Mozarts 'Don Giovanni' - was geht da eigentlich ab?

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    • Mozarts 'Don Giovanni' - was geht da eigentlich ab?



      Rein handlungsmäßig ist mir natürlich klar, was in einer der Opern aller Opern abgeht. Das meine ich aber auch nicht. Was ich hier einmal zur Diskussion stellen möchte ist das Verhältnis der Figuren zueinander. All die 'ewigen' Fragen.

      Wie seht ihr das?

      - Hat Donna Anna nun oder nicht, bzw. möchte sie es eigentlich?
      - Was für ein Typ ist eigentlich Don Ottavio?
      - Was treibt Donna Elvira eigentlich an?
      - Welches Verhältnis hat Leporello zu Don Giovanni?
      - Ist Don Giovanni nur ein 'einfacher' Lüstling oder steckt da mehr dahinter?
      - Sind Zerlina und Masetto 'nur' weitere Opfer oder gibt es da noch weitere Beziehungen?
      - Was genau ist der Antrieb der meisten Handelnden sich an Don Giovanni zu rächen?

      Und..., und..., und.... Ich bin mir sicher, dass es noch weitaus mehr interessante Fragen gibt. Letztlich natürlich auch nach den philosophischen Ausrichtungen dieses Werkes. Aber die möchte ich, so weit es geht, hier zunächst ausklammern. Vielleicht erst einmal nur die Personen und ihr Verhältnis zu- und untereinander.

      :hello Falstaff
    • Beginnen wir mit der Titelfigur: Die ist ist nicht so einfach zu charakterisieren, weil sich in Don Giovannis Persönlichkeit der Übergang von der ancien monde zur "modernen" psychologischen Durchdringung und Problematisierung spiegelt. Einerseits ist er der traditionelle Aristokrat, für den gemäß der geltenden Weltordnung erlaubt ist, was gefällt, ohne daß er sich deswegen Gewissensbisse machen muß (und erinnern wir uns etwa an den jungen Goethe, für den flüchtige sexuelle Abenteuer offenbar auch etwas Selbstverständliches waren, ohne daß er etwas Verwerfliches daran fand), andererseits ist er ein - innerlich unsicherer - Suchender, der keine wirkliche Erfüllung findet. Zielsicher hat diese Seite seines Wesens Grabbe in seinem Drama "Don Juan und Faust" weiterentwickelt: So taumel' ich von Begierde zu Genuß und im Genuß verschmacht' ich nach Begierde. Wesentlich für Don Giovanni bleibt aber seine Ich-Bezogenheit - zum Unterschied von einem Casanova, der seine Partnerinnen - wenn's stimmt - bewußt glücklich machte. Für Giovanni genügt es offenbar, wenn seine Genossinnen letztlich keinen großen Abscheu verspüren, wobei der Reiz anfänglichen Widerstands zum Spiel dazugehört. Irgendwie ist er solcherart ein Zyniker, der an sich selbst leidet, aber das permanent überspielt.
      Das ist alles natürlich sehr vereinfachend ausgedrückt, denn der Facetten sind viele und nicht alle sind aus dem Text zu begreifen, die Musik ist da noch viel schillernder.
    • Lieber Waldi, das ist bestimmt alles richtig. Oder vielleicht auch nicht in dem Sinne, dass Don Giovanni vielleicht gar nicht einmal die entscheidende Hauptfigur ist, sondern eher der Katalysator, durch dessen Verhalten alle anderen zum Eingreifen und zur Stellungnahme gezwungen werden. Natürlich charakterisiert die Musik ihn auf eine ganz bestimmte Art und Weise, vielleicht aber auch nur, um ihn als Person theatralisch lebendig und nachvollziehbar zu machen. Denn hier wird ja auch ein Prinzip vorgeführt. Der Mensch als amoralisches Wesen, das sich nach Lust und Laune an seiner Umwelt bedient. (Und dem eigentlich nur von oben her beizukommen ist. Jedenfalls in der damaligen Zeit.) Und nun spielt Mozart an allen Partien durch, wie Menschen sich zu solch einem Phänomen verhalten und wie sie sich in dessen Gegenwart verändern.

      Eigentlich habe ich nämlich den Giovanni immer als uninteressanteste Figur gesehen. 'Wein, Weib und Gesang', 'Hoch die Tassen', so ist er eben. Aber zum Beispiel wie steht Anna eigentlich wirklich zu ihm? Sie kann mir doch nicht erzählen, dass sie zu Beginn oder eigentlich vor dem Beginn der Oper nicht gemerkt hat, wer da in ihre Kammer geschlichen ist. Und ich hatte auch nie das Gefühl, dass sie sofort geschrien hat. Vielleicht dachte sie, es wäre Ottavio (Kann man sich beim Hören der Oper denken, der würde so etwas machen?), muss aber ganz schnell bemerkt haben, dass da ein ganz anderes Kaliber vor ihr auftauchte. Und ich könnte mir sogar vorstellen, dass sie es bis zu einem bestimmten Zeitpunkt ganz interessant gefunden hat. Und wenn dem so ist, dann gewinnt ihr ganzer Feldzug, den sie danach führt, natürlich noch eine ganz andere Bedeutung.

      Gut, dass sind jetzt viele Mutmaßungen. Aber das Faszinierende an dieser Oper ist ja, dass ausnahmslose alle Protagonisten so unglaublich vielschichtige Charaktere sind. Jedenfalls Anna, Elvira, Leporello, Ottavio und Zerlina Die sollen mir doch nicht erzählen, dass sie nur höchst empört sind. Da spielt sich in ihnen ganz viel ab und irgendwie finde ich das interessanter als das Innenleben der Titelfigur.

      Aber vielleicht liege ich da auch völlig falsch. ;)

      LG Falstaff
    • Als Katalysator, lieber Falstaff, ist Don Giovanni jedenfalls der Schlüssel zu vielem, wenn nicht allem, was da an Problemen aufgeworfen wird. Aber es stimmt sicher, daß Charaktere wie Leporello, Zerlina oder Donna Elvira anziehender wirken. Während Don Ottavio in seiner ehrenhaften Einseitigkeit als Persönlichkeit doch etwas blaß und farblos bleibt (trotz seiner wunderschönen Arien), weil ein Kavalier wie aus der Schulfibel, sind die vorher Genannten alles andere als schwarzweiß. Sie stehen uns modernen Menschen in ihrer Zerrissenheit und ihrem gegensätzlichen, oft fast unlogischen Verhalten viel näher. Was in Donna Anna vorgeht, können wir eigentlich nur vermuten, aber es gibt zu wenig konkrete Hinweise, ob sie nun entflammt war oder nicht bzw. ob sie zu so einer Regung überhaupt fähig war oder ob alles aristokratische Pose ist. Bei Zerlina ist es hingegen offenbar, daß sie auf Don Giovanni fliegt wie die Mädchen bei Jane Austen auf Wickham. Trotzdem ist sie gewandt genug, um den berechtigt beleidigten Masetto auf raffiniert-diplomatische Weise zu besänftigen. Sie ist also nicht nur naiv. So ein Typ steht uns Heutigen viel näher, weil er anmutet wie direkt aus dem Leben genommen. Bei Donna Anna hingegen läßt sich kaum sagen, wie sich Ehre und Gefühl/Liebe(?) in ihrer Psyche zueinander verhalten. Ich denke, daß da Ponte sehr viel Gesellschaftskritik in seinen Werken anbrachte, und Donna Anna ist, so wie ich es sehe, für ihn eher der alten Welt angehörig und mit Klischees behaftet, die nicht mehr ganz aktuell sind. Daher bleibt für Donna Anna letzlich nur eine ungewisse Zukunft, so wie für Don Ottavio auch. Kriegen die noch die Kurve oder bleibt es beim ewigen Frust (egal , ob sie heiraten oder nicht)? Bei Zerlina und Masetto kann man viel leichter auf eine gedeihliche Weiterentwicklung hoffen, auch wenn sie ihm unter Umständen auch ein paar Hörner aufsetzen könnte (oder er ihr, wenn er zuviel getrunken hat). Und Leoporello ist überhaupt die facettenreichste Figur (ähnlich Figaro, nur ist bei dem das Vorzeichen positiv, bei Leporello ist es negativ).

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Waldi ()

    • Waldi schrieb:

      Daher bleibt für Donna Anna letzlich nur eine ungewisse Zukunft, so wie für Don Ottavio auch. Kriegen die noch die Kurve oder bleibt es beim ewigen Frust (egal , ob sie heiraten oder nicht)? Bei Zerlina und Masetto kann man viel leichter auf eine gedeihliche Weiterentwicklung hoffen, auch wenn sie ihm unter Umständen auch ein paar Hörner aufsetzen könnte (oder er ihr, wenn er zuviel getrunken hat).
      Lieber Waldi, was für eine Lust eigentlich sich die Zukunft der Protagonisten vorzustellen (v.a. nach dem doch recht biederen Finale). Ich denke ja, dass Ottavio und auch Masetto nicht viel zu lachen haben werden. Schon komisch wie relativ schwach die konkurrierenden Männer im 'Giovanni' dargestellt werden. Aber vielleicht war das auch nur dramaturgisch notwendig, um Giovanni als Mann starke Gegenparts in Gestalt von Frauen entgegenstellen zu können. Trotzdem bleibt das ein sehr moderner Ansatz.

      Waldi schrieb:

      Und Leoporello ist überhaupt die facettenreichste Figur (ähnlich Figaro, nur ist bei dem das Vorzeichen positiv, bei Leporello ist es negativ).
      Ja, der ist wirklich interessant. Warum bleibt er eigentlich bei Giovanni (abgesehen von der materiellen Notwendigkeit)? Er begleitet ja sein Tun ständig relativ negativ. Er durchschaut seinen Herrn also ziemlich. Andererseits versucht er ja im II. Akt die Opfer Giovannis alle noch von der 'Anständigkeit' etc. zu überzeugen. Was also ist es, das sie so an ihn bindet?

      Und dann natürlich Elvira. Liebt sie ihn oder hasst sie ihn? Oder hasst sie ihn, weil sie ihn liebt? Warum hat sie eigentlich keinen Mann an ihrer Seite?

      LG Falstaff
    • Oft lesen wir in der Zeitung von Frauen, die von ihren Männern geschlagen, gequält und gedemütigt werden und trotzdem bei ihnen bleiben. Sie sind diesen Tyrannen einfach hörig, auch wenn sie selbst darunter leiden. Genau so ein Fall ist auch Donna Elvira, eine masochistische Hysterikerin, zugleich eine unendlich Liebende mit schwachem Rückgrat. Ausgesprochen modern, nicht wahr? Da braucht es für mich keine äußere Aktualisierung, denn der Grundkonflikt der Seele bleibt immer der gleiche.
      In Leporello steckt ebenfalls das Gute wie das Böse, nur ist er zu schwach, um seine Veranlagungen, Neigungen, Triebe etc. wirklich zu beherrschen. Außerdem lebt er in ständiger Angst fallengelassen zu werden. Er braucht eine stärkere Natur, an die er sich anlehnen kann. Mit Don Giovanni hat das lange funktioniert, bis sich dessen Schwächen offenbarten. Dann versucht auch Leporello, auf Distanz zu gehen, aber das schafft er nicht auf einmal. Am wohlsten fühlt er sich an der Oberfläche. Musterbeispiel ist die Registerarie, hinter der nicht tiefgewollte Bösartigkeit steckt, sondern Leichtsinn, gedankenloser Humor und zynische Schadenfreude - ohne große Reflexion, ob das angebracht ist oder nicht. Dagegen besitzt Figaro ein feines Gefühl für Takt und Nuancen, obwohl auch ihm das ab und zu abhanden kommt. Als Rebell wäre oder ist Figaro ein gefährlicher Gegner, Leporello bliebe immer nur ein Mitläufer, eine Art "Herr Karl"-Typ.
    • Lieber Waldi,
      grundsätzlich bin ich völlig d'accord mit deiner Sichtweise. Allerdings halte ich Leporello als Mitläufer für gar nicht einmal so ungefährlich. Letztlich träumt er ja von einer ähnlichen Machtposition wie Giovanni. Gerade in der Registerarie kostet er seine vermeintliche Machtposition durchaus aus (abhängig von der Interpretation). Vielleicht ist ja sogar Jago ein (wesentlich) schwärzeres Spiegelbild von ihm. Den Neid auf die Position und die Möglichkeiten seines Herrn teilt er wohl mit diesem, ist aber nicht in der Lage, dies gegen Giovanni zu wenden. Hier fehlt ihm der letzte Charakterzug, sicherlich auch der (soldatische) Mut den Jago besitzt. Leporello würde dies auch nicht willentlich forcieren. Eher ist er die Vorstufe eines Jagos, der seinen Hass und Neid nur gegen die anderen Beteiligten wendet. Und demzufolge muss er auch allein zurückbleiben. Sehr überzeugend fand ich in dem Zusammenhang immer das Schlussbild aus der Joseph-Losey-Verfilmung.

      Elvira ist wirklich das klassische Beispiel eines Menschen (um es nicht nur auf Frauen zu beschränken), der aus enttäuschter Liebe sich gegen das 'Objekt seiner Begierde' wendet. Ich frage mich aber trotzdem, ob es aufgehen würde, wenn sie wie die beiden anderen Paare, einen Partner an ihrer Seite hätte. Wohl eher nicht. Die Fixierung auf Giovanni macht sie, wie auch Leporello zu Einzelgängern, die nun beziehungsunfähig sind. Vielleicht haben Mozart/da Ponte beide Figuren als zwei Seiten einer Medaille geschaffen, was wiederum ein interessantes Licht auf Leporello werfen würde und auf die Frage, warum er, jenseits materieller Notwendigkeiten, bei Giovanni bleibt. Sie sonnen und ausleben im Schatten eines höher Gestellten. Klar. Aber vielleicht schwingt dort auch eine Art von homoerotischer Anziehung mit.

      Ich gestehe, dass das nun sehr in den Bereich der Spekulation vordringt. Aber, und das macht natürlich die Größe dieses Werkes aus,, möglich ist es. Aber das wären dann schon eher Fragen und Ansatzpunkte für einen Regisseur.

      LG Falstaff
    • Natürlich, lieber Falstaff, sind auch Mitläufer gefährlich, aber in geringerem Grad. Leporello ist sehr leicht dazu zu bringen, die Seiten zu wechseln. Er wird trachten, immer auf der sicheren Seite zu sein. Das macht ihn wiederum so schwach und manipulierbar, während ein Jago verbissen seine einmal eingeschlagene Linie verfolgt (um es krass zu sagen: Jago ist beinahe ein Heydrich-Typ). Leporello als Vorstufe zu Jago gefällt mir ausgesprochen gut, das hast Du ausgezeichnet formuliert! Ein Regisseur kann natürlich verschiedene Facetten unterschiedlich betonen. Das macht ja auch den Reiz aus, das Werk immer neu zu bringen - solange man es nicht vergewaltigt oder krampfhaft aktualisiert. Das hat das Werk nicht nötig.
      Noch zur Registerarie: Da finde ich gerade die Musik zur Interpretation charakteristisch. Wie würde die Arie rein instrumental wirken? Doch eher heiter und nicht besonders gefährlich. Untertöne gibt es, das ja, aber schon die Ohrwurmqualität deutet eher auf nicht allzu Abgründiges.
    • Waldi schrieb:

      Leporello ist sehr leicht dazu zu bringen, die Seiten zu wechseln. Er wird trachten, immer auf der sicheren Seite zu sein.
      Lieber Waldi, ich bin mir da gar nicht einmal so sicher. Im II. Akt gibt es ja schon Gelegenheiten dazu und trotzdem bleibt er bei Giovanni. Selbst in d-er großen Szene mit dem Commendatore versteckt er sich zwar, haut aber nicht ab. Er bleibt bei Giovanni bis zum bitteren Ende. Interessant ist dann vielleicht die Spekulation, was er künftig machen wird. Ich kann ihn mir nicht erneut als Diener vorstellen, schon gar nicht bei einem Herrn wie Ottavio. Ich sehe in eher, quasi in Rente gegangen (lassen wir die finanzielle Seite einmal außen vor) und den alten, 'goldenen' Zeiten und auch diesem speziellen Herrn hinterher trauern.

      Waldi schrieb:

      Das macht ja auch den Reiz aus, das Werk immer neu zu bringen - solange man es nicht vergewaltigt oder krampfhaft aktualisiert. Das hat das Werk nicht nötig.
      Wie wahr. Es gibt eigentlich nur sehr wenige Aktualisierungen, die ich ertragen kann. Es gab in Hamburg einmal einen Giovanni, der spielte zu Anfang in einem Hotel in den 30iger Jahren des letzten Jahrhunderts. (Elvira kam dabei als Marlene-Dietrich-Verschnitt auf die Bühne. Warum auch immer.) Nach dem Duell mit dem Komtur erwartete ich nun eigentlich, dass der Hoteldirektor die Polizei rufen, Don Giovanni verhaftet werden würde und wir nach Hause gehen könnten. Es passt einfach nicht, versucht man es in eine ganz andere Zeit zu bringen.

      LG Falstaff
    • Ich habe ein Buch über Don Giovanni (von Alfons Rosenberg), in dem an Ende steht, ich zitiere wörtlich:

      "Jede Aufführung von Mozarts Don Giovanni erregt erneut, eingestanden oder uneingestanden, in jedem Mann den glühenden Wunsch, jenseits aller Pflichten und Anständigkeiten im unendlichen Meer der Sinnenfreude zu schwimmen. Darum ist Don Juan, obwohl 'gestorben', unsterblich, solange es Männer geben wird. Vielleicht ist Don Juan auch nur in sein Winterlager gezogen, solange bis die Entartung des Verhältnisses von Mann und Frau unserer Zeit wieder einen Heiler gefunden hat."

      Ich wollte eigentlich dazu sagen, dass jede Modernisierung der Oper Unstimmigkeiten enthalten wird, weil das Verhältnis zwischen Männern und Frauen nun mal inzwischen ein anderes ist - ein Mann, der mit Eheversprechen Frauen verführt und dann sitzen lässt, wird kaum noch als "Bösewicht" empfunden. Ähnliches gilt zum Beispiel auch für den Figaro, der ja auch hin und wieder (und oft nicht recht nachvollziehbar) in die Gegenwart verlegt wird. Am ehesten stimmig erschien mir persönlich eine Inszenierung, die ich vor Jahren mal im Fernsehen gesehen habe, bei der Don Giovannis Charme und Wirkung auf Frauen überhaupt nur in seiner Vorstellung existierte. Das war ein sehr spannender Ansatz.
    • Zefira schrieb:

      ein Mann, der mit Eheversprechen Frauen verführt und dann sitzen lässt, wird kaum noch als "Bösewicht" empfunden
      Nun als Schuft dürfte er auch heute noch gelten - hoffentlich!
      Wir müssen uns aber fragen, wie hat man das zu Mozarts Zeiten gesehen? Ja, in der Oper ist Don Giovanni eine Negativ-Figur, die in der Hölle endet, aber es ist keine Schwarzweißcharakteristik. Wenn wir den Blick auf Donna Anna richten, dann ist Don Giovanni ihr gegenüber zweifellos nicht nur Verbrecher, sondern auch kein Kavalier, denn sie ist eine hochgestellte Standesperson. Bei Donna Elvira ist das Standesgemäße höchstens ein früherer Status, denn eine alleinreisende Frau (in Spanien!) ohne Gefolge ist offenbar herabgekommen, ja irgendwie anrüchig. Kann sie die gleichen Ansprüche auf gesellschaftliche Position stellen? Nach den Regeln des 18.Jahrhunderts (und auch noch späterer Jahre) wohl nicht. Aus unserer Sicht ist es egal, welche Frau Don Giovanni so schlecht behandelt, es bleibt immer gleich verwerflich. Aus damaliger Sicht konnte er in punkto Elvira sicher "Milderungsgründe" beanspruchen. Mozart und da Ponte stellen das alte System zwar in Frage, aber wir befinden uns in einer Art Übergangssituation. Ich kenne nur sehr wenig von der Rezeptionsgeschichte des "Don Giovanni", aber es wäre schön zu erfahren, wie das Publikum bzw. die einzelnen sozialen Schichten jeweils auf die Oper reagiert haben. Vielleicht ist das auch noch gar nicht bis zum letzten erforscht.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Waldi ()

    • Man darf nicht vergessen, dass Don Giovanni keine Erfindung da Pontes ist. Ich habe vor Jahren den Don Juan von Tirso de Molina gelesen und erinnere mich, dass ich sehr beeindruckt war von Rittergestalt des Don Juan. In de Moinas Schauspiel ist der Dialog zwischen dem Komtur und Don Juan sehr viel länger und Don Juans Beharren auf seiner Lebenseinstellung, auch gegenüber der Todesdrohung noch, sehr viel eindrücklicher als das simple "no", das Giovanni von sich gibt.
    • Hallo zusammen.

      Kennt Ihr dieses Archiv:

      donjuanarchiv.at/home.html

      Eine wahre Fundgrube zum Thema, und wer einmal in Wien ist, kann es ach Voranmeldung evtl. auch in der Trautsongasse besuchen.
      --
      "Die grösseste Schwierigkeit eines andern Arbeit auszuführen, bestehet wohl darin, daß eine scharffe Urtheils-Krafft dazu erfordert werde, fremder Gedancken Sinn und Meinung recht zu treffen. Denn, wer nie erfahren hat, wie es der Verfasser selber gerne haben mögte, wird es schwerlich gut heräus bringen, sondern dem Dinge die wahre Krafft und Anmuth offt dergestalt benehmen, daß der Autor, wenn ers selber mit anhören sollte, sein eigenes Werck kaum kennen dürffte."
      (Mattheson)
    • Interessant ist bei dieser Oper, daß Mozart sie als "opera buffa" in sein Werkeverzeichnis schreibt, synonym hierzu "dramma giocoso" auf den Programmzetteln.


      Kunze ist im übrigen der Ansicht, Elvira ist der einzige Mensch in der ganze Oper, der Don Giovanni wirklich liebt. Auffällig ihre Arie "ah fuggi il traditor" im stile antico, eine Seria-Arie.


      Elvira klagt uns die ganze Zeit hindurch ihren Liebeskummer. Sie warnt Zerlina vor Giovanni; sie weiß ja, daß er es niemals ernst meint: Warum sich mit einer begnügen, wenn man alle haben kann!


      Sie ist diejenige, die bis zum Schluß versucht, ihren Geliebten zurückzubekommen. Kunze sieht hier auch in der musikalischen Ausgestaltung der Rolle die Liebe und das Verlangen Elviras nach dem Unerreichbaren.


      Donna Anna ist da ganz anders aufgestellt: Sie klagt vor allem über den Tod des Vaters, will aber Rache. Sie erscheint uns von Anfang an als eher unterkühlt, wogegen selbst Ottavio nicht ankommt. Er darf zwar "edel" helfen, was ihm allerdings nur wenig erfolgreich gelingt, an Anna kommt er aber "liebestechnisch" nicht heran. Man kann hier natürlich alles mögliche annehmen, etwa, daß Anna Giovanni zum Stelldichein nach Hause eingeladen hat, ihn dann aber zurückweist, als es konkret wird. Allein: Für die Oper selbst bringt diese Annahme eigentlich nichts. In der Oper ist Annas Rolle von vorneherein festgelegt, sie tritt nicht als dumme Verführte auf, sondern als Vergeltungsuchende. Letztlich ist es dann auch ihr Vater, der den "Sack zu macht"...


      Denn letztlich wird der Duellant auch für den "Mord" am Commendatore bestraft, für sein Verspotten des Toten. Giovanni schlägt permanent über die Stränge, er ist ein "Dissoluto" auch in dem Sinne, daß er dauernd Regeln verletzt. Und zwar alle sozialen und christlichen Regeln, nicht nur in dem Sinne, daß er Frauen verführt und dann verläßt.


      (Unter uns: Ich meine, hat Zerlina im Ernst angenommen, er werde sie heiraten? Hm, ganz schön "praktisch ausgerichtet", die Kleine... Wie schäbig hat sie selbst den Masetto verlassen, zugunsten des Schlosses und des Edelmanns!)


      Dissoluto auch in dem Sinne, daß er Tote verspottet, ausschweifend lebt, Feste veranstaltet anstatt Buße zu tun, wo er doch eben jemanden umgebracht hat.


      Er demonstriert hier die Zweiklassengesellschaft, "ihr da unten, wir hier oben", wie es im Buche steht... Er glaubt tun zu können, was er will. Ein ähnliches Sujet kennen wir bereits aus dem Figaro, hier ist es Almaviva, der sich Sonderrechte herauszunehmen zu können glaubt. Ihm wird allerdings ein versöhnliches Schicksal zuteil, und auch hier wieder das Pendant zu Elvira: Die Gräfin. Sie liebt ihren Gatten (und drückt dies mit einer der schönsten Arien aus).


      Giovanni hat ebenfalls "seine Chance". Er könnte bereuen, könnte sich evtl. Elvira zuwenden, sein Leben ändern. Aber, Hand aufs Herz: Kann er das wirklich? Ist es nicht sein Charakter, das zu tun, was er am besten kann: Andere blenden, um dann tun zu können, was er will?
      --
      "Die grösseste Schwierigkeit eines andern Arbeit auszuführen, bestehet wohl darin, daß eine scharffe Urtheils-Krafft dazu erfordert werde, fremder Gedancken Sinn und Meinung recht zu treffen. Denn, wer nie erfahren hat, wie es der Verfasser selber gerne haben mögte, wird es schwerlich gut heräus bringen, sondern dem Dinge die wahre Krafft und Anmuth offt dergestalt benehmen, daß der Autor, wenn ers selber mit anhören sollte, sein eigenes Werck kaum kennen dürffte."
      (Mattheson)
    • Schöne und aufschlussreiche Deutungen. Interessant finde ich allerdings schon die Frage, wie aktiv Anna an der ganzen Verführung beteiligt war.

      Guenther schrieb:

      Man kann hier natürlich alles mögliche annehmen, etwa, daß Anna Giovanni zum Stelldichein nach Hause eingeladen hat, ihn dann aber zurückweist, als es konkret wird. Allein: Für die Oper selbst bringt diese Annahme eigentlich nichts. In der Oper ist Annas Rolle von vorneherein festgelegt, sie tritt nicht als dumme Verführte auf, sondern als Vergeltungsuchende.
      Lieber Guenther, für die Oper bringt es wohl wirklich nicht so viel. Aber die verschiedenen Spekulationen lassen doch Rückschlüsse auf ihren Charakter zu.
      Wenn sie das unschuldige Opfer einer Verführung wurde, dann finde ich ihre direkte Reaktion schon sehr interessant. In 'Fuggi, crudele' trauert sie ja eigentlich nur um ihren Vater und auch später, wenn sie Verlauf dieser Fast-Vergewaltigung beschreibt, zeigt sie keine Reaktionen, die man von einem unschuldigen Opfer eigentlich erwarten würde. Nun mag das späte 18. Jhrdt. das anders gesehen und dargestellt haben, aber irgendwie finde ich es schon interessant, dass sie sich sofort zur Rache und zur Sorge um mögliche andere Opfer entschließen kann. Mehr Sinn macht diese Reaktion für mich, wenn sie sich bewusst ist, dass sie doch nicht ganz so unschuldig an der ganzen Angelegenheit ist und diese Mitschuld durch den anschließenden Furor ausradieren möchte.

      Guenther schrieb:

      (Unter uns: Ich meine, hat Zerlina im Ernst angenommen, er werde sie heiraten? Hm, ganz schön "praktisch ausgerichtet", die Kleine... Wie schäbig hat sie selbst den Masetto verlassen, zugunsten des Schlosses und des Edelmanns!)
      Jaja, die gute Zerlina. Irgendwie ist sie für mich der Typ der ganz Naiven, die sich sonst etwas von einem 'Quickie' erträumt und auf alles hereinfällt, was ihr vorgesäuselt wird. Und die sofort alle ihre Verbindungen sausenlässt. Pech, dass Masetto kein Ottavio ist. :D Und sicherlich hat sie alles ernsthaft angenommen. Den Typ gibt es doch immer noch. 'Aber er hat doch..., aber er war doch..., aber er wollte wirklich....'.

      LG Falstaff
    • Waldi schrieb:

      Bei Donna Elvira ist das Standesgemäße höchstens ein früherer Status, denn eine alleinreisende Frau (in Spanien!) ohne Gefolge ist offenbar herabgekommen, ja irgendwie anrüchig. Kann sie die gleichen Ansprüche auf gesellschaftliche Position stellen? Nach den Regeln des 18.Jahrhunderts (und auch noch späterer Jahre) wohl nicht.
      Lieber Waldi, das sehe ich nicht ganz so. Auch Elvira ist eine Donna. Und welch ein Gefolge von Dienstboten auf sie in ihrer Herberge wartet, wissen wir nicht. Sie hat keinen männlichen, ebenbürtigen Begleiter an ihrer Seite, aber möglicherweise ein 'Edelfräulein', dass nun in der Unterkunft warten muss, weil Elvira sich bei ihrer 'Mission' ihr gegenüber nicht völlig 'outen' möchte. Zudem gibt es wohl auch einen dramaturgischen Grunde. Durch ihr Auftreten ohne Begleitung wird die Dringlichkeit ihres Anliegens noch besonders betont.

      LG Falstaff
    • Wie sieht es eigentlich mit der religiösen Ebene aus. Der 'Unhold' wird selbstverständlich seiner gerechten, göttlichen Strafe zugeführt. Meinte Mozart das ernst oder erkennt ihr darin auch eine gewisse Ironie?. Stichwort 'dramma giocosa'. Also musikalisch wie auch textlich.

      Das anschließende Sextett ist ja auch ein ziemlicher 'Absturz'. Nicht umsonst hat Mahler es weggelassen. Ich finde es aber eigentlich sehr wichtig. Die Welt nach der Höllenfahrt ist eine bessere, aber auch langweiliger. Hier taucht doch schon ein Augenzwinkern auf, oder?

      :hello Falstaff
    • Hier noch ein recht interessanter Artikel über die drei Damen:

      operanews.com/Opera_News_Magaz…3/Features/The_Women.html

      Ich finde insbesondere die Fotos extrem gut getroffen...
      :)
      --
      "Die grösseste Schwierigkeit eines andern Arbeit auszuführen, bestehet wohl darin, daß eine scharffe Urtheils-Krafft dazu erfordert werde, fremder Gedancken Sinn und Meinung recht zu treffen. Denn, wer nie erfahren hat, wie es der Verfasser selber gerne haben mögte, wird es schwerlich gut heräus bringen, sondern dem Dinge die wahre Krafft und Anmuth offt dergestalt benehmen, daß der Autor, wenn ers selber mit anhören sollte, sein eigenes Werck kaum kennen dürffte."
      (Mattheson)
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