Monumentale Rock-Epen

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    • Monumentale Rock-Epen

      Monumentale Rock-Epen - Was soll das denn nun wieder sein? Den Begriff "monumental" im Zusammenhang mit Kunstwerken kennen wir vom Film: Produktionen mit einem hohen Aufwand an Darstellern, Kulissen, Kostümen (Wiki). Unter Epos versteht man heute umgangssprachlich (Wiki) eine weitläufige oder ausschweifende Erzählung. Gesucht sind also aufwendig gemachte Rockmusik-Werke, die eine Geschichte erzählen und es dabei auf eine ordentliche Länge bringen. Der Aufwand kann sich auf die Zahl der Musiker oder Instrumente beziehen oder auf stilistische Vielfalt mit Überschreitung von Genre-Grenzen oder auf eine differenzierte Produktion mit klanglicher Vielfalt -gerne inklusive Bombast- oder am besten alles zusammen. Gesucht sind Alben die das Rock-musikalische Pendant zu Quo Vadis bis Ben Hur darstellen.
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)
    • Ich schicke gleich mal das erste Beispiel ins Rennen:


      XII Alfonso; Charles Darwin Vol. I-III

      Die französische Gruppe XII Alfonso besteht aus vier Musikern, von denen jeder rund ein Dutzend Instrumente spielt. Für dieses Mammutprojekt haben sie sich mit zahlreichen Gastmusikern verstärkt. Beim Nachzählen bin ich auf 52 Musiker*innen, davon 14 Sänger*innen und 70 (z.T. exotische) Instrumente gekommen. Vertont wird das Leben von Charles Darwin von der Wiege bis zur Bahre, einschließlich der Gewissenskonflikte, die sich aus der Unverträglichkeit seiner Entdeckungen mit seinem anerzogenen Glauben ergaben. Die drei Volumina erstrecken sich über drei etwa gleich lange Lebensabschnitte (1809-35, 1836-58 & 1859-82), von denen jeder eine Stunde Spielzeit eingeräumt bekommt. Musikalisch bewegt man sich auf moderatem Pop-Rock Terrain mit gelegentlichen Ausflügen in Ambient-, Folk-, "Weltmusik"- oder leichte Jazz-Gefilde. Das Begleitbuch umfasst stolze 70 Seiten und enthält neben den Liedtexten weitere Texte und Illustrationen zur Zeitgeschichte und zu Darwins Theorie - diese stehen in der Chronologie an den Stellen, an denen reine Instrumental-Stücke (wenn ich richtig gezählt habe, sind 30 der 52 Stücke ohne Gesang) geboten werden, so dass man letztere als Tongedichte zu den ergänzenden Texten verstehen kann. (Vorbildlich: die vielfach nie zuvor gesehenen, geschweige denn gehörten Instrumente sind im Booklet abgebildet und zu jedem Lied ist die Besetzungsliste angegeben, d.h. man kann gezielt nach-hören, wie beispielsweise ein(e) Dan Tranh aus Vietnam oder eine Grasharfe aus Burkina Faso klingt.)

      Und was soll ich sagen, ich hätte nicht gedacht, dass ein so über-ambitioniert erscheinendes Konzept funktionieren kann, aber das tut es in meinen Ohren grandios. Das Album fesselt von vorne bis hinten, egal ob ich das Booklet zur Hand nehme oder einfach nur der Musik und den vielfältigen Klängen lausche. Es gibt einige tolle Ohrwürmer ohne Schlager-Alarm (na ja, ein- bis zweimal geht es über die Grenze, aber das fällt nicht ins Gewicht), immer wieder wunderbare Instrumentalsoli (Gitarre, Saxophon, Klarinette und -betörend- diverse Flöten) ohne Selbstdarstellungs-Alarm und faszinierende "exotische" Klanggemälde, die nie Selbstzweck sind. Die vermeintliche Achillesferse, dass Ausflüge in härtere oder schrägere Gefilde konsequent gemieden werden, stellt sich als die große Stärke heraus, die da lautet: Kohärenz. Das ist für mich die eigentliche Sensation. Trotz hoher Ereignisdichte ist das ein immer gleichmäßiger Fluss, in dem ich nie die Orientierung verliere, trotz melodiösem Mainstream-Charakter gerate ich nie in seichte Gewässer - und das hält über die volle Distanz. Ein wirklich überragendes Werk, das mit jedem Hören noch besser wird und nebenher mehrere Bildungsaufträge erfüllt. Für mich gehört das ganz klar in die Allzeit-Top-20 der Progressiven Rockmusik.
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

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    • Schönes Thema!

      Nun bin ich leider so gar nicht mehr mit 'Ben-Hurigem' aus der aktuellen Rockszene vertraut. Spontan fallen mir dazu v.a. zwei Oldies ein. Dabei bin ich mir gar nicht einmal sicher, dass sie die Bedingung des 'Monumentalen' in jeder Hinsicht erfüllen.



      Die berühmte erste 'Rockoper' von The Who aus dem Jahr 1969.

      Die Geschichte des 'deaf, dumb and blind kid' Tommy, der als Kind erleben muss, wie sein aus dem Krieg heimgekehrter Vater den Lover der Mutter erschlägt. Die darauffolgende Taub-, Stumm- und Blindheit wird im weiteren Verlauf von Verwandten ausgenutzt, durch seltsame Methoden versucht zu heilen. Erst beim Flipperspiel entdeckt er ein Talent, wird Weltmeister, durch das Zerbrechen seines Spiegelbildes geheilt, von seinen Anhängern als eine Art Messias verehrt und von ihnen dann recht schnell fallengelassen, weil er ihren nach Kommerz strebenden Wünschen nicht entsprechen will.

      1972 kam eine orchestrale Version mit dem London Symphony Orchestra in den Handel und vier Jahre später wurde der Stoff dann von Ken Russel mit Roger Daltrey als Tommy und u.a. Jack Nicholson, Tina Turner, Elton John, Eric Clapton aufwendig verfilmt.



      :hello Falstaff
    • 1973 folgte dann die zweite Rockoper der Who:



      Wieder die Geschichte eines Jugendlichen, allerdings wesentlich stärker an der Realität orientiert. Jimmy, ein junger Mod im England der 60iger Jahre beschreibt aus der Ich-Perspektive sein Leben, seine Frustrationen, Selbstzweifel, Träume, seinen Alltag, seine Konflikte mit den Eltern, am Arbeitsplatz, sein Leben als Sinn-Suchender.

      1979 verfilmte dann Franc Roddam den Stoff.




      :hello Falstaff
    • Gott, wenn man denn mal abtaucht in die Vergangenheit fällt einem ja glatt noch mehr ein.



      Das 1976 uraufgeführte Oratorium 'Proletenpassion' der österreichischen Band Schmetterlinge. Texte v.a. von Heinz Rudolf Unger mit der Musik von Willi Resetarits und Georg Herrnstadt.

      Wobei ich mir gar nicht sicher bin, ob es überhaupt in diese Kategorie hier hineinpasst. Behandelt es doch keine fortlaufende Geschichte, sondern stellt eher revueartig die Geschichte der Arbeiterbewegung vom 16. Jhrdt. bis in die 70iger Jahre hinein dar.

      Textdichter wie auch Komponisten kombinieren hier verschiedene musikalische wie literarische Stilelemente. Ergebnis ist irgendwie ein musikalischer 'Agitpop'. Damals war ich schwer begeistert. Nun habe ich mal wieder hineingehört und habe das Gefühl, dass die Zeit doch irgendwie weitergegangen ist. ^^ Andererseits wurde das Werk immerhin bei den Wiener Festwochen uraufgeführt. Das waren noch Zeiten. :D So'n bisschen mehr politisches Bewusstsein wäre wohl auch heute noch janz jut. Allerdings dann ein wenig moderner. ^^

      :hello Falstaff
    • Die Proletenpassion. Die wurde seinerzeit im meinem Umfeld nur von den "Alternativen" gehört. Langhaarige Softies mit Latzhosen, Birkenstocksandalen und Jutesäcken. Das war so gar nicht meine Welt und so wurde diese Musik damals schon prinzipbedingt abgelehnt. Ich sehe auch nicht den rechten Nachholbedarf - und meine, dass der Zahn der Zeit ebenso an den Rock-Opern von The Who genagt hat. ;)

      Etwas moderneres, das allerdings auch nicht so recht in unsere Zeit passen will:


      Gandalf's Fist; The Clockwork Fable

      Ambitioniert bis an die Grenze zum Größenwahn: Ein Konzeptalbum als Dreifach-CD (jede CD ist ein "Akt") und ein 50-seitiges Drehbuch für Hörspielszenen, die ein Drittel der Spielzeit einnehmen. Es gibt jede Menge epische Lang-Lieder jenseits der Zehn-Minuten-Marke, darunter eine aus 15 Teilen bestehende Suite mit über einer halben Stunde Spielzeit, verteilt auf 3 verschiedene nicht zusammenhängende Tracks - so etwas hat sich selbst in den glorreichen 70ern kaum jemand getraut. Die "Amateure" von Gandalf's Fist stemmten das Projekt ohne ein Platten-Label im Rücken und sie hatten sich im Vorfeld soviel Anerkennung erspielt, dass sie für diese Produktion prominente Gastsänger und -musiker, sowie Schauspieler für die Sprechrollen gewinnen konnten.

      Das Libretto erzählt eine dystopische Steampunk-Geschichte. Nach dem atomaren Winter ist die Erde unbewohnbar und unter der Oberfläche haben sich im künstlichen Licht neue soziale und religiöse Strukturen gebildet. Einige Menschen haben die Vision, auf die Oberfläche zurückzukehren, weil das Sonnenlicht längst zurückgekehrt und wieder Leben möglich sein müsste. Sie glauben, die herrschenden weltlichen und geistlichen Kräfte seien im Besitz des Schlüssels für die versiegelte Öffnung und würden diesen Zwecks Machterhalt nicht herausgeben. Die Bestrebungen, zurück ans Licht zu kommen, passen den Herrschenden freilich gar nicht und sie stellen die Suchenden als Spinner, die Verschwörungstheorien anhängen, dar - hier ist in dieser Fabel dann doch ein gewisser Gegenwartsbezug zu finden.

      Zur Musik. Die Lieblings-Bands des Gruppenkopfs, Sänger und Multi-Instrumentalist Dean Marsh geben einen Fingerzeig: Pink Floyd, Camel, Caravan, Genesis, Iron Maiden. Im Vorfeld war von Siebziger- und Achtziger-Revival-Musik die Rede und das ist ein Warnsignal. Solcherlei Revival-Musik ist meist Musik, die man von den Originalen schon viel besser gehört hat. Dazu Hörspielsequenzen, verschiedene Sänger-Rollen: das geht verdächtig in Richtung Rock-Oper und damit kann man mich normalerweise jagen. Ich war also höchst skeptisch - zu Unrecht. Das Konzept geht voll auf, die abwechselnden Musikstücke und Hörspielsequenzen harmonieren wunderbar und es scheint, dass das Ganze mehr als die Summe seiner Teile ist. Ich meine, dass die Musik für sich alleine -ohne Einbindung in einen Erzählfluss- nicht so wirkungsvoll wäre. Auch wenn die Musik ihre Vorbilder nicht verleugnen kann und will, klingt das ganze Recht eigenständig. Durch den ausgeprägten Sinn für Ohrwürmer und einnehmende harmonische Wendungen und die zweifelhafte Vorliebe für textlose Chöre mit Vokalisen schrammt das des Öfteren hart an der Kitschgrenze vorbei, aber immer dann, wenn sich die Miene zu verziehen beginnt, kommt wie aus dem Nichts eine Überraschung in Form von einem kernigen metallischen Riff oder einer virtuosen Instrumentalabfahrt daher. Ich habe mir das jetzt mehrfach am Stück angehört und Konzentration und Spannung haben fast immer über die volle Distanz gehalten.

      Hut ab! Klar, für Wagnerianer ist das Mumpitz - der war halt noch ein gutes Stück größenwahnsinniger. In der Welt der Rockmusik hat es freilich etwas so Ambitioniertes, das dann (m. E.) auch noch voll und ganz gelungen ist, nur selten gegeben.
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

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    • In Ungarn sehr populär, aber dank einer Filmfassung auch über die magyarischen Grenzen hinaus bekannt ist die 1983 uraufgeführte Rockoper "István, a király" ("Stephan, der König") von Levente Szörényi, Libretto von János Bródy und Miklós Boldizsar. Es geht darin um die Ereignisse , die zur Thronbesteigung des heiligen Stephan, König von Ungarn 997 (1000)-1038, führten. Stephan ist der größte Nationalheilige des Landes und nach wie vor eine besondere Identifikationsfigur.

      Das Genre ist nicht gerade mein Fall, aber da meine Familie sich leidenschaftlich für das Werk begeisterte, bekam ich einiges davon mit und muß zugeben, es war beeindruckend.