Aufnahmequalität versus Interpretationsqualität

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    • Aufnahmequalität versus Interpretationsqualität

      Hallo!

      Anlässlich des Durchhörens einiger Aufnahmen des Busch-Quartetts ( alte Schellack-Umschnitte auf CD´s) habe ich mir die Frage gestellt wie ihr das wohl so seht, sind für euch die Interpretationsqualität ungeachtet der Aufnahmequalität der wichtigste Punkt oder gibt es hier eine Grenze die durch die Qualität der Aufnahme gesetzt wird?

      Die von mir erwähnten alten Aufnahmen aus den 30-40ger Jahren sind so z.B. weit unterhalb dessen was man als HiFi-Qualität bezeichen kann und für einige meiner Freunde und Bekannten eine (wie sie sich ausdrücken) "unerträgliche Zumutung".

      MFG Günther
    • mich stört das gar nicht. Ich besitze viele alte Aufnahmen, unter anderem auch welche aus den 0er Jahren des letzten Jahrhunderts, einige davon gefallen mir äußerst gut. Wenn die musikalische Qualität stimmt, nehme ich das kaum noch war.

      Abgesehen davon, dass es unglaublich spannend sein kann, zu hören, wie damals musiziert wurde.
      "Wir können genauso gut unsere Geigen nehmen und sie mit unseren Knien zerbrechen." (Fritz Kreisler über Jascha Heifetz)
    • Also ich bin kein wirklicher HiFi-Aficionado. So lange noch Interpretation durchschimmert, bin ich es im Prinzip zufrieden. Natürlich freue ich mich auch über klanglich exzellente Aufnahmen, aber ich würde das Gefühl haben, mich selbst zu beschneiden, wenn ich mir exzeptionelle Deutungen (wie bespielsweise die des Busch-Quartettes) vorenthalten würde, nur weil die Aufnahmetechnik nicht den heutigen Standards entspricht - und auch nicht entsprechen konnte.

      Zudem möchteich mich Nicolas_Aine anschließen: Es kommt daneben ja auch noch die dokumentarische Ebene hinzu, die höchst spannend sein kann. Wenn ich etwa die ganz frühen Aufnahmen Elgars höre, die unter den putzigsten Umständen in wohnzimmergroßen Räumen entstanden sind, dann ist das einfach interessant, auch weil sie zeigen, wie flexibel der Komponist mit seinen eigenen Werken umgegangen ist (beispielsweise durch Veränderungen der Orchestrierung, durch Umarbeitungen, Kürzungen etc.), damit die Musik auf Tonträger gebannt werden konnte. Da scheint mir beim Erschaffenden oft mehr gedankliche Freiheit vorgeherrscht zu haben, als sie heutzutage bei manchem orthodoxen Hörer zu finden ist.

      :) Agravain
      :hello Agravain
    • Für mich sind solche alte Aufnahmen generell eher von historischem Interesse. Wie Nicolas Aine schon schrieb, ist es interessant zu hören, wie damals musiziert wurde.

      Was die Interpretation angeht, sehe ich das schon schwieriger. Bei Streichquartetten oder ähnlichem hört man vielleicht noch alle Stimmen, aber der Sound der Instrumente kann ziemlich dünn und fahl klingen, die Dynamik stark eingeschränkt.
      Bei Orchesterwerken wird es noch schwieriger. Bei akustischen Aufnahmen hört man normal sowieso kein Orchester, sondern für ein kleines Ensemble umarrangiertes Stück, aber selbst wenn nach ca. 1925 bei elektrischen Aufnahmen mit Orchester aufgenommen wurde, geht dennoch viel von der Dynamik verloren, und viele Stimmen fehlen ebenfalls, von solchen Dingen wie Klangfarben gar nicht zu sprechen. Es nützt nicht viel, wenn die Oboe ein ganz feines Vibrato spielt, um sich mit den Hörnern, die keines spielen, zu mischen, wenn man auf der Aufnahme nur mehr eine trötige Oboe hört.

      Ich meine deshalb, dass man eine Interpretation nur stark eingeschränkt bewerten kann, weil die Tontechnik zuviel davon wegnimmt.




      LG,
      Hosenrolle1
    • Hallo!



      Hosenrolle1 schrieb:

      Ich meine deshalb, dass man eine Interpretation nur stark eingeschränkt bewerten kann, weil die Tontechnik zuviel davon wegnimmt.


      Stimmt, bei Orchesterwerken sind die Grenzen eng gesteckt, -so ist z.B. die alte Interpretation Bruno Walters der 9.Mahler-Symphonie von 1938 recht genzwertig da hier eigentlich die Nebenstimmen ziemlich untergehen.

      Allerdings haben auch solche alten Interpretationen ihren eigenen Reiz, man kann einigermaßen das damalige Bild das sich die Musikwelt vom Komponisten und vom Werk gemacht hat erahnen.

      MFG Günther

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Hörbert ()

    • Sicher, wenn´s zu sehr kratzt oder kreischt oder wirklich nur Tonruinen wahrnehmbar sind, dann hilft nur mehr archäologisches Interesse, aber auch aus den Schellackzeiten gibt es technisch ganz gute Aufnahmen und etliche geglückte Wiederaufbereitungen, die ich um keinen Preis missen möchte, insbesondere was berühmte Stimmen betrifft. HiFi ist natürlich sozusagen Kaviar, aber den will man auch nicht ununterbrochen essen.
    • Nicolas_Aine schrieb:

      Abgesehen davon, dass es unglaublich spannend sein kann, zu hören, wie damals musiziert wurde.

      zB Anfang des 20 Jahrhunderts hörbar "glissandierende" Lagenwechsel, zumindest beim Cello:


      archive.org/details/CollectedWorksOfHansKronold

      Das würden wohl heute auch HIP-Cellisten nicht mehr so präsentieren. Wurde auf der Violine damals auch derartig "gerutscht" oder tat man dies nur auf dem Cello?
      zwischen weißem rauschen und nichtton
    • Original von EinTon
      Wurde auf der Violine damals auch derartig "gerutscht" oder tat man dies nur auf dem Cello?

      Das mit der Violine kann ich auf jeden Fall bestätigen; auf mindestens einer meiner Schellackplatten mit irgendwelchen Opernfantasien drauf wird ebenfalls ordentlich glissandiert.
      Aber nicht nur auf der Violine: hör dir mal bitte diesen von Ravel persönlich dirigierten Bolero an, und zwar konkret das Posaunensolo bei 8:24:

      "https://www.youtube.com/watch?v=_b5afHsf--E"

      Ziemlich heftig, oder? Ob das eine Anweisung von Ravel war, er das also so haben wollte (das Stück entstand ja in den 1920er Jahren), oder sich vielleicht der Spieler mit SEINEN Vorstellungen durchgesetzt hat - keine Ahnung.

      Hier die Opernfantasie von 1938, die ich vor Jahren auf YouTube gestellt habe. Da ist das Glissando teilweise auch ziemlich unschön, oder zumindest gewöhnungsbedürftig:

      "https://www.youtube.com/watch?v=zK1875WY5lg"


      Original von Waldi
      HiFi ist natürlich sozusagen Kaviar, aber den will man auch nicht ununterbrochen essen.

      Den Vergleich finde ich nicht ganz richtig, denn eigentlich hört man ja die Musik, nicht das Hifi. Seit es Aufnahmen in Massenproduktion gibt, haben die Techniker versucht, das Medium sowie die Tonqualität zu verbessern. Man wusste um die Probleme der jeweiligen Medien. Schon zu Beginn gab es den Formatkrieg zwischen Edisons Phonographen und der Schellackplatte. Als letztere sich auf dem Markt durchsetzte, stieg Edison ebenfalls auf Platten um, setzte jedoch auf das Tiefenschrift-Verfahren, das den üblichen Seitenschrift-Aufnahmen klanglich überlegen war, und baute ganz eigene Abspielgeräte.
      Als um 1925 die ersten elektrischen Aufnahmen kamen, kaufte natürlich niemand mehr akustische Aufnahmen, und viele Firmen haben dann noch versucht, ihre alten Restbestände an akustischen Aufnahmen an den Mann zu bringen, häufig gekoppelt mit einer elektrischen Aufnahme. (Ich selbst habe so ein Exemplar, auf der einen Seite ein Strauß-Walzer aus dem späten 20er Jahren, auf der anderen Seite einer, der um 1910 akustisch aufgenommen wurde).
      Und als die Vinylplatte Ende der 40er Jahre kam, waren Schellacks wiederum nicht mehr interessant, man schmiss die Platten einfach weg oder räumte sie irgendwohin.
      Also man hat immer versucht, die Tonqualität zu verbessern, und sich nicht zufriedengegeben mit dem, was da war.

      Diese alten Aufnahmen höre ich, wie gesagt, natürlich mit Interesse, vor allem, weil ich das mag, Musik aus alten Zeiten zu hören. Aber es wird dennoch zu viel von der Musik weggeschnitten, Dynamik, Nebenstimmen, Klangfarben. Das wussten die Leute in der Zeit der akustischen Aufnahmen ja selbst, und haben deswegen Orchesterstücke für kleine Ensembles und laute Instrumente umgeschrieben. Eine solche Aufnahme kann ich persönlich, wenn es nur um die Interpretation, um die Musik selbst geht, nicht genießen, eben weil so viel fehlt. Da überwiegt die historische Faszination, wenn man so möchte.
      Vermutlich hat es auch damit zu tun, was man von einer Aufnahme erwartet. Da ich generell mit Partitur vor einer Aufnahme sitze, habe ich diesbezüglich mit Schellackaufnahmen natürlich wenig Freude.
      Aber wenn es nur um das Musikhören als solches geht, dann finde ich nicht, dass man sich (wie bei dem Kaviar-Vergleich) "satthören" kann an guter Aufnahmequalität, und ab und zu auch mal verrauschte, knackende, dynamisch stark eingeschränkte Aufnahmen hören möchte.





      LG,
      Hosenrolle1

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Hosenrolle1 ()

    • Ganz kurze Zwischenbemerkung, vielleicht für die Admins interessant: ich habe in meinem vorigen Posting hier einen YouTube Link eingefügt, und als ich den Beitrag abgeschickt habe, konnte man hier im Forum das Video sehen. Das ist sicherlich praktisch, aber vielleicht aus urheberrechtlichen Gründen nicht gerne gesehen, deswegen habe ich das deaktiviert und den Link mit "" ausgestattet. Jetzt hat er kein anklickbares Video bzw. einen anklickbaren Link daraus gemacht.



      LG,
      Hosenrolle1
    • Hallo!

      Bei mir sind die 30ger Jahre so ziemlich die Grenze dessen was ich mir noch anhöre, die noch älteren Strohgeigen-Aufnahmen sind mir in der Tat zu beschnitten hier noch eine Interpretation aus dem Meer der Verzerrungen zu filtern wäre mir einfach zu mühsam.

      Allerdings ist das keine absolute Grenze, einige wenige gut gemachte Aufnahmen gibt es auch aus der Zeit davor, -wie es ja auch bis heute ungeachtet der technischen Möglichkeiten immer wieder unerträglichen Pfusch gibt-.

      MFG Günther
    • Ich muss gestehen, dass für mich besonders bei klassischer Musik die Interpretation und das Klangerlebnis schon sehr nah zusammen gehören. Ich höre vorwiegend sinfonische Musik, daneben vor allem Klavier/Geige/Cello solo und ein bisschen Lied-Gesang. Bei den beiden letztgenannten finde ich Mono nicht ganz so schlimm, bei der Sinfonik geht das für mich gar nicht, so gern ich mich mehr mit Furtwängler, Toscanini und Co. befassen würde und obwohl ich weiß, dass mir dadurch viele Perlen auch anderer Künstler entgehen. Andererseits bleibt aber auch so noch mehr für mich übrig, als ich eigentlich hören kann - insofern tuts dann wieder nicht so weh.
      Ich habe aber vollstes Verständnis dafür, dass andere das anders sehen und gerade auch die alten Schätze heben wollen - jedem das Seine eben.
    • Hallo!

      Selbstverständlich ist eine gute Klangqualität nicht zu verachten und bei Licht besehen gibt es viele zeitemäße Interpretationen die den alten nicht nur "das Wasser reichen" können sondern teilweise auch als Überlegen angesehen werden können.

      Natürlich hat auch jeder seine eigene Art Zugang zur Musik zu finden, aber mich z.B. interessiert die Spanne die zwischen einer Interpretation der 30ger Jahre und einer heutigen liegt sehr, es gibt mir eine Vorstellung davon wie das Werk eines bestimmten Komponisten früher gesehen wurde und wie es heute gesehen wird.

      Das muss selbstverständlich nicht jeden gleich stark interessieren, mich jedenfalls interessiert es so weit das ich mich halt auch notgedrungen mit den deutlich historischen Klangbildern der prä HiFi-Ära angefreundet habe.

      MFG Günther
    • EinTon schrieb:

      Nicolas_Aine schrieb:

      Abgesehen davon, dass es unglaublich spannend sein kann, zu hören, wie damals musiziert wurde.
      zB Anfang des 20 Jahrhunderts hörbar "glissandierende" Lagenwechsel, zumindest beim Cello:


      archive.org/details/CollectedWorksOfHansKronold

      Das würden wohl heute auch HIP-Cellisten nicht mehr so präsentieren. Wurde auf der Violine damals auch derartig "gerutscht" oder tat man dies nur auf dem Cello?

      also wenn man Aufnahmen von damaligen Geigern wie Joachim, Ysaye o. ä. anhört, wurde auch auf der Geige viel "geschmiert". Die Tradition hat sich dann ja fortgesetzt, bspw. bei Heifetz und Perlman, aber generell kann man ja sagen, dass die "ältere Generation", deren Überreste heute wohl nur noch aus Perlman und Zukerman bestehen, gerne Glissando nutzt, die jüngere, wohl nicht zuletzt unter dem Einfluss von HIP, bei weitem nicht so viel.
      Was ich so mitkriege, ist, dass egal aus welcher Schule die Leute heute kommen, Glissandi in Barock und Wiener Klassik praktisch Tabu sind. In romantischer Musik hingegen gerne, aber in Maßen.

      Der große Unterschied zum Cello ist aber, dass hörbare Lagenwechsel auf der Geige aufgrund der kürzeren Wege viel leichter zu vermeiden sind. Ich kann problemlos mit einem Finger einen Halbton hoch- oder runterrutschen, ohne dass man es hört; oder ich überstrecke, d. h., ich setze den ersten oder vierten Finger in die nächste Lage und ziehe die Hand nach. Wenn ich "im Schnee" bin, denke ich sowieso nicht mehr richtig in Lagen, weil da eh alles so nah beieinander ist. (Ich habe da sogar das Problem, dass ich den Finger von einem Ton wegnehmen muss, um den nächsten Halbton sauber greifen zu können, obwohl meine Finger nicht besonders dick sind.)

      Die nächste Geschichte, die in diese Richtung geht, ist das Vibrato, auch das ist ja ein Riesenstreit. Soweit ich weiss, geht da ganz viel auf Fritz Kreisler zurück, Joachim z. B. benutzte nicht sehr viel Vibrato. Allerdings ist wohl, so wurde mir gesagt, schon in Geminianis Geigenschule von ständigem Vibrato die Rede... Aber das man Barockmusik ganz ohne Vibrato spielen sollte, befürworten ja heute nicht mal mehr Spezialisten.
      "Wir können genauso gut unsere Geigen nehmen und sie mit unseren Knien zerbrechen." (Fritz Kreisler über Jascha Heifetz)
    • Ich höre schon auch historische Aufnahmen, wenn ich mich damit auch zunächst eher schwer getan habe. Meine Erfahrung ist dass man mit historischem Material besser zurecht kommt, wenn man nicht allzu hochwertiges Hifi-Equipment verwendet. Wenn man jedes Detail hört, hört man eben auch jeden Fehler ganz genau und helles Rauschen besonders deutlich.

      Remastering betreffend wurde insbesondere in dessen Anfangszeit zuviel des Guten getan. Wenn man zuviel Störgeräusche wegnimmt, nimmt man halt auch zuviel Klang weg. Meine aber dass sich das zwischenzeitlich gebessert hat.
      ............Das führt unvermeidlich zur Einebnung der jeweiligen Komponistenpersönlichkeit zugunsten der Hervorhebung der sie umgebenden zeitgebundenen Konventionen, soweit wir diese heute verstehen, also zur interpretatorischen Nivellierung der kompositorischen Qualität (Christoph Schlüren)


      Gruß
      Vinding