Cosmoeklektiker, Multiepigone und klassizistischer Spätromantiker - Alfred Hill

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    • Cosmoeklektiker, Multiepigone und klassizistischer Spätromantiker - Alfred Hill

      Was haben Schubert, Mendelssohn, Schumann, Bruch, Götz, Dvorák, Grieg, Berwald, Tchaikovsky, Brahms, Elgar, R. Strauss, Debussy, Ravel, Shostakovich, Gershwin und Copland außer der trivialen Feststellung, dass das alles Komponisten sind, gemeinsam? Sie alle wurden herangezogen, um die Musik des Australiers Alfred Hill (1869 - 1960) zu beschreiben. Wer angesichts der Lebensdaten besorgt ist, da könnte sich der eine oder andere Misston dazwischen schleichen, kann ganz beruhigt sein. Hill ist völlig aus der Zeit gefallen, er ist Romantiker durch und durch. Geprägt wurde er durch seine Lehrzeit in Leipzig, wo er von 1888-1891 im Gewandhausorchester Violine spielte und unter anderem Brahms, Tchaikovsky und Grieg als Dirigenten erlebte. Sein Auswurf ist kaum zählbar, aber auf Platte zu greifen gibt es nur seine 17 Streichquartette, die mit Ausnahme des frühen ersten zwischen 1911 und 1938 einstanden sind und ein paar von seinen 13 Sinfonien, die er -wieder von einer frühen Ausnahme abgesehen- ab 1941 geschrieben hat. Er hat sich hintereinander an den Gattungen abgearbeitet und konnte sich so nicht nur bei den Komponisten der Welt, sondern auch bei sich selbst bedienen. 11 seiner Sinfonien sind Bearbeitungen und Instrumentierungen der Quartette.

      Hier kommt mein Schuldeingeständnis: Ich finde, die Sinfonien machen richtig Laune. Auch wenn es bei den vielen "Einflüssen", die oft an Plagiat grenzen, schwer vorstellbar ist, so ist das keineswegs ein Flickenteppich, sondern verblüffend kompakt und stringent komponiert. Anders als seine Vorbilder reitet Hill nicht ewig auf Ideen herum, sondern führt Entwicklungen schnell zum Punkt - da kommt mir Hadyn in den Sinn. Ausladende und expressive Exzesse sucht man vergebens. Da benutzt einer die (spät-)romantische Klangsprache und komponiert damit ganz klassisch. Weil man sich angesichts der Rückwärtsgewandtheit keinen Kopf über ideologische Ausdeutungen oder zeitgeschichtliche Bezüge machen muss, kann man das einfach so und vor allem schnell konsumieren; die 20-Minuten-Marke wird selten geknackt. Romantik-Fast Food mit lustigem Zitate-Raten. Mir gefällt's. :thumbup:

      Mich wundert, dass Bruckner nie genannt wird. Hört euch mal The Sacred Mountain an, vor allem das Ende. Ein Zitat, das im Original zum Höhepunkt und Zusammenbruch führt, an den Schluss zu stellen, darf man fast schon genial nennen. Damit bin ich bereits bei der Empfehlung angelangt:


      Alfred Hill; Sinfonien 4 & 6
      Melbourne Symphony Orchestra, Wilfried Lehmann
      • Sinfonie Nr. 4 c-Moll "The Pursuit of Happiness"
      • The Sacred Mountain
      • Sinfonie Nr. 6 "Celtic"
      Um es auf den Punkt zu bringen: (Spät-)Romantik ohne die üblichen Nebenwirkungen. :thumbsup:
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)
    • Bezüglich Deiner obigen Platte habe ich mir vorerst nur die ersten zehn Hörproben-Sekunden zu Gemüte geführt. Das klingt schon mal verführerisch englisch, ein wenig glatt, aber gekonnt instrumentalisiert und damit auch stimmungsträchtig. Deiner hübschen Beschreibung zufolge kann ich mir ebenso gut vorstellen, wie viele Einflüsse da zusammengekommen sein könnten. Und bei den "üblichen Nebenwirkungen" denkst Du vielleicht an so etwas wie die Brian'sche Gotische - um ein Extrembeispiel zu benennen.

      Ein geschmackvoller, antirevolutionärer, begabt freundlicher Vielschreiber also vermutlich.

      Der Titel "The Sacred Mountain" klingt nach Alan Hovhaness. Da allerdings ist nach einer Handvoll Scheiben mein Bedarf wirklich gedeckt.

      Nun, ich habe bislang nicht mehr von Hill gehört als den Namen und marco polo ist ein relativ preisgünstiges Label ...

      Besten Dank!

      Wolfgang
    • So etwas wie eine persönliche Note erreicht Hill doch ab und zu, indem er die Maori-Musik der neuseeländischen Ureinwohner anklingen lässt, namentlich in den Mittelsätzen des ersten B-Dur Streichquartetts. Hill gilt als Kenner der Maori-Musik und landete mit einem Arrangement des Lieds Waiata poi gar einen Schlager. Das zweite Streichquartett (g-Moll) weist ein Programm auf und führt in vier mit Der Wald, Der Traum, Karakia (Gebete und Beschwörungen) & Die Hingabe bezeichneten Sätzen durch Eine Maori Legende. Das klingt nicht so exotisch, wie man vielleicht vermuten würde, sondern ist einigen westlichen traditionellen Volksmusiken nicht unähnlich (wobei sich die Gelehrten nicht einig sind, ob es Maori-Musik im Urzustand überhaupt noch gibt oder ob schon eine Verwestlichung stattgefunden hat).

      Auch das d-Moll Quartett, das die Nr. 11 trägt, aber chronologisch das siebte ist und das zu den am häufigsten gespielten gehört, spiegelt Hills Beschäftigung mit indigener Musik -subtiler als in den früheren Werken- wieder. Formal ist das eine seiner originellsten Arbeiten. Die drei großen Abschnitte mit langsamer Einleitung & Allegro-Hauptsatz, Adagio und Allegretto-Finale sind in einem Satz zusammengezogen und Elemente des "fehlenden" Scherzos werden in den Finalabschnitt eingearbeitet.

      Viel Auswahl gibt es bei den Interpreten nicht. Das Dominion Quartet hat eine Gesamteinspielung vorgelegt (auf Vol. 1 sind die besprochenen beiden ersten drauf) und ist somit meist die erste und einzige -beileibe nicht schlechte- Wahl. Zu den Quartetten Nr. 5, 6 und 11 gibt es mit dem Australian String Quartett eine gute Alternative und vom zehnten gibt es eine Einspielung mit den Sydney String Quartet, die ich nicht kenne.


      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

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