Sommer in der Musik

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    • Sommer in der Musik

      Bin ich hier richtig? Keine Ahnung. Aber der Thread kann gerne an den richtigen Ort verschoben werden.

      Wir hier in Norddeutschland erleben seit April einen gefühlten Sommer, obwohl er offiziell noch nicht begonnen hat. (Herrlich. Nur weiter so!!!)

      Aber was ist mit sommerlicher Musik, mit Sommer in der Musik? Wo findet ihr euch mit 'Sommer' und seinen speziellen Eigenschaften wieder. Welche Musik behandelt ihn direkt? Was genau würdet ihr mit Sommer verbinden. Und warum? (Ich bin mir sicher, dass die 'Winterreise' hier wohl nicht genannt wird. :D )

      :hello Falstaff
    • Spontan fällt mir Debussy und sein 'L'après midi d'un faune' ein.



      Da bin ich ganz bei Thomas Mann. Eine Musik, die eigentlich ein wenig l'art pour l'art ist, die das sonnige Nichtstun feiert. Frei von Erdenschwere, von Verbindlichkeiten, Verpflichtungen. Das wohlige Ausstrecken, die Empfindung von Wärme und Lust, von unendlich erscheinender Lebensfreude wenn die Sonne uns umhüllt und eben noch niederdrückt.

      :hello Falstaff
    • Ah, ein saisonales Thema! Da mach ich doch mal mit.
      An erster Stelle stehen da natürlich all die Jahreszeiten-Kompositionen. Angefangen bei Vivaldi geht es zu Werken, die einzelne Monate zum Inhalt haben wie bei Tschaikowski und Fanny Hensel.

      Zweimal hat sich Cage dem Thema angenommen: im Ballett "The Seasons" (1947) (dort ist der Sommer besonders schön! Es gibt eine Klavier- und eine Orchester-Version) und im "String Quartet in four parts" (1949/50). Beides Werke vor der Zufallskomposition. Sie nutzen die von Cage so genannte "Gamut Technique", bei der quasi ein Setzkasten aus Klängen benutzt wird, die immer wieder neu kombiniert werden.
      Dann gibt es ein Werk für Schlagzeug von Toru Takemitsu, das ebenfalls "The Seasons" heißt. Klanglich sehr interessant. Ich muss es Mal wieder hören, aber ich meine mich zu erinnern, dass da im Herbst eine Glas-Posaune zu hören ist.

      Weitere werden folgen!

      Herzliche Grüße
      Satie
      "...the only logical starting point for a genuine creative art of music -- the ear, and the manifold delights and stimuli that the ear, in conjunction with the experienced mind, can find in the exercise of imagination."
      Harry Partch
    • Als erstes fällt mir Anton Weberns Idyll "Im Sommerwind" für großes Orchester ein. Das ist so erdrückend wie ein schwül-heißer Sommertag. Webern bemühte sich nie um eine Aufführung und vergab für dieses tonale, in der Tradition von R. Strauss stehende Tongedicht keine Opuszahl. Dennoch fand es rund ein dutzendmal den Weg auf Tonträger.
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)
    • Bester Sir John,
      danke für die Idee zu diesem Faden!

      Wenn wir allein danach gehen, welche Werke den Sommer im Titel führen, bekommen wir am Ende sicher eine stattliche Liste zusammen. Soll dieser Sommer aber auch in den Hörer-Seelen zum Leben erweckt werden (also: man hört diese Klänge & sie erzeugen eine Art von Sommerstimmung), dann wird wohl jeder seine eigene Auswahl treffen.
      Bei mir ist es so, daß die Spät-, Nach- & Neuromantiker das am ehesten schaffen. Impressionisten würde ich hier mit dazu zählen.
      Dort, wo Stimmungen in den feinsten Valeurs gezeichnet werden, entstehen bei mir am ehesten die flirrenden bis drückenden Bilder von Sommerhitze. Die lauen Abende laden in die freie, üppig blühende Natur ein, zu angenehmer Abkühlung von Stirn & Kehle. Da kann Heiterkeit, Geselligkeit aber sicher auch Erotik mitschwingen. & noch dazu bieten Naturbilder jede Menge Ankerpunkte für weitere Symbolik.


      Joseph Joachim Raff gab seiner 1878 vollendeten 9. Sinfonie e-moll op. 208 den Titel "Im Sommer"
      Die Satzüberschriften lauten

      Ein heißer Tag. Allegro
      Die Jagd der Elfen. Allegro. Versammlung der Elfen; Oberon & Titania; Die Jagd; Rückkehr der Elfen mit Oberon & Titania
      Ekloge. Larghetto
      Zum Erntekranz. Allegro

      Daß Raff geschmack- & effektvoll komponiert, mit vollendeter Beherrschung des Handwerks, instrumentatorisch ein wahrer Hexenmeister (ihr kennt seine Bedeutung als Assistent Liszts in Weimar) - damit sage ich nichts Neues.
      Der Stimmung des Sommers am nächsten für mich der erste Satz. Nachdem die hohen Streicher eine ruhig wiegende Melodie anstimmen, die fast etwas Religiöses hat, bringen Holzbläser allmählich ihre kecken Einwürfe: Vogelstimmen oder andere Naturlaute? Vielleicht weht auch schon der Feenspuk des zweiten Satzes herüber. Das Ganze nimmt langsam Fahrt auf, wird meisterlich in Technik, Proportion & Stilempfinden fortgesponnen. In Wellen legt sich die Sommerhitze wie ein Dämpfer auf den Fluss des Geschehens. Dann wieder wallt neuer Schwung von Lebensenergie heran, wilde Läufe, Fugati, schliesslich Blitz (Piccoli) & Donner (Pauken)...Raffs Saft-& Kraft-Musik beglückt den Hörer, der diese Epoche mag, vollauf! Freilich dominiert hier noch das Liedhafte der Hochromantik in den Themen.
      Die Elfenjagd nimmt direkten Bezug zu Shakespeare & (gerade in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts beinahe unvermeidlich) hörbar auch zu Mendelssohn.
      Die übrigen Sätze lassen das Sommer-Sujet nicht mehr so gelungen durchklingen.



      Bamberger Symphoniker - Hans Stadlmair
      (CD, Tudor, 2005)
      Die dazugehörige Gesamtaufnahme wurde auch hier im Forum schon hoch gelobt. Ich schliesse mich da an. Die Überfülle an feinen Details wird mit Liebe herausgearbeitet, das Orchester agiert mit Elan & Innenspannung.



      RSO Basel - Jean-Marie Auberson
      (LP, ex libris, 1981). Ersteinspielung des Werks
      Die Basler liegen dagegen eine Nasenlänge hinter den Bambergern zurück: auf spieltechnischem Niveau, interpretatorisch & klangtechnisch. Besitze Aufnahmen mit diesem Ensemble (das es inzwischen nicht mehr gibt), die mehr überzeugen (bspw. die für mich mit Abstand beste Johannesburg-Festival-Overture von Walton!). Obwohl keine schlechte Darbietung, liegen die Bamberger doch klar vorn. Da dies (meines Wissens) die einzige auf Vinyl greifbare Version ist, bleibt sie trotz der gemachten Einschränkungen unverzichtbar in meiner Sammlung.

      Wie gesagt - ich finde, die nachfolgenden Generationen erwecken Natur-& mithin jahreszeitliche Stimmungen treffender & suggestiver.

      Am Ende darf Raff hier aber wohl nicht unerwähnt bleiben.

      Schade - dies wäre doch eigentlich die Domäne für unseren Nordolf...

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    • Othmar Schoeck - "Sommernacht", Pastorales Intermezzo für Streichorchester op. 58 (1945)

      Hier tauchen wir nun vollends in schwelgerische, nachromantische Klangwogen. Hört man hier ohne die literarische Vorlage im Kopf, kann diese knappe Viertelstunde alles Denkbare imaginieren - von skandinavischen Mittsommernächten über den Zauber einer sternenklaren Nacht bis zu tiefstem Liebesrausch.

      Sich aber des zu Grunde liegenden Sujets bewusst, Gottfried Kellers "Sommernacht", werden dann doch zumindest da & dort Bezüge erkennbar.
      Weshalb da & dort? Weil Schoeck hier nicht illustrativ das Erzählte in Töne setzt sondern die grundsätzliche Stimmung einer Sommernacht exemplarisch heraufbeschwört. Das rhythmische Schlagen der Sicheln, die die Arbeit begleitenden Melodien, vielleicht leise gepfiffen, gesungen oder (wie Schoeck es sagte) auf der Harmonika gespielt, werden quasi bruchstückhaft angerissen während die schwärmerische Sommernachtsstimmung alles in sich aufsaugt. Ein schwer zu beschreibendes, ganz wunderbares Stück!

      Es wallt das Korn weit in die Runde
      Und wie ein Meer dehnt es sich aus;
      Doch liegt auf seinem stillen Grunde
      Nicht Seegewürm, noch andrer Graus:
      Da träumen Blumen nur von Kränzen
      Und trinken der Gestirne Schein.
      O goldnes Meer, dein friedlich Glänzen
      Saugt meine Seele gierig ein!
      In meiner Heimat grünen Talen,
      Da herrscht ein alter schöner Brauch;
      Wann hell die Sommersterne strahlen,
      Der Glühwurm schimmert durch den Strauch,
      Dann geht ein Flüstern und ein Winken,
      Das sich dem Ährenfelde naht,
      Da geht ein nächtlich Silberblinken
      Von Sicheln durch die goldne Saat.
      Das sind die Bursche jung und wacker,
      Die sammeln sich im Feld zu Hauf
      Und suchen den gereiften Acker
      Der Witwe oder Waise auf,
      Die keines Vaters, keiner Brüder
      Und keines Knechtes Hülfe weiß –
      Ihr schneiden sie den Segen nieder,
      Die reinste Lust ziert ihren Fleiß.
      Schon sind die Garben fest gebunden
      Und rasch in einen Ring gebracht;
      Wie lieblich flohn die stillen Stunden,
      Es war ein Spiel in kühler Nacht!
      Nun wird geschwärmt und hell gesungen
      Im Garbenkreis, bis Morgenduft
      Die nimmermüden braunen Jungen
      Zur eignen schweren Arbeit ruft.




      (CD, ex libris, 2000)
      Die Camerata Bern spielt in dieser Live-Aufnahme (Konzertmeisterin & Leitung Ana Chumaschenko) aus dem Stadttheater Olten vom 28. März 2000 die Sommernacht mit einer guten Portion romantischen Überschwangs trotz kammermusikalischer Klarheit.

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    • Drei Orchesterwerke von Frederick Delius sind von Sommerstimmungen inspiriert
      (ich meine, allein den Titeln nach. Denn dadurch inspiriert sind sicher mehr als nur die gleich folgenden drei).


      In a Summer Garden, Orchester-Rhapsodie (1908) (Spieldauer 12'30)
      Symphonický Orchestr Čechoslovensko Rozhlásu Bratislava - Adrian Leaper
      (CD, Naxos, 1989)


      Summer Night on the River für kleines Orchester (1912) (5'13)
      Academy of Saint Martin-in-the-Fields - Neville Marriner
      (LP, Decca, 1979)


      Summer Night on the River (1912) (5'36)
      English Chamber Orchestra - Daniel Barenboim
      (LP, DG, 1975)



      In a Summer Garden (1908) (16'48)
      Summer Night on the River (1912) (6'02)
      A Song of Summer (1929) (11'24)
      Philharmonia Orchestra London - Owain Arwel Hughes
      (LP, ASV, 1988)

      Nicht ohne Grund wird Delius bisweilen als "English Impressionist" oder "German Impressionist" (wegen seiner deutschen Abstammung) bezeichnet. Seine Musik ist Klang gewordenes flirrendes Licht, Stimmung, Impression. Sie kennt kaum Rhythmus als ordnendes Prinzip.

      Das kürzeste dieser Stimmungsbilder, A Summer Night on the River, ist mein Favorit. In mehr oder weniger als sechs Minuten entsteht die Szenerie unmittelbar vor dem geistigen Auge: Lauer Sommerabend. Ein flacher Kahn zieht lautlos übers Wasser dahin. Libellen schiessen durch die Luft, ungezählte Vögel & Insekten sind, wenn nicht zu sehen, so doch zu hören. Eine Ente quakt (Englischhorn - bei Barenboim am gelungensten), es "passiert" eine Menge. Dabei viel Chromatik & dennoch kristallklare Durchsicht (quasi bis auf den Grund des Wassers). Delius ist hier insgesamt innovativer, (noch) näher an Debussy vielleicht.
      Das ECO & Barenboim schaffen das Kunststück, der Musik mit gezielter Phrasierung eine Art Rückgrat zu geben, es werden rhythmische Pulse wahrnehmbar, mehr als in den Konkurrenzeinspielungen. Allerdings wird das allmähliche Entschwinden des Bootes nicht so schön gezeichnet wie bspw. von der ASMF mit Marriner. Barenboim versäumt es schlicht, rechtzeitig "runterzudrehen".

      Kaum weniger hörenswert auch die anderen beiden Stücke. Sie sind für grosses Orchester gesetzt, es gibt entsprechend (wenn auch wenige aber gezielte) dynamische Aufschwünge.

      Im Falle von In a Summer Garden mutmasst Malcolm Walker (1988) als direkte Inspirationsquelle den Garten des Hauses von Delius & seiner Frau Jelka Rosen in Grez-sur-Loing bei Paris, unweit des Waldes von Fontainebleau (wo Delius praktisch seine zweite Lebenshälfte verbrachte) - Jelka muss diesen Garten in ein beispielloses Meer der Farben & Düfte verwandelt haben. D. G. Rosetti stellte der Partitur folgende Worte voran (sie könnten ebenso für Summer Night on the River gelten):
      "All are my blooms and all sweet blooms of love to thee I gave while spring and summer sang. Roses, lilies and a thousand sweet-scented flowers, bright butterflies flittering from petal to petal and gold-brown bees murmuring in the warm, quivering summer air. Beneath the shade of the old trees flows a quiet river with water-lilies. In a boat, almost hidden, two people. A thrush is singing - in the distance".

      Das Philharmonia Orchestra & Owain Arwel Hughes überzeugen letztlich in allen drei Fällen: opulenter Klang, superbe Aufnahmequalität (leider kein gut gepflegtes Exemplar, das ich da habe - suche weiter...) & das rechte Gespür für diese Musik. Dennoch schlägt sich das Orchester aus Bratislava beachtlich mit In a Summer Garden, spielt etwas robuster, holzschnittartiger. Am Ende hat das seinen Reiz, gibt dem Stück sogar eine wohltuende Erdung.

      A Song of Summer, schliesslich, wiederum grossorchestral gesetzt, hat tendenziell eine dunklere Grundierung. Beschrieben wird ein Sommertag an der Meeresküste. 1929 war Delius von seiner fortgeschrittenen Erkrankung bereits deutlich geschwächt, erblindet & telweise gelähmt. Mit Hilfe des jungen Musikers Eric Fenby überarbeitete & vollendete Delius in seinen letzten sieben Lebensjahren nicht abgeschlossene Projekte, komponierte aber auch neu.
      Zu diesem Werk gab er (wohl symptomatisch für einen Impressionisten?) Fenby diese Imaginationshilfe: "Stellen Sie sich vor, man sitzt im Heidekraut auf einem Cliff über dem Meer". Hohe Streicher eröffnen das Stück, den wolkenlosen Himmel darstellend. Tiefe Streicher illustrieren die Wellen. Holzbläser wecken die Vorstellung von Vögeln & Seehunden. (Malcolm Walker, 1988).

      Wie gesagt - viele weitere Werke aus Delius' Feder gehen glatt als Klangwerdung des Sommers durch: Brigg Fair, The Walk to the Paradise Garden, A Song before Sunrise etc.

      Nicht unerwähnt bleiben darf der Name Thomas Beecham! Lebenslanger Förderer & Fürsprecher von Delius, hat er (in den Ohren Vieler) massstabsetzende Einspielungen seiner Werke (& nicht wenige Uraufführungen) realisiert. In meiner Sammlung fehlen sie bisher (shame!).

      Mit einem gewissen Faible für diese feinen & feinsten Stimmungs-Gemälde & die unzähligen Parfums & Natur-Transzendierungen zarter Sommer-Brisen ist Delius' Musik nicht weniger als eine Erfüllung...

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    • Meine Hauptmotive bei der Auswahl von Honegger-Platten waren meist:
      1.) Pacific 231, Rugby, das Mouvement symphonique als schillernde, packende, aufwühlende Stücke > wer kann das noch knalliger, noch reisserischer, noch elektrisierender...?
      2.) die Sinfonien
      3.) das Schließen von Katalog-Lücken.
      Erst, nachdem ich durch unseren Sommer-Faden angefixt war, fiel mir ein: da gibt's doch auch was von...

      Arthur Honegger...richtig!

      Pastorale d été

      Dieses Stück von 1920 ist noch deutlich vom impressionistischen Wunderhauch beseelt. Die eher bekannten expressiven Vulkanausbrüche des Orchester-Komponisten Honegger sind hier nicht annähernd zu erahnen.

      Es gibt da so Machwerke, möchte ich fast sagen, wie das "Grosse Musiklexikon" der Deutschen Buchgemeinschaft (selig), den Knaur-Konzertführer oder "Das große Heyne Konzert-Lexikon" von Kurt Pahlen. Teils tendenziöse Artikel, ein streckenweise tagebuchartig-blumiger Stil & eben auch mühsam aber zwecklos versteckte Vorlieben oder Abneigungen der Autoren. Mit diesen Büchern habe ich die Kunstmusik als Jüngling entdeckt. & trotz meiner kritischen (& gebotenen) Distanz von heute schau' ich immer noch gern hinein: oft muß man schmunzeln. Nicht selten aber gibt es auch Gedanken wie: "Hey, jetzt leuchtet's mir endlich ein!" oder "Da bringt's dann doch noch einer mal auf den Punkt!". So auch im Falle der "Pastorale d'été". Die Werkbeschreibung bei Pahlen finde ich so treffend, daß ich sie hier kurzerhand abtippe:

      Aus dem gleichen Jahr [wie der "Horace victorieux", Anm. d. um Verfassung Ringenden] stammt die zarte, in wundervollen Pastellfarben gehaltene sinfonische Dichtung, die in stärkstem musikalischen Kontrast zu Horace victorieux steht. War jene die "dissonanzenreichste, expressionistisch aufwühlendste Partitur jener Zeit" (Stuckenschmidt), so ist dieses Sommeridyll ein an Debussys zärtlichstem Impressionismus geschultes Stück. Wie immer man sich die Natur vorstellen will, die Honegger hier in ihrem reifsten, sonnig verklärtem Augenblick überrascht (Willy Tappolet vermeint den "idyllischen Zauber der Alpenlandschaft, grünender Wiesen, Wälder und Bäche" zu spüren), die Atmosphäre dieses Werkes ist von berückender Innigkeit. Honegger setzt der Partitur eine Zeile Rimbauds voran: "Ich habe des Sommers Morgenröte umschlungen."

      In meinen Regalen finde ich folgende Aufnahmen:

      ,
      The Concert Arts Orchestra - Wladimir Golschmann (Spieldauer 6'23)
      (LP, Capitol, mono, 50er-Jahre)
      Das Stück wird, zumindest im ersten Abschnitt, sehr flott genommen, es kommt fast zu nüchtern daher. So, als solle ihm jede Sentimentalität ausgetrieben werden. Das unterscheidet die Aufnahme von allen anderen - sehr interessant.
      Golschmann war 1921 Dirigent der Uraufführung.


      Orchestre National de l'O.R.T.F Paris - Jean Martinon (7'24)
      (LP, EMI, 1971)
      & da haben wir auch schon den diametralen Gegenpol, was die Werkauffassung angeht. Es wird geschwelgt in romantischen Vibrato-Fluten, daß man sich am Ende fragt: ist das noch dasselbe Stück? Nicht ganz mein Geschmack.


      Orchestre de Chambre de Lausanne - Jesús López-Cobos (8'13)
      (CD, Virgin, 1992)
      Keine schlechte & keine überragende Version. Wenn wir früher die kleinen Filmrollen zum Entwickeln in unser Lotto-Büdeken bringen mussten, wurde uns von Muttern eingebläut: brillant, nicht matt! Das hier ist eher nicht brillant.

      Meine beiden Favoriten vor dem drittplazierten Wladimir Golschmann:


      Česka Filharmonie Praha - Serge Baudo (als Zugabe aus der Sinfonien-Gesamtaufnahme) (8'33)
      (LP, Supraphon, 70er-Jahre)
      Mit sicherem Stilempfinden, klangschön, abgerundet.


      Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks München - Charles Dutoit (9'41)
      (LP, Erato, 1986)
      Hier stimmt fast alles. Die Tempi sind breit, gerade zu Beginn beinahe schleppend. Was das Orchester hier zaubert, ist allerdings beispiellos: ein wunderbarer Spannungsbogen, der nie einbricht, feinste Tempo-& Dynamik-Rückungen. Der Sommer-Zauber wirkt sofort. Dutoit beweist grandiosen Instinkt für diese Musik!
      (Hoffe nur für die Orchester-Musikerinnen, daß der Lift damals defekt war...)

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    • Falstaff schrieb:

      Spontan fällt mir Debussy und sein 'L'après midi d'un faune' ein.



      Da bin ich ganz bei Thomas Mann. Eine Musik, die eigentlich ein wenig l'art pour l'art ist, die das sonnige Nichtstun feiert. Frei von Erdenschwere, von Verbindlichkeiten, Verpflichtungen. Das wohlige Ausstrecken, die Empfindung von Wärme und Lust, von unendlich erscheinender Lebensfreude wenn die Sonne uns umhüllt und eben noch niederdrückt.
      Uneingeschränkte Zustimmung!
      Der "Nachmittag" kann vielleicht als stilbildender Prototyp eines schwelgenden Sommer-Klanggemäldes gelten.
      Gelingt es Debussy hier mustergültig, das Brütende, die von sengender Hitze in die Knie gezwungene Geschäftigkeit in eben jenes sonnige Nichtstun zu verwandeln, so gelingt es ihm mit einem anderen Werk, eine entgegengesetzte Nuance von Sommerstimmung herauf zu beschwören: nämlich in dem Klavierstück

      Tarantelle Styrienne

      ..., später schlicht in "Danse" umbenannt.

      Ähnlich wie mit Mussorgskijs "Bildern" geht es mir auch mit diesem Werkchen: es ist in der genialen Orchestrierung Ravels nicht mehr aus dem Kopf zu kriegen! Das Hören der Originalfassung für Klavier fordert mir mindestens eine Art Umgewöhnung ab. & müsste ich mich für nur eine Version entscheiden, könnte ich nicht anders, als für Ravel zu votieren.



      Was passiert hier?
      Was ist so grundlegend anders als beim "Nachmittag"?

      Dort ist es das halb traumverlorene, halb genüßliche Erstarren im Nichtstun unter einer alles lähmenden Hitzeglocke.
      Hier ist es ein sprudelnder Quell purer Lust an einem frühen, noch kühlen Sommer-oder Frühsommermorgen. Man erwacht an einem nie gekannten, verführerischen Ort. Es lockt ein Tag voller Abenteuer, voller unvergesslicher Entdeckungen. Ich denke an einen ersten Urlaubstag an einem noch erstmals besuchten Ort, über den man schon unendlich viel gehört & gelesen hat & den man immer schon sehen wollte, sei es Budapest, sei es Stockholm, seien es die schottischen Highlands oder das Donaudelta. Das Wetter wie im Bilderbuch, die Stimmung euphorisch, alles & mehr scheint möglich, man möchte schier zerplatzen vor freudiger Erwartung & Lebenslust...die einleitenden Horn-Fanfaren reissen einen mitten ins unwiderstehliche Treiben...kein anderes Werk macht das mit mir wie diese "Steierische Tarantella" > obendrein ein Schelm, der sich solchen Titel ersinnt!!

      Nur eine Aufnahme hiervon habe ich bisher (unbegreiflicherweise):


      Orchestre de Chambre de Lausanne - Alberto Zedda
      (CD, Virgin, 1990)
      Alles in allem tadellos - & doch: es könnte gern eine Spur mehr Draufgängertum sein.
    • Erst einmal, lieber Sfantu, ganz herzlichen Dank für deine hochinteressanten Beiträge hier. Ein ganzes Bündel von Werken, die ich größtenteils nicht kenne, die mich aber, in deiner Beschreibung, sehr neugierig gemacht haben.

      Dagegen ist mein heutiger Beitrag ein absoluter Klassiker, geradezu ein Ohrwurm und nach meinem Empfinden, neben 'Yesterday' und 'La Paloma' wohl einer der am meisten gecoverten Songs im 20. Jhrdt.



      Die Liste ließe sich nun ellenlang fortsetzen. Wer aus dem Jazzbereich hat es nicht in irgendeiner Form eingespielt. Dann noch sie hier:



      Und all die anderen Größen aus dem Popbereich. Instrumental wie auch vokal.

      Aber letztlich ist es trotzdem eine Opernarie, eben aus Gershwins 'Porgy and Bess'.

      Hier eine Version mit Kathleen Battle:



      Persönlich muss ich sagen, dass ich eine Jazzversion bevorzuge (oder auch die von Janis Joplin), geht es um die aus dem Zusammenhang gelöste Arie. Leider ist auf Youtube nicht die Sarah-Vaughan-Version live aus Paris zu finden. Dort sang sie 'Summertime' a capella', ganz vermeintlich schlicht, ruhig, die drückende Sommerhitze der Südstaaten wunderbar mitgestaltend.

      Die natürlich im gesamten Werk zu finden ist und es erst richtig verortet.



      So wie bei 'Peter Grimes' immer das Meer mitschwingt, ist es hier die Sommerglut. Von flirrend bis drückend-schwül. Sie ist für mich die Voraussetzung dafür, dass dieses Drama erst in Schwung kommen kann, es ohne heißen Sommer nicht denkbar ist. Jedenfalls nicht so.

      :hello Falstaff
    • Gerade abgeschickt, muss ich doch noch Cynthia Haymon mit 'Summertime' in der Rattle-Einspielung hinterherschicken.



      Ich habe damals die Inszenierung mit White und Haymon gesehen. Leider nicht mit Rattle am Pult. Aber das Wiederhören bestätigt meinen früheren Eindruck. Um Längen besser als Battle und für eine Opernsängerin mit diesem 'Song', der so stark für mich von Jazzgrößen geprägt ist, wirklich toll.

      :hello Falstaff