Graphische Partituren

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    • Graphische Partituren

      Eine faszinierende Begegnungsstätte, in der sich Musik und bildende Kunst treffen, sind Graphische Partituren. Da die konventionelle Notenschrift auch graphisch ist, braucht es eine Definition zur Abgrenzung: Grafische Notation ist eine Art der Notation von Musik, die zusätzlich zu den herkömmlichen Elementen der Notenschrift oder anstelle derselben andere Symbole und Texte verwendet (teilweise auch Farben), um die Ausführung eines Musikstücks zu beschreiben. Sie wird seit dem 20. Jahrhundert in der experimentellen und Avantgarde-Musik verwendet, wo die traditionelle Notation nicht ausreicht, um Inhalte und Spontanität einer musikalischen Idee zu vermitteln. In vielen Fällen dient die graphische Notartion dazu, eine gewünschte Unbestimmtheit und Zufälligkeit des musikalischen Resultats zu erzielen oder die Aufführenden aus der Rolle des sklavisch Ausführenden zu befreien und in den Entstehungsprozess mit einzubinden.

      Die Neumen des Mittelalters können aus heutiger Sicht auch als graphische Notation aufgefasst werden, allerdings sind sich die Gelehrten nicht einig, ob die Symbole klar definierte Vorgaben sind oder ob es auch dsamals ein aleatorisches Element in der Ausführung gab. Als erste reine graphische Partitur der Neuzeit gilt December 1952 von Earle Brown:


      susmanmusic.files.wordpress.com/2012/07/brown_dec52.jpg
      Music, Polyphony and Polyrhythm | WordPress.com (susmanmusic.wordpress.com)

      Auch John Cage war an vorderster Front dabei und bekanntesten ist seine Aria geworden. Sie gehört zu den 20 stunning graphic scores, die es bei CLASSIC fM zu bestaunen gibt. Wirklich faszinierend - da kann vieles als Werk der bildenden Kunst für sich bestehen, unabhängig von der Frage, wie man so etwas aufführt. Ich frage das aber doch und vielleicht können die Komponisten und ausführenden Musiker in unserer Forengemeinde verraten, wie sie an so etwas herangehen oder herangehen würden.
      Der Rest ist gefragt, ob sie schon mal ein graphisches Werk gehört haben, Tonträger bzw. Dateien in ihrer Sammlung haben oder gar Tips und Favoriten nennen können?
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

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    • Mein Favorit als Werk der bildenden Kunst ist das 193 Seiten umfassende Treatise von Cornelius Cardew, sicher ein Schlüsselwerk der graphischen Komposition. Da wird das Partiturlesen zum ästhetischen Genuss. Mir gefällt ganz besonders, dass der Bezug zur traditionellen Notation scheinbar gewahrt bleibt, aber eben nicht hergestellt werden kann.


      Auszug (Seiten 3 und 183) aus der Partitur von Treatise by Cornelius Cardew
      Bilderquelle: A Young Persons Guide to Treatise
      ©2002-2014 Transfinite Productions

      http://www.spiralcage.com


      Es gibt eine morgenfüllende Realisierung/Interpretation auf CD, die mir beim ersten Hören sehr gefallen hat.

      Cornelius Cardew; Treatise
      Fred Lonberg-Holm (Violoncello), Guillermo Gregorio (Klarinette, Altsaxophon), Jim O`Rourke (Elektronik), Jim Baker (Klavier), Carrie Biolo (Vibraphon, Perkussion), Art Lange (Leitung)

      Ich warte sehnsüchtig auf eine Lieferung aus Übersee. Die historische Aufnahme entstand im Jahr 1967 noch bevor die Komposition, die sich 5 Jahre lang hinzog, ganz fertig war. Die Leitung hatte Petr Kotik, der mit Cardew befreundet war - und der für mich leuchtendes Vorbild an Integrität im Umfeld der radikalen Avantgarde darstellt.


      Cornelius Cardew; Treatise
      QUaX Ensemble

      Ich werde berichten.
      :hello
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    • Cetay schrieb:

      Ich werde berichten.

      Die Massen, die da draußen nächtelang vorm PC ausgeharrt haben, um den Bericht brandaktuell zu lesen, mögen es mir vergeben, dass er ausgeblieben ist.

      Zwei Gründe gibt es dafür. Unser Falstaff schrieb im Salome - Salzburg Faden: Immer wieder hatte ich das Gefühl, dass ich das, was ich gerade [höre], gar nicht in Worte fassen darf. Weil Worte so vieles verkleinern. (...) Es gibt geradezu heilige Momente, die man nicht durch Beschreibung entweihen darf. Nun wäre die Verbindung der Person Cardew mit etwas Heiligem reichlich absurd (bei ihm muss man Künstler und Werk sehr scharf trennen), aber ich verstehe genau was gemeint ist. Ich war innerhalb kürzester Zeit so hineingezogen in dieses Stück, ich wollte kaum glauben, was ich da zu hören bekomme. Wie für meine Ohren gemacht. Und jeder Versuch, das verstehen zu wollen, macht es unscharf. Und selbst wenn ich wollte, wie kann ich es beschreiben? Das ist der zweite Grund. Wie soll man etwas beschreiben, das einzigartig ist? So wie die Partitur nichts Bekanntem ähnlich sieht, so hört sich die Realisierung nach nichts Bekanntem an. Klar ist, dass diejenigen, die Musik außerhalb von bestimmten Harmonie-Schemata verabscheuen, das genau so schroff ablehnen werden, wie alles andere außerhalb ihrer Hörkomfortzone. Aber auch gegenüber der Moderne aufgeschlossene Hörer, die über irgendwelche Hintertürchen irgendwelche Bezüge zu Vertrautem brauchen - wenn auch nur, um darüber reden zu können - bekommen hier keinen Krückstock. Das ist "richtige" Moderne, die einsam macht. Weil die diejenigen, die sie auch hören, das nicht zugeben, weil sie nicht irgendwo zwischen snobistisch und geisteskrank verortet werden wollen - oder wenn sie es zugeben, das Vokabular fehlt, um sich darüber auszutauschen. Und diejenigen, die doch darüber reden, geben so gequirlten Eingeweihten-Mist von sich, dass sie entweder als Snobs oder Gestörte gelten.

      Ich setze Cornelius Cardews' Treatise in der Realsierung mit dem QUaX Ensemble auf meinen persönlichen Olymp. Und jetzt muss ich los zur Sitzung der anonymen gestörten Snobs. :rolleyes: :hello
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

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