Was höre ich gerade jetzt - Jahr 2018

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    • Johann Sebastian Bach/Picander: Matthäus-Passion

      Solisten:
      Christoph Prégardien
      Matthias Goerne
      Chrisina Schäfer
      Dorothea Röschmann
      Bernarda Fink
      Elisabeth von Magnus
      Michael Schade
      Markus Schäfer
      Dietrich Henschel
      Oliver Widmer
      Jan Leibnitz

      Wiener Sängerknaben, Arnold Schoenberg Chor
      Concentus musicus Wien, Nikolaus Harnoncourt

      Gruß Amonasro
      Die Wahrheit nachbilden mag gut sein, aber die Wahrheit erfinden ist besser, viel besser. (Giuseppe Verdi)
    • Der große alte Bach steht immer noch hoch im Kurs. Spotify verzeichnet in diesem Jahr schon 42 Neuerscheinungen bzw. Wiederauflagen. Als Cageianer bekommt man neues Futter in bescheideneren Dosen verabreicht. Aber immerhin gibt es schon die zweite Ration zu vermelden und damit so viel wie im ganzen Jahr 2017.


      John Cage; Electronic Music for Piano
      Tania Chen (Klavier), Thurston Moore (E-Gitarre), David Toop (Klangbearbeitung), Jon Leidecker (Elektronik)
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)


    • live 1949 Berlin, Funkhaus an der Masurenallee, d. h. guter Klang.
      Fritz Lehmann dirigiert Mitgl. des Rundfunk-Sinfonie-Orchesters Berlin, den Rundfunkchor, den Knabenchor der St. Hedwigskathedrale. Als Solisten sind u. a. zu hören Helmut Krebs als Evangelist und Dietrich Fischer-Dieskau als Jesus. Keine Hip-Interpretation, trotzdem immer werkbezogen, sehr beeindruckend.

      Grüße Amadé
    • Gestern hintereinander gehört:

      Carl Philipp Emanuel Bach - Markus-Passion (vermutlich 1750er Jahre - keine Wotquenne-Nr.)

      Krisztina Laki, Sopran
      Ursula Kunz, Alt
      Peter Schreier, Tenor (auch Evangelist)
      Andreas Schmidt, Bass (auch Christus)
      Constanze Backes, Sopran (Dienerin)
      Dietmar Keitz, Bass (Hohepriester, Pilatus)
      Christoph Wagner, Bass (Petrus, Judas, Hauptmann, Kriegsknecht)
      Gächinger Kantorei, Stuttgart,
      Bach-Collegium Stuttgart - Helmuth Rilling
      (2 LPs, CBS, 1987)

      Eine Passion wie ein Schäferspiel.
      Schon der Eingangschor hebt in heiter gelöster Festtagsstimmung an. & mehrheitlich sonnig geht es weiter, es überwiegen ganz klar die Dur-Tonarten. Die Tenor-Arie "Dich, Petrus, weckt der muntre Hahn" wartet sogar mit verschmitzter Ironie auf, dazu die lautmalerisch kikerikierende Oboe. "Schrecklich harter Ausdruck. Wehe!" kommt wie eine ungestüme Rache-Arie daher. Sie wird vom selben Bass vorgetragen, der unmittelbar davor das Jesus-Rezitativ sang, in welchem das Wort über Judas fällt, es sei besser, er wäre nie geboren worden. Ich begreife also unwillkürlich auch die Worte der folgenden Arie als von Jesus kommend. Das befremdet etwas, da Rachegedanken für mich nicht zum Wesen Christi passen.
      Im Begleittext wird gemutmasst, dies sei wohl nicht als zusammenhängend aufzuführende Passion konzipiert gewesen. Die Kopien (Autographe sind (oder waren 1986) nicht erhalten) tragen Überschriften, die bestimmten Sonntagen der Fastenzeit zugeordnet sind. Zwar stellt sich ein entsprechender Pasticcio-Eindruck bei mir nicht ein. Befremdlich bleibt, wie gesagt, die fast fröhliche Stimmung. Die Turba-Chöre & die erwähnte Bass-Arie bilden da die wenigen Ausnahmen.
      Das Ensemble agiert recht homogen auf sehr hohem Niveau. Dennoch herausragend: Andreas Schmidt mit kluger Gestaltung & natürlich mit seinem edlen Gold-Timbre sowie Peter Schreier - der Archetyp eines Evangelisten - blitzsaubere Diktion, expressives Durchleben, ja Verkörpern des Geschehens & auch in schon reiferen Sängerjahren glockenklar wie eh & je. Die genannte Petrus-Verschmäh-Arie macht er zu einem Kabinettstück! Das Instrumental-Ensembel ist kein historisierendes. Wäre es eines, hätte das Ganze ein Quäntchen mehr Kontur, mehr Biss. Dies der einzige kleine Kritikpunkt an der ansonsten vorzüglichen Darbietung.

      Fazit: eine schöne, hörenswerte Passion, die nur leider keine ist. Liebliche, harmlose Geschichten in mehrheitlich heiter-melodiöser Vorklassik. Ecken, Kanten, erschütternde Abgründe: Fehlanzeige. (Muss an die 1980er DEFA-Produktion "Johann Sebastian Bachs vergebliche Reise in den Ruhm" denken: sehe Alexander May als Vater Bach vor mir, wie er Henry Hübchen (als CPE) eine Ohrfeige verpasst, nachdem er dieses Werk zu Ohren bekommt. Auch wenn diese Passion garnicht vorkommt & auch, wenn es Sebastian Kozik als Johann Christian war, der vom Vater abgewatscht wurde, aber egal).




      Carl Philipp Emanuel Bach - Passions-Kantate "Die letzten Leiden des Erlösers" Wq 233

      Barbara Schlick & Greta de Reyghere, Sopran
      Cathérine Patriasz, Alt
      Christoph Prégardien, Tenor
      Max van Egmond, Bass
      Collegium Vocale Ghent,
      La Petite Bande - Sigiswald Kuijken
      (2 LPs, deutsche harmonia mundi, 1987)

      Ganz anders dieses Werk.
      Es herrscht fast meditative Innenschau vor. Das Kernstück die ausladende, fast formsprengende Tenor-Arie "Wende dich zu meinem Schmerz". Die nicht wenigen wild-dramatischen Ausbrüche zeigen den Sturm-& Drang-Bach den ich kenne & liebe: so z. B. die Bass-Arien "Verstockte Sünder" & "Donnre nur ein Wort der Macht" & wiederum die Turba-Chöre. Vorzüglich die federnd & mit Brennschärfe aufspielende "Bande", das praktisch akzentfrei singende Collegium, der famose Christoph Prégardien & die Goldkehle von Barbara Schlick. Ein Schwachpunkt aus meiner Sicht Max van Egmond: hier fehlt ihm einfach der nötige Biss, die Gestaltungskraft. Auch klanglich bleibt er mit seinem fahlen, schwammigen Timbre blass, wie nicht fassbar. Schade bei dieser lohnenden Partie. Diesmal wird kein Evangelisten-Text vertont sondern Anna Luise Karsch. Sie kommentiert das Geschehen, es fallen kaum Zitate. Die Rollen entsprechen denn auch keinen Figuren der Leidensgeschichte. Interessant, wie sie Pilatus' im Grunde guten Kern herausstreicht & ihn als lediglich zu schwach oder als Opfer der Umstände fast verteidigt. Nicht selten wechseln die Erzähler sogar innerhalb der (phantasievollen) Rezitative.

      Insgesamt eine sehr gute, über weite Strecken herausragende Darbietung eines Meisterwerks, das in seinem ernsthaften, edlen Charakter tief bewegt. Hier (1767) hat Bach eine souveräne Reife ausgebildet.
    • Amadé schrieb:

      Funkhaus an der Masurenallee, d. h. guter Klang.
      Das wäre doch vielleicht mal einen eigenen Faden wert: "Die bestklingenden Säle" oder "Das Geheimnis der Zauberakustik". Denn wenn die von Dir gemeinte Aufnahme trotz ihres Jahrganges & trotz Mono klanglich dermassen überzeugt, dann muss das einen Grund haben. Nicht umsonst gehen Orchester für Aufnahmen gern an speziell ausgesuchte Orte: die Berliner statt in die eigene Philharmonie in die Christus-Kirche Dahlem, die Dortmunder statt in ihr Konzerthaus in die Märtmann-Kirche Aplerbeck. Die altehrwürdige Stadthalle Elberfeld hat diesbezüglich ebenfalls einen hohen Nimbus. Was macht aus einem Ort mit Boden, Decke & 4 Wänden eine Wunderbox?
    • Sfantu schrieb:




      Josef Bohuslav Foerster (1859 - 1951) - Sinfonie Nr. 4 c-moll "Veliká noc" ("Osternacht"), 1905
      Symfonický orchestr hlavního města Prahy Film Opera Koncert - Václav Smetáček (LP, Supraphon, 1970)


      Nach Penderecki & Brunner erfährt meine kleine Oster-Serie eine denkbar schroffe Kehrtwende: Zum einen hat man es bei Foerster mit einem rein instrumentalen Werk zu tun. Dann aber eben auch mit einer emotionsschwangeren Spätest-Romantik: Foerster schloss als Lehrer & Kritiker um die Jahrhundertwende in Hamburg Freundschaft mit Gustav Mahler. & das dringt in diesem Werk offenkundig durch. Auch werden Anklänge an, Humperdinck & Dvořák, stellenweise sogar Skrjabin hörbar.
      Die 4 Sätze tragen programmatische Titel: I. "Kreuzweg". Bewegte Thematik spiegelt den Widerstreit von Gut & Böse. II. "Kartfreitag eines Kindes": Der scherzoartige Satz wartet mit allerlei Folkloristischem auf - der stellenweise heiter-verspielte Grundton mag auf den ersten Blick nicht so recht zum tragischen Grundkontext passen. Foerster wählte aber selbst den Untertitel "Karfreitag eines Kindses". Laut Klappentext sei dies eine Anspielung auf österliche Festtagsbräuche & Kindheitserinnerungen. III. "Zauber der Einsamkeit" wird als inbrünstiges Gebet & als Evokation Christi im Garten von Gethsemane gedeutet. IV. "Sieg des Karsamstags": Heldische Motivik im Sinne Mahlerscher Erlösungs-Dramen wird effektvoll von einem Paukenschlag unterbrochen. Hierauf baut sich, von der Orgel ausgehend, eine hymnische Apotheose auf, die unter dröhnender Kathedralen-Kuppel im vollen Orchester ihren triumphalen Abschluss findet.
      Das Ganze geht für mich in Ordnung, rufe ich mir den übergeordneten Kontext ins Bewusstsein: Christi Sieg über alles Irdische. Denn rein stilistisch ist Foerster gerade in diesem Finalsatz doch wieder sehr nahe an Mahler (mit dem ich immer schon meine Mühe hatte/habe). Bei Mahler steht hinter allem Weltumspannenden am Ende doch immer ein selbstmitleidtrunkener Ich-Schrei - hier darf man wenigstens nominell ein höheres Prinzip als Leitgedanken annehmen (Foerster mag es als tiefgläubiger Christ wohl ernst gemeint haben).


      Mag ich diese Musik: Ja. Die übergeordnete Klammer Ostern lässt die Dramaturgie sinnfällig erscheinen. Die in mir schlummernden Mahler-Allergene kauern somit knapp unter der Aktivierungsschwelle...
      Die Scheibe lag heute erneut auf meinem Plattendreher.

      Weshalb? Zur Selbsttherapie - bevor mein Mahler-Problem noch pathologische Züge annimmt. Denn wie albern ist das denn?: wieder & wieder weniger bekannte Komponisten allein an dem zu messen, was sie von berühmten Zeitgenossen unterscheidet. Oder was sie mit ihnen verbindet. Wie gerecht ist es bspw., Richard Strauss, Gustav Mahler, Alexeij Skrijabin, Josef Suk usw. usf. als Messlatten neben jemanden zu setzen, der bisher nicht als stil-oder epochebildend galt - aus welchen Gründen auch immer? Ist Bekanntheit perse bereits ein Qualitätsmerkmal? Wer sagt z. B., dass Mahler als Kollege & Freund zu Hamburger Zeiten stilbildende Impulse nicht von Foerster erhielt als (wie man aufgr. der heutigen Popularität anzunehmen geneigt ist) umgekehrt? Wenn es mir gelingt, mich zu diesem Punkt durchzuringen, dann wird meine Sichtweise vielleicht eine andere.
      Dann konstatiere ich hohe Instrumentationskunst, kluges Mass der Proportionen, geschickten Einsatz der Mittel zur Erzeugung von Emotionen um eine Geschichte packend & überzeugend zu transportieren.
      Dann erscheint es in einem neuen Licht, wenn die Leidensgeschichte hier im Hollywood-Stil daher kommt. Stimmt meine vorherige mentale Einstimmung, dann spricht mich am Ende auch das Ergebnis an.

      Foerster steht stellvertretend für viele: mein Regal ist davon über die Jahre angefüttert worden, die Auseinandersetzung damit wurde aber auf den Sankt Nimmerleins-Tag verschoben. & so konnte dank eines entsprechenden Urknalls auch Folgendes endlich mal erkundet werden:



      "Ze Shakespeara"("aus oder von Shakespeare"), Sinfonische Dichtung op. 76
      "Jaro a touha" ("Frühlingszeit & Sehnsucht"), Sinfonische Dichtung op. 93

      Symfonický orchestr hlavního města Prahy Film Opera Koncert - Václav Smetáček
      (LP, Supraphon, 1986)



      2. Violinkonzert op. 104
      Capriccio für Flöte & Orchester op. 183b

      Libor Hlaváček, Vl., Oldřich Slavíček, Fl.,
      Symfonický orchestr Českého rozhlasu - Václav Jiráček
      (LP, Supraphon, mono. Kein Aufnahmejahr angegeben)

      Ich bin froh, dass es endlich mal eine Initialzündung gab, diese Platten aufzulegen.
      Meine ersten Eindrücke sind noch frisch, brauchen Zeit, um sich zu setzen. Allenthalben höre ich hochromantische, emotionsbetonte Musik, die vor allem Stimmungen transportiert. Das Violinkonzert (entstanden über einen Zeitraum von 1918 bis 26) tönt bereits einen Schritt abgeklärter. Das Cappriccio zitiert mehrfach das Hauptthema des Kopfsatzes aus Dvořáks Cellokonzert. Die Interpretationen erscheinen mir durchweg stimmig. Die Flamme der Emphase ist konstant (wenn auch wohltuend etwas kleiner als in der Osternacht-Sinfonie). Ausser den erwähnten Zeitgenossen klingen hie & da auch Debussy oder ein weiter gedachter Dvořák durch...Herrgott! Jetzt bin ich ja schon wieder beim Vergleichen!

      Foerster lohnt sich!


    • Hector Berlioz:

      L'Enfance du Christ

      Marie - Susan Graham
      Joseph - François Le Roux
      Le Récitant - John Mark Ainsley
      Hérode - Philip Cokorinos
      Le Père de famille - Andrew Wentzel
      Un Centurion - Gordon Getz
      Polydorus - Marc Belleau

      Sara la baigneuse

      Hélène

      La Belle Voyageuse (mit Susanne Mentzer)

      Quartetto e coro dei maggi

      Chant sacré (mit John Mark Ainsley)

      Chœur de l'Orchestre symphonique de Montréal
      Orchestre symphonique de Montréal, Charles Dutoit

      Gruß Amonasro
      Die Wahrheit nachbilden mag gut sein, aber die Wahrheit erfinden ist besser, viel besser. (Giuseppe Verdi)
    • Sfantu schrieb:

      Denn wie albern ist das denn?: wieder & wieder weniger bekannte Komponisten allein an dem zu messen, was sie von berühmten Zeitgenossen unterscheidet. Oder was sie mit ihnen verbindet. Wie gerecht ist es bspw., Richard Strauss, Gustav Mahler, Alexeij Skrijabin, Josef Suk usw. usf. als Messlatten neben jemanden zu setzen, der bisher nicht als stil-oder epochebildend galt - aus welchen Gründen auch immer? Ist Bekanntheit perse bereits ein Qualitätsmerkmal?
      Bekanntheit perse ist kein Qualitätsmerkmal, so wie Unbekanntheit per se nicht auf fehlende Qualität schließen lässt. Sich an den Unterschieden zu berühmten Zeitgenossen zu orientieren, ist für eine Einordnung nicht verkehrt - das, was anders ist, reflexartig als Mangel zu kategorisieren, ist der Blödsinn, der sich quer durch die Rezeptionsgeschichte zieht. Aber da kann man wohl nichts mehr ändern. Der Kanon steht unerschütterlich und auch in der Zeit, in der Musik all-verfügbar geworden ist und Neuerkundungen und -bewertungen für jeden ein Leichtes sind, hört man sich lieber die 279. Neuaufnahme eines der üblichen Verdächtigen an, als dass man mal jemandem, der bisher nicht als stil- oder epochebildend galt, wenigstens mal eine Chance gibt. So? Schulterzucken und Weitertherapieren!

      Hier läuft gerade:


      Frank Zappa; Civilization Phase III
      Ensemble Modern, Frank Zappa (Synclavier, Samples)
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

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    • Georg Philipp Telemann - Matthäus-Passion (1746)

      Wilfried Jochens, Tenor (Envagelist)
      Klaus Mertens, Bass (Jesus)
      Sebastian Hübner, Tenor (Petrus)
      Christoph Burmester-Streffer, Tenor (Judas)
      Uwe Czyborra-Schröder, Altus (1. Zeuge)
      Koen van Stade, Bass (2. Zeuge)
      Bernhard Scheffel, Tenor (Caiphas)
      Ekkehard Abele, Bass (Pilatus)
      Rheinische Kantorei
      Das Kleine Konzert - Hermann Max

      (CD, Capriccio, 1999)

      Aufs neue eine Passion der Leichtigkeit. Alles ist betont kleingliedrig gefügt, kaum eine Nummer überschritet einmal 5 min Spieldauer. Dies erwartungsgemäss in den Arien, in denen fast durchweg reizvolle Instrumental-Soli mit dem Sänger wettstreiten. Dies dann auch der Pluspunkt für meinen Geschmack. Sicher, man bekommt höchste Qualität in Erfindung, gediegener Komposition & Klangpracht geboten - Telemann eben. Vieles klingt mir angesichts der Leidensgeschichte aber zu freudig & passt oftmals eher in eine Huldigungs-Kantate für einen noblen Auftraggeber, in der repräsentativen, prachtvollen Manier des nordostdeutschen Barock.
      Jochens ist ein guter aber kein überragender Evangelist. Es fehlt eine Portion deklamatorische Schärfe, um dem Geschehen die angemessene Spannung zu verleihen. Klaus Mertens dagegen ein Abgeklärtheit ausstrahlender Christus mit kernigem Timbre.
      Die übrigen Beteiligten verdienen sicher ein Gut bis Sehr gut.
      Unfreiwillig komisch der Chor in Nr. 11 (Track 11) "Wehe, Aufruhr, eilet, helfet!". Durch die hastig zu repitierenden Worte stellt sich der Eindruck ein, den damals ein Rezensent (FonoForom oder Rono muss es gewesen sein) sehr treffend als von einem "in Aufregung geratenen Kaffeekränzchen" beschrieben hat.

      Also: musikalisch wert- & reizvoll (kenne nichts von Telemann, auf das dies nicht zuträfe): ja!
      Eine angemessen würdevolle Passion?: leider nein.





      Georg Philipp Telemann - Matthäus-Passion (1730)

      Sena Jurinac, Sopran
      Theo Altmeyer, Tenor (Evangelist)
      Horst Günter, Bariton (Jesus)
      Franz Crass, Bass
      Festival-Chor Luzern
      Schweizer Festival-Orchester - Kurt Redel

      (2 LPs, Philips, ca. 1965)

      Gleich die einleitende Sinfonia macht unmissverständlich klar, dass hier eine bodenlose Tragödie heraufzieht. Das Werk ist von feierlichem Ernst durchzogen, die gesamte Anlage breiter, gesetzter, ausladender. Bisher noch nicht so emphatisch gehört wie in dieser Version: Judas' Szene des Erkennens & Eingestehens der eigenen Schuld - passend mit "Furioso" überschrieben. Auch die Stelle gegen Ende mit dem zerreissenden Vorhang, der bebenden Erde & den brechenden Felsen kommt hier ebenfalls herrlich plastisch mit Donnergrollen daher: wilde Streicher-Tremoli & Paukenwirbel. Sehr anrührend die Sopran-Arie "Lass Dich bitt're Tränen netzen". Interessant, dass bei den Nummern in etwas aufgehellterer Stimmung oftmals Traversflöten & Piccoli die stimmführenden Geigen verstärken - so, wie häufig sonst etwa bei Rameau zu hören - sehr reizvoll!
      Für mich besonders hervorzuheben: Franz Crass & Theo Altmeyer mit jeweils souveräner, fast mustergültiger Gestaltung. Crass steht hier auch stimmlich noch in Saft & Kraft. Altmeyer formt seinen Part exzellent, man lässt sich gern von ihm durch diese Geschichte leiten. Allerdings ist er entweder stimmlich vergleichsweise schmalbrüstig oder aber von der Klangregie benachteiligt. Auch die anderen Solisten sind zu sehr im Hintergrund, verfügen aber wohl einfach über Organe mit mehr Durchschlagskraft. Schade: Horst Günter verkörpert mit seinem nicht besonders attraktiven, altväterlichen Stimmklang keinen Mittdreissiger.
      Chor & Orchester sind tadellos, der Klang (bis auf die erwähnte Disbalance) voll, durchsichtig, geschmeidig. Organische Tempi, alle sind bei Redel in kundigen, sicheren Händen.

      Wie kam es nur zu derart unterschiedlich geratenen Passions-Geschwistern? Auch das ältere Werk ist bereits in Telemanns Hamburger Zeit entstanden. Gut, es liegen 16 Jahre dazwischen. Vielleicht gab es unterschiedliche Auftraggeber? Die Booklets enttäuschen: bei Capriccio wird lang & breit über die neue Art der Rezitativ-Komposition in der 1746er Passion doziert, über die Entstehungsgeschichte erfahre ich nichts. Bei Philips (nur auf französisch & eine etwas sparsame Low-Budget-Auflage) wird auf derartige Unterschiede in Telemanns Passionen nicht ausreichend eingegangen.

      Die Pistole auf die Brust, entscheide ich mich - trotz der Einschränkungen - klar fü die 1730er-Version.
    • Also lieber Sfantu, ich fände es jammerschade wenn diese wunderbaren Besprechungen allesamt bald im Geradehör-Nirvana untergingen. Wie wäre es mit einem Faden "Passionsmusiken abseits des Mainstream" oder so, wo man die hinkopieren und später wiederfinden könnte?
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)
    • Zuerst Bach, dann Bizet:



      Johann Sebastian Bach: Brandenburgische Konzerte

      Il Giardino Armonico, Giovanni Antonini



      Georges Bizet/Louis Gallet: Djamileh

      Djamileh - Lucia Popp
      Haroun - Franco Bonisolli
      Splendiano - Jean Philippe Lafont
      Hassan - Jacques Pineau

      Chor des Bayerischen Rundfunks
      Münchner Rundfunkorchester, Lamberto Gardelli

      Dieser trotz prominenter Fürsprecher (Mahler, Strauss) in Vergessenheit geratene Einakter setzt wie die Perlenfischer ganz auf den exotischen Schauplatz (Kairo). Die Handlung ist kaum der Rede wert und aufgrund der bei dieser Aufnahme gestrichenen Dialoge nur schwer zu entschlüsseln, bietet aber Anlass zu orientalischen Klängen (oder was man dafür hielt), tanzenden Haremssklavinnen, etc. Nach einer sehr schönen Ouvertüre und einer stimmungsvollen, von einem Frauen(Nilschiffer?)-Chor eingerahmten Arie Harouns (mit "Harouns Traum" überschrieben) fällt die Oper musikalisch etwas ab. Auf einen herausragenden Moment wie z.B. das Perlenfischer-Duett wartet man leider vergeblich.

      Gruß Amonasro
      Die Wahrheit nachbilden mag gut sein, aber die Wahrheit erfinden ist besser, viel besser. (Giuseppe Verdi)
    • Ich hatte diese Achte ewig nicht mehr gehört (so wie Mahler allgemein -außer LvE- kaum noch den Weg in meine Ohren findet), aber ich erinnere mich, dass wir uns vor ein paar Jahren schon mal drüber ausgelassen haben (-> da).
      Die Quintessenz gilt heute noch genau so: Eine Aufnahme der Achten wird mir niemals wegen der Sänger gefallen, sondern trotz der Sänger und musikalisch reißt Tabakov die Ungereimtheiten der Vokaldarbietung mehr als raus.
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)