Über die Notwendigkeit von U-Musik im Leben des Klassikhörers

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    • Über die Notwendigkeit von U-Musik im Leben des Klassikhörers

      Kann man einen noch bescheuerteren Thread-Titel wählen? Natürlich ist U-Musik in keinem Klassikhörer-Leben notwendig. Es soll sogar welche geben, die jeglichen Kontakt damit fürchten wie der Teufel das Weihwasser. Ich habe mal ein Pamphlet gelesen, nachdem Musik, bei der die Zählzeiten durch Instrumente von unbestimmter Tonhöhe betont werden (was für die meiste U-Musik gilt), niedrige Chakren aktiviert und damit die Menschenseele im Materiellen festhält, während die edle Klassik hilft, sie zu befreien. Wir hatten hier auch mal ein kauziges Mitglied, das an ihrem Rundfunkempfänger die Stationstaste für den Klassiksender festgeklebt und alle anderen entfernt hat, damit sie bloß nicht mal aus Versehen einen Popsender einschaltet. Und es wurden in der Forenlandschaft auch schon Standpunkte vernommen, dass es sich für ernstzunehmende Klassikhörer prinzipiell verbietet, sich mit U-Musik auseinanderzusetzen. Dass diese Musik immer von minderer Qualität wäre, kann freilich nur behaupten, wer sich nicht auskennt - und wer will das Gegenteil von sich behaupten, angesichts von 204.000 erhältlichen Titeln und 16.000 Neuerscheinungen pro Jahr (musikindustrie.de) im Bereich "Popmusik", d.h. alle Genres, die keine klassische Musik sind. (Zum Vergleich: Bei Klassik sind es 78.000 und 4.000).

      Also in meinem Klassikhörer-Leben ist U-Musik notwendig. In dieser Hinsicht bin ich ganz und gar kein ernstzunehmender Klassikfreund, denn stloze 2/3 meiner Hör-Zeit verbringe ich mit Musik, die nicht unter die Gattung fällt. Wie sieht es mit den anderen Mitgliedern des-Klassikforums aus? Geht ihr manchmal fremd? Wie oft? Mit wem (welche Genres)? Und ... warum? Was mich besonders interessiert (dazu gebe später auch meinen Senf ab): Gibt euch diese Musik etwas, das klassischer Musik fehlt?
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)
    • Lieber Cetay, ich muss gestehen, dass neben der klassischen Musik relativ selten andere auf meinem Plattenteller, äh, im Player landet. Wenn, das ist es Jazz. Von Zeit zu Zeit habe ich dann eine Phase, wo ich mir dann die Kante gebe und nur noch Jazz höre. Und dann ist es irgendwann vorbei und es steht wieder nur Klassik auf dem Programm.

      Wann solche Phasen eintreten, kann ich nicht sagen. Die Abstände sind sehr unterschiedlich. Ich bin eigentlich eine Art 'Quartalshörer'. Packt mich ein Komponist, ein Sänger höre ich ihn erstmal rauf und runter. Wenn das dann vorbei ist, wird er weggepackt und etwas Neues kommt dran. Und an solchen Punkten kann es dann eben auch Jazz sein.

      Am letzten Samstag wäre es fast zu einem solchen 'Wendepunkt' gekommen. Wir hatten mit mehreren Leuten eine Kanufahrt unternommen, saßen, nicht mehr ganz nüchtern :D , später noch zusammen und hörten dann, ok, unserem Alter geschuldet, die ollen Kamellen von Lynard Skynard, Grateful Dead, Eagles, Who bis ich weiß nicht mehr zum wem. Super Stimmung und ich war fest der Meinung, am nächsten Tag würde ich dort an dem Punkt weiterhören. Aber leider war es stimmungsabhängig und am Sonntag kam dann doch wieder nur Beethoven auf den Teller. ;)

      Was ich immer mal wieder gerne einschieben, sind tolle Stimmen jenseits der Klassik. Bin halt Stimmenfetischist in jeder Hinsicht. :rolleyes:

      LG Falstaff
    • Hui, das ist echt schwierig!
      Da ich Jazz nur in wenigen Fällen als U-Musik betrachte, bleibt der außen vor, obwohl neben der klassischen Musik sicherlich am häufigsten gehört. Im Prinzip stehe ich Pop und Rock offen gegenüber, aber ich höre dann doch am ehesten Sachen aus den 70ern und das ist dann immer phasenabhängig. Eine Zeit lang habe ich etwas Pop und Rock aus aller Welt gesammelt, Sachen wie sie bei den BBC World Music Awards zu hören waren. Da stieß ich auf solche Originale wie Maurice El Medioni oder kubanische Künstler, die mich beeindruckt haben. Aber eben:U-Musik ist das dann schnell nicht mehr vom Wortsinn her oder nicht so direkt. Aber da gibt's dann doch immer wieder großartige Sachen. Sich vollends zu verschließen finde ich immer eigenartig, und ich kenne eigentlich keinen Musiker, der so drauf ist.

      Herzliche Grüße
      Satie
      "...the only logical starting point for a genuine creative art of music -- the ear, and the manifold delights and stimuli that the ear, in conjunction with the experienced mind, can find in the exercise of imagination."
      Harry Partch
    • Satie schrieb:

      Im Prinzip stehe ich Pop und Rock offen gegenüber, aber ich höre dann doch am ehesten Sachen aus den 70ern und das ist dann immer phasenabhängig.
      Unterschreibe ich sofort. Frage ist, hören wir es aus Qualitätsgründen oder aus Nostalgie? Was mich angeht sicherlich eher aus nostalgischen Gründen.

      Satie schrieb:

      Aber eben:U-Musik ist das dann schnell nicht mehr vom Wortsinn her
      Kommen wir denn noch um eine Definition von U und E herum? Ich bin Deutscher, ich möchte es exakt haben. :D

      LG Falstaff
    • Der von mir verlinke Artikel bietet dafür eine einleuchtende Definition: U sind alle Genres, die keine klassische Musik sind. :D
      Das ist genau des hochkulturbeflissenen Bildungskaspers Fehlschluss - zu konstatieren, dass alles nicht-klassische lediglich zu Unterhaltungszwecken tauge.
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)
    • Für mich ist das ein aussichtsloses Unterfangen. Die Grenzziehung ist einfach sinnlos und willkürlich geworden, vor allem weil da eine Wertung mitschwingt, die heute nicht mehr haltbar ist. Dass (zugegebenermaßen kultiger) Trash wie 10 Mädchen und kein Mann "ernster" sein soll als Close to the Edge, zeigt, wie weit sich eine solche Klassifizierung von der Realität entfernt hat. Danach ist Musik ernst, wenn sie von den Institutionen, die ernste Musik pflegen und aufführen ... gepflegt und aufgeführt wird. Blöd. :thumbup:
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

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