Oper als 'Einstiegsdroge'

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    • Oper als 'Einstiegsdroge'

      Ich habe ein kleines Problem.

      Regelmäßig treffe ich mich mit Freunden, zum, wie ich es nenne, 'Sinfonikertreffen'. Dort hören wir 'blind' Stücke der klassischen Musik ohne das uns das Werk oder der jeweilige Interpret vorher genannt werden. Wie allerdings die Bezeichnung dieses Treffens schon deutlich macht, handelt es sich v.a. um Freunde der Instrumentalmusik, v.a. der ab Beethoven bis in die direkte Gegenwart. Das Opernfähnchen halte eigentlich nur ich hoch.

      Nun ergab es sich, das bei unserem letzten Treffen (ich präsentierte dabei u.a. das Finale 2. Akt 'Meistersinger') an mich der Wunsch heran getragen wurde, ich möchte doch einmal einen ganzen Abend gestalten und dabei eine gesamte Oper mit allen Hintergründen vorstellen, d.h. Entstehung, Quellen, Handlung, musikalischen Beispielen, Vergleichen etc.

      Und hier nun mein Problem. Was nehme ich???? Einerseits will ich sie nicht abschrecken, andererseits auch nicht langweilen, sondern versuchen sie von Oper und Gesang zu begeistern. Die ganze Runde ist eben auch durchaus anspruchsvoll. Da gibt es literarisch Interessierte, einen Komponisten, einen Philosophen, einen Dirigenten, eine aktive Chorsängerin (allerdings nur Oratorien) und mich als Operndeppen. Natürlich habe ich Ideen, aber eigentlich schwanke ich ständig hin und her. Die 'Bohème' oder die 'Traviata' als Einstiegsdroge finde ich eigentlich hervorragend, aber ich befürchte, der musikalische Gehalt wird sie womöglich abschrecken. 'Fidelio', 'Elektra', 'Giovanni', 'Meistersinger' waren meine Favoriten. Wobei ich nun auch noch 'Faust Verdammnis' oder 'Cavalleria Rusticana' (das nächste Treffen findet am Wochenende nach Ostern statt) heranziehen würde.

      Aber ich bin mir weiterhin absolut nicht sicher. Es soll packen und trotzdem alle 'Geschmäcker' (s.o.) befriedigen und letztlich will ich überzeugen und nicht abschrecken oder bestehende Vorurteile vertiefen.

      Habt ihr noch irgendeine Idee? Fällt euch spontan etwas ein? Voraussetzung ist einfach: vielschichtige Handlung, anspruchsvolle Musik, mitreißend und süchtig machender Gesang. Nicht mehr, nicht weniger. ^^

      Ich wäre für jeden Hinweis dankbar.

      :hello Falstaff
    • Wenn das "Zielpublikum" so heterogen und seine Interessen so verschieden sind, dann würde ich eher mit einer Oper beginnen, die logisch nicht so leicht (oder gar nicht) zu entschlüsseln ist: "Die Zauberflöte". Natürlich spielt da meine subjektive Erfahrung herein. Mehr als Lortzing und Rossini, mit denen ich ältere Erfahrungen hatte, ist Mozart dafür verantwortlich, daß ich - dem Himmel Dank! - zum Opernnarren geworden bin.
    • Das ist eine sehr gute Frage!

      Welche "klassische" Musik hört Ihr denn sonst so? Und: Soll auch der Entertainment-Teil nicht zu kurz kommen? Wie lang soll die Einführung sein, wie lang die Musik, wie lang die Nachbesprechung?

      Eher komische Oper oder eher "Seria"? Eher Barock oder eher Klassik oder eher Romantik?

      Ansonsten könnte ich neben der Zauberflöte als Einstieg auch sehr gut den Figaro (Mozart) empfehlen: Immerhin sind die Melodien bestens bekannt, so daß "repetita placent" zum Zuge kommen dürfte.
      --
      "Die grösseste Schwierigkeit eines andern Arbeit auszuführen, bestehet wohl darin, daß eine scharffe Urtheils-Krafft dazu erfordert werde, fremder Gedancken Sinn und Meinung recht zu treffen. Denn, wer nie erfahren hat, wie es der Verfasser selber gerne haben mögte, wird es schwerlich gut heräus bringen, sondern dem Dinge die wahre Krafft und Anmuth offt dergestalt benehmen, daß der Autor, wenn ers selber mit anhören sollte, sein eigenes Werck kaum kennen dürffte."
      (Mattheson)
    • Als bekennender Opernmuffel muss ich diejenige vorschlagen, die selbst bei mir immer wieder den Weg in die Lautsprecher findet: Bela Bartok; Herzog Blaubarts Burg. Die ist auch nicht so fürchterlich lang und die literarisch Interessierten und Philosophen dürften damit gut bedient sein.
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)
    • Zunächst ganz herzlichen Dank für eure Tipps.

      So wie ich die Gruppe kenne, wäre sogar der Bartok eine gute Wahl, weil dieser Komponist extrem gerne gehört wird. Allerdings (noch) nicht ganz so sehr von mir. :)

      Ich hatte 5 Opern zu Auswahl gestellt. Elektra 2x, Fidelio 2x, Meistersinger 2x, Carmen 0x und Traviata 1x. Das half mir also auch nicht weiter. Deshalb tendiere ich zu einer völlig anderen Oper. Blaubart oder auch die Cavalleria wären schön kurz, Giovanni dagegen so unendlich reichhaltig, aber auch entsprechend länger.

      Zum Glück habe ich noch drei Wochen Zeit. :D

      :hello Falstaff
    • Werter Sir John,

      das klingt tatsächlich nach einer verzwickten Aufgabe...nur - allen recht machen wird man es eh nicht können. Deine Vorauswahl enthält mit Carmen & der Traviata immerhin Kandidatinnen, die mit Ohrwürmern aufwarten, die jeder kennt. Den Giovanni & die Meistersinger fände ich ebenfalls zu lang.

      Könnte ein Werk unserer Zunge die Hürden niedrig halten? Dann führte mein erster Gedanke entweder zu Tiefland: eine packende Story im Gewand eines deutschen Verismo, nicht zu lang, mit einer Portion Symbolik & Naturphilosophie & einer klugen, wirkungsvollen Dramaturgie.

      Oder tatsächlich zum Schreifritz. Aufgrund seiner aggressiv betriebenen Dauerpräsenz in unserem Forum ist man fast geneigt, Weber grundsätzlich zu meiden. Allein - die zu Dialog & Kritik unfähige Propaganda eines einzelnen [gelöscht; Satie] sollte den posthum wehrlosen CMvW nicht per se in Misskredit bringen. Belangloses & Geniales kennzeichnen sein Gesamtwerk ebenso wie diese Oper selbst. Lässt man aber den etwas einfältigen Jungfernkranz-Chor oder den Ännchen-Part etwas im Hintergrund, dann treten hier doch so einige Trouvaillen zu Tage, die ich zu den einsamen Höhepunkten der Gattung rechne: den zündenden Viktoria-Chor, Maxens & Kaspars Arien & mit der Wolfsschlucht-Szene eine gute Viertelstunde pure Gänsehaut-Dramatik, die (Carlos Kleibers Aufnahme vorausgesetzt) für mich zu den Einsame-Insel-Momenten der
      gesamten Operngeschichte zählt.

      Soll es eher etwas Moderneres sein, zögere ich nicht, Peter Grimes zu empfehlen. Ein (vergleichsweise) Neutöner mit einem Stück, das packt & unter die Haut geht! An Jon Vickers in der Titelrolle (unter Colin Davis auf Philips) führt hier aus meiner Sicht nichts vorbei.

      Wie auch immer du dich entscheidest - ich beneide dich um eine solche Runde an Enthusiasten,
      mit denen man so etwas gemeinsam erleben kann!!!

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Satie () aus folgendem Grund: Persönlicher Angriff

    • Sfantu schrieb:

      Aufgrund seiner aggressiv betriebenen Dauerpräsenz in unserem Forum ist man fast geneigt, Weber grundsätzlich zu meiden.
      :rofl :rofl :rofl

      Lieber Sfantu, Tiefland ist ein wunderbarer Tipp. Daran hatte ich überhaupt nicht gedacht. Werde ich mal verinnerlichen. ;)
      Auch Peter Grimes ist nachdenkenswert, v.a. weil Britten in der Runde eigentlich immer gut ankommt. (Und bei mir sowieso.)

      An den 'Schreifritz' hatte ich auch sofort gedacht. Eine Oper, die ich trotz des obigen Zitates weiterhin unendlich liebe. Erst gestern hörte ich die Janowitz aus der Kleiber-Aufnahme nochmal und dachte, wer da nicht zum Opern-Fan wird, dem ist auch nicht mehr zu helfen. ^^

      Zudem gibt es neben Kleiber jun. ja auch noch den Senior, dann Keilberth und Furtwängler. Alles Dirigenten, die dort sehr anerkannt sind. Die Verstörung hielte sich also in Grenzen. :D

      Oh je, oh je, ich merke, die Entscheidung wird nicht einfacher.

      LG Falstaff
    • Hallo!

      Deine ursprüngliche (Vor-)Auswahl finde ich eigentlich gar nicht so schlecht, daraus würde ich die "Carmen" nehmen, eingängige temperamentvolle Musik, tolle Arien und leicht genug für Einsteiger.

      Zu überlegen wäre allenfalls noch ob du nicht gleich den Video-Mitschnitt einer Aufführung präsentiertst da gerade für Opern-Anfänger die Musik ohne das Bild nur eine habe Sache darstellt und erstmal das Verständnis deutlich erschwert.

      MFG Günther
    • Lieber Günther,

      die Carmen hatte ich damals vorgeschlagen, aber so richtig sprang niemand darauf an. Leider!!!

      An DvD's hatte ich auch schon gedacht. Da meine Sammlung diesbezüglich aber mehr als überschaubar ist (ich schaue eigentlich nie Opern auf DvD), würde ich deshalb eher zum Giovanni tendieren. Den habe ich sogar 2x als Film. ^^

      Natürlich ist er verdammt lang, bietet ja aber inhaltlich so unendlich viel Möglichkeiten.

      Ansonsten kämen rein von den DvD's bei mir nur noch Rosenkavalier, Holländer oder Zar und Zimmermann in Betracht. Rosenkavalier hätte dann wiederum den Vorteil, dass ich auch das Hörbuch des reinen Textes habe. Aber ich kenne die Meinung der anderen zu Strauss jenseits von Elektra und Salome. ;(

      LG Falstaff
    • Falstaff schrieb:

      An den 'Schreifritz' hatte ich auch sofort gedacht. Eine Oper, die ich trotz des obigen Zitates weiterhin unendlich liebe. Erst gestern hörte ich die Janowitz aus der Kleiber-Aufnahme nochmal und dachte, wer da nicht zum Opern-Fan wird, dem ist auch nicht mehr zu helfen. ^^
      Da es unwahrscheinlich ist, dass die Leitungen im Alter länger werden, liegt wahrscheinlich an den sich lösenden Verbindungen, jedenfalls habe ich eine ganze Weile gebraucht, bis ich geschnallt habe, was der Schreifritz ist. Ich lasse mir ja gerne helfen und so habe ich mir das gestern gegeben. Ich kann schon verstehen, warum es heißt, CMvW würde auf Wagner vorausweisen, nur ist das für mich überhaupt nichts positives - deshalb zuckte in den ersten Minuten der Finger mehrmals Richtung "Stop"-Icon. Als diese kritische Anfangsphase überwunden war, fand ich es eigentlich ganz unterhaltsam und bin bis zum Schluss dabeigeblieben. Zum Opern-Fan werde ich allerdings nicht, insofern bin ich wohl wirklich ein hoffnungsloser Fall. ^^
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Cetay ()

    • Hallo!


      Falstaff schrieb:

      ...würde ich deshalb eher zum Giovanni tendieren....


      Hmm, M.E. wie viele Mozart Opern für Anfänger zu unübersichtlich und -denke ich mal-, auch zu "klassisch". Eine Oper wie "Carmen" hat für das ungeübtere Ohr die mitreißenderen Themen und ist gesanglich gesehen für ungeübte auch moderater.

      Falstaff schrieb:

      ....Holländer oder Zar und Zimmermann....


      Auch hier finde ich das "Material" nicht unbedingt Opern-Newcomer geeignet.


      Die letzte Antwort gibt natürlich immer das Experiment, aber ich habe gelernt hier sehr vorsichtig vorzugehen und biete eher Werke wie z.B. Peer Gynt von Werner Egk, eben Carmen oder auch Paul Hindemiths Cardillac an, -notfalls auch noch Carl Orffs Antigonae wobei letztere schon eher grenzwertiges "Material" darstellt.


      Das Thema ist und bleibt schwierig und eine Patentlösung gibt es hier nicht aber wenn schon Wagner dann doch eher den Tristan odeer die Walküre.


      Der Rosenkavalier kämme aus deiner Video-Vorauswahl für mich als einzige Oper in Betracht aber R. Strauß ist leider eine recht orpulente Sache die Anfängern möglicherweise nicht so recht liegt.


      MFG Günther
    • Lieber Günther, es ist schon toll, wie viele von euch sich Gedanken machen. Ganz großen Dank an euch alle.

      Ich bin mir gar nicht sicher, ob Mozart für die Runde zu 'klassisch' ist. Bis auf einen mögen ihn alle, halt nur jenseits der Oper. Grundsätzlich denke ich, dass man wohl nur zum Opern-aficionado wird, wenn es einen richtig im Bauch trifft. Von daher ist die 'Bohème' vielleicht die beste Einstiegsdroge. Allerdings sind die Mitglieder der Runde musikalisch recht anspruchsvoll. Und von daher will auch die intellektuelle Seite gefüttert werden.

      An die Carmen hatte ich auch gedacht, sie auch als Vorschlag eingebracht. Allerdings traf dies auf keinerlei Gegenliebe, weshalb ich davon Abstand genommen habe.

      'Peer Gynt' oder 'Cardillac' kenne ich selber viel zu wenig, hätte also Probleme sie überzeugend darzubieten. Zudem habe ich keine Aufnahmen davon.

      'Tristan' ist natürlich auch bei mir immer wieder 1. Wahl. Da gehe ich nochmal in mich.

      Der 'Rosenkavalier' hat traumhafte Stellen (die ich teilweise schon vorgestellt habe), aber dazwischen empfinde ich ihn selber als durchaus langatmig. Ich müsste ihn dann eher als 'Großen Querschnitt' präsentieren. Aber eigentlich denke ich, dass ich nach und nach bei den jeweiligen Treffen die anderen 'Highlights' separat vorstellen werde.

      Der 'Giovanni' hat eben nicht nur die unglaubliche Musik, sondern auch die geradezu unauslotbare Figurenkonstellation, die auch ins Philosophische und Religiöse gehenden Deutungsmöglichkeiten. Er ist halt nur verdammt lang und vielleicht hat auch die Musik für diese Hörer nicht genug sinnliche Qualitäten. Da muss ich nochmal nachdenken. Ich hab ja noch bis Samstag Zeit. :)

      LG Falstaff
    • Lieber Falstaff, meiner bescheidenen Meinung nach machst du dir das Leben der Auswahl viel zu schwer, auweia die sind so intellektuell da kann man das nicht bringen, ach und ein paar mögen keinen Mozart, der mag das nicht da kann ich das nicht bringen, der andere mag jenes nicht usw.!
      Wenn sie mal ne Oper hören wollen dann gehe doch von dir aus, und suche aus was dir gefällt!
      Meine erste Oper die ich in meinem damaligen Klassik Zirkel vorstellte und erklärte, die waren auch zu 90% keine Opernfreunde, war Glucks Orfeo ed Euridice in zwei verschiedenen Fassungen franz. u.ital. das hat unglaublich gut gefallen!

      Aber du entscheidest ;) !
      Du musst dich ja auch noch etwas vorbereiten! Oder!?

      LG palestrina
      „ Die einzige Instanz, die ich für mich gelten lasse, ist das Urteil meiner Ohren. "
      Oolong