Passionsmusiken abseits des Mainstream

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    • Angeregt durch Sfantus Beiträge/ Cetays Vorschlag im "Was höre ich..."-Thread erstelle ich hier gerne einen Thread zum Thema der wenig bekannten Passionsmusiken.
      Da es sich in den meisten Fällen um Vokalmusik im weitesten Sinne handelt/handeln wird, reihe ich das Thema in diesen Bereich des Forums ein, auch wenn es hier mitunter um rein instrumentale Werke handeln kann oder auch um Werke, die evtl. das Passionsthema entfernter behandeln.
      Sollte das Ganze woanders besser unterzubringen sein, bitte ich um Vorschläge.

      Herzliche Grüße
      Satie









      Krzysztof Penderecki - Lukas-Passion

      Stefania Woytowicz, Sopran
      Andrzej Hiolski, Bariton
      Bernard Ladysz, Bass
      Rudolf Jürgen Bartsch, Sprecher
      Tölzer Knabenchor,
      Kölner Rundfunkchor
      Rundfunk-Sinfonie-Orchester Köln - Henryk Czyz
      (2 LPs. dhm, 1967)

      Der Reigen der Passionsmusiken beginnt bei mir dieses Jahr einmal nicht mit den wohlklingenden barocken Schlachtrössern sondern mit dem kargen, spröden Penderecki: Solisten wie Chöre singen, schreien, flüstern, über weite Strecken wird acappella gesungen.
      Die Instrumenten-Stimmen sind so effektiv wie sparsam dosiert.
      Das Erzählte wirkt in seiner Ungeschminktheit schonungslos direkt.
      Gute bis sehr gute Darbietung.
      Festtagsstimmung kommt hier zu keiner Zeit auf. Daran ändert auch der wie ein Fremdkörper klingende triumphale Dur-Dreiklang des Schlussakkords nichts.

    • Adolf Brunner - Markus-Passion

      Ulrich Studer, Bariton - Christus
      Dieter Agricola, Tenor - Petrus, Hohepriester, Kriegsknecht
      Martin Bruns, Bariton - Hauptmann
      Christoph Näf, Bass - Judas
      Heinz Suter, Bass - Pilatus
      Regula Zimmerli, Sopran - Magd
      Heiner Kühner, Orgel
      Kantoreien & Collegium musicum der Evangelischen Singgemeinde - Klaus Knall
      (3 LPs, ex libris, 1985)

      Weiter geht's mit den Passions-Musiken.
      Nachdem Penderecki bei mir den Eindruck der Sprödigkeit & Kargheit hinterliess, relativiert sich das nach Adolf Brunners Markus-Passion (UA 1975 in Dresden) ein wenig: hier haben wir es mit einem tief empfundenen aber auch ebenso tief ernsten Stück zu tun: Pendereckis im Vergleich geradezu schillernde Erzählhaltung bleibt in jedem Moment ganz dicht am Geschehen & sorgt stets für eine Art Thrill - trotz des von ihm vertonten Latein gegenüber dem bei Brunner gesungenen Deutsch. Der Komponist betont im Beiheft die schonungslose Direktheit, ja Dramatik von Lukas im Vergleich mit den anderen Evangelisten. Davon blitzt in der Vertonung aber recht selten etwas hervor. Einerseits wohltuende Innenschau, andererseits ein Ausbremsen des dramatischen Flusses stellen die Präludium & Intonation genannten Orgelvorspiele zu den 6 Abschnitten dar. Der emotionale Grundcharakter der Passions-Schilderungen ist mehrheitlich düster-verhangen. Die Chancen zu dramatischer Zuspitzung werden nicht immer genutzt. Die Rolle eines Erzählers oder Evangelisten wird dem Chor übertragen. Dadurch bleibt allein an Aussage & Ausdruck Vieles im Ungefähren, hat weniger Kontur, als wenn die Rolle klar personalisiert wäre. Klug gewählt ist die Wahl der Instrumente für die jeweilige Szenerie. Brunners Klangsprache hat mich einige Male an Benjamin Britten & Michael Tippett denken lassen. Immerhin interessant & von starkem Eindruck die häufige Unterordnung der Musik unter den Sprachduktus, was die Prosodie angeht.
      Unter den Solisten sticht Heinz Suter als Pilatus hervor: weniger mit einem attraktiven Timbre als vielmehr mit Gestaltungskraft. Aufnahmetechnisch ist die Rolle des Christus leicht in den Vordergrund gezogen während die anderen Protagonisten quasi aus der Mitte des Chores heraus zu hören & somit zu leise sind. Chor & Instrumentalisten sind bestens disponiert, die Aufnahme plastisch, durchsichtig & dynamisch, meine Exemplare obendrein mutmasslich ungespielt & daher im obersten Vinyl-Himmel angesiedelt.
      Fazit > eine Passionsbetrachtung, die einen unverplanten Nachmittag mit Konzentrationsvermögen, Ausdauer & einer Kanne Rooibos verlangt.


    • Josef Bohuslav Foerster (1859 - 1951) - Sinfonie Nr. 4 c-moll "Veliká noc" ("Osternacht"), 1905
      Symfonický orchestr hlavního města Prahy Film Opera Koncert - Václav Smetáček (LP, Supraphon, 1970)

      Nach Penderecki & Brunner erfährt meine kleine Oster-Serie eine denkbar schroffe Kehrtwende: Zum einen hat man es bei Foerster mit einem rein instrumentalen Werk zu tun. Dann aber eben auch mit einer emotionsschwangeren Spätest-Romantik: Foerster schloss als Lehrer & Kritiker um die Jahrhundertwende in Hamburg Freundschaft mit Gustav Mahler. & das dringt in diesem Werk offenkundig durch. Auch werden Anklänge an, Humperdinck & Dvořák, stellenweise sogar Skrjabin hörbar.
      Die 4 Sätze tragen programmatische Titel: I. "Kreuzweg". Bewegte Thematik spiegelt den Widerstreit von Gut & Böse. II. "Kartfreitag eines Kindes": Der scherzoartige Satz wartet mit allerlei Folkloristischem auf - der stellenweise heiter-verspielte Grundton mag auf den ersten Blick nicht so recht zum tragischen Grundkontext passen. Foerster wählte aber selbst den Untertitel "Karfreitag eines Kindses". Laut Klappentext sei dies eine Anspielung auf österliche Festtagsbräuche & Kindheitserinnerungen. III. "Zauber der Einsamkeit" wird als inbrünstiges Gebet & als Evokation Christi im Garten von Gethsemane gedeutet. IV. "Sieg des Karsamstags": Heldische Motivik im Sinne Mahlerscher Erlösungs-Dramen wird effektvoll von einem Paukenschlag unterbrochen. Hierauf baut sich, von der Orgel ausgehend, eine hymnische Apotheose auf, die unter dröhnender Kathedralen-Kuppel im vollen Orchester ihren triumphalen Abschluss findet.
      Das Ganze geht für mich in Ordnung, rufe ich mir den übergeordneten Kontext ins Bewusstsein: Christi Sieg über alles Irdische. Denn rein stilistisch ist Foerster gerade in diesem Finalsatz doch wieder sehr nahe an Mahler (mit dem ich immer schon meine Mühe hatte/habe). Bei Mahler steht hinter allem Weltumspannenden am Ende doch immer ein selbstmitleidtrunkener Ich-Schrei - hier darf man wenigstens nominell ein höheres Prinzip als Leitgedanken annehmen (Foerster mag es als tiefgläubiger Christ wohl ernst gemeint haben).

      Mag ich diese Musik: Ja. Die übergeordnete Klammer Ostern lässt die Dramaturgie sinnfällig erscheinen. Die in mir schlummernden Mahler-Allergene kauern somit knapp unter der Aktivierungsschwelle...

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Sfantu ()

    • Gestern hintereinander gehört:

      Carl Philipp Emanuel Bach - Markus-Passion (vermutlich 1750er Jahre - keine Wotquenne-Nr.)

      Krisztina Laki, Sopran
      Ursula Kunz, Alt
      Peter Schreier, Tenor (auch Evangelist)
      Andreas Schmidt, Bass (auch Christus)
      Constanze Backes, Sopran (Dienerin)
      Dietmar Keitz, Bass (Hohepriester, Pilatus)
      Christoph Wagner, Bass (Petrus, Judas, Hauptmann, Kriegsknecht)
      Gächinger Kantorei, Stuttgart,
      Bach-Collegium Stuttgart - Helmuth Rilling
      (2 LPs, CBS, 1987)

      Eine Passion wie ein Schäferspiel.
      Schon der Eingangschor hebt in heiter gelöster Festtagsstimmung an. & mehrheitlich sonnig geht es weiter, es überwiegen ganz klar die Dur-Tonarten. Die Tenor-Arie "Dich, Petrus, weckt der muntre Hahn" wartet sogar mit verschmitzter Ironie auf, dazu die lautmalerisch kikerikierende Oboe. "Schrecklich harter Ausdruck. Wehe!" kommt wie eine ungestüme Rache-Arie daher. Sie wird vom selben Bass vorgetragen, der unmittelbar davor das Jesus-Rezitativ sang, in welchem das Wort über Judas fällt, es sei besser, er wäre nie geboren worden. Ich begreife also unwillkürlich auch die Worte der folgenden Arie als von Jesus kommend. Das befremdet etwas, da Rachegedanken für mich nicht zum Wesen Christi passen.
      Im Begleittext wird gemutmasst, dies sei wohl nicht als zusammenhängend aufzuführende Passion konzipiert gewesen. Die Kopien (Autographe sind (oder waren 1986) nicht erhalten) tragen Überschriften, die bestimmten Sonntagen der Fastenzeit zugeordnet sind. Zwar stellt sich ein entsprechender Pasticcio-Eindruck bei mir nicht ein. Befremdlich bleibt, wie gesagt, die fast fröhliche Stimmung. Die Turba-Chöre & die erwähnte Bass-Arie bilden da die wenigen Ausnahmen.
      Das Ensemble agiert recht homogen auf sehr hohem Niveau. Dennoch herausragend: Andreas Schmidt mit kluger Gestaltung & natürlich mit seinem edlen Gold-Timbre sowie Peter Schreier - der Archetyp eines Evangelisten - blitzsaubere Diktion, expressives Durchleben, ja Verkörpern des Geschehens & auch in schon reiferen Sängerjahren glockenklar wie eh & je. Die genannte Petrus-Verschmäh-Arie macht er zu einem Kabinettstück! Das Instrumental-Ensembel ist kein historisierendes. Wäre es eines, hätte das Ganze ein Quäntchen mehr Kontur, mehr Biss. Dies der einzige kleine Kritikpunkt an der ansonsten vorzüglichen Darbietung.

      Fazit: eine schöne, hörenswerte Passion, die nur leider keine ist. Liebliche, harmlose Geschichten in mehrheitlich heiter-melodiöser Vorklassik. Ecken, Kanten, erschütternde Abgründe: Fehlanzeige. (Muss an die 1980er DEFA-Produktion "Johann Sebastian Bachs vergebliche Reise in den Ruhm" denken: sehe Alexander May als Vater Bach vor mir, wie er Henry Hübchen (als CPE) eine Ohrfeige verpasst, nachdem er dieses Werk zu Ohren bekommt. Auch wenn diese Passion garnicht vorkommt & auch, wenn es Sebastian Kozik als Johann Christian war, der vom Vater abgewatscht wurde, aber egal).




      Carl Philipp Emanuel Bach - Passions-Kantate "Die letzten Leiden des Erlösers" Wq 233

      Barbara Schlick & Greta de Reyghere, Sopran
      Cathérine Patriasz, Alt
      Christoph Prégardien, Tenor
      Max van Egmond, Bass
      Collegium Vocale Ghent,
      La Petite Bande - Sigiswald Kuijken
      (2 LPs, deutsche harmonia mundi, 1987)

      Ganz anders dieses Werk.
      Es herrscht fast meditative Innenschau vor. Das Kernstück die ausladende, fast formsprengende Tenor-Arie "Wende dich zu meinem Schmerz". Die nicht wenigen wild-dramatischen Ausbrüche zeigen den Sturm-& Drang-Bach den ich kenne & liebe: so z. B. die Bass-Arien "Verstockte Sünder" & "Donnre nur ein Wort der Macht" & wiederum die Turba-Chöre. Vorzüglich die federnd & mit Brennschärfe aufspielende "Bande", das praktisch akzentfrei singende Collegium, der famose Christoph Prégardien & die Goldkehle von Barbara Schlick. Ein Schwachpunkt aus meiner Sicht Max van Egmond: hier fehlt ihm einfach der nötige Biss, die Gestaltungskraft. Auch klanglich bleibt er mit seinem fahlen, schwammigen Timbre blass, wie nicht fassbar. Schade bei dieser lohnenden Partie. Diesmal wird kein Evangelisten-Text vertont sondern Anna Luise Karsch. Sie kommentiert das Geschehen, es fallen kaum Zitate. Die Rollen entsprechen denn auch keinen Figuren der Leidensgeschichte. Interessant, wie sie Pilatus' im Grunde guten Kern herausstreicht & ihn als lediglich zu schwach oder als Opfer der Umstände fast verteidigt. Nicht selten wechseln die Erzähler sogar innerhalb der (phantasievollen) Rezitative.

      Insgesamt eine sehr gute, über weite Strecken herausragende Darbietung eines Meisterwerks, das in seinem ernsthaften, edlen Charakter tief bewegt. Hier (1767) hat Bach eine souveräne Reife ausgebildet.
    • Sfantu schrieb:




      Josef Bohuslav Foerster (1859 - 1951) - Sinfonie Nr. 4 c-moll "Veliká noc" ("Osternacht"), 1905
      Symfonický orchestr hlavního města Prahy Film Opera Koncert - Václav Smetáček (LP, Supraphon, 1970)


      Nach Penderecki & Brunner erfährt meine kleine Oster-Serie eine denkbar schroffe Kehrtwende: Zum einen hat man es bei Foerster mit einem rein instrumentalen Werk zu tun. Dann aber eben auch mit einer emotionsschwangeren Spätest-Romantik: Foerster schloss als Lehrer & Kritiker um die Jahrhundertwende in Hamburg Freundschaft mit Gustav Mahler. & das dringt in diesem Werk offenkundig durch. Auch werden Anklänge an, Humperdinck & Dvořák, stellenweise sogar Skrjabin hörbar.
      Die 4 Sätze tragen programmatische Titel: I. "Kreuzweg". Bewegte Thematik spiegelt den Widerstreit von Gut & Böse. II. "Kartfreitag eines Kindes": Der scherzoartige Satz wartet mit allerlei Folkloristischem auf - der stellenweise heiter-verspielte Grundton mag auf den ersten Blick nicht so recht zum tragischen Grundkontext passen. Foerster wählte aber selbst den Untertitel "Karfreitag eines Kindses". Laut Klappentext sei dies eine Anspielung auf österliche Festtagsbräuche & Kindheitserinnerungen. III. "Zauber der Einsamkeit" wird als inbrünstiges Gebet & als Evokation Christi im Garten von Gethsemane gedeutet. IV. "Sieg des Karsamstags": Heldische Motivik im Sinne Mahlerscher Erlösungs-Dramen wird effektvoll von einem Paukenschlag unterbrochen. Hierauf baut sich, von der Orgel ausgehend, eine hymnische Apotheose auf, die unter dröhnender Kathedralen-Kuppel im vollen Orchester ihren triumphalen Abschluss findet.
      Das Ganze geht für mich in Ordnung, rufe ich mir den übergeordneten Kontext ins Bewusstsein: Christi Sieg über alles Irdische. Denn rein stilistisch ist Foerster gerade in diesem Finalsatz doch wieder sehr nahe an Mahler (mit dem ich immer schon meine Mühe hatte/habe). Bei Mahler steht hinter allem Weltumspannenden am Ende doch immer ein selbstmitleidtrunkener Ich-Schrei - hier darf man wenigstens nominell ein höheres Prinzip als Leitgedanken annehmen (Foerster mag es als tiefgläubiger Christ wohl ernst gemeint haben).


      Mag ich diese Musik: Ja. Die übergeordnete Klammer Ostern lässt die Dramaturgie sinnfällig erscheinen. Die in mir schlummernden Mahler-Allergene kauern somit knapp unter der Aktivierungsschwelle...
      Die Scheibe lag heute erneut auf meinem Plattendreher.

      Weshalb? Zur Selbsttherapie - bevor mein Mahler-Problem noch pathologische Züge annimmt. Denn wie albern ist das denn?: wieder & wieder weniger bekannte Komponisten allein an dem zu messen, was sie von berühmten Zeitgenossen unterscheidet. Oder was sie mit ihnen verbindet. Wie gerecht ist es bspw., Richard Strauss, Gustav Mahler, Alexeij Skrijabin, Josef Suk usw. usf. als Messlatten neben jemanden zu setzen, der bisher nicht als stil-oder epochebildend galt - aus welchen Gründen auch immer? Ist Bekanntheit perse bereits ein Qualitätsmerkmal? Wer sagt z. B., dass Mahler als Kollege & Freund zu Hamburger Zeiten stilbildende Impulse nicht von Foerster erhielt als (wie man aufgr. der heutigen Popularität anzunehmen geneigt ist) umgekehrt? Wenn es mir gelingt, mich zu diesem Punkt durchzuringen, dann wird meine Sichtweise vielleicht eine andere.
      Dann konstatiere ich hohe Instrumentationskunst, kluges Mass der Proportionen, geschickten Einsatz der Mittel zur Erzeugung von Emotionen um eine Geschichte packend & überzeugend zu transportieren.
      Dann erscheint es in einem neuen Licht, wenn die Leidensgeschichte hier im Hollywood-Stil daher kommt. Stimmt meine vorherige mentale Einstimmung, dann spricht mich am Ende auch das Ergebnis an.

      Foerster steht stellvertretend für viele: mein Regal ist davon über die Jahre angefüttert worden, die Auseinandersetzung damit wurde aber auf den Sankt Nimmerleins-Tag verschoben. & so konnte dank eines entsprechenden Urknalls auch Folgendes endlich mal erkundet werden:



      "Ze Shakespeara"("aus oder von Shakespeare"), Sinfonische Dichtung op. 76
      "Jaro a touha" ("Frühlingszeit & Sehnsucht"), Sinfonische Dichtung op. 93

      Symfonický orchestr hlavního města Prahy Film Opera Koncert - Václav Smetáček
      (LP, Supraphon, 1986)



      2. Violinkonzert op. 104
      Capriccio für Flöte & Orchester op. 183b

      Libor Hlaváček, Vl., Oldřich Slavíček, Fl.,
      Symfonický orchestr Českého rozhlasu - Václav Jiráček
      (LP, Supraphon, mono. Kein Aufnahmejahr angegeben)

      Ich bin froh, dass es endlich mal eine Initialzündung gab, diese Platten aufzulegen.
      Meine ersten Eindrücke sind noch frisch, brauchen Zeit, um sich zu setzen. Allenthalben höre ich hochromantische, emotionsbetonte Musik, die vor allem Stimmungen transportiert. Das Violinkonzert (entstanden über einen Zeitraum von 1918 bis 26) tönt bereits einen Schritt abgeklärter. Das Cappriccio zitiert mehrfach das Hauptthema des Kopfsatzes aus Dvořáks Cellokonzert. Die Interpretationen erscheinen mir durchweg stimmig. Die Flamme der Emphase ist konstant (wenn auch wohltuend etwas kleiner als in der Osternacht-Sinfonie). Ausser den erwähnten Zeitgenossen klingen hie & da auch Debussy oder ein weiter gedachter Dvořák durch...Herrgott! Jetzt bin ich ja schon wieder beim Vergleichen!

      Foerster lohnt sich!


    • Georg Philipp Telemann - Matthäus-Passion (1746)

      Wilfried Jochens, Tenor (Envagelist)
      Klaus Mertens, Bass (Jesus)
      Sebastian Hübner, Tenor (Petrus)
      Christoph Burmester-Streffer, Tenor (Judas)
      Uwe Czyborra-Schröder, Altus (1. Zeuge)
      Koen van Stade, Bass (2. Zeuge)
      Bernhard Scheffel, Tenor (Caiphas)
      Ekkehard Abele, Bass (Pilatus)
      Rheinische Kantorei
      Das Kleine Konzert - Hermann Max

      (CD, Capriccio, 1999)

      Aufs neue eine Passion der Leichtigkeit. Alles ist betont kleingliedrig gefügt, kaum eine Nummer überschritet einmal 5 min Spieldauer. Dies erwartungsgemäss in den Arien, in denen fast durchweg reizvolle Instrumental-Soli mit dem Sänger wettstreiten. Dies dann auch der Pluspunkt für meinen Geschmack. Sicher, man bekommt höchste Qualität in Erfindung, gediegener Komposition & Klangpracht geboten - Telemann eben. Vieles klingt mir angesichts der Leidensgeschichte aber zu freudig & passt oftmals eher in eine Huldigungs-Kantate für einen noblen Auftraggeber, in der repräsentativen, prachtvollen Manier des nordostdeutschen Barock.
      Jochens ist ein guter aber kein überragender Evangelist. Es fehlt eine Portion deklamatorische Schärfe, um dem Geschehen die angemessene Spannung zu verleihen. Klaus Mertens dagegen ein Abgeklärtheit ausstrahlender Christus mit kernigem Timbre.
      Die übrigen Beteiligten verdienen sicher ein Gut bis Sehr gut.
      Unfreiwillig komisch der Chor in Nr. 11 (Track 11) "Wehe, Aufruhr, eilet, helfet!". Durch die hastig zu repitierenden Worte stellt sich der Eindruck ein, den damals ein Rezensent (FonoForom oder Rono muss es gewesen sein) sehr treffend als von einem "in Aufregung geratenen Kaffeekränzchen" beschrieben hat.

      Also: musikalisch wert- & reizvoll (kenne nichts von Telemann, auf das dies nicht zuträfe): ja!
      Eine angemessen würdevolle Passion?: leider nein.





      Georg Philipp Telemann - Matthäus-Passion (1730)

      Sena Jurinac, Sopran
      Theo Altmeyer, Tenor (Evangelist)
      Horst Günter, Bariton (Jesus)
      Franz Crass, Bass
      Festival-Chor Luzern
      Schweizer Festival-Orchester - Kurt Redel

      (2 LPs, Philips, ca. 1965)

      Gleich die einleitende Sinfonia macht unmissverständlich klar, dass hier eine bodenlose Tragödie heraufzieht. Das Werk ist von feierlichem Ernst durchzogen, die gesamte Anlage breiter, gesetzter, ausladender. Bisher noch nicht so emphatisch gehört wie in dieser Version: Judas' Szene des Erkennens & Eingestehens der eigenen Schuld - passend mit "Furioso" überschrieben. Auch die Stelle gegen Ende mit dem zerreissenden Vorhang, der bebenden Erde & den brechenden Felsen kommt hier ebenfalls herrlich plastisch mit Donnergrollen daher: wilde Streicher-Tremoli & Paukenwirbel. Sehr anrührend die Sopran-Arie "Lass Dich bitt're Tränen netzen". Interessant, dass bei den Nummern in etwas aufgehellterer Stimmung oftmals Traversflöten & Piccoli die stimmführenden Geigen verstärken - so, wie häufig sonst etwa bei Rameau zu hören - sehr reizvoll!
      Für mich besonders hervorzuheben: Franz Crass & Theo Altmeyer mit jeweils souveräner, fast mustergültiger Gestaltung. Crass steht hier auch stimmlich noch in Saft & Kraft. Altmeyer formt seinen Part exzellent, man lässt sich gern von ihm durch diese Geschichte leiten. Allerdings ist er entweder stimmlich vergleichsweise schmalbrüstig oder aber von der Klangregie benachteiligt. Auch die anderen Solisten sind zu sehr im Hintergrund, verfügen aber wohl einfach über Organe mit mehr Durchschlagskraft. Schade: Horst Günter verkörpert mit seinem nicht besonders attraktiven, altväterlichen Stimmklang keinen Mittdreissiger.
      Chor & Orchester sind tadellos, der Klang (bis auf die erwähnte Disbalance) voll, durchsichtig, geschmeidig. Organische Tempi, alle sind bei Redel in kundigen, sicheren Händen.

      Wie kam es nur zu derart unterschiedlich geratenen Passions-Geschwistern? Auch das ältere Werk ist bereits in Telemanns Hamburger Zeit entstanden. Gut, es liegen 16 Jahre dazwischen. Vielleicht gab es unterschiedliche Auftraggeber? Die Booklets enttäuschen: bei Capriccio wird lang & breit über die neue Art der Rezitativ-Komposition in der 1746er Passion doziert, über die Entstehungsgeschichte erfahre ich nichts. Bei Philips (nur auf französisch & eine etwas sparsame Low-Budget-Auflage) wird auf derartige Unterschiede in Telemanns Passionen nicht ausreichend eingegangen.

      Die Pistole auf die Brust, entscheide ich mich - trotz der Einschränkungen - klar fü die 1730er-Version.

    • Carl Orff - Comoedia de Christi Resurrectione

      Die erste Wacht (sechs Soldaten):
      Karl Obermayr
      Wolf Euba
      Gustl Bayrhammer
      Max Griesser
      Ossi Eckmüller

      Die zweite Wacht (sechs andere Soldaten):
      Fritz Strassner
      Maxl Graf
      Georg Hartl
      Gustl Weishappel
      Hans-Reinhard Müller
      Hans Baur

      Der Teufel - Alexander Golling

      Tölzer Knabenchor
      Chor des Bayerischen Rundfunks
      Mitglieder des Münchner Rundfunkorchesters - Kurt Eichhorn
      (LP, eurodisc, 1971)

      In Sachen Oster-Musiken drehe ich eine kleine Ehrenrunde, da bei uns orthodoxen Christen Ostern erst kommenden Sonntag ist ;)
      Bei Orff schliesst sich damit der kleine 2-Teiler, den ich im Dezember mit dem Weihnachtsspiel begonnen hatte.
      Im Osterspiel liegt der Akzent nochmal stärker auf dem Sprechtheater, die musikalischen Nummern sind auf das Knappste reduziert. Der Teufel belagert das Grab Christi um ja die Auferstehung zu verhindern. Wissend/nicht wissend (?) überlistet wird er durch die Grabwachen, die ihn ins Karten-& Würfelspiel verwickeln. So verpasst er den entscheidenden Augenblick & Christus kann glorreich auferstehen.
      Erneut sehr idiomatisch die Volksschauspieler in diesem derben bajuwarischen Osterstück. Herrlich verschlagen & gerissen der ätzende Teufel des Alexander Golling. Zur schrägen Boshaftigkeit von Elfie Pertramer als Chef-Hexe im Weihnachtsspiel gesellt Golling noch eine Portion glitzernder Beflissenheit: ein Privatgelahrter im Teufelskostüm - köstlich!

      Die sparsamen Einsätze der Musiker beeindrucken, besonders der Jubel gegen Ende. Der Klang könnte/müsste hier aber weiter, generöser sein. Dies macht sich besonders bei den Musiknummern bemerkbar. Ihnen kommt nicht die gebührende Weite & Räumlichkeit zu - es ist nunmal alles auf das etwas fernsehspielhaft trockene Klanggewand dieses Märchens für Erwachsene ausgerichtet.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Sfantu ()

    • Sfantu schrieb:

      Carl Orff - Comoedia de Christi Resurrectione
      Was die beiden enthaltenen Musikstücke, nämlich den Anfangs- und Schlusschor angeht (alles dazwischen ist lediglich gesprochenes Schauspiel) ist das sogar mein Lieblings-Orff überhaupt, vor allem der Eingangschor hat eine sehr eindrucksvolle, archaisch anmutende Wirkung. Hierzu trägt zum einen ist die ungewöhnliche, für den späten Orff aber typische Orchesterbesetzung mit fast nur perkussiven Instrumenten (Klaviere, Harfen, verschiedene Stabspiele (Marimbas, Glockenspiele, Steinspiel...)) bei.

      Zum anderen bedient sich Orff in großen Teilen des Osterspiels alter Kirchentonarten: Der erste Chorsatz beginnt im dunklem Phrygisch (mit einem kurzen Ausflug ins denkbar weit entfernte Lydisch), erfährt im Mittelteil durch eine Fortführung im äolischen, dann im dorischen Modus eine schrittweise Aufhellung um schließlich wieder in der Anfangstonart zu enden. Der am Ende des Stückes erklingende Auferstehungschor steht (jedenfalls in den Hauptteilen) in mixolydischer Tonart und erweckt in seiner düster-triumphalen Wildheit musikalisch eher Assoziationen an eine heidnische Orgie als an christliche Osterfreude. Unterbrochen wird der musikalische Fluss mehrfach durch das Geschrei des Teufels, der sich (aus Zorn über die Auferstehung Christi, die er nicht zu verhindern gewußt hatte) schließlich selbst den Schwanz abhackt...

      Wie man hieraus ersehen kann, handelt es sich bei der "Comoedia" nicht um Kirchenmusik und auch sonst nicht um ein aus "christlichem Glauben" heraus geschriebenes Bekenntniswerk. Adressat ist vielmehr ein bereits stark säkularisiertes Publikum. Anders als bei den traditionellen, christlichen Passionsmusiken wird die biblische Ostererzählung hier eher in einer Weise behandelt, in der man man auch nichtchristliche (zB antike) mythologische Stoffe (Orpheus, Antigone etc.) vertonen würde, die man durchaus als stofflich hochinteressant und anregend ansehen mag, mit deren weltanschaulichen Inhalten man sich aber in der Regel nicht gläubig identifiziert.
      zwischen weißem rauschen und nichtton

      Dieser Beitrag wurde bereits 4 mal editiert, zuletzt von EinTon ()

    • Wozu man durch das Klassikforum inspiriert wird: Um mein Scherflein beizutragen, habe ich nach Passionsmusiken der Jetztzeit gesucht und bin dabei auf Marc Andres ...22, 13... gestoßen. Nun ist das keine Passionsmusik im engeren Sinne, da sie textlich auf der Offenbarung des Johannes basiert, aber Andre selbst hat den Untertitel A Music-Theatrical Passion gewählt und wirverblödenja.de listet es ebenfalls unter Passion (Musik). Um etwas Schlaues dazu schreiben zu können, hab ich nach der Offenbarung geDuckDuckGot, aber war bald abgelenkt von der Numerologie, die es da zu entdecken gibt und bin schließlich auf Belphegor's Prime gestoßen: 1000000000000066600000000000001. Was für eine Zahl! Von dort sind es dann nur noch ein paar Mausklicks zur Quanten-Wiederauferstehung.

      Die Musik von ...22, 13...? Eine gewisse Leidensfähigkeit wird beim Hörer schon vorausgesetzt, ob dieser nicht enden wollenden Passagen, die an der Grenze zum Hörbaren spielen, zerschnitten von heftigen Ausbrüchen des Schlagwerks. Vokal wird meist geflüstert oder es gibt sphärische Liegeklänge, irgendwann wird auch geschrien. Das ist nichts, was man mit Rezensenten-Latein beurteilen könnte - deswegen werden diejenigen Komponisten, die sich nicht an die verbindliche Klangsprache der antiquierten Klassik halten, von den Konservativisten von vorne herein geschasst. Wenn mir das Werkzeug fehlt, um zu beurteilen, ob etwas gut oder schlecht ist, dann ist es halt schlecht. Die Logik des gemeinen Bildungshörers. Die Musik von ...22, 13...? Geiler als alles von Weber, Tschaikowski und Sibelius zusammen. Ich könnte das jetzt tiefgründig erklären, aber wozu? Andre hat einen ganz entscheidenden Fehler: er lebt. Damit ist er für die Mehrheit untragbar und 10.000 ermunternde Worte von Cetay können dies nicht ändern. Und die Minderheit? Die findet das früher oder später selbst heraus, weil an ihm einfach kein Weg vorbei führt. Prädikat: Must Hear.

      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Cetay ()