Jessye Norman

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    • Jessye Norman

      Jessye Norman (*15.09.1945 in Augusta, Georgia, USA) war eine der führenden Sopranistinnen der 70iger bis in die 90iger Jahre des letzten Jahrhunderts. Ihre volle, runde, samtige Stimme befähigte sie dabei Partien ihres eigentlichen Faches, wie auch Rollen des Mezzo-, teilweise auch des Altfaches zu singen. Zudem sang sie immer wieder Spirituals, später auch Jazz.

      1968 gewann sie den 1. Preis beim internationalen Musikwettbewerb der ARD, woraufhin sie sofort an die Deutsche Oper Berlin engagiert wurde (Elisabeth im 'Tannhäuser'). Von dort aus begann ihre große internationale Karriere, die sie an alle wichtigen Opernhäuser der Welt führte.

      Die Normann fand ihren Schwerpunkt zunächst im deutschen, v.a. romantischen Fach (Wagner, Strauss, aber auch Mozart), wandte sich später der italienischen und französischen Oper zu. Ein Schwerpunkt bildete aber auch stets der Liedgesang von Schubert bis Messiaen.

      1989 wurde sie zur 200-Jahr-Feier der Französischen Revolution eingeladen, die Marsellaise zu singen, 1996 war sie mit an der Eröffnung der Olympischen Spiele in Atlanta beteiligt.

      So weit einige schlichte Fakten. Ich selber konnte die Norman noch relativ häufig live erleben. Leider in keiner Opernaufführung. In der Hamburgischen Staatsoper trat sie nur einmal, ich glaube 1986 als 'Ariadne' auf und da war ich gerade im Urlaub. :S Aber es folgten glücklicherweise zahlreiche Liederabende in Hamburg und Kiel und ein Konzert in Berlin. Zu damals horrenden Preisen, die wir aber ohne Murren akzeptierten und bezahlten. Denn ein Liederabend mit der Norman war (und das war schon im Vorhinein klar) stets etwas Besonderes.

      Die Norman! Und dieses unterstrichene 'die' ist wirklich mehr als gerechtfertigt. Sie war eine wirkliche Diva (und ich gehe wahrlich nicht leichtfertig mit dem Begriff um), eine der letzten, die ich erleben durfte. Eine Diva, im besten Sinne. Leider ein heute sehr negativ betrachteter Begriff. Aber für mich ist eine Diva eine Person, die sicherlich auch kapriziös, zickig, anspruchsvoll, herausfordernd sein kann, die aber v.a. allein durch ihre schiere Präsenz den Zuschauer in Bann schlägt. Jemand, von der man die Augen (und in diesem Fall die Ohren) nicht lassen kann. Jemand, der durch eine Geste einen niederzwingen kann. (Und hier wird die Chose wirklich interessant: das Wechselspiel zwischen Künstler und Publikum, das Beherrschen (manchmal gar nicht bewusst angestrebt) und Sich-beherrschen-lassen wollen (manchmal durchaus widerstrebend). Eine oftmals sehr unterschwellig ablaufende Auseinandersetzung, Verbindung.)

      Ich habe noch eine ganze Reihe von Künstlern und Künstlerinnen erlebt, die vordergründig aufgrund ihrer Persönlichkeit Menschen in ihren Bann zwingen konnten. Schwarzkopf, Rysanek, Fischer-Dieskau, Horowitz, Sinatra, Minnelli, Elisabeth Bergner, Maggie Smith oder Laureen Bacall und manche andere auch noch. Und immer war es da. Das Staunen und Erschauern, das Niederknien und das sich Hinterfragen. Auch eben das Hinterfragen. Aber trotzdem eben auch der Glücksmoment, das Wissen um etwas Großes, das man erlebt hat, erleben durfte.

      Und zu diesem Kreis dieser außergewöhnlichen Künstler gehört eben für mich auch die Norman. Schon wenn sie die Bühne betrat, übergewichtig, jedem Körperschönheitsideal von heute spottend, leicht watschelnd, aber in diesen unglaublichen, von ihr selbst entworfenen Kostümen, war man gebannt, saß quasi in :hello Hab-Acht-Stellung auf den hochgeklappten Sitzen. Und dann fing sie an zu singen. Und dann war man verloren. Diese unglaubliche Schönheit der Stimme, die schier unendlichen Bögen, diese Wärme, diese Tiefe des Ausdrucks, diese.... Die Erinnerung bringt, zwingt mich zum Schwärmen.

      Nun muss ich gestehen, höre ich sie heute habe ich schon Probleme mit ihrem Pathos, ihrem steten bigger-than-life, ihren bevorzugten Tempi und auch mit dem Bruch zwischen meinen Erinnerungen und den Aufnahmen (ok, dafür kann sie nichts). Aber auf der anderen Seite sag ich mir, dass das noch wirkliches Pathos war und eben nicht pathetisch (Pathos sicherlich nicht mehr zeitgemäß, was aber vielleicht auch nicht unbedingt für unsere Zeit spricht ;) ), dass sie immer ein wirklich tiefgehendes Gefühl gezeigt hat, dass ihre weitgespannten Bögen noch einmal Perspektive und Größe zeigten und dass sie eine Diktion zum Niederknien besaß.

      Ich weiß nicht, ob ich ihren Schubert heute noch so liebe wie damals. Aber ihren Strauss!!!!, ihren Berg!!!! und immer und immer wieder ihren Mahler!!!!!!!!!!!!

      :hello Falstaff
    • Hab ich doch glatt vergessen. Ich hasse es geradezu, wenn Opernsänger Gospel oder Spirituals oder Musical singen. Quasi niemand trifft dabei den richtigen Ton. Immer steht die eigene Stimme dazwischen, weil der Ansatz einfach zu schwer ist.

      Aber wenn die Norman in ihren Liederabenden als Zugabe uns Spirituals schenkte, dann war da plötzlich niemand anders als Mahalia Jackson im Raum. :down :down :down

      :hello Falstaff
    • Das erinnert mich an die weltweite Übertragung des Konzertes zu Ehren von Nelson Mandelas 70sten Geburtstages 1988 aus dem Wembley-Stadion. Die Norman trat ganz am Ende auf und sang 'Amazing Grace''. Zunächst gab es keine Ruhe im stundenlang durch großartige Pop- und Rockgruppen aufgeputschten Publikum. Sie trat dann auf und sorgte nur durch eine Handbewegung (im Ausschnitt leider nicht sichtbar) für Ruhe. Thema Diva! :) Und dann kam dieser unglaubliche Spiritual.

      youtube.com/watch?v=PiGJ3aoGPjo


      :hello Falstaff
    • Ich musste etwas im Gedächtnis kramen, bis ich drauf gekommen bin, wo ich den Namen Norman auf einer meiner CDs gelesen habe. Es ist die späte Neunte von Beethoven mit Böhm. Ich hatte mal konstatiert, dass hier trotz dem Superstar-Ensemble angenehme Zurückhaltung bei der Vokalfraktion herrscht, als ob man sich bewusst war, dass hier eine wahrhaft himmlische Stunde (das Coverbild passt irgendwie) dirigiert wird und man dem Taktgeber nicht die Bühne stehen wollte. Wenn es so war: In der Fähigkeit, sich auch mal zurückzunehmen, unterscheidet sich die wahre Diva von der aufgeblasenen.

      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)