Barber: Klavierkonzert op. 38

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    • Barber: Klavierkonzert op. 38

      Statt einer Einführung. ;)

      Sfantu schrieb:

      Es hat ein knappes Dutzend Hörsitzungen gebraucht, bis Samuel Barbers Klavierkonzert sich dergestalt bei mir ins Gedächtnis & ins Gemüt gespielt hat, daß ich dazu etwas schreiben kann. Zwar waren das nicht meine ersten Begegnungen mit diesem Werk, wohl aber die ersten, die weiter unter die Oberfläche gingen.

      Was könnte der Grund dafür sein?
      Sperrigkeit etwa? Nicht, wenn ich es genau betrachte: zwar ist es arg zerklüftet in seiner Anlage, besonders der Kopfsatz. Es mangelt andererseits aber auch nicht an einschmeichelnden Themen. Was mich am Ende fasziniert, ist die Vielgestaltigkeit, das immer neu auftretende Überraschungsmoment & der klangliche Thrill: virtuoses Feuerwerk, jedoch nie im Übermaß. Kompositorische Volten & Hakenschläge, die ständig aufrütteln. Alles aber in klugem Maße, in sicher abgerundeten Proportionen. Sollte ich ein Attribut exemplarisch herausstreichen, so hieße dies: geheimnisvoll

      Stellvertretend hierfür 3 Details:

      Im ersten Satz wird das betriebsame Geschehen wiederholt unvermittelt unterbrochen: ein schneidender Ton im gestopften Blech, begleitet von Streicher-Tremoli, sogleich wieder decrescendierend. Das Ganze vermittelt sich als eine Art Einspruch, ein warnendes "Aaaaaber...!" "Man" nimmt es unwillkürlich als bedrohlich wahr. Weshalb? Weil es tatsächlich natürlicherweise als bedrohlich wahrgenommen werden muss? Oder, weil es hundertfach so oder ähnlich in entsprechenden Kontexten gehört & somit zu einer Chiffre für Bedrohliches wurde (also "gelerntes Verhalten" im psychologischen Sinne)? Wie auch immer - bei mir erzeugen diese Stellen eine fast unwiderstehliche Spannung & Faszination.

      Der gesamte langsame Satz hat etwas Rätselhaftes, auch hier schwingt für mich etwas Geheimnisvolles in praktisch jedem Takt mit. Das Eingangsthema wird quasi durch sich selbst zeitversetzt begleitet - ein ungemein wirkungsvoller Kunstgriff. Holzbläser-Soli bringen feine lyrische Farben mit hinein.

      Das Finale ist von Beginn an von motorischer Betriebsamkeit geprägt. Das toccatenhafte Hauptmotiv domoniert letztendlich das gesamte Geschehen. & doch: das zweite Thema in deutlich ruhigerem Zeitmaß wird rhythmisch vom Xylophon solistisch angekündigt - aufs Neue verblüffend, Spannung erzeugend & ja, auch hier, ungemein geheimnisvoll.

      Kann sein, daß nur mir es so geht. Jedenfalls sorgt Barber mit diesen Schlüsselstellen dafür, daß ich stetig unter Spannung bleibe.

      Sfantu schrieb:


      Samuel Barber - Konzert für Klavier & Orchester op. 38

      John Browning, Saint Louis Symphony Orchestra - Leonard Slatkin
      (CD, RCA, 1991)

      Allegro appassionato 14'24
      Canzone. Moderato 7'54
      Allegro molto 6'41

      Sfantu schrieb:


      Samuel Barber - Konzert für Klavier & Orchester op. 38

      John Browning, The Cleveland Orchestra - George Szell
      (LP, CBS, 1964)

      Allegro appassionato 12'50
      Canzone. Moderato 7'04
      Allegro molto 5'47

      Sfantu schrieb:

      Beide Einspielungen ergänzen sich aufs Beste:

      Browning war auch der Uraufführungs-Solist, hat somit sicher eine besondere Beziehung zum Werk.

      In der älteren Aufnahme ist das Klangbild eine Nuance natürlicher. Obwohl hier etwas mehr Zug nach vorn herrscht (siehe die Spielzeiten), wirkt es zu keiner Zeit verhetzt). Browning geht hier volles Risiko, man höre nur in die Kadenz im ersten Satz hinein: da wird durch die wilden Akkord-Ketten gewütet, daß es einem den Atem raubt. Über Kopfhörer ist sogar das Stöhnen & Schnauben des Solisten im Stile Glenn Goulds oder Keith Jarrets wahrnehmbar.

      Die knapp 30 Jahre jüngere Version zeigt Browning eine Spur beherrschter, kalkulierter. Mit Slatkin an seiner Seite ist eine geradezu cineastisch breite Orchester-Dynamik garantiert, die dem Werk gut zu Gesichte steht. Packender als bei Szell das erwähnte jähe Dazwischenfahren, die bedrohlichen, warnenden Akkorde im ersten Satz.

      Das Stück hat das Zeug zu einem Favoriten bei mir.
      :hello Agravain
    • Lieber Agravain,

      ich sehe zufällig gerade deinen recht neuen Thread über Barbers KK.
      Für mich ist es keine Frage, das an die Browning/Szell-Aufnahme eindeutig als Referenzaufnahme bezeichen kann .... rReferenzwürdig auf jeden Fall.

      Ich habe auch zuerst die von Dir gezeigte Slatkin-Aufnahme gehört und war von dem Konzert an sich schon sehr begeistert.
      Erst unser gemeinsamer Bekannter Michael Sch. hat mich auf diese Referenz aufmerksam gemacht und ich habe direkt bestellt ... mit grösstem Erfolg.
      Die Szell/Browning - Aufnahme ist schlichtweh der Wahnsinn. Bei der 30 Jahre späteren ist Browning aufgriúnd seines Alters gar nihct mehr technisch in der Lage das KK o virtuos zu gestalten. Aus heutiger Sicht wirkt diese Aufnahme sogar langweilig, sodass ich diese gar nihct mehr auflege.

      Ich habe eine andere CD-Versionon, auf der auch mit grossartigen Barber-Dirigenten weitere Barber-Leckerbissen vom Feinsten enthalten sind.


      Dazu stelle ich meinen Beitrag aus Capriccio mal dazu ein:

      Durch die Empfehlung zum Barber-Klavierkonzert von Michael (der leider nicht mehr bei C-Mitgleid ist) bin ich auf eine Referenz-CD gekommen, die sich auf jedes der enthaltenen Barber-Werke bezieht:
      Es sind mit Bernstein, Szell, Ormandy und Schippers die besten Barber-Dirigenten am Werk.


      SONY, 1957 - 1965, ADD

      Klavierkonzert op.38
      Die Referenzaufnahme des KK mit dem Widmungsträger John Browning, auf den Barber die enthaltene Virtuosität des Konzertes in Absprache entsprechend zugeschnitten hat, scheint unter der Leitung von Szell/Cleveland Orchestra wirklich unübertroffen zu sein. Mit solcher Spannung und einen atemberaubenden Tempo im 1. und 3.Satz ist es bislang ungehört.
      Das einzige was man der Aufnahme ankreiden könnte, wäre die nicht mehr ganz zeitgemäße Klangqualität. Dadurch gehen so manche Einzelheiten im rasenden 3.Satz verloren, die in der sehr guten Aufnahme mit Prutsman/Alsop (Naxos, 2002, DDD) einfach klarer zu hören sind.
      Die SONY-Aufnahme vom Januar 1964 bleibt aber dennoch in ihrer ungestümen Ausdruckskraft unerreicht. Im 1. und 3.Satz sind Browning/Szell je eine ganze Minute schneller als Prutsman/Alsop. Brownings spätere Aufnahme mit Slatkin (RCA, 1990, DDD) bleibt leider Längen hinter diesen Glanzleistungen zurück (offenbar altersbedingt) - der 1.Satz dauert dort sogar 14:24.
      Spielzeiten SONY: 12:47 – 7:03 – 5:46

      Violinkonzert op.14
      Das Violinkonzert mit Stern / New Yorker PH / Bernstein ; Aufnahme April 1964 habe ich bereits in einer anderen SONY-Kopplung mit aktuellerem und etwas besserem Remastering. Diese CD ist von C 1997. Für mich immer noch die beste Aufnahme des VC.

      Adagio op.11
      Das Adagio wird von Ormandy/Philadelphia Orchestra; Aufnahme 1957
      Ormandy´s schon fast historische Aufnahme kommt der Spitzenaufnahme mit Thomas Schippers, die ich leider nur in einer Tonbandaufnahme besitze, an Intensität des Ausdruckes schon sehr nahe; ähnlich wie Bernsteins beide Aufnahmen – Referenzklasse trotz des Aufnahmedatums.

      Second Essay op.17 und Ouvertüre The School for Scandal op.5
      Thomas Schippers / New Yorker PH; Aufnahmen Januar und Februar 1965
      Nie habe ich beide Stücke derart perfekt gehört, wie in dieser absolut perfekten und niederschmetternden Interpretation.

      Fazit: Best Buy 1.Quartal 2010
      Gruß aus Bonn

      Wolfgang
    • Lieber teleton,

      vielen Dank für den lesenswerten Beitrag. Allerdings möchte ich mich nicht mit falschen Federn schmücken. Ich habe nur die verschiedenen Äußerungen zu Barbers Klavierkonzert aus Posts in „Eben gehört“ zusammengetragen. Es ist also gar nicht
      „mein Thread“. „Von Rechts wegen“ war es Sfantu, der sich umgangreich zu Werk und Aufnahmen geäußert hat. Diese Äußerungen wollte ich nicht im Nirvana des „Eben gehört“ untergehen lassen.
      Ich selbst kenne das Stück nur oberflächlich. ;)
      :hello Agravain
    • Sehr anschaulich die Art, wie Barber manche seiner Werke Solisten wie auf den Leib schneiderte:

      Sfantu schrieb:

      Höchst interessant zu seiner Arbeitsweise fnde ich die Schilderung von Karen Campbell, der Booklet-Verfasserin zu Barbers Cellokonzert mit Raphael Kirshbaum, dem Scottish Chamber Orchestra & Jukka-Pekka Saraste, 1988 aufgenommen & im Jahr darauf bei Virgin erschienen:

      Barber begann damit, dass die Künstlerin (hier: Raya Garbousowa) ihm ihr gesamtes Repertoire vorspielte um ihre Spielweise & das Potential ihres Instruments kennenzukernen. Das war der Beginn einer Arbeitsmethode, der Barber fast sein ganzes Leben lang treu blieb - enge Zusammenarbeit mit Instrumentalvirtuosen, was zu höchst idiomatischen Kompositionen führte, die oft genau auf die Stärken der Musiker zugeschnitten waren.
      Ganz ähnlich hielt er es auch bei seinem Klavierkonzert. Ich tippe einen Auszug aus einem Interview ab, das Jeff Berger für das Booklet der jüngeren Browning-Aufnahme mit Browning & Slatkin führte - nebenbei auch mit einer amüsanten Anekdote:

      Berger
      Wie ist Barbers Klavierkonzert entstanden?

      Browning
      Ich habe Barber bei meinem Debut mit der New York Philharmonic unter Dmitri Mitropolous (sein Medea's Dance of Vengance war auf demselben Programm) kennengelernt, & wir wurden Freunde. Als sein Verleger bei ihm ein Klavierkonzert in Auftrag gab, rief er mich an & fragte, ob ich es spielen würde. Natürlich fühlte ich mich sehr geehrt.
      Die Inspiration für den letzten Satz wollte sich nur langsam bei ihm einstellen, sodaß das Werk nur mit knapper Not rechtzeitig fertiggestellt werden konnte. Während der beiden letzten Wochen vor der Uraufführung besuchte ich ihn täglich zu Hause & holte 2 oder 3 Seiten des Manuskripts ab, um sie einzustudieren. Das ging so weiter bis dieser Satz beendet war. Um ihn auswendig zu lernen, habe ich täglich ungefähr 15 Stunden geübt.

      Berger
      Hat Sie Barber in Bezug auf die Musik um Rat oder Mitarbeit gebeten?

      Browning
      Er hat immer gern ein Stück dem Solisten auf den Leib geschrieben. Er lud mich für drei oder vier Tage in sein Haus auf dem Lande ein & ließ sich alles, was ich kann, vorspielen - Rachmaninov, Bach, Mozart, Chopin - was es auch sei. Er hatte das Gefühl, daß ihm dies half, das Stück so zu schreiben, daß es der musikalischen Persönlichkeit des Solisten entsprach.

      Slatkin
      John begang den Fehler, Barber alles zu zeigen, was er konnte!

      Browning
      Sam fragte mich über die russische Schule des Klavierspielens aus, weil er Horowitz so besonders zugetan war [dieser hatte die Uraufführung seiner Sonate gespielt]

      Slatkin
      Welche Ausbildung hatte Barber als Pianist?

      Browning
      Er studierte bei Vengerova [Isabelle Vengerova, zu deren Schülern am Curtis Institute Leonard Bernstein & Garry Graffman zählten], aber er hat keinen großen Ehrgeiz in sein Klavierstudium gesetzt. Ich erzählte ihm etwas über Rosinas Lehrmethoden [Rosina Lhévinne, deren Schüler an der Julliard School Browning & Van Cliburn einschließen], & er benutzte alles, was ich ihm sagte, in seinem Manuskript - die schwierigsten Doppel-Sexten in entgegengesetzter Richtung sowie einige Tricks durch Überkreuzen der Hände. Er wollte von jedem Instrument bis an die Grenzen Gebrauch machen - so, wie er es bei dem langsamen Satz getan hat, der so tief beginnt, wie die Flöte nur noch unbequem zu spielen vermag.
      Barber war wirklich ein virtuoser Komponist. Sein Gefühl für das Handwerkliche war bezwingend, & er besaß unter den amerikanischen Musikern wahrscheinlich die natürlichste Begabung für den Kontrapunkt. Als virtuoser Komponist schrieb er gern für virtuose Künstler, ohne aber dabei die Lyrik zu vernachlässigen.

      Berger
      Hat er je etwas geschrieben, was zunächst unspielbar war?

      Browning
      Nun - es gab ein paar Stellen im letzten Satz, von denen (weil er sie nur halb so schnell spielte) Sam nicht glauben wollte, daß sie nicht auch mit vollem Tempo gespielt werden könnten. Er schlug vor, damit zu Horowitz zu gehen. Bei dieser Gelegenheit bin ich dem großen Pianisten zum erstenmal gegenübergestanden, & ich hatte panische Angst, daß er sich einfach hinsetzen & diese Stellen spielen würde. Aber er stimmte zu, daß sie unspielbar waren & Sam änderte sie um.

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