Ü 6 - gross besetzte Kammermusik

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    • Ü 6 - gross besetzte Kammermusik

      Auch ich finde grösser besetzte Kammermusik reizvoll & höre sie gern!
      Zu reizvoll, als dass ich ein enges Korsett an Ausschlusskriterien anlege.


      Cetay schrieb:

      Nichtsdestotrotz vereinigt es für mich alles, was diese Gattung so interessant macht: die obligate Stimme für jedes Einzelinstrument aus der Kammermusik, das Konzertieren, wie man es von der Sinfonia Concertante kennt und das formale Gewicht der Sinfonie. Beethoven hat die Viersätzigkeit der letztgenannten mit zwei eingeschobenen Divertimento-Sätzen ergänzt und den sinfonischen Anspruch durch gravitätische langsame Einleitungen im Eröffnungs- und im Schlusssatz betont.


      im Faden Sinfonien-Gerippe in bezug auf das Beethoven-Septett

      Cetay schrieb:

      Schubert selbst sah dieses Werk zusammen mit anderen Kammermusikwerken der Zeit als Weg zur großen Sinfonie.


      im Faden Sinfonien-Gerippe zu Schuberts Oktett
      Wer sagt, dass im einen wie im anderen Fall das Sinfonische als hehres Ideal angestrebt wurde? Jedenfalls betrachte ich weder das eine noch das andere Werk als Sinfonie-Destillate oder verhinderte Sinfonien. Kann diese Musik nicht einfach auch sich selbst genügen?

      Cetay schrieb:

      Werke mit Klavier oder Harfe scheiden aus, da in der Regel Konzert-Gerippe entstehen

      EinTon schrieb:

      Kann ich nicht nachvollziehen. Die meisten Werke dieser Besetzungsgröße findest du im 20. Jahrhundert, dort ist aber das Klavier eher "ein Instrument unter anderen"
      Hier stimme ich EinTon zu.


      Für diesen Faden soll gelten:

      - Willkommen sind alle Besetzungen von 7 Spielern & mehr.
      - & das schliesst Klaviere & Harfen mit ein.
      - Reine Streicher- als auch reine Bläserbesetzungen sind ebenfalls möglich.
      - Auch sind mehrfach besetzte Instrumente erlaubt.
      - Eine fixe Obergrenze gibt es nicht.

      Ansonsten vertraue ich auf euren Musikverstand, euer Ohr & euer Herz:
      Klar - die Werke sollten möglichst ausgewogen sein, was die Spielanteile anbelangt.
      Ihr entscheidet: Herrscht noch ein kammermusikalischer Gestus vor oder kippt es schon ins Orchestrale & gehört somit hier nicht mehr mit hinein?
      Ihr entscheidet: Ist eines der beteiligten Instrumente derart dominant, dass ein Ungleichgewicht entsteht & zu sehr in Richtung Kammerkonzert driftet?
      Auch dann passt es hier wohl eher nicht her.
      Nochmal: so wenig, wie meine eigenen Vorlieben massgeblich sind, so wenig Restriktionen & so viel Freiheit soll es geben. Einspruch & Debatten sind ja jederzeit möglich. Mehr noch: sie machen den Faden lebendig!

      Ich mache den Anfang mit zwei Werken von

      Grete von Zieritz
      Kassandra-Rufe für Violine, Bratsche, Violoncello, Kontrabass, Fagott, Oboe, Klarinette, Bassklarinette, Trompete & Pauken (1986)
      Mitglieder der Orchester-Akademie des Berliner Philharmonischen Orchesters - Horst Göbel (live, 19. November '86, SFB Saal II)
      Oktett-Concertino für Klarinette, Horn, Fagott, zwei Violinen, Bratsche, Violoncello & Kontrabass (1982)
      Philharmonisches Oktett Berlin (Studio-Aufnahme, 3. Februar '84, SFB Saal III)
      (CD, Arte Nova, 1999)

      Die Kassandra-Rufe sind durch 10 Cassandra-Bilder von Christoph Niess inspiriert. Zur Erinnerung: Cassandra, die trojanische Königstochter, erhielt von Apoll die Gabe der Weissagung, wurde aber von ihm bestraft, weil sie seine Liebe nicht erwiderte. Von nun an hörte keiner mehr auf sie, wenn sie den Untergang Trojas prophezeite. Bemerkenswert (& von Zieritz im Booklet hervorgehoben) der Umstand, dass das Werk kurz vor der Tschernobyl-Kathastrophe fertig gestellt wurde.

      Formal interessant, dass Niessens Bilder zunächst von jeweils einem Solisten allein charakterisiert werden:
      Erwachen: Violine
      Ahnung: B-Klarinette
      Erkenntnis: Bratsche
      Flucht: Fagott
      Klage: Violoncello
      Grauen: Es-Klarinette
      Nacht: Kontrabass
      Kreuzigung: Bass-Klarinette

      & schliesslich im ganzen Ensemble:
      Untergang & Aufbruch.

      Die Musiksprache ist expressiv. Im Ensemble-Teil kommt es zu echt kammermusikalischer Interaktion, alles ist farbig & ich komme als Hörer voll auf meine Kosten. Eine Träne im Knopfloch bereitet mir allerdings der Schlussakkord - ähnlich wie in Pendereckis Lukas-Passion: ist der Hörer so dumpf & schlicht strukturiert, dass er nach all dem wilden, dissonanten Gewusel einen strahlenden Dur-Dreiklang braucht, um zu kapieren, dass am Ende Hoffnung & Aufbruch stehen? Ich find's nervig & im Nachhinein schmälert es den Genuss.
      Beim nächsten Hören werde ich unbedingt per Programmier-Funktion die Text-Einschübe eliminieren: Frau von Zieritz war bei der Aufführung der Kassandra-Rufe als Rezitatorin mit dabei. Natürlich ist so etwas immer Geschmackssache. Jedenfalls trägt sie für mich zu dick auf, es wirkt fast ein bisschen peinlich. Das sollte man dann doch besser jemandem überlassen, der's kann...
      Ausserdem genügen die Satztitel vollkommen & man kann sich seine eigenen Gedanken dazu machen.

      Das Concertino erfreut durch seine knappe, fassliche Anlage & die sehr klare, wiederum expressive Tonsprache. Fast zu knapp, denn nach nicht ganz 11min ist's auch schon wieder vorbei.

      Die Sätze tragen die Titel:
      Allegro risoluto con fuoco
      Andante cantabile
      Allegretto scherzando
      Arioso con dolore
      Presto furioso

      Die Ausführenden überzeugen auf ganzer Linie!
      Das Concertino kannte ich seit Anfang 2001, als ich aus dem Radio ein Konzert mit Mitgliedern des WDR-Sinfonieorchesters auf MD mitgeschnitten hatte. Auch hier wird formidabel gespielt - im Vergleich dazu sind die Berliner aber eine Spur ausgefeilter, treffen zumal im Allegretto scherzando die rhythmischen Finessen pointierter.

      Grete von Zieritz starb 2001 in Berlin in ihrem 103. Lebensjahr. Geboren in Wien, studierte sie von 1912 bis 17 in Graz Komposition bei Roderich von Mojsisovics & Klavier bei Hugo Kroemer. Weitere Klavierstudien bei Martin Krause & Rudolf Breithaupt in Berlin. Von 1919 bis 21 war sie Dozentin am Sternschen Konservatorium. 1926-31 in der Meisterklasse Franz Schrekers an der Hochschule für Musik Berlin.

      Gr. von Zieritz bevorzugt in ihrem kompos. Schaffen das Gebiet der KaM. und darin wieder seltene Instr.-Kombinationen, vor allem mit Blasinstr. Nach den Worten der Komponistin entspringen ihre mus. Ideen in "entscheidenden Fällen aus der Vision, aus dem Bild". Doch führt diese Einstellung nicht zu einem Zerfliessen der Form, sondern wahrt etwa die harmonisch-kp. und formale Klarheit, die der Schule Regers eigen ist. Seine Lehre erhielt sie in reinster Ausprägung von Mojsisovics. Von Schreker kommt die Vorliebe für klangmalerische Effekte. Mit der Tonalität bricht Gr, von Zieritz nicht.

      Wolfgang Suppan, MGG, 1. Auflage

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    • George Enescu - Oktett für 4 Violinen, 2 Bratschen & 2 Violoncelli C-dur op. 7 (1900)
      Christian Tetzlaff, Antje Weithaas, Isabelle Faust & Katherine Gowers, Vl.,
      Antoine Tamestit & Rachel Roberts, Br.,
      Gustav Rivinius & Quirine Viersen, Vcl. (live, 12. Juni 2008, Kraftwerk Heimbach)
      (CD, Avi, 2009)

      I Très modéré
      II Très fougueux
      III Lentement
      IV Mouvement de valse bien rhythmée

      Hier kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus: über welche Hochspannung, welche Urgewalt, welche Farben & Stimmungen verfügt dieser Neunzehnjährige dermassen souverän?! Es herrscht die drückende Schwüle der Spät-& Hyperromantik - Vieles erinnert an Schönbergs "Verklärte Nacht". Gerade, was den 2. Satz angeht, fehlen mir fast die Worte: "fougueux", also "getrieben, besessen, ungestüm" wird hier geradezu gewütet, es werden fast körperlich wahrnehmbarer Schauer, ja Alpdruck spürbar - ich könnte schier durchdrehen...
      Ein Glücksfall stellt dieses hochkarätig besetzte Ensemble dar. Dann diese Klänge, dann auch noch live...eine Sternstunde!


      George Enescu - Dezett D-dur op. 14 für 2 Flöten, Englischhorn, 2 Klarinetten, Oboe, 2 Fagotte & 2 Hörner (1907)
      Nicolae Alexandru & Mihai Teodorescu, Fl., Pavel Tornea, Engl,horn, Constantin Ugureanu & Constantin Cernăianu, Klarinette, Constantin Iliuţă, Oboe, Ion Bădănoiu & Paul Staicu, Horn
      (LP. electrecord, ca. 1980)

      I Doucement mouvementé
      II Modérément
      III Allégrement mais pas trop vif

      Deutlich ruhiger das Bläser-Dezett. Es herrscht ein friedvoller, pastoraler Grundton vor - sanfte, getragene Melodie-Linien. Im Mittelsatz wird es in einem quasi Trio vorsichtig lebhafter & beinahe folkloristisch. Ohne eine Alternativ-Einspielung zu kennen, kann ich mir mehr Sorgfalt, mehr Delikatesse vorstellen. Ich bin kein Hornist - manche Stellen scheinen mir aber unbequem hoch zu liegen - auch, wenn es vom Klangergebnis nicht uninteressant ist. Allerdings ist die Klangqualität auch nicht optimal.

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    • Lieber Sfantu,

      das enge Korsett sollte keineswegs dazu dienen, meine heimlichen sadistischen Neigungen ans Licht zu zerren. Mir ging es darum, unbekannte Werke zu finden, die klanglich und stilistisch den Vorzeigexemplaren Beethoven-7, Schubert-8 und Spohr-9 nahekommen. Die Bevorzugung der sinfonischen Form gebe ich nur hinter vorgehaltener Hand zu, weil ich mich nicht gemein machen will mit den Kanon-Heinis, denen eine Rhapsodie oder eine Fantasie allenfalls sich selbst aber per se nicht ihren Maßstäben genügen kann.

      Dann will ich mal von der gebotenen Freiheit kreativ Gebrauch machen. Das Klavier ist willkommen und Mehrfachbesetzungen sind erlaubt. Was liegt da näher als ein Oktett, bei dem gleich zwei Klaviere mitmachen? Es handelt sich hierbei natürlich -wen wundert's- um ein Stück von John Cage. Genauer gesagt um eine Realisierung seiner Music for, deren Titel im konkreten Fall um die Anzahl der Ausführenden zu ergänzen ist. Bis zu 17 können es sein, die aufgrund des Fehlens einer übergeordneten Partitur so unabhängig voneinander sind, wie man sich nur wünschen kann, ganz im Sinne der Vermeidung von Ungleichgewicht durch Dominanz. Es war Cages ausdrückliche Idee, dass jede Stimme ihr eigenes Zentrum ist. Für die Einzelstimmen verwendete Cage die Zeitklammern, die er dann für die Schaffung der Number Pieces weiterentwickelt hat. Jede Stimme der Music for besteht aus Pieces und Interludes. Ein Piece kann lediglich aus einem lang ausgehaltenen Einzelton bestehen oder aus Klangfolgen, wobei die Dauer proportional und die Lautstärke umgekehrt proportional zur Größe der Noten ist und die Klangfarbe exakt bestimmt oder völlig unbestimmt sein kann. Mikrotonal ist das auch - kurz: Cage schöpft hier schon aus dem Fundus, der ihm später als Grundlage für die Number Pieces diente. Vielleicht wird die Music for als vorbereitend oder als Übergang gesehen, jedenfalls genießt sie weniger Popularität und wird viel weniger gespielt, obwohl mit 17 Stimmen locker ein paar Billionen unterschiedliche Kombinationen realisiert werden könnten.

      Salome Kammer und das Ensemble Avantgarde haben zusammen gefunden, um die Music for Eight aufzunehmen. Die Besetzung besteht aus Flöte, Klarinette, Trompete, 2 (präparierte, z.T. gestrichene) Klaviere, 2 Schlagwerke (à 50 Instrumente pro Spieler) und Stimme. Eine sinnige Beschreibung kann ich nicht liefern, weil es -wie vom Komponisten beabsichtigt- wenig an irgend etwas Bekanntes erinnert, außer natürlich an einige Nummernstücke von Cage selbst.

      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)
    • Eine sehr originelle Besetzung (Klarinette, Bassklarinette, Mandoline, Gitarre, Violine, Viola, Violoncello) weist auch Schönbergs Serenade op. 24 auf. Dass in einem Satz ein Vokaleinschub zu hören ist, ändert nichts an dem kammermusikalischen Charakter. Eine kurze Besprechung gibt's (-> hier) schon im Komponistenfaden.

      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)