André Cluytens

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    • André Cluytens

      André Cluytens hat sich gerade in der letzten Zeit zu einem meiner bevorzugten Dirigenten entwickelt. Und nun sehe ich, dass nicht gar kein Thread zu ihm existiert. Also werde ich das einmal ganz schnell ändern. ;)

      André Cluytens wurde am 26. März 1905 in Antwerpen geboren und starb am 03. Juni 1967 in Neuilly-sur-Seine in Frankreich.

      Bereits als 9-jähriger besuchte er das Musikkonservatorium von Antwerpen. Bereits mit 22 Jahren wurde er dann 1. Dirigent am Bourlaschouwburg, einem Theater in seiner Heimatstadt. Ab 1932 dirigierte er dann in Frankreich (Toulouse, Lyon, von 1946-1953 Chefdirigent an der Opéra Comique, ab 1944 auch am Palais Garnier). 1940 nahm er die französische Staatsbürgerschaft an, beharrte aber weiterhin auf einer flämischen Aussprache seines Nachnamens. 1949 folgte er Charles Munch als Chefdirigient des Orchestre de la Société des Concerts du Conservatoire Paris nach, ein Posten, den er bis 1960 behielt. Gleichzeitig gastierte er als Opern- und Konzertdirigent aber in der ganzen Welt. 1955 debütierte er in Bayreuth mit dem 'Tannhäuser', wobei dann in den folgenden Jahren noch 'Lohengrin' 'Parsifal' und die 'Meistersinger' folgten.

      Auch wenn Cluytens in seinen frühen Jahren italienische Oper dirigiert hat, ist er v.a. durch seine Interpretationen der französischen Oper und Wagner, durch das französische, russische und deutsche Konzertrepertoire bekannt.

      Sein Stil ist ganz französisch. Egal was er dirigierte, es zeichnete sich stets durch einen leichten (nicht oberflächlichen) und hellen Ton aus, durch Flüssigkeit und Esprit aus. Das kam ihm natürlich v.a. im französischen Repertoire zu gute. So sind seine Opernaufnahmen aus diesem Bereich maßstäblich geworden, als Interpretationen, die noch einmal die Werke ganz im Sinne der französischen Gesangsschule darboten.

      Gerade diese Opernaufnahmen, seine 'Carmen', sein erster 'Hoffmann', seine 'Perlenfischer', aber auch die Wagner-Opern, sein Beethoven und v.a. sein Ravel mit Samson Francois begeistern mich immer wieder. Man höre nur einmal seine 'Carmen'. So sehr ich die italienisch singenden Carmens schätze und liebe, aber hier ist plötzlich jemand, die weiß, dass Bizet die beiden Arien der Carmen als Chanson bezeichnet hat. Und so klingt auch die ganze Aufnahme ohne, dass sie schlicht und nichtssagend daherkommen würde. Callas wusste das übrigens auch (und Pretre), aber sie war damals nicht mehr auf dem Zenit ihrer Stimme.

      :hello Falstaff
    • Lieber Falstaff,
      ich muss gestehen, dass mir Cluytens zumindest bewusst kein Begriff war. Ich habe nun angeregt durch Dich einige Aufnahmen angehört und muss sagen, mir gefällt die Leichtigkeit, die Du ja auch herausgestellt hast. Bei seinem Beethoven ist mir manches zu diffus, dafür gefallen mir seine Tempi. Hier werden einem heutzutage solche Extreme serviert, dass Cluytens Aufnahmen direkt eine Wohltat sind. Trotzdem: hier habe ich andere Favoriten, Beethoven muss mir revolutionärer rüberkommen. Cluytens Ravel allerdings hat mir sehr gut gefallen, und ich werde mit Sicherheit mich noch weiter einhören in seine Aufnahmen. Herzlichen Dank also für den Tipp.

      Satie
      "...the only logical starting point for a genuine creative art of music -- the ear, and the manifold delights and stimuli that the ear, in conjunction with the experienced mind, can find in the exercise of imagination."
      Harry Partch
    • Hallo,

      ich habe André Cluytens in den 1960er Jahren mit diesen Aufnahmen kennen- und schätzen gelernt:

      Eine wunderbar farbenprächtige Sechste von Beethoven, weich und fließend, und in relativ flottem Tempo, ganz unfurtwänglerisch, aber faszinierend, mit den großartig aufgelegten Berliner Philharmonikern (Aufnahme: 1960, aus der GA).
      Und dieser:


      Das Requiem von Gabriel Fauré, mit Dietrich Fischer-Dieskau und einer engelgleich singenden Victoria de los Angeles. Ihr "Pie Jesu Domine" ist wahrhaft überirdisch (Aufnahme: 1962).
      Und André Cluytens ist ein Dirigent der Extraklasse, nie sich selber, sondern immer nur das Werk im Auge. Sein früher Tod war ein großer Verlust für die Musikwelt.
    • Satie schrieb:

      Trotzdem: hier habe ich andere Favoriten, Beethoven muss mir revolutionärer rüberkommen.
      Lieber Satie, Cluytens hat seinen Zyklus um 1958 begonnen. Da war die Zeit noch nicht so revolutionär. :D

      Klar macht man heute vieles anders, wagt mehr, hat andere Einsichten, hat auch ein weiteres Interpretationsspektrum zur Verfügung. Das Revolutionäre bietet er natürlich nicht, konnte es eben auch nicht. Aber als einen Gegenpol zur damaligen Sicht v.a. von Furtwängler, Klemperer, Walter und kurz danach auch HvK finde ich ihn sehr beeindruckend.

      LG Falstaff
    • Falstaff schrieb:

      Satie schrieb:

      Trotzdem: hier habe ich andere Favoriten, Beethoven muss mir revolutionärer rüberkommen.
      Lieber Satie, Cluytens hat seinen Zyklus um 1958 begonnen. Da war die Zeit noch nicht so revolutionär. :D
      Wirklich? Ich meine, Beethoven war doch schon um 1800 revolutionär...Das Lasalle Quartett hat ihn auch schon in den ausgehenden 50ern so gespielt, aber es kann natürlich schon sein, dass die Orchester so weit noch nicht waren, ich kenne zu wenige ältere Aufnahmen. Aber z.B. die Fünfte: wenn ich mich z.B. an Konwitschny mit dem Gewandhausorchester richtig erinnere, war das schon etwas kräftiger zugepackt und müsste auch so diese Zeit sein. Das Tempo (ich erinnere mich jetzt hoffentlich richtig) ist dort allerdings noch langsamer. Und Karajan hat alle Symphonien auch schon in der ersten Hälfte der 50er-Jahre eingespielt, und das kommt durchaus auch ruppig genug daher.
      Ah, während ich das schreibe und mir die Aufnahme noch einmal herausgesucht habe, stelle ich fest, dass er sie ja mehrfach eingespielt hat, einmal in dieser Sammlung:

      Das müsste dieselbe sein wie oben bereits gezeigt. Das ist die, die mir nicht gefällt, die ungenau und diffus klingt, aber dann habe ich diese hier gehört:

      Offenbar ist das hier mit den Wienern (zumindest zeigt mir Qobuz das so an, leider nicht das Jahr). Das ist völlig anders!! Packend und grell. Wie kommt dieser Unterschied zustande? Haben ihn die Berliner ignoriert oder die Wiener (denen sagt mans ja eher nach...."An Auftakt hat er 'gebn, aba sonst kan nennenswerten Widerstand g'leistet.")??? Verrückt.
      "...the only logical starting point for a genuine creative art of music -- the ear, and the manifold delights and stimuli that the ear, in conjunction with the experienced mind, can find in the exercise of imagination."
      Harry Partch
    • Satie schrieb:

      Aber z.B. die Fünfte: wenn ich mich z.B. an Konwitschny mit dem Gewandhausorchester richtig erinnere, war das schon etwas kräftiger zugepackt und müsste auch so diese Zeit sein.
      Lieber Satie, die Aufnahme kenne ich nicht. Aber vielleicht liegen die Unterschiede auch in den verschiedenen Herkunftsländern begründet. Einerseits die deutsche, andererseits die französische 'Schule' - wild guess. ;) Oder Cluytens selber war nicht der Typ für's Revolutionäre. Kann ja auch sein. Die HvK-Emi-Aufnahmen muss ich mal hören. Von Jahr zu Jahr tendierte er ja immer mehr zum gefälligen und durchaus oberflächlichen Sound. Mag sein, dass er in den Fifties da noch anders klang.

      Satie schrieb:

      Offenbar ist das hier mit den Wienern (zumindest zeigt mir Qobuz das so an, leider nicht das Jahr). Das ist völlig anders!!
      So weit ich weiß, hat er den Zyklus gesamt nur einmal eingespielt und zwar mit den Berlinern. Und die ist, so weit ich weiß, auch in dieser Box enthalten. Aber demnächst werde ich sie in der Hand haben und es genau überprüfen können.

      LG Falstaff
    • Falstaff schrieb:

      auf den Fauré bin ich sehr gespannt. Ich habe mir nun die Box mit seinen Aufnahmen bestellt, in der das Requiem enthalten ist. Bin sehr gespannt.
      Lieber Falstaff,

      man lernt immer noch etwas hinzu: Bis heute wusste ich nichts von einer zweiten Aufnahme des Fauré-Requiems mit Cluytens. Sie ist von 1950. Solisten: Martha Angelici (S) und Louis Noguéra (Bar). Ich kenne weder die Aufnahme noch die Solisten.
      Offensichtlich ist Warner Classics ein Druckfehler unterlaufen. Auf der Rückseite der Kassette steht unter CD 5 das Fauré-Requiem, dahinter in Klammern 1950. Als CD 58 wird ein weiteres Fauré-Requiem aufgeführt, wieder mit 1950 als Aufnahmejahr. Ich denke, dass dies die Stereo-Version von 1962 ist, mit Fi-Di und V. de los Angeles. Am Fuß der Kassette heißt es ja auch: CD 1-35 Mono, CD 35-65 Stereo. Es wird also die späte Aufnahme sein. Für mich ist sie ganz einfach große Klasse. Bin gespannt auf Deine Eindrücke.

      LG :hello Perlimplin

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Don Perlimplin () aus folgendem Grund: Berichtigung

    • Satie schrieb:

      Offenbar ist das hier mit den Wienern (zumindest zeigt mir Qobuz das so an, leider nicht das Jahr). Das ist völlig anders!! Packend und grell. Wie kommt dieser Unterschied zustande?
      Hallo Satie,

      Cluytens hat m.W. die "Pastorale" zweimal eingespielt, 1955 in Mono und 1960 in Stereo, aber beide Male mit den Berliner Philharmonikern. Beide Versionen sind in der von Dir und Falstaff angezeigten Kassette enthalten, die von 1955 auf CD 28, und die Stereo-Fassung von 1960 auf CD 47. Es würde mich sehr wundern, wenn es eine Produktion mit den Wienern gäbe.
      Soweit mir bekannt ist, hatte Cluytens seinen Berliner Zyklus 1955 mit der Sechsten begonnen und 1957 mit der Nr. 7 fortgesetzt, beide in Mono, um dann nach Einführung der Stereotechnik ab 1958 den gesamten Zyklus komplett neu aufzunehmen.
      Cluytens hat m.W. nur den Kopfsatz der Fünften mit den Wienern eingespielt, am 13.12.1958 im Großen Musikvereinssaal. Warum und wieso das Projekt nicht weitergeführt wurde, weiß ich nicht.
    • Don Perlimplin schrieb:

      Cluytens hat m.W. nur den Kopfsatz der Fünften mit den Wienern eingespielt, am 13.12.1958 im Großen Musikvereinssaal. Warum und wieso das Projekt nicht weitergeführt wurde, weiß ich nicht.
      Ah, das ist natürlich möglich, ich hatte mir aus dieser Aufnahme auch nur diesen angehört :)

      Interessant finde ich aber schon, wie extrem unterschiedlich diese Aufnahmen sind, wenn sie sogar aus dem selben Jahr stammen. Welche ist denn nun Cluytens Sichtweise (zumindest des Kopfsatzes)? Wenn es nicht noch weitere Aufnahmen der 5. unter ihm gibt, wird man das wohl schwer klären können. Das wäre jetzt echt einmal spannend...
      "...the only logical starting point for a genuine creative art of music -- the ear, and the manifold delights and stimuli that the ear, in conjunction with the experienced mind, can find in the exercise of imagination."
      Harry Partch
    • Satie schrieb:

      Wenn es nicht noch weitere Aufnahmen der 5. unter ihm gibt, wird man das wohl schwer klären können. Das wäre jetzt echt einmal spannend...
      Lieber Satie,

      mir ist nur eine Beethoven 5 von Cluytens bekannt, und zwar die aus der Stereo-GA. Den von Dir gehörten 1. Satz daraus mit den Wiener Philharmonikern kenne ich nicht, deshalb habe ich keine Vergleichsmöglichkeit.
      In einer alten Kritik (von 1962) zu der Berliner Aufnahme der Fünften heißt es: " .... so habe ich auch das Gefühl, als ob der hochbegabte, aber vielleicht etwas äußerlich brillante Cluytens mit einem Orchester von minderer Qualität argen Schiffbruch erlitten haben würde: die erfahrenen Berliner können nicht verhindern, daß er sie an den Rand des Abgrunds der Extravaganzen bringt, aber sie haben sich nicht von ihm über diesen Rand hinausdirigieren lassen, .... doch wer an der allzu jugendlichen, ja, abenteuerlustigen Art von Cluytens Gefallen findet, wird bei ihm auf seine Kosten kommen."

      Ich habe die Aufnahme noch einmal durchgehört. Von "Abenteuerlust" kann ich da nicht viel verspüren; es ist eine sehr lebendige, frische, ganz unpathetische Interpretation, mit einigen durchaus sinnvollen Tempomodifikationen. Auch seine Tempi fallen nicht aus dem Rahmen: 1. Satz 8.24/2. 9.51/3. 5.28/4. 9.03 min. Im Kopfsatz wiederholt er die Exposition.
      Vielleicht wirkte 1962 noch manches abenteuerlich, was wir heute ganz anders empfinden. Wer Furtwänglers gewaltige Aufnahme von 1952 mit den Wiener Philharmonikern (EMI) im Ohr hat, mag bei Cluytens vielleicht Bedenken anmelden. Mir gefällt seine Lesart ausgesprochen gut.


      LG, Perlimplin

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Don Perlimplin () aus folgendem Grund: Ergänzung

    • Don Perlimplin schrieb:

      Bis heute wusste ich nichts von einer zweiten Aufnahme des Fauré-Requiems mit Cluytens. Sie ist von 1950. Solisten: Martha Angelici (S) und Louis Noguéra (Bar). Ich kenne weder die Aufnahme noch die Solisten.
      Lieber Don Perlimplin, Martha Angelici ist mit dabei auf Cluytens Aufnahme der Perlenfischer.



      Ich habe mir die Aufnahme auch bestellt, sie ist aber noch nicht da. Von daher kann ich zu ihr nichts sagen. Aber danach scheint er häufiger mit ihr zusammengearbeitet zu haben. Die frühere Fauré-Aufnahme war mir übrigens auch nicht bewusst. Nun bin ich also noch mehr gespannt. :)

      LG Falstaff
    • Falstaff schrieb:

      Nun habt ihr mich aber ordentlich neugierig gemacht, was den 1. Satz der 5. Beethoven aus Wien angeht. Kann man den irgendwo hören?
      Lieber Falstaff,

      leider kann ich Dir keine Bezugsquelle nennen, jedenfalls finde ich keine bei den üblichen Anbietern (jpc, Amazon).
      Der Satz wurde aber lt. Diskographie sowohl auf LP als auch auf CD veröffentlicht, und zwar:
      LP: HMV ASD 304
      CD: EMI 5852132 (2 CDs) + Warner PWCD-0036(KR).
      Als Produzenten fungierten Victor Olof und Peter Andry, beide EMI London.
      Warum das Projekt der Fünften in Wien nicht zu Ende geführt wurde, weiß ich auch nicht. Entweder war es eine Probeaufnahme, um die Technik zu prüfen, oder man hat es zugunsten der geplanten Berliner GA fallen gelassen. Es könnte sein, dass sie vielleicht in Frankreich oder den USA erhältlich ist. Bei uns scheint es nicht der Fall zu sein.
      In Cluytens' Diskographie ist mir übrigens folgendes aufgefallen: Dort wird nur eine Aufnahme der 7. Sinfonie gelistet, und zwar die aus der GA (Aufnahmeteam: René Challan/Horst Lindner; Electrola, Köln), Februar 1957, Grunewaldkirche Berlin.
      In der von Dir bestellten Kassette sind aber zwei aufgeführt, die von 1957 (CD 32) und eine von 1960 (CD 48). Vielleicht gibt das Booklet der Kassette hier Aufschluss. Jedenfalls ist in der Diskographie von einer 1960er Produktion nicht die Rede.


      LG, Perlimplin
    • Falstaff schrieb:

      Martha Angelici ist mit dabei auf Cluytens Aufnahme der Perlenfischer.
      Lieber Falstaff,

      die Cluytens-Aufnahme der "Perlenfischer" habe ich nicht; bei mir im Regal stehen nur die Aufnahmen unter Dervaux (EMI, mit Micheau und Gedda) und unter Fournet (Philips, mit Alarie u. Simoneau). Mir ist Martha Angelici kein Begriff, doch das muss nichts heißen. Vielleicht war sie hauptsächlich in Frankreich aktiv.

      Gruß und schönen Sonntag :hello Perlimplin