Historisch in Italien - Tactus

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    • Historisch in Italien - Tactus

      Nachdem es zum wiederholten Mal eine Tactus-CD in meine Allzeit-Spielliste geschafft hat, wird es Zeit, dieses Label kurz vorzustellen. Gegründet wurde es 1986 von dem Unternehmer Serafino Rossi (1927-2009) mehr aus Passion als aus geschäftlichen Erwägungen heraus, wie es der nur in italischer Sprache zu findende PR-Text verlauten lässt. Italien sollte dann auch der alleinige Fokus sein, mit dem Ziel hiesige vergessene Meister oder vergessene Werke von hiesigen Meistern der Renaissance und des Barock wieder oder erstmalig auf Tonträger verfügbar zu machen. Ein besonderes Anliegen war dabei, möglichst viel von der aktuellsten Forschung zu den Instrumenten und der Aufführungspraxis aus der Zeit der Komposition in die Interpretationen einfließen zu lassen. Es ist erstaunlich, dass man mit so einer Nische erfolgreich sein kann, aber es hat funktioniert, denn im Jahr 2017 erfreut uns das Label nach wie vor mit (bisher 14) Neuproduktionen. Wie hat er das gemacht? Zum einem mit einem cleveren Markenauftritt. Eine der ersten Produktionen von 1987 sah so aus:



      Zwei weitere aus den Jahren 1998 & 2009 dann so:



      Mit der klaren, unverwechselbaren Designsprache und der kompromisslosen Kontinuität hat man einen hohen Wiedererkennungswert geschaffen. Aber das allein würde nichts helfen, wenn der Inhalt schal wäre. Hier zog ein anderer unternehmerischer Grundsatz: Walk the Talk. Es gab wirklich wie angekündigt haufenweise Ersteinspielungen und wenn es Konkurrenz gab, dann hatte das Label in puncto historischer Informiertheit meist die Nase vorn, auch dadurch, dass konsequent alle Aspekte berücksichtigt wurden, inklusive Kammerton und Stimmung. Nicht zuletzt hat man bei der Auswahl der Interpreten eine glückliche Hand gehabt. Große Namen wird man vergeblich suchen, aber dafür großes Engagement und Herz finden. Bald kamen auch Presse und Medien dahinter und es gab die ersten Preise. Mit der Zeit baute man die Kernkompetenzen sehr behutsam in Richtung Mittelalter und Romantik aus und war im Jahr 2008 schließlich im 20. Jahrhundert angelangt - freilich ohne jemanden mit dem Cover zu erschrecken:



      Das war möglicherweise ein Fehler, denn so mancher Blindkäufer könnte sich, mit den -wenn auch äußerst moderat- modernen Klängen konfrontiert, getäuscht fühlen. Italophil darfs ja sein, aber bitte schön. Jedenfalls hat man nach dem Tod des Firmengründers ab Mitte 2010 die bisherige Linie aufgegeben:



      Da war er dahingegangen, der braune Balken, dafür konnte man nach einer kurzen verwechslungsgefährdeten Übergangsphase bald intuitiv am Cover feststellen, ob man es mit Alter oder Neuer Musik zu tun hat. Es wurde auch damit begonnen, Neuauflagen für Brilliant-Classics zu lizenzieren. Für ein exklusives, mit Alleinstellungsmerkmalen ausgestattetes Label, das konsequent im Hochpreis-Segment spielt, ist das ein gefährlicher Schritt - das kann manchem Stammkunden sauer aufstoßen. Da hat man sich wohl bald besonnen (hoffentlich) und bringt seit 2012 mit der schon optisch billiger wirkenden eigenen White Line (teilweise schon früher veröffentliche) Produktionen im Doppelpack (neu) im Mittelpreis-Segment heraus.



      Wie so häufig wurde nach dem Tod des Firmengründers einiges an der Strategie gedreht - ob es zum Guten ist, wird die Zukunft zeigen. Zumindest kamen auch danach überragende Produktionen auf den Markt, allen voran diejenige, die mich heutemorgen beim Hören spontan zum Schreiben dieses Beitrags bewogen hat. Und mit dieser zurecht ein Bestseller gewordenen Aufnahme schließt sich der Kreis, denn man hält sich auch heute noch an das Versprechen der maximalen historischen Informiertheit: This recording (...) is one that uses an antique instrument, and antique bow and strings, encourages us to imagine what their sound quality was in Paganini’s time. The timbre of an antique instrument, a different bow, and above all the catgut strings, made out of sheep intestines cut into strips and twisted, similar to a vibrating nerve, created a sound that expanded in the wooden concert halls, immense natural soundboxes.



      :times10 :thumbsup: :times10
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

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    • Hier noch ein paar Empfehlungen über den Paganini hinaus. Das sind alles tolle Sachen, die man ohne die Arbeit dieses Labels möglicherweise nie zu Gehör bekommen hätte:



      Luigi Merci; 6 Sonaten für Fagott und Basso continuo op.3 (1735)
      Paolo Tognon (Fagott solo), Paola Frezzato (Fagott), Pietro Bosna (Cello), Pietro Posser (Theorbe), Roberto Loreggian (Cemablo)

      Der ungewohnte Zusammenklang der Originalinstrumente, die nicht gleichförmig-temperierte Stimmung, die Umgehung von barocken Formschemata und der improvisatorische Charakter erinnern mehr an zeitgenössische Avantgarde als an "festliches Barock".



      Gaetano Brunetti (1744-1798); Quintette für 2 Violinen, Viola, Fagott & Violoncello, op. 2 Nr. 1-6
      Quartetto Sandro Materassi, Paolo Carlini

      Das sind keine "Fagottquintette", sondern das Blasinstrument ist vollständig in den Satz der absolut gleichberechtigten Stimmen integriert. Es fungiert sozusagen als zweite Viola. Klanglich ist das hochinteressant, aber auch kompositorisch stecken die Stücke voller Raffinessen .



      Giuseppe Cambini; Flötenquintette op. 8, Nr. 1-3 & op. 9, Nr. 1-3
      Accademia Classica di Venezia

      Cambini, dessen Lebensdaten (1746/52 - 1811/26) unklar sind, schien eine Vorliebe für ungewöhnliche Besetzungen zu haben. Neben den Flötenquintetten, bei denen eine Violine durch die Oboe ersetzt wurde, schrieb er u. a. auch Bläsertrios für Flöte, Oboe und Fagott.



      Antonio Vivaldi; Fagottkonzerte
      Roberto Giarccaglia, Ensemble Resphigi

      Das ist zwar keine Rarität, aber eine gute Gelegenheit nachzuhören, dass Tactus-Produktionen immer noch einen Ticken "authentisch-historischer" klingen als Vergleichsaufnahmen. Die Streicher-Sektion besteht aus Quartett & Kontrabass und der Continuo-Part ist mit Theorbe, Mandoline, Fagott und Cembalo realisiert.



      Giorgio Gaslini; Werke für Flöte
      Roberto Fabbriciani (Flöte), Massimiliano Damerini (Klavier), Orchestra Filarmonica di Roma, Ezio Monti

      Ein Zeitgenössischer muss sein... :hello
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