Umberto Giordano: Mala vita

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    • Umberto Giordano: Mala vita

      Die dreiaktige Oper Mala vita von Umberto Giordano (Libretto: Nicola Daspuro) basiert auf der Erzählung Il voto (Der Schwur) des veristischen Schriftstellers Giuseppe Di Giacomo und ist eine der vielen Kurzopern, die kurz nach dem Sensationserfolg der Cavalleria rusticana entstanden sind und deren Erfolgsrezept zu kopieren versuchten.

      Die Handlung spielt in den Slums von Neapel (während des Piedigrotta-Festes, einer Art Gesangswettbewerb), wo der Färber Vito (Tenor) von der Tuberkulose genest, nachdem er in einem Gebet geschworen hat, eine Prostituierte zu heiraten. Vor einem Bordell begegnet er der Prostituierten Cristina (Sopran), erklärt ihr seine Liebe und verspricht ihr, sie zu heiraten. Vito unterhält aber auch eine stadtbekannte Beziehung zur mit einem Freier Cristinas, dem dauerhaft betrunkenen Annetiello (Bariton), verheirateten Amalia (Mezzosopran). Nachdem Amalias Versuche, durch Bestechung und Bedrohung Cristina von der Heirat abzubringen, gescheitert sind, gelingt es Amalia, Vito erneut zu verführen, woraufhin dieser die verzweifelte Cristina wieder in ihr Bordell zurückschickt.

      Die als unmoralisch empfundene Handlung der Oper führte bei der Aufführung in Neapel am 26. April 1892 (die Uraufführung hatte zwei Monate vorher in Rom stattgefunden) zu einem Skandal: Die Neapolitaner fühlten ihre Stadt (damals eine Hochburg der Prostitution) beleidigt, wechseln die Ehebruchs- und Bordellszenen doch mit typisch neapolitanischen Melodien und Texten in neapolitanischem Dialekt (der Autor der literarischen Vorlage Di Giacomo hatte selbst eines der neapolitanischen Lieder beigesteuert) ab, was die Geschichte als typisch neapolitanisch kennzeichnete. Der Librettist hatte bereits zur Sicherheit die Handlung, die bei Di Giacomo in der damaligen Gegenwart spielt, in das Jahr 1810 zurückverlegt (ähnlich wie Verdis La traviata, die bei der Uraufführung ins 17. Jahrhundert verlegt werden musste), bei den ersten Aufführungen verorteten Bühnenbild und Kostüme die Handlung jedoch trotzdem in der Gegenwart. Andernorts war Mala vita erfolgreicher und wurde noch im selben Jahr in einem von Giordanos Verleger Sonzogno zu diesem Zweck gemieteten Theater in Wien zusammen mit Cavalleria rusticana, L’amico Fritz und Pagliacci mit Erfolg aufgeführt.

      Da die Oper schon nach kurzem in Vergessenheit fiel, erstellte Giordano eine neue Fassung, die 1897 unter dem Titel Il voto uraufgeführt wurde. Diese Version verlegt die Handlung in eine bessere Wohngegend und eliminiert Amalias Ehemann Annetiello und das Bordell vollständig. Cristina ist keine Prostituierte mehr, sondern eine von einem Liebhaber sitzengelassene und damit entehrte Frau. Auch diese entschärfte Fassung hatte keinen dauernden Erfolg.

      Trotz der Aufteilung in drei Akte ist Mala vita nicht länger als Cavalleria rusticana. Nach einer kurzen, aber sehr stimmungsvollen musikalischen Einleitung steht zu Beginn der Oper eine durchaus eindrucksvolle öffentliche Gebetsszene von Vito, dem Barbier Marco, der Friseurin Nunzia und Chor, an deren Ende Vito den die Handlung bestimmenden Schwur äußert; dem folgt ein fröhliches, für die Handlung unwesentliches Lied des Baritons Annetiello. Die zentrale Szene des ersten Akts ist das Duett von Cristina und Vito. Cristina wird anders als Amalia als eher scheue, introvertierte Figur gezeigt, die zunächst versucht einem Gespräch mit Vito auszuweichen, dann nachdem sie ihm Wasser aus dem Brunnen geschöpft hat (eine ähnliche Szene baute Nicola Daspuro auch in L’amico Fritz ein) erst langsam auftaut und schließlich bei Vitos Antrag in ein extatisches Liebesduett einstimmt. Den Schluss des Aktes bildet eine dramatischere Szene, in der Cristina von Annetiello beleidigt und von Vito verteidigt wird.

      Der zweite Akt wird ganz von Amalia bestimmt, die von einem emotionalen Extrem ins andere gerät. Gegenüber Cristina wechselt sie von herablassender Kälte über flehendes Bitten zu einem gewalttätigen Wutausbruch, bei dem sie Cristina mit einem Messer bedroht. Dennoch behält Cristina, die sich hier als willensstärker erweist, als man nach dem ersten Akt vermuten würde, in dem Disput die Oberhand. Es folgt ein längeres Intermezzo (einer der Höhepunkte der Oper). In der anschließenden Szene mit Amalia wechselt Vito dann doch sehr schnell die Seite. Das Liebesduett wird im Orchester von einer dramatischen Sturmmusik begleitet, die Szene von Cristina durch das Fenster beobachtet.

      Im dritten Akt zieht alles zum Piedigrotta-Fest und Vito singt eine Canzone gefolgt von einem Tanz und einem Lied auf den Alkohol von Annetiello. Nach dem Cristina von Vito zurückgewiesen wird, endet die Oper mit einem weiteren Höhepunkt, einem Gebet Cristinas ehe sie traurig an der Tür des Bordells anklopft. Nach dem Gebet ist aus dem Off, der Chor zu hören, der Annetiellos Lied wiederholt. Anders als die meisten Verismo-Opern und es die bisherige Handlung nahegelegt hätte endet Mala vita nicht mit Mord und Totschlag, sondern mit einer resignativen, traurigen Szene.

      Mala vita ist sicher nicht die beste Oper Giordanos, aber ein durchaus kurzweiliges Werk, das ruhig öfter aufgeführt werden könnte. Es ließe sich aufgrund seiner Kürze leicht mit einer anderen Verismo-Oper koppeln, anstatt der immer gleichen Kopplung von Cavalleria rusticana/Pagliacci. Insbesondere das emotionale Gebet des kranken Vito zu Beginn, das Intermezzo im 2. Akt und die Schlussszene sind hörenswert.

      Es existiert meines Wissens nur eine Aufnahme der ersten Fassung (Live 2002, Label: Bongiovanni):



      Vito - Maurizio Graziani
      Cristina - Paola Di Gregorio
      Amalia - Maria Miccoli
      Annetellio - Massimo Simeoli
      Marco - Antonio Rea
      Nunzia - Tiziana Portoghese

      Coro Lirico Umberto Giordano di Foggia
      Orchestra Lirico Sinfonica del Teatro della Capitanata, Angelo Cavallaro

      Wenn man das Werk kennenlernen will, ist die Aufnahme geeignet. Insbesondere Vito und Cristina sind überzeugend gesungen. Die Amalia fällt etwas ab, die Tonqualität ist in Ordnung.

      Gruß Amonasro :hello
      Die Wahrheit nachbilden mag gut sein, aber die Wahrheit erfinden ist besser, viel besser. (Giuseppe Verdi)
    • Am Samstag habe ich die Oper unter dem Titel "Mala vita - Giordano trifft Gesualdo" im Stadttheater Gießen in folgender Besetzung gesehen:

      Vito - Denis Yilmaz
      Cristina - Angela Davis
      Amalia - Vero Miller
      Annetiello - Grga Peroš
      Marco - Florian Spiess
      Nunzia - Marie Seidler
      Gesualdo Ensemble: Naroa Intxausti, Ayano Matsui, Shawn Mlynek, Christopher Meisemann, Christian Richter, Tomi Wendt

      Chor und Extrachor des Stadttheaters Gießen
      Philharmonisches Orchester Gießen, Eraldo Salmieri
      Inszenierung: Wolfgang Hofmann

      In die Oper waren mehrmals (wenn ich richtig gezählt habe sechsmal) Madrigale bzw. Responsorien von Carlo Gesualdo eingeschaltet. Dadurch kam die Handlung immer wieder zum Stillstand, dafür dauerte die Aufführung dieser Kurzoper etwas länger. Die sechs Sänger, die die Gesualdo-Abschnitte gesungen haben, waren in stilisierten Renaissance-Kostümen zunächst in Öffnungen im Hintergrundbild (einer Darstellung des gekreuzigten Christus) untergebracht, aus dem sie dann heraustraten und die Hauptfiguren (in modernen Anzügen) gelegentlich wie Marionetten oder Spielfiguren auf der Bühne bewegten und so die Handlung beeinflussten. Das Geschehen fand überwiegend auf einem runden Tisch statt, aus dem gelegentlich ein Quader herausgefahren wurde, der mal als Krankenlager für Vito, gedeckte Tafel oder im 2. Akt als Bett für Amalia und Vito fungierte. Wirklich verstanden habe ich das Konzept nicht, musikalisch gefiel mir die Aufführung jedoch deutlich besser als die obige Aufnahme. Insbesondere die temperamentvolle Interpretation von Vero Miller als Amalia ragte heraus. Die Gesualdo-Einschübe waren zwar klangschön gesungen, fielen aber doch als Fremdkörper auf und brachten das kompakte Drama unnötig ins Stocken. Auch hier wurde die erste Fassung gespielt. Das Publikum war von der Aufführung sichtlich begeistert.

      Gruß Amonasro :hello
      Die Wahrheit nachbilden mag gut sein, aber die Wahrheit erfinden ist besser, viel besser. (Giuseppe Verdi)