Bengt Hambraeus

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    • Bengt Hambraeus

      Bengt Hambraeus (29.01.1928 - 22.09.2000) gilt als einer der herausragenden Vertreter der schwedischen Neuen Musikszene. Mit seiner Tonband-Komposition Doppelrohr II (1955) schrieb er sich in die neueren Geschichtsbücher. Das Werk ist praktisch auf jeder Kompilation von früher elektronischer Musik zu finden. Sein Orgel-Chorwerk Motetum archangeli Michaelis (1967) wurde sogar ein veritabler Hit, der mindestens fünfmal auf CD eingespielt wurde. Allzu viele Werke, die 50 oder weniger Jahre auf dem Buckel haben und so zahlreich eingespielt wurden, dürfte man nicht finden. Für seine Verdienste wurde er mehrfach ausgezeichnet, unter anderem 1986 mit der höchsten schwedischen Auszeichnung für Künstler, der königlichen Medaille Litteris et Artibus. Damit befindet er sich in der illustren Gesellschaft von Namen wie Greta Garbo, Nicolai Gedda, Esa-Pekka Salonen und Henning Mankell. Mit solchen Singularitäten in der Biographie sollte man eigentlich davon ausgehen, dass Hambraeus' Werk den Hörwilligen zugänglich ist, aber die Präsenz auf Tonträger -vom Konzertsaal ganz zu schweigen- spiegelt die Bedeutung nicht wieder. Von den 135 gelisteten Hauptwerken ist nur ein Bruchteil greifbar und das meiste ist auf irgendwelchen Kompilationen versteckt. Immerhin konnte ich auf Spotify eine Spielliste von 4 Stunden Dauer zusammenstellen und die haben es wirklich in sich. Mehr davon bitte!

      Die Musik von Hambraeus kann im Spannungsfeld von Webern und Varèse verortet werden, wirkt aber oft noch in der Tradition verwurzelt. Daneben sind asiatische Einflüsse auszumachen. Eine delikate Mischung, wie ich finde. Seine erstes Hauptwerk ist das Koralförspel op. 4 für Orgel solo - und das sollte dann auch der Schwerpunkt im Schaffen von Hambraeus werden. Andere Frühwerke zeigen schon den Hang zur ungewöhnlichen Instrumentierung. Die Kammarmusik för 6 instrumenter, Op.28, für Flöte, Oboe, Klarinette, Altsaxophon, Viola & Cembalo (1950), das Diptychon (Tabu-Mana), Op.30 für Flöte, Oboe, Viola, Celesta & Cembalo (1951/52) oder Giuoco del Cambio, Op.33 für Flöte, Englischhorn, Bassklarinette, Vibraphon, Cembalo, Klavier und 3 Schlagwerke (1952/54) erzeugen schon beim Lesen der Besetzung eine unbändige Hören-wollen-Gier bei mir. 1955 taucht dann erstmalig "Tape" als Instrumentarium für Doppelrohr II auf. Mit der nächsten Tonbandkomposition Fresque Sonore holte er dann zum großen Schlag aus. Hambraeus hat hierfür zunächst die einzelnen Stimmen für Sopran, Fagott, Congas, Kontrabass, Flöte/Piccolo, Harfe, Oboe, Orgel/Cembalo, Trompete und Violine ausgeschrieben, separat einstudieren lassen und aufgenommen. Dann hat er sich mit Ringmodulator und Filter bewaffnet daran gemacht, das zusammenzuschneiden. Was auch immer ihn bei der Organisation der Klänge geleitet hat, das wirkt sehr stringent und entlässt mich die vollen 25 Minuten nicht aus seinem Bann. Kurz darauf schuf er eine Trilogie von großangelegten Orchesterwerken, Rota (1956/62), Transit (1963) und Transfiguration (1962/63), die sowohl einzeln als auch gemeinsam aufgeführt werden können. Mit Experiment X: Churchopera legte er seine erste von insgesamt vier Opern vor. Die Uraufführung fand am 9. März 1971 in Stockholm statt. Die Gattung des Bläserquintetts wurde mit Jeu de cinq (1976) ebenso bedacht, wie die des Klavierkonzerts (1992). Letzteres ist wirklich ein Brocken, den man nicht versäumen sollte. Das ist so anspielungsreich, dass es mich schier in den Wahnsinn treibt - an wen erinnert das nun schon wieder? Wie ich es schreibe, fällt es mir ein: Hovhannes! Wie bei jenem generell, fehlt mir bei Hambraeus' Klavierkonzert etwas das Experimentelle von den älteren Arbeiten. Trotz struktureller Klarheit geht ihm hinten hinaus deutlich die Puste aus. (Wenn Avantgardisten auf ihre alten Tage wieder tonal schreiben, überzeugt das in den seltensten Fällen. Dennoch sind die 40 Minuten Hörzeit sicherlich besser investiert als für die 287. Neuaufnahme des Beethovenschen G-Dur Konzerts, in der tumben Hoffnung dort irgendeinen neuen Aspekt zu entdecken, den die 286 Vorgänger übersehen haben.) Das letzte, im Todesjahr vollendete Werk sollte schließlich ein Variationensatz für Laute, Varianti per liuto (2000) bleiben.
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

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    • Hier meine Topfavoriten, die mich alle nachhaltig beeindruckt haben - allen voran Fresque Sonore:


      Fresque Sonore für Tonband
      Transfiguration
      - Schwedisches Radio-Sinfonieorchester, Michael Gielen



      Konstellationer II für Orgel und Tonband
      Bengt Hambraeus



      Nocturnals für 15 Musiker
      KammarensembleN, Ansgar Krook

      Varèse im Orient mit Solo-Baritonsaxophon. Ein Fest!



      A solis ortus cardine für Orgel
      Hans Hellsten

      Vom Titel der CD darf man sich nicht die Irre führen lassen - da ist nur Klassik drauf (Schwerpunkt: Buxtehude)



      Night Music für Gitarre & Perkussion
      Stefan Östersjö, Johnny Axelsson



      Varianti per Liuto (für Laute)
      Peter Söderberg
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

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