Frank Zappa

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    • Frank Zappa

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      Cetay schrieb:

      Ich hoffe, dass die Abendländische Musikgeschichte irgendwann erkennt, dass Frank Zappa zu den großen Klassikern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gerechnet werden muss. Nicht wegen der paar Orchester-, Kammermusik- oder Synclavier-Stücke, die auch von Hardlinern als in der klassischen Tradition stehend und damit zur Modernen Klassik gehörend anerkannt werden, sondern weil er mit seinen oberflächlich nach Pop/Rock/Jazz/Comedy aussehenden Platten den Stil und Geschmack seiner Zeit künstlerisch durchdrungen und mit den Kompositionsmethoden der Avantgarde verarbeitet hat und weil er sowohl musikalisch als auch kunstverfremdet textlich die politische und gesellschaftliche Realität seiner Zeit widerspiegelt. Was muss ein Musiker noch alles tun, damit er als "Klassiker" anerkannt wird?

      Frank Vincent Zappa (1940-1993) gehört zu den schillerndsten Figuren der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seine Anhängerbasis rekrutiert sich aus so unterschiedlichen Gruppen wie Musikern, die vor allem sein innovatives Gitarrenspiel schätzen, über Jazzfreunde und Pop-Musik-Hörer bis hin zu Liebhabern der "ernsten" zeitgenössischen Musik. Bei letzteren ist er nicht unumstritten, weil seine Versuche in diesem Metier arg eklektisch und zu offenhörbar an Vorbildern wie Strawinsky, Varèse, Webern und Ives orientiert sind. Dennoch setzten sich zu Lebzeiten Kent Nagano und Pierre Boulez und posthum Esa-Pekka Salonen für seine Orchestermusik ein. Ich halte das gegeneinander Ausspielen von seinen ernsten und unterhaltsamen Produktionen für ein grobes Missverständnis. Zappa hat immer klassisch-avantgardistische Kompositionsmethoden angewandt, allerdings unterschied er beim Ausgangsmaterial nicht zwischen Hoch- und Popkultur, sondern hat auf den gesamten Fundus der abendländischen Gegenwartsmusik zurückgegriffen. Das bewusste Gegenüberstellen und Übereinanderschichten von Trivialem und Edlem gab es schon bei Haydn, Mahler und Ives - nur hatte Zappa durch die vorangegangene Stilexplosion der Unterhaltungsmusik und des Jazz ungleich mehr Material zur Verfügung.

      Was ihn für mich besonders heraushebt, sind seine philosophischen Kompositionsprinzipen und deren Umsetzung: Er sah jede seiner Studioaufnahmen und Konzertmitschnitte als Teil eines Großen Ganzen, eines Gesamtkunstwerks, das unabhängig von der Zeit existiert und immer wieder auf neue Art realisiert werden kann. It's all one album. All the material in the albums is organically related and if I had all the master tapes and I could take a razor blade and cut them apart and put it together again in a different order it still would make one piece of music you can listen to. Then I could take that razor blade and cut it apart and reassemble it a different way, and it still would make sense. I could do this twenty ways. The material is definitely related (Conceptual Continuity). Dass dies nicht nur prätentiöse Worte sind, hat er bewiesen, indem er tatsächlich Album für Album produziert hat, bei denen er um vorhandene Live-Improvisationen herum komponiert oder sie über vorhandenes Material geschichtet hat. And so the musical result is the result of two musicians, who were never in the same room at the same time, playing at two different rates in two different moods for two different purposes, when blended together, yielding a third result which is musical and synchronizes in a strange way. That's Xenochrony. Später hat er ganze Konzept-Alben auf der Basis von vorhandenem Material, das dadurch in einen völlig neuen Licht erschien, zusammengestellt.

      Neue-Musik-Snobs würden diese Konzepte abfeiern, wären sie in Darmstadt oder Donaueschingen vorgestellt und anhand von schrägen Orchestergeräuschen demonstriert worden. Solcherlei hatte Zappa durchaus auch im Repertoire, aber eben auch jede Menge Musik für den Pöbel (er hatte gar Nummer-eins-Hits in den Pop-Charts), weswegen seine Genialität auch heute noch verkannt wird. Es hilft nichts: das Phänomen Zappa kann man nur erfassen, wenn man sein gesamtes Werk annimmt und alle Aspekte "durcharbeitet". Wer Teile davon ausschließt, weil er glaubt, sie seien unter seiner intellektuellen Würde, dem entgeht etwas ganz Großes.

      Wer das Wagnis eingehen will, beginnt mit dem Album Läther. Dessen Entstehungsgeschichte zeigt, wie weit Zappa seiner Zeit voraus war. Es war ursprünglich als 4-LP-Box geplant, über die je ein Live-Konzert, avantgardistische Kammermusik- und Orchesterstücke, Comedy-Pop, Jazz-Rock-Fusion und als verbindendes Element gesprochene Dialoge verteilt werden sollten. Natürlich lehnte die Plattenfirma das ab und brachte statt dessen gegen Zappas Willen und mit unautorisierter Postproduktion vier Einzel-LPs heraus, so dass die "nicht zusammenpassenden" Elemente schön säuberlich getrennt bleiben. Erst nach Zappas Tod wurde das Album in der ursprünglich geplanten Form herausgegeben und es ist unfassbar wie kohärent sich das, was nicht zusammengehört, zusammenfügt und vor allem welch eindrucksvolle Großform sich über das Ganze spannt. Es ist klar sein bestes Album, wenn auch nicht mein Lieblingsalbum. Diese Krone gebührt Civilization Phaze III, aber das ist dann zu speziell, um allgemein empfohlen zu werden. Zappa hat an diesem Werk mehere Jahre lang gearbeitet und es wurde durch seinen Tod zwangsläufig vollendet. Der größte Teil davon wurde auf dem Synclavier realisiert und mit einigen Samples, die bei Aufnahmen mit dem Ensemble Modern entstanden, angereichert. Zappa stößt hier zum Teil in unerhörte Klanggefilde vor und kompensiert einigen Leerlauf mit Großen Momenten, die für mich zu den Höhepunkten der Geschichte der Tonaufzeichnung gehören. Wer möglichst viel vom ernsten Zappa haben möchte und seinen anarchistisch-pubertären Humor weniger mag, findet hier ein angemessenes Verhältnis. Sicher, die improvisierten Dialoge, welche die Klangexkursionen miteinander verbinden, sind keine hohe Literatur, aber verbreiten als Zen und Dada aufgefasst durchaus Tiefe: There's a mountain on the beach? // It was under the beach // A mountain under the beach? // Yeah // How did you get to it? // We didn't, it found us (A Kajak (on snow)).


      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

      Dieser Beitrag wurde bereits 15 mal editiert, zuletzt von Cetay ()

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      Der Ordnung halber seien die einschlägigen fast "rein" zeitgenössisch-klassischen Platten von Zappa gelistet. Ich höre sie eher selten -eigentlich nie-, weil es in diesem Sektor dann doch interessantere Komponisten und Werke gibt. Ich wiederhole, dass die Größe von Zappa gerade darin liegt, dass er Genre- und Stilgrenzen transzendierte. Erst in der Verquickung mit der vermeintlichen Unterhaltsmusik kommt der "Kunstmusiker" Zappa richtig zur Geltung, daher ist die Beschränkung auf den klassischen Teilaspekt ebenso unbefriedigend wie manche seiner reinen Pop-Rock-Platten der 80'er. Erst die Collage macht's.



      Um die LSO-Platte mit Kent Nagnao am Pult ranken sich vielerlei Legenden, inklusive betrunkenem Blech. Jedenfalls war Zappa höchst unzufrieden und bezeichnete die Aufnahmen als besseres Demo, das lediglich andeuten würde, was in den Partituren steckt. Konsequenterweise stürzte er sich auf das Synclavier, eine Mitte der 70'er entwickelte digitale Arbeitsstation, die es ihm ermöglichte beliebig komplexe Partituren unter voller Kontrolle aller musikalischen Parameter zu realisieren, ohne auf lästige und inkompetente Musiker angewiesen zu sein. Einige der Werke auf The Perfect Stranger (Ensemble Intercontemporarian, Pierre Boulez) wurden damit realisiert. Zum Teil klingt das etwas mechanisch-steril, aber es deutet sich -vor allem auf dem letzten Stück Jonestown- schon an, zu welchen Großtaten Zappa ein paar Jahre später mit dieser Maschine auf Civilization Phaze III fähig sein würde.
      Zum Kritikerliebling wurde schließlich The Yellow Shark auserkoren. Seine letze zu Lebzeiten veröffentliche Platte, enthält Konzertmitschnitte mit Orchesterarrangements von älteren Stücken und Neukompositionen für das Ensemble Modern.

      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)