mozart? Gehts noch?" War der Spruch eines Kammermusikprofessors einmal. So etwas schafft Allergien, und ich bin meine nicht mehr los geworden und kann diese Musik kaum noch in dieser Weichspüler-Art hören.

      Für mich liegt die eigentliche Errungenschaft einerseits darin, dass man ein viel breiteres Spektrum an Klanglichkeiten gefunden hat und sehr viel flexiblere Musiker ausbildet, denn mittlerweile gehört ein gewisses Maß an HIP-Schulung fest zur Ausbildung dazu. Das Repertoire an Gestaltungsmöglichkeiten ist so groß geworden, dass dadurch tatsächlich die klassische Musik wiederbelebt wurde und wird.

      Herzliche Grüße
      Satie
      "...the only logical starting point for a genuine creative art of music -- the ear, and the manifold delights and stimuli that the ear, in conjunction with the experienced mind, can find in the exercise of imagination."
      Harry Partch
    • (Nur ganz kurz wegen Zeitmangels).

      Finde es auch gut, daß mal wieder ein HIP-Thema gestartet wird. Neben der Ästhetik- bzw. Geschmacksfrage kommt natürlich auch das Thema der Exaktheit auf den Tisch. Wobei sich hier zuweilen auch die Geister scheiden...

      HIP, wobei das "I" im Vordergrund steht, sollte sich m.E. vor allem mit den Partituren bzw. dem Notentext als solchem beschäftigen und herausfinden, was er eigentlich aussagt. Dabei würde ich heute vor allem auch dem Autograph Beachtung schenken, denn - wie man weiß - hat schon Beethoven geflucht, als er den Urdruck seiner Stücke revidieren mußte, weil der Verleger hier wohl nicht exakt gearbeitet hatte.

      Was spätere "Bearbeitungen" z.T. aus dem ursprünglich vom Komponisten niedergeschriebenen gemacht haben, läßt sich nur erahnen, wenn man hierzu vergleichende Studien betreibt.

      Mozart z.B. hat in vielen seiner Klavierwerke die Mittelstimme gesondert notiert und damit z.T. in den Mittelstimmen eine andere Artikulation notiert als in Diskant oder Baßstimmen. Was späteren Verlegern wohl als zu kompliziert erschien, worauf sie das Notenbild dann entspechend abänderten.

      HIP kann hier insofern den Beitrag leisten, als sie die Urquelle heranzieht und analysiert. So kann man wenigstens versuchen zu ergründen, was dem Komponisten vorgeschwebt hat, als er es so und nicht anders notierte. Artikulation und Tempo, aber auch Dynamik sind hier als "ewige" Diskussionsthemen zu nennen. Ich selbst probiere hier gerade, am Beispiel des "Siciliano" in der Klaviersonate KV 280 (189e) sowie des Siciliano im Klavierkonzert A-Dur KV 488, hier andere Umsetzungen als die gewohnten, insbesondere durch ein höheres Tempo als auch durch non-legato, wo nicht ausdrücklich andere Arikulation notiert ist, und strenge Beachtung der ausgeschriebenen Artikulation. Dies ist übrigens eine Aufgabe, die anspruchsvoller ist, als es auf den ersten Blick scheint. Auch die Unterscheidung von Strichen und Punkten, bei Haydn und Mozart im Urtext immer wieder vorkommend, ist eine interessante Aufgabenstellung, die es sich lohnt, einmal stringent durchzuarbeiten.

      Während meiner Ausbildung, die natürlich schon viele Jahre vor dem Musikstudium begann, war es nicht allgemein üblich, sich mit diesen Themen so exakt auseinanderzusetzen. Virtuosität und "Leichtigkeit" des Vortrags waren eher gefordert. Dies zog sich auch durch das gesamte Studium hindurch. Natürlich mußte man hier auch immer das spätere Examen im Kopf haben mit der Immer-dabei-Frage: Was wollen die Prüfer hören? ;)
      An der UNI gab es nur einen Professor, der die og. Dinge einmal strikt gefordert hat. Leider hatte ich ihn nur kurz.

      Bzgl. der Interpretation dieser "sekundären" Ausführungsvorschriften gab es immer wieder verschiedene Ansichten, die von "bleibt dem Interpreten völlig überlassen" bis zu "Spiel gefälligst, wie es da steht!" reichten...

      Womit sich der Kreis schließt und wir wieder bei der Geschmacksfrage wären.
      :)

      Ich freue mich mittlerweile schon sehr auf meinen Hammerflügel-Nachbau, den ich in wenigen Wochen bekomme. Hatte die Möglichkeit, hier schon drauf zu spielen, und ich muß sagen: Hier eröffnet sich ein neues Übe-Feld, ich muß vieles von vorn anfangen. Gleiches übrigens bemerkte ich auf einem Nachbau eines Walter-Hammer-Flügels (Mozart soll so einen ähnlichen in Wien gespielt und besessen haben). Das Spielgefühl ist hier recht anders... Egal: Ich freu mich drauf!
      :)
      --
      "Die grösseste Schwierigkeit eines andern Arbeit auszuführen, bestehet wohl darin, daß eine scharffe Urtheils-Krafft dazu erfordert werde, fremder Gedancken Sinn und Meinung recht zu treffen. Denn, wer nie erfahren hat, wie es der Verfasser selber gerne haben mögte, wird es schwerlich gut heräus bringen, sondern dem Dinge die wahre Krafft und Anmuth offt dergestalt benehmen, daß der Autor, wenn ers selber mit anhören sollte, sein eigenes Werck kaum kennen dürffte."
      (Mattheson)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Guenther ()

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