Alfred Hitchcock - Wenn Film wirklich Film ist...

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    • Alfred Hitchcock - Wenn Film wirklich Film ist...

      Wer kennt ihn nicht? Alfred Hitchcock hat es wirklich geschafft, sich selber als geradezu eigenständige Marke im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu etablieren. Und so wie Sherlock Holmes das Synonym für einen Detektiv ist, Robinson Crusoe für den einsam Gestrandeten steht, ist Hitchcock derjenige, der intelligenten und v.a. spannende Unterhaltung garantiert.

      Sir Alfred Joseph Hitchcock (13.08.1899 - 29.04.1980)

      Hitchcock lernte das Handwerk noch in Stummfilmzeiten, in denen er von der Zeichnung der Zwischentitel über Kostüme, Ausstattung, Drehbücher bis hin zu den ersten Regiearbeiten eine Fülle von Aufgaben übernahm. 1924 ging er nach Deutschland und konnte dort Murnau bei den Arbeiten zum 'Letzten Mann' beobachten. Zurück in England inszenierte er eine Reihe von Stummfilmen, drehte mit 'Blackmail' den ersten englischen Tonfilm und konnte sich in den nächsten Jahren als führenden und innovativsten Regisseur Englands etablieren.
      Ende der 30iger Jahre ging er nach Hollywood und landete sofort mit 'Rebekka' für das unabhängige Studio von David O. Selznick einen Riesenhit. Die 40iger Jahre waren, wie so oft, qualitativ durchaus unterschiedlich. Immer aber war den Ergebnissen die Lust am filmischen Experiment anzusehen.
      Die 50iger Jahre gelten dann eigentlich als der Gipfel seines Schaffens, während in den 60iger Jahren, nach 'Psycho' und 'Die Vögel' doch ein starker Qualitätsverlust zu spüren ist. Erst mit seinen beiden letzten Filmen ('Frenzy' und 'Family Plot') konnte er noch einmal zu früherer Größe finden.

      Hitchcock hat 53 selber inszenierte Spielfilme hinterlassen, die meisten davon Thriller. Dazu kommen einige Episoden, die er für seine TV-Show inszeniert hat.

      Hitchcock's Arbeiten galten jahrzehntelang nur als gut gemacht und inszeniert, als reine Unterhaltungsfilme. Das änderte sich langsam, als zu Beginn der 50iger Jahre in den 'Cahier du Cinema' die ersten hymnischen Artikel über den Filmemacher Hitchcock auftauchten und sich Regisseure der 'Nouvelle Vague' wie Rohmer, Chabrol oder auch Truffaut für ihn zu interessieren begannen. Sie erkannten als erste, das dort ein 'Auteur' am Werke war, der mit einer wirklichen Filmsprache Geschichten erzählte, der also nicht bebildertes Theater lieferte, sondern Film als Film begriff. Und sie scheuten sich nicht, ihn in eine Reihe mit Murnau oder Eisenstein zu stellen.

      Und genau da gehört er, meiner Meinung nach, auch hin. Vom deutschen Stummfilm übernahm er die Inszenierung innerhalb eines Bildes, vom russischen die Kunst der Montage und verknüpfte beide Einflüsse in seinem eigenen Werk. Eigentlich bedarf er keiner Sprache um Geschichten zu erzählen. Hitchcock war in seinen besten Momenten in der Lage, mit rein filmtechnischen Elementen, alles deutlich zu machen. Natürlich bediente er sich des Tons, später der Farbe. Zwangsläufig. Aber notwendig wäre es nicht gewesen. Man schaue nur einmal den hochartifiziellen 'Psycho' an. Über weite Strecken würde er auch ohne Ton funktionieren.

      Zudem sind seine besten Thriller nicht nur einfache Unterhaltung. Gerade der Subtext hebt sie über reine Unterhaltungsfilme weit hinaus. 'Vertigo', 'Rear Window', 'I confess', 'Shadow of a Doubt', 'Lifeboat', um nur einige zu nennen.

      Ohne jemals einen 'Oscar' für einen Film gewonnen zu haben, hat sein Werk heute einen ganz anderen Stellenwert bekommen. 2012 wählten mehr als 800 Filmjournalisten der britischen 'Sight and Sound' 'Vertigo' zum besten Film aller Zeiten. Aber viel wichtiger ist mit Sicherheit der Einfluss, den er auf z.B. Regisseure wie Carpenter, Tarantino, Lynch, Scorsese, auf die Franzosen der Nouvelle Vague hatte.

      Und auf das Bewusstsein des 'normalen' Filmzuschauers. Wer denkt nicht an 'Birds', wenn er einen Schwarm von Vögeln (vorzugsweise Krähen oder Möwen) sieht, wer erinnert sich nicht an die Duschszene aus 'Psycho'? Selten wohl gelang es einem Regisseur Bilder im Kopf von Menschen so zu etablieren, dass sie geradezu Einzug in die Alltagswelt der Menschen gehalten haben. Das mag an sich noch kein Qualitätsmerkmal sein. Aber es ist ein Zeichen dafür, welche Kraft der Bilder er hervorrufen konnte. Und das ist doch schließlich Kino!

      :hello Falstaff
    • Ich glaube, ich würde als Nummer 4 zu 'North by Northwest' tendieren. Ein Sujet, dass er abgewandelt häufiger verfilmt hat. '39 Steps', 'Saboteure', 'Young and Innocent'. Der ungerecht Verdächtigte, der quasi durch das ganze Land fliehen muss, um seine Unschuld zu beweisen. Aber gerade die 1959-'Version' ist mit solch einer leichten Hand, mit solch einem Charme und doppeltem Boden inszeniert, dass er wirklich zu den besten Hitchcocks gehört. Zudem besitzt er mit der 'Maisfeld-Szene' eine weitere der grandiosen, fast ikonographisch gewordenen Situationen.



      :hello Falstaff
    • Nummer 5 würde ich glatt noch mal offen lassen. Ich weiß wirklich nicht, welchen Film ich da nominieren würde. Mal diesen, mal jenen; immer abhängig von der jeweiligen 'Tagesverfassung'. Mir ist natürlich klar, wer das von seinen Filmen keine Rolle spielen würde. Es ist ja nicht so, dass er nur Meisterwerke produziert hätte. Aber immerhin war er jemand, dessen 'Flops' meistens immer noch grandiose, weil eben rein filmische Sequenzen enthalten. ^^

      :hello Falstaff
    • Vielleicht sollten wir auch mal auf die tw. geniale Filmmusik hinweisen.

      Mir fällt da z.B. "Psycho" ein. Hier reduziert der Meister alles auf das Wesentliche, z.B. ist der Film in S/W gedreht, obwohl zu dieser Zeit der Farbfilm schon gang und gäbe war. Extrem passend dazu die Filmmusik, die sich auf Streicher beschränkt.

      Interessante Untermalungen sind natürlich die hohen Streicher-Glissandi bei der Duschmord-Szene oder auch das "Fluchtthema", eine ostenate Terz-Figur, abgelöst durch eine auf- und dann absteigende tonleiterartige Sequenz. Hier wird Spannung erzeugt, die man auch hört, wenn man den Film nicht sieht, sonden nur die Musik hören würde.

      Auch Spellbound ist ein Meisterwerk, wo es sich lohnt, die Musik mal näher zu betrachten.
      :)
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      "Die grösseste Schwierigkeit eines andern Arbeit auszuführen, bestehet wohl darin, daß eine scharffe Urtheils-Krafft dazu erfordert werde, fremder Gedancken Sinn und Meinung recht zu treffen. Denn, wer nie erfahren hat, wie es der Verfasser selber gerne haben mögte, wird es schwerlich gut heräus bringen, sondern dem Dinge die wahre Krafft und Anmuth offt dergestalt benehmen, daß der Autor, wenn ers selber mit anhören sollte, sein eigenes Werck kaum kennen dürffte."
      (Mattheson)
    • Bernard Herrmann (Schreibweise evtl. falsch) war ein sehr guter Filmkomponist! Ich denke auch an Citizen Kane, immer hat er vor allem mit der Instrumentierung experimentiert. Bei Psycho nur ein Streichorchester zu nehmen war genial. Ich weiß gar nicht, ob Hitchcock da viel vorgegeben hat.
      Sehr genial in dieser Hinsicht natürlich The Birds. Zu den künstlichen Vogelschwärmen die künstlichen Klänge von Oskar Sala.
      "...the only logical starting point for a genuine creative art of music -- the ear, and the manifold delights and stimuli that the ear, in conjunction with the experienced mind, can find in the exercise of imagination."
      Harry Partch
    • Nicht zu vergessen: Vertigo! Mit Anleihen aus dem Tristan...

      (Herrmann ist schon die richtige Schreibweise.)
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      "Die grösseste Schwierigkeit eines andern Arbeit auszuführen, bestehet wohl darin, daß eine scharffe Urtheils-Krafft dazu erfordert werde, fremder Gedancken Sinn und Meinung recht zu treffen. Denn, wer nie erfahren hat, wie es der Verfasser selber gerne haben mögte, wird es schwerlich gut heräus bringen, sondern dem Dinge die wahre Krafft und Anmuth offt dergestalt benehmen, daß der Autor, wenn ers selber mit anhören sollte, sein eigenes Werck kaum kennen dürffte."
      (Mattheson)
    • 'The Trouble with Harry', 'The Man Who Knew Too Much', 'The Wrong Man', 'Vertigo', 'North by Northwest', 'Psycho', 'Marnie' - alles Filme, die enorm von der Musik von Bernard Herrmann profitieren. Da hatten sich zwei wirklich gefunden.
      Wobei Hitchcock immer wieder ein glückliches Händchen mit seinen Komponisten hatte. Franz Waxman, Dimitri Tiomkin oder eben Miklas Rosza seien hier genannt. Aber keiner hat für mein Empfinden diesen schwankenden Boden, auf dem sich die Protagonisten bewegen so nachdrücklich komponiert wie Herrmann.
      Immer wieder faszinierend finde ich aber auch, wie er dramaturgisch Musik benutzte (Walzer aus der 'Lustiigen Witwe' in 'Shadow of a Doubt') oder eben auch nicht. Fast die gesamte Maisfeldszene aus 'North by Northwest' läuft ohne Musik ab. Im Vorspann zu 'Lifeboat' wird zwar Hugo Friedhofer als Komponist genannt, tatsächlich hat der aber nur Vor- und Abspann vertont. Der Rest des Film kommt vollständig ohne Musik aus. Wie angenehm eigentlich ;) , wenn man an die oftmalige Dauerberieselung in heutigen Filmen denkt.

      :hello Falstaff