Sinfonie Nr. 1 D-dur

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    • Sinfonie Nr. 1 D-dur

      D-dur Hob I Nr. 1

      Vermutlich im Jahre 1757 entstand Haydns Sinfonien-Erstling, während seiner Anstellung als Kapellmeister & Kammercompositeur beim Grafen Morzin - des Winters in Wien & im Sommer-Halbjahr auf dem gräflichen Schloß nahe Unter-Lukawitz in Böhmen, heute Dolní Lukavice, südlich von Plzeň (Pilsen)



      Da die chronologisch nächste Sinfonie (Hob I Nr. 37) in einer Kopie von 1758 belegt ist, muß Hob I Nr. 1 also davor entstanden sein.


      Zunächst waren Form & Anzahl der Sätze nicht festgelegt. Haydns Jugendwerke bis etwa 1764 hin zeigen in zehn Symphonien eine dreisätzige Folge nach Art der Wiener Symphonie von Monn & Wagenseil oder in der Anlehnung an die italienische Opernsinfonia, während neun dem von der Mannheimer Kompositionsschule um Johann Stamitz geprägten viersätzigen Typ nahestehen [...] Alle Symphonien bedeuten Stationen auf dem Wege zu einer Vertiefung des symphonischen Stils. Trotz ihrer Kürze sind sie ihrer Struktur nach echte Symphonien. Selbst manchmal an den Kammerstil erinnernde Sätze können diesen Eindruck nicht verringern. Schon in den Frühwerken drängt Haydn aus dem Divertimento heraus, & bei aller scheinbar tändelnden Leichtigkeit mancher Sätze ist ihm die Symphonie von Anbeginn ein ernstes Geschäft gewesen.
      Helmuth Wirth (1)


      Der Graf unterhielt ein Bläserensemble, für das Haydn sogenannte Feldparthien komponierte (Suiten zur Aufführung im Freien), & außerdem ein kleines Streichorchester, das bei Bedarf durch Musiker aus dem Bläserensemble ergänzt wurde. Für dieses erweiterte Orchester schrieb er seine ersten Sinfonien, auf jeden Fall die Nr. 1-5 & wahrscheinlich mindestens sechs weitere.
      Matthew Rye (2)


      Nr. 1 D-dur, für den Grafen Morzin komponiert, wurde früher dem Mannheimer Komponisten Anton Filtz (1730-60) zugeschrieben. Sie zeigt in der Tat Einflüsse dieser aus Böhmen stammenden Komponistengruppe, namentlich im ersten Satz. Allerdings fehlt das Menuett, das die Mannheimer als festen Bestandteil in die Symphonie eingeführt hatten. Der ohne Bläser auszuführende langsame Satz, Andante, hat in seinem Duktus schon ein ganz haydnsches Gepräge.
      Helmuth Wirth


      Gleich mit einer Mannheimer Rakete hebt der vitale, drängende Kopfsatz an. Im 2/4taktigen Andante kann man schon einen charakteristischen Haydn vernehmen, so gravitätisch schreitend, wie er stellenweise daherkommt (später bspw. im Mittelteil der Ouvertüre zu "Lo Spaziale").
      Das abschließende Presto ist ein knapper, schwungvoller Kehraus.


      Meine beiden Aufnahmen:


      Philharmonia Hungarica - Antal Doráti
      (LP. Decca, P 1974)

      Presto 4’59
      Andante 5’42
      Presto 2’09

      a' = 440 Hz


      The Hanover Band - Roy Goodman
      (CD, hyperion, 1991)

      Presto 5'02
      Andante 6'12
      Presto 1'58

      a' = 430 Hz

      Beide Versionen sind vorzüglich, die Unterschiede kleiner als man vermuten könnte:
      dem Haydnschen Esprit werden beide vollauf gerecht, die Musik vermittelt Frische, vielleicht auch so etwas wie Aufbruch. Dennoch wirkt alles natürlich & ausgewogen, niemals überdreht. Doráti wie Goodman entscheiden sich für das Cembalo im Generalbaß, wobei es bei Goodman klangtechnisch viel präsenter ist, somit eine eigene (& wie ich finde: reizvolle) Farbe mit hinein bringt (wohl nicht ganz zufällig? Schließlich sitzt Goodman selbst auf der Klavierbank). Bei Doráti blitzt es allenfalls im Mittelsatz einmal silbrig im Hintergrund hervor. Hier wie dort wird mit Laune & Schwung musiziert, die Aufnahmequalität ist in beiden Fällen transparent, bei den Exil-Magyaren mit etwas mehr Körper & Grundierung. Ich möchte keiner der beiden den endgültigen Vorzug geben. Es ist auch nicht notwendig - sie ergänzen sich auf das Schönste.
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      (1) aus der Beilage zur Decca-LP-Box
      (2) aus dem Booklet zur hyperion-CD

      P. S. Der Wikipedia-Artikel zu Hob I Nr. 1 ist gut gemacht, m. E. jedenfalls weit über Wiki-Standard. Ich habe hier nicht daraus zitiert, empfehle ihn aber, wenn man auf unkomplizierte Weise mehr erfahren will.

      Dieser Beitrag wurde bereits 6 mal editiert, zuletzt von Sfantu ()

    • Haydns Erstling kann sich sehen lassen. Gewiss, der erste Satz hat, wie zu lesen, gleich fünf Themen, eines auch in moll, weshalb natürlich keine ernsthafte motivische Verarbeitung gegeben sein kann. Lebendig und schlagkräftig ist er allenthalben und er befindet sich mit dem Mannheimer Eröffnungscrescendo auf dem Weg vom galanten zum Sturm-und-Drang-Stil. Der zweite Satz überzeugt mich auch in seinem "gravitätischen Schreiten" (Sfantu), selbst wenn er nicht sonderlich prägnant im Material erscheint. Der dritte Satz ist so kurz wie pointiert, zeigt aber mit der an anderen Orten als "Zwitschern" bezeichneten Motivik bereits den Humor des Meisters.

      images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/514yyDgPffL.jpg (eine der Einzelausgaben, die ich gefunden habe, aber natürlich nicht besitze)

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      Fischer kann nicht ganz mithalten im Vergleich zu Antonini. Frisch im Tempo sind beide, aber die Transparenz und die schon in der einleitenden Rakete erkennbare dynamische Wucht erreicht er nicht. Es mag auch ein wenig der besseren Aufnahmetechnik beim Haydn 2032-Projekt geschuldet sein.

      Bei recht vielen der folgenden Sinfonien werde ich nur auf Fischer zurückgreifen können - wenn ich mich nicht im Netz bedienen will. Abwarten, ob sich das im Einzelfall dann doch als bedauerlich erweisen könnte, was ich gar nicht so sehr glaube. Ich gehe aber aufgrund der oberflächlichen Hörerfahrung bislang - denn ein einziges Mal zumindest habe ich doch schon alle Sinfonien gehört - davon aus, dass nicht alle folgenden der ersten Phase (etwa 1757 bis etwa 1761) das Niveau des Erstlingswerks werden halten können.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Andréjo ()

    • Ich möchte auf zwei weitere Einspielungen hinweisen. Einmal auf Thomas Fey mit den Heidelberger Sinfonikern (Nr.1, 4, 5 und 10) und auf im Rahmen der GE der Sinfonien mit Dennis Russell Davies und dem Stuttgarter Kammerorchester erfolgten Einspielungen. Es gibt also durchaus Alternativen hier.

      Davies' Einspielung ist zur Zeit sündhaft teuer, aber bei Fey kann man hin und wieder Glück haben.

      Leider habe ich vergessen, wie ich Bilder reinstellen kann, also dann ohne Bilder.
      Es ist nicht schwer zu komponieren.Aber es ist fabelhaft schwer,die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen. (Johannes Brahms)

      Der Dirigent ist ein Facharbeiter,der zwanzig Jahre Berufsausbildung benötigt. (Herbert von Karajan)