'Me too' - und die Klassikwelt

    • 'Me too' - und die Klassikwelt

      Michail Pletnjow, Charles Dutoit, James Levine....

      Nun erreicht die 'Me too'-Debatte auch die Klassikwelt. Und es gibt bestimmt noch mehr 'problematische' Fälle.

      Wie geht ihr damit um? Betrifft euch das oder trennt ihr Künstlertum und Persönlichkeit? Kann man es trennen? Muss man es trennen? Sind die oben Genannten besonders zu verurteilen (mal abgesehen von nicht bewiesenen Vorverurteilungen) oder gilt das nicht genauso für charakterlich zweifelhafte Künstler wie Wagner, Chopin, Wolf, Böhm, Prokofiev.............. Die Liste ist in dieser Hinsicht wohl geradezu unendlich. Oder sollte man nicht eher sagen, dass....

      Also, wie gesagt, welchen Schatten wirft für euch das Wissen um ein 'zweifelhaftes' privates, persönliches Leben eines Künstlers auf seine Kunst? Wie geht ihr mit diesem Wissen um?

      :hello Falstaff
    • Liest man diesen Artikel:

      bostonglobe.com/metro/2018/03/…0EMJcdpYouoPjM/story.html

      bekommt man einen Einblick in die Psyche nicht nur des Maestros, sondern auch seiner Schüler. M.E. handelt es sich hier um eine Art Religion, Levin wird als neuer Jesus, als Heiland, als Erlöser gesehen. Der "inner circle" sind die Jünger.

      Ich finde sowohl das eine wie das andere (Heiland spielen und Jünger sein) erschreckend, kann aber - sofern hier ausschließlich Erwachsene beteiligt sind - keinen "Abuse" finden. Die Jünger sind eigenverantwortlich, und es scheint mir in vielen Fällen doch so zu sein, als wären sie gern dabei gewesen (damit meine ich nicht die Handlungen an sich, aber doch immerhin das Unterordnen unter den Götzen "Musik" in Gestalt des Maestros).


      Malcolm Gay and Kay Lazar schrieb:

      For those who did join the group, Levine and his style of music making became foundational to their identities.
      --
      "Die grösseste Schwierigkeit eines andern Arbeit auszuführen, bestehet wohl darin, daß eine scharffe Urtheils-Krafft dazu erfordert werde, fremder Gedancken Sinn und Meinung recht zu treffen. Denn, wer nie erfahren hat, wie es der Verfasser selber gerne haben mögte, wird es schwerlich gut heräus bringen, sondern dem Dinge die wahre Krafft und Anmuth offt dergestalt benehmen, daß der Autor, wenn ers selber mit anhören sollte, sein eigenes Werck kaum kennen dürffte."
      (Mattheson)
    • Das ist ein wichtiger Punkt. Es verlieren Leute ihre Posten aufgrund von Anschuldigungen, die im rechtlichen Sinne erst mal zu beweisen wären. Damit ist für die Zukunft ein Patentrezept gefunden, mit dem man sich ungeliebten Chefs entledigen kann. Wenn ein paar Jahre später rauskommt, dass das alles so eindeutig und einseitig nicht war, hilft das nicht mehr. Da ist der Entledigte längst erledigt.
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)
    • In der Tat ist die Sache mit den Anschuldigungen und Vorverurteilungen verheerend. Jedem kleinen Kaufhausdieb wird zugestanden, dass es erst einer gerichtlichen Verurteilung bedarf. Aber in diesem Bereich werden im Moment ganz schnell Karrieren und Leben zerstört. (Und es ist eben so einfach, einen Verdacht zu säen.) Charles Dutoit ist dabei für mich diesbezüglich ein Beispiel. Kaum waren Anschuldigungen geäußert, verlor er alle möglichen Posten, wurden Tourneen abgesagt.

      ABER! Das soll jetzt nicht heißen, dass ich das irgendwie kleinreden möchte. Im Gegenteil. Es ist ein ernstzunehmendes Problem und muss in jedem einzelnen Fall verfolgt werden. Zudem gab es in der Opernwelt, was Levine angeht, schon immer Gerüchte. Da scheint schon ganz vieles in bestimmten Kreisen schon lange bekannt gewesen zu sein. Und ich denke, dass die MET jetzt bitte nicht so unschuldig-überrascht tun soll. Voraussetzung es stimmt alles.

      Aber eigentlich soll das gar nicht die Intentionen dieses Threads sein. Mir geht es eigentlich um eine andere Frage. Neulich sagte jemand zu mir, er möchte Levine nun eigentlich nicht mehr hören, weil eben...

      Ist das richtig? Gesetz den Fall alle Vorwürfe stimmen, sollte das unser Hören ändern? Ist eine Trennung zwischen Werk und Person möglich oder darf das nicht sein? Wo ist da die Grenze? Fließen persönliche 'Abgründe' vielleicht auch ins Werk oder in Interpretationen ein?

      Bei Wagner wird das ja, nimmt man seinen Antisemitismus, weidlich diskutiert. Daneben dann Elly Ney und Pfitzner mit ihren widerlichen Äußerungen - beeinflusst das euer Hören? Clemens Krauss - legt ihr ihn als Dirigenten beiseite? Oder aktueller Michail Pletnjow (oder Pletnev) - hört ihr ihn nach seiner Verhaftung in Thailand nun anders oder gar nicht mehr? Werdet ihr weiter Levine und Dutoit hören? Oder hinterlassen diese Äußerungen einen fahlen Geschmack bei euch?

      Interessant finde ich in dem Zusammenhang allerdings auch immer die Frage, warum in der öffentlichen Meinung bestimmte Personen herausgepickt werden. Der Antisemitismus bei Wagner, aber eigentlich nie bei Poe oder Hugo Wolf. Levine - pfui, aber Polanski - (zumindest in Europa) hui.

      :hello Falstaff
    • Falstaff schrieb:

      Aber eigentlich soll das gar nicht die Intentionen dieses Threads sein. Mir geht es eigentlich um eine andere Frage. Neulich sagte jemand zu mir, er möchte Levine nun eigentlich nicht mehr hören, weil eben...


      Ist das richtig? Gesetz den Fall alle Vorwürfe stimmen, sollte das unser Hören ändern? Ist eine Trennung zwischen Werk und Person möglich oder darf das nicht sein? Wo ist da die Grenze? Fließen persönliche 'Abgründe' vielleicht auch ins Werk oder in Interpretationen ein?

      Mir stellt sich dabei vor allem die Frage, wie die Leute darauf kommen, dass Künstler immer rechtschaffene, edle und wohlerzogene Menschen sein müssten. Sie sind in sehr vielen Fällen schwierig, cholerisch, launisch, ja misanthropisch bis gewalttätig, zumindest trifft das auf viele zu, die ich kenne. Privat meide ich den Kontakt zu solchen Individuen im Allgemeinen, aber deswegen können sie doch gerade in der Kunst über diese menschlichen Unzulänglichkeiten hinauswachsen!
      Die irrige Meinung, Kunst sei immer ein Spiegel der Persönlichkeit des Künstlers müsste halt ebenfalls mal überdacht werden. Außerdem kommt bei Interpreten noch dazu, dass sie in der Rolle des Interpreten genau die so krassen emotionalen Seiten ihrer selbst kanalisieren können dank der vorgegebenen Bahn des Komponisten.
      Mir scheint die Debatte in dieser Hinsicht ein Schwachsinn.

      Auch ich möchte nicht falsch verstanden werden: wer ein Verbrechen begeht, soll, so unser hiesiger Konsens, verurteilt werden FÜR DAS BEGANGENE VERBRECHEN. Ohne wenn und aber und trotz aller möglichen Einwände, die man gegen ein Strafsystem in seinen Details haben kann. Solche Menschen aber pauschal als Aussätzige zu sehen und alles, was sie je berührten als verseucht zu begreifen, das erinnert mich doch arg an Zustände, die dazu führten, die Kunst vieler Menschen aus völlig irrelevanten Gründen als entartet zu bezeichnen.

      Sollte die Schuld erwiesen sein, sollen alle nötigen Konsequenzen erfolgen. Das Problem ist natürlich heuzutage, dass die Medien (ob gewollt oder nicht) die Vorverurteilung übernehmen, indem sie Gerüchte verbreiten. Wem der Gestank des Verdachts anhaftet, der wird ihn nicht mehr so richtig los, selbst wenn er freigesprochen wird, ein Rehabilitierungsgedanke kommt schon gar nicht erst auf. Das ist natürlich immer der Preis des Status "Prominente Person". Wenn ich an eine Hauswand uriniere, interessiert das keine Sau, aber wenn es unser Bundespräsident tut und dabei fotografiert wird...

      Nein, man darf Picassos Werk trotzdem mögen, auch wenn das menschlich ein absoluter Abgrund war. Ich wage sogar die Behauptung: die meisten Menschen würden Ihr Bild von ihren verehrten Künstlern radikal anders malen, wenn sie diese persönlich kennen würden. Eine Trennung von Künstler und Werk ist nicht nur erlaubt. Sie ist notwendig!

      Herzliche Grüße
      Satie
      "...the only logical starting point for a genuine creative art of music -- the ear, and the manifold delights and stimuli that the ear, in conjunction with the experienced mind, can find in the exercise of imagination."
      Harry Partch
    • auch ich sehe das so, ansonsten hätten wir, wie Satie das schon sagte, tatsächlich das Problem, dass wir gar nicht mehr so viel Musik zur Auswahl hätten, sei es wegen der Interpreten oder der Komponisten. Auch Karajan z. B. würde dann ja wegfallen. Und wenn man dann noch einen Schritt weitergehen wollen würde und nur (ich mag, wie Satie formuliert :D) " rechtschaffene, edle und wohlerzogene Menschen" akzeptieren würden, würde wahrscheinlich ein Großteil der großen Interpreten des letzten Jahrhunderts unter den Tisch fallen.

      Diese ganze Debatte betrifft die Musikwelt noch auf einem ganz anderen Level, nämlich der Ausbildung: Vor einigen Jahren traf ich bei einem Meisterkurs eine Geigerin, die in Manchester studierte. Sie erzählte mir, dass eine Studentin einem Professor vorgeworfen hatte, sie während des Unterrichts belästigt zu haben. Ich habe nie weiter geforscht, was daraus geworden ist, die Vorwürfe waren zu der Zeit sehr neu. Das Problem war, dass die Hochschule nun vor einem großen, eigentlich nicht zu lösendem Problem stand, nämlich dem einem Instrumentalstudium zugrunde liegenden EInzelunterricht. Dieser ist ja im Prinzip die Hauptsache des ganzen Studiums, aber er kann eigentlich nicht kontrolliert werden, da ja ein Teil des Unterrichts ja auf dem Vertrauen basiert, dass hier nur zwei Menschen beteiligt sind. Eine Überwachung durch eine dritte Person, die im Raum sitzt, würde den Unterricht in vielen Fällen empfindlich stören, genauso eine Überwachung durch Kameras o. ä. Andererseits muss natürlich die Hochschule dafür sorgen, dass keine/r ihrer StudentInnen belästigt werden, und genauso muss sie die Professoren vor falschen Anschuldigungen schützen. Das Thema hat mich seither regelmäßig beschäftigt, da ich zwar in meinem Umfeld von niemandem weiß, der tatsächlich Probleme in dieser Richtung hatte, aber dieses mir nicht aufzulösen scheinende Dilemma finde ich interessant.

      Satie schrieb:

      Falstaff schrieb:

      Aber eigentlich soll das gar nicht die Intentionen dieses Threads sein. Mir geht es eigentlich um eine andere Frage. Neulich sagte jemand zu mir, er möchte Levine nun eigentlich nicht mehr hören, weil eben...


      Ist das richtig? Gesetz den Fall alle Vorwürfe stimmen, sollte das unser Hören ändern? Ist eine Trennung zwischen Werk und Person möglich oder darf das nicht sein? Wo ist da die Grenze? Fließen persönliche 'Abgründe' vielleicht auch ins Werk oder in Interpretationen ein?
      Mir stellt sich dabei vor allem die Frage, wie die Leute darauf kommen, dass Künstler immer rechtschaffene, edle und wohlerzogene Menschen sein müssten. Sie sind in sehr vielen Fällen schwierig, cholerisch, launisch, ja misanthropisch bis gewalttätig, zumindest trifft das auf viele zu, die ich kenne. Privat meide ich den Kontakt zu solchen Individuen im Allgemeinen, aber deswegen können sie doch gerade in der Kunst über diese menschlichen Unzulänglichkeiten hinauswachsen!
      Die irrige Meinung, Kunst sei immer ein Spiegel der Persönlichkeit des Künstlers müsste halt ebenfalls mal überdacht werden. Außerdem kommt bei Interpreten noch dazu, dass sie in der Rolle des Interpreten genau die so krassen emotionalen Seiten ihrer selbst kanalisieren können dank der vorgegebenen Bahn des Komponisten.
      Mir scheint die Debatte in dieser Hinsicht ein Schwachsinn.
      Das sehe ich nicht unbedingt so. Mir ist immer wieder bei Kommilitonen aufgefallen, dass Adjektive, mit denen ich deren Charakter beschreiben würde, oft auch passende Beschreibungen ihrer Interpretationen sind; oft sogar einen wirklichen Einblick erlauben. Bspw. hatte ich eine gute Freundin, die eigentlich eine ganz aufgeweckte, lustige und lebhafte Person war, sich selbst allerdings als eher schüchtern oder zurückhaltend sah, tatsächlich, den lebhaft wird sie erst in einem richtigen Vertrauensverhältnis, sie bleibt aber darunter trotzdem eine ganz sensible Person, und genauso klingt ihr Bach.
      "Wir können genauso gut unsere Geigen nehmen und sie mit unseren Knien zerbrechen." (Fritz Kreisler über Jascha Heifetz)
    • Satie schrieb:

      Die irrige Meinung, Kunst sei immer ein Spiegel der Persönlichkeit des Künstlers müsste halt ebenfalls mal überdacht werden.
      Interessanter Punkt, den man eigentlich mal diskutieren müsste. 'Immer' mit Sicherheit nicht, aber wenn man an Thomas Mann denkt oder an Wagner oder an Horowitz und... und...und..., dann fließt doch immer wieder sehr viel vom eigenen Charakter in die Werke mit hinein. Sicherlich kann man das nicht immer eins zu eins ablesen. Missbrauch oder Nötigung kann man nicht z.B. in Musik umsetzen. (In Malerei vielleicht schon eher.) Aber das Gedankengut einer Elly Ney, kann man das nicht in ihren Interpretationen hören? Oder vermeinen wir es nur zu hören, weil wir so viele Aussagen von ihr kennen?

      Satie schrieb:

      Das Problem ist natürlich heuzutage, dass die Medien (ob gewollt oder nicht) die Vorverurteilung übernehmen, indem sie Gerüchte verbreiten.
      Wenn es nur die Medien wären. Es sind aber auch Agenten, Konzertveranstalter, Intendanten (siehe Peter Gelb) und letztlich wohl auch das Publikum.

      Satie schrieb:

      Eine Trennung von Künstler und Werk ist nicht nur erlaubt. Sie ist notwendig!
      Völlig d'accord. Wenn wir nur noch Künstler wertschätzen würden, die einen Lebenslauf wie ein Heiliger aufweisen könnten, wäre das Wort 'Platzproblem' (hier nur hinsichtlich der gesammelten Cd's) wohl in unserem Wortschatz nicht vorhanden. Aber trotzdem, s.o., muss man wohl von Künstler zu Künstler, von Kunstrichtung zu Kunstrichtung unterscheiden. Schlichtes Beispiel: Es gibt sicherlich keine faschistische Musik, aber faschistische Malerei oder Bildhauerei sehr wohl.

      :hello Falstaff
    • Falstaff schrieb:

      Es gibt sicherlich keine faschistische Musik
      Doch, zB die Opern "Die Zaubergeige" (nach dem Grimmschen Märchen "Der Jude im Dorn") und "Peer Gynt" von Werner Egk.

      Auch nationalsozialistisch geprägte Instrumentalmusik wurde in der NS-Zeit geschrieben:


      Hanns-Werner Heister/Jochem Wolff schrieb:

      Eine Lösung dieser Widersprüche, die zudem noch Klassik und Kampfmusik verbindet, ist die Sinfonie B-Dur op.1 73 (1942) von Friedrich Jung mit den Satztiteln: 1.1918 Deutschland, II. Heldengedenken, III. Parlament-Totentanz, IV. Deutschland 1933.2 Zumal der IV. Satz verdankt Gustav Mahler Entscheidendes. Die geräuschhaft-stampfenden Marschkolonnen der Einleitung brutalisieren freilich den Gestus von dessen Märschen. Und das auftrumpfende Hauptthema ist eher heruntergekommener Strauss als beerbter Beethoven. Wie das Fanfarenhafte zum Roh- Heroischen und das Hymnische zum Hohl-Banalen tendiert, so das Elegische zum Weinerlich- Sentimentalen. Dennoch ist das »Erlösungs«-Motiv »Adolf Hitler« im Sprechduktus dieses Namens und auf den Tonhöhen A-H (Ziffer 71) mitreißend eingebaut und das ebenfalls sakralisierte Horst-Wessel-Lied in einem sanften Streichersatz (Ziffer 74, »Langsamer«) der Adagio-Episode vor Eintritt der Reprise geradezu anrührend ausgesetzt eine trotz ihres Hangs zum Banalen und Trivialen dramaturgisch geschickte und, würde man ihren Kontext nicht kennen und ihren Inhalt nicht erkennen, sogar kritische heutige Hörer beeindruckende Musik
      zwischen weißem rauschen und nichtton
    • Der letzte Satz sagt es schon: Da bleibt ja aber die alte Frage, ob denn wirklich die Musik per se das transportiert oder ob sie nur zum Symbolträger gemacht wird durch Kontext und letztlich Text.
      Wenn weder Titel noch Zitate (und wieder deren Ur-Kontext) etc. nicht bekannt sind, sind die bloßen Töne niemals fähig, faschistisch, rassistisch oder sonst etwas zu sein. Martialisch, ja, brutal allenfalls auch, aber viel konkreter ist Musik allein eben nicht. Der Kontext ist es erst, der die oft weit älteren Elemente mit neuem Sinn belädt.
      Aber: es ist möglich, dass danach nur noch diese neue Konnotation bleibt oder aber Komponisten das Gefühl haben, man könne nicht mehr unvorsichtig die alten Elemente verwenden, weil sie nun einmal in diesem Kontext standen. Und dann löst man es wie Lachenmann und nutzt nur noch Klänge, die sich für solchen "Missbrauch" (hoffentlich) niemals verwenden lassen.
      "...the only logical starting point for a genuine creative art of music -- the ear, and the manifold delights and stimuli that the ear, in conjunction with the experienced mind, can find in the exercise of imagination."
      Harry Partch
    • Satie schrieb:

      Martialisch, ja, brutal allenfalls auch, aber viel konkreter ist Musik allein eben nicht.
      So sehe ich das eigentlich auch, lieber Satie. Natürlich kann man 'geräuschhaft-stampfende Marschkolonnen' erkennen. Aber ob das nun Faschisten, Kommunisten oder 'nur' Randale bereite Fußballfans sind ( ^^ ) kann man rein aus der Musik ohne erklärenden Kontext sicherlich nicht erkennen.

      Satie schrieb:

      Und dann löst man es wie Lachenmann und nutzt nur noch Klänge, die sich für solchen "Missbrauch" (hoffentlich) niemals verwenden lassen.
      Na, wer weiß. Diktaturen sind manchmal erstaunlich fantasievoll. :D

      LG Falstaff
    • Herzlich willkommen, Meister der Meister,
      welch Ehre, Dich in unserem Kreis begrüßen zu dürfen!

      Herzliche Grüße
      Satie
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      Harry Partch
    • Johann Sebastian Bach schrieb:

      Ganz klare Trennung: Hier die Kunst und da der Mensch! Sonst bliebe nicht viel übrig für uns zum Genießen.
      Lieber Johann Sebastian,
      sehe ich ja auch so. Andererseits sah ich heute in einem Antiquariat eine Biographie über Levine und sofort dachte ich an all das, was man nun wieder in letzter Zeit gelesen hat. Und eine gewisse 'Schere im Kopf' funktioniert dann doch. Obwohl es ja eigentlich keine Neuigkeiten sind. Man kann nur hoffen, dass sich das auch wieder gibt.

      Aber denkt man nicht auch weiterhin beim Namen 'Pfitzner' seine Äußerungen im 'Dritten Reich' automatisch mit?

      LG Falstaff
    • Paßt zwar nicht in die Szene, aber trotzdem interessant:

      spiegel.de/kultur/tv/dieter-we…missbrauch-a-1200482.html
      --
      "Die grösseste Schwierigkeit eines andern Arbeit auszuführen, bestehet wohl darin, daß eine scharffe Urtheils-Krafft dazu erfordert werde, fremder Gedancken Sinn und Meinung recht zu treffen. Denn, wer nie erfahren hat, wie es der Verfasser selber gerne haben mögte, wird es schwerlich gut heräus bringen, sondern dem Dinge die wahre Krafft und Anmuth offt dergestalt benehmen, daß der Autor, wenn ers selber mit anhören sollte, sein eigenes Werck kaum kennen dürffte."
      (Mattheson)
    • Gestern habe ich - allerdings auf den Seiten des "Spiegel" - folgendes gelesen:
      focus.de/kultur/musik/professo…s-ausmass_id_8916317.html

      Es geht darum, dass nun zwei wichtige Persönlichkeiten der Musikhochschule in München angeklagt sind, Student*innen sexuell missbraucht zu haben. Der eine ist Siegfried Mauser, der Hochschuldirektor war, der andere ist der Komponist Hans-Jürgen von Bose, Kompositionsprofessor.
      Die komplette Geschichte kann man sich unter dem Link durchlesen, es ist ziemlich schauerlich, was denen vorgeworfen wird. Ich kennen keinen der beiden persönlich, daher kann ich da auch nichts weiter dazu sagen (würde ich auch an dieser Stelle nicht...). Zutrauen würde ich es so manchen Lehrkräften.
      Was mich gestört hat, vor allem am Spiegel-Artikel (man kann diesen leider nicht einfach lesen, nur gegen Bezahlung oder als Abonnent), war der Stil, der sich allzu schnell von einem sachlichen Journalismus entfernt hat. In beiden obigen Fällen gibt es kein Urteil, dennoch wurden oft Formulierungen ohne Konjunktiv gewählt, die zwar durchaus die Aussage einiger Zeug*innen direkt wiedergeben mögen, dennoch so den Eindruck erwecken, die Schuld sei schon eindeutig geklärt. Außerdem erweckte der Spiegel-Artikel den Eindruck, dass Musikhochschulen besondere Sündenpfuhle seien, was mich sogar veranlasst hat, einen Leserbrief zu schreiben. Mal schauen, ob sie den veröffentlichen.
      So wichtig es ist, dass das Thema Aufmerksamkeit erfährt: die Vorverurteilungen sind bereits Todesstöße für die betreffenden Personen: unterrichten dürfen sie sofort nicht mehr, mich würde auch nicht wundern, wenn Veranstalter Herrn Mauser nicht mehr als Pianisten auf dem Programm sehen wollten oder wenn Herr von Bose in der nächsten Zeit keine Kompositionsaufträge mehr erhalten sollte. Ich wünschte mir hier wirklich mehr Zurückhaltung von Seiten der Medien.

      Mich erinnert das an einen Fall an der Musikhochschule (damals Konservatorium) Winterthur, als ich studierte. Wir bekamen damals eine neue Direktorin, die einen der Lehrer bezichtigte, er habe Studentinnen bedrängt und schlimmeres. Eine Studentin hatte dabei direkt ausgesagt, der Lehrer habe sie missbraucht. Das schlug hohe Wellen in der provinziellen Lokalpresse, das Fernsehen kam, die Schule wurde sogar für ein paar Tage dicht gemacht. Das Problem war nun, dass die Presse von einem "Lehrer K." schrieb. Blöderweise gab es aber mehrere, die einen mit K beginnenden Nachnamen hatten, was dazu führte, dass vollkommen unbehelligte Personen böse Anrufe erhielten. Intern wusste man allerdings sofort, wer da gemeint war, was auch nicht gerade zu einem entspannten Umgang mit dem betreffenden Lehrer führte.
      Schließlich zog die Studentin ihre Aussage plötzlich zurück, behauptete, sie habe niemals etwas derartiges gesagt. Am Ende führte es dazu, dass der "Lehrer K." (von dem ich aus diversen Quellen weiß, dass er diverse Studentinnen im Bett hatte - verlässlichste Quelle erster Hand: meine Exfrau!) weiter unterrichtete wie bisher, die Direktorin aber gefeuert wurde im hohen Bogen. Man vermutete, dass die ganze Aktion auf nichts anderes abgezielt hatte. Die Direktorin übrigens hatte mir (und wohl auch anderen Studenten) damals mehrfach ziemlich schlüpfrige Avancen gemacht... Die Frage ist halt auch immer, wie weit die Leute gehen. Wenn sie sich rechtzeitig am Zügel reißen, sehe ich das alles nicht so dramatisch, sobald allerdings ein Übergriff erfolgt, ist Handeln angebracht, und da ist ein stärkeres Bewusstsein sicher nötig und richtig.

      Ach ja, wer den Spiegel-Artikel lesen will/kann, vielleicht ein Abo hat: spiegel.de/spiegel/sex-skandal…e-muenchen-a-1207253.html

      Herzliche Grüße
      Satie
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      Harry Partch
    • Satie schrieb:

      Am Ende führte es dazu, dass der "Lehrer K." (von dem ich aus diversen Quellen weiß, dass er diverse Studentinnen im Bett hatte -
      nur mal doof gefragt: geschahen die *promiskuitiven Aktivitäten* denn im gegenseitigen Einvernehmen oder hatte er die Studentinnen zB unter Druck gesetzt, ihnen als ""Belohnung" bessere Noten in Aussicht gestellt o. ä.? Denn das wäre ja unzweideutig Missbrauch.
      zwischen weißem rauschen und nichtton
    • Da habe ich unterschiedliches gehört. Manche sollen zumindest Testate bekommen haben für Unterricht, der nicht stattfand, was zumindest nicht ganz koscher wäre aber natürlich im Sinne der Damen gewesen sein mag. Er soll zumindest verbal einige Grenzen überschritten haben. Natürlich war damals es noch nicht so, dass die durchschnittliche Studentin unter 18 war. Mittlerweile wird sich ein solcher Lehrer schwer tun, nicht wegen Sex mit Minderjährigen belangt werden zu können. Aber nein, das war lediglich ein Blaubart von der harmloseren Sorte.

      Es gab - das hatte ich ganz vergessen- noch den Fall des ursprünglichen Direktors, der vor besagter Dame das Amt innehatte: dieser war Leiter eines Kinderchors, wo er sich in eine Elfjährige verliebte, mit der er über Jahre eine verdeckte Beziehung hatte. Als es herauskam, blieben die beiden zusammen, bis sie Mitte 20 war, er musste allerdings sein Amt als Direktor aufgeben. Den Chor hat er weiter geleitet. Besagte Studentin war eine Kommilitonin, sie hat mir die Story direkt erzählt. Dass das nicht an die Presse ging, war erstaunlich.
      So langsam habe ich das Gefühl, die Musikhochschulen sind vielleicht doch sowas wie Sodom und Gomorrha...
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      Harry Partch
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