Sinfonie Nr. 18 G-dur

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    • Sinfonie Nr. 18 G-dur

      G-dur Hob I Nr. 18

      Die seinerzeit durch Sarastro präsentierte chronoligische Reihenfolge (L. Finscher, 2002) datiert das Werk auf die Zeit von 1757-61 & stellt es an die 3. Stelle als Gattungsbeitrag. Michael Walter datierte sie 2007 auf 1762. Im Klappentext zur ersten der beiden Aufnahmen aus meiner Sammlung schrieb Peter Gülke 1973 von "spätestens 1766 & bereits für Esterháza entstanden". Daher stellt er die Musik des Werkes in folgenden Zusammenhang: "Inzwischen hatte das programmatische Vorhaben der "Tageszeiten"-Sinfonien individuelle Lösungen angeregt [...] Im ersten Satz verwandelt Haydn eine typisch barocke, zumeist gravitätische Bewegung in ein klassisches Grazioso" [...] Nach Finscher folgten allerdings 14 weitere Sinfonien auf Nr. 18, bevor "Le Matin" überhaupt das Licht der Welt erblickte.
      So verwirrend das Ganze erscheint, so unwahrscheinlich dünkt mich tatsächlich die Komposition von Hob. I, 18 vor 6-8, sie wäre stilistisch ein klarer Schritt zurück, dann höchstens als schalkhaft-ironischer Jocus gemeint (wofür Haydn ja immer gut war).

      Sei's drum - zum Werk:


      Im mit Andante moderato überschriebenen Kopfsatz erklingen 2 jeweils zu wiederholende Satzteile mit sich nur schwach voneinander unterscheidenden Themen. Gravitätisch, punktiert & mit Trillern versehen bewegt man sich auf strengem, höfischem Terrain. Allenfalls die alternierenden Forte-Passagen in 8el-Bewegungen der Geigen verraten den (Früh-) Klassiker. Thematisch den folgenden beiden Sätzen, wie ich finde, unterlegen, gewinnt das Stück allenfalls nach wiederholtem Hören einen gewissen Charme.
      Auch die übrigen zwei Sätze sind aus jeweils zu wiederholenden 2 Teilen gebaut:
      Das Allegro molto wartet mit treibender Energie & freizügiger Gestaltung auf. Die Themen werden hier zumindest zaghaft verarbeitet, der Ablauf ist weniger absehbar als der des ersten Satzes.
      Das abschließende Tempo di Minuetto bietet in seinem Trio immerhin eine leicht nebelverhangene sanfte Schwermut.

      Folgender Charakterisierung Gülkes kann ich dann doch noch voll zustimmen:

      Im Tonfall, in der Satzweise, der Form & auch der Besetzung ähneln diese Sinfonien [16-19] den gleichzeitig komponierten Divertimenti, Scherzandi usw. oft bis zum Verwechseln, in Details sind diese ihnen zuweilen gar überlegen. Auch zur Kammermusik hin sind die Grenzen offen; der einfache vierstimmige Streichersatz mit zumeist additiven Bläserpartien erlaubte die Aufführung auch als Streichquartett. So blieb in der Zuordnung einiges unklar, wobei man keine Eindeutigkeit erwarten darf, die es für Haydn selbst noch nicht gab & die unnötig war, auch weil die Anlässe, zu denen Streichquartette, Serenaden, Divertimenti & Sinfonien erklangen, sich wenig unterschieden

      Besetzung
      2 Oboen, 2 Hörner, 1. & 2. Violinen, Bratsche, Violoncello & Kontrabaß (das obligate, baßverstärkende Fagott & das in einem wohl niemals endenden Kampf umstrittene Cembalo werden nicht gesondert erwähnt).




      Kammerorchester der Staatskapelle Weimar - Friedemann Bätzel
      (LP, Eterna / VEB Deutsche Schallplatten, 1973)

      Andante moderato 3'26 Allegro molto 3'32 III Tempo di Minuetto 3'59
      a'= 440 Hz


      Philharmonia Hungarica - Antal Doráti
      (LP, Decca, P 1974)

      Andante moderato 6'51 Allegro molto 4'50 Tempo di Minuetto 4'18
      a'= 440 Hz

      Die Weimarer Aufnahme bringt einen Kopfsatz mit dem fließenderen, natürlicheren Tempo, bei Doráti ist es für meinen Geschmack zu langsam. Durch diese Tempowahl & den Umstand, daß er im Unterschied zu Bätzel hier wie auch im 2. Satz alle Wiederholungen spielen läßt, ergeben sich die teils deutlich voneinander abweichenden Spielzeiten. Das Marler Orchester agiert mit mehr Vitalität & Pepp. Die Bläser haben in diesen frühen Sinfonien nicht mehr als verstärkende Funktion. Umso schöner, wie bei Doráti die Horneinwürfe im Schlußsatz hervorstechen. Das Weimarer Orchester musiziert tadellos aber etwas brav. Beide Male mit Cembalo, dies beide Male klanglich wieder beinahe untergehend. Die Decca-Aufnahme klingt eine Spur direkter, die Eterna-Platte hat ausgesprochen schwache Bässe.

      Da dieses (verzeiht mir den Ausdruck) Divertissementchen nicht zu den unverzichtbaren Meisterwerken des Sinfonikers Haydn zählt, muß ich beileibe keine weitere, bessere, historisierende, womöglich sorgfältigere Einspielung von ihm besitzen. Was aber wohl im Verlauf durch Antonini dennoch der Fall sein wird...

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Sfantu ()

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      Gestatte mir, dass ich trotzdem mal eine Aufnahme hier erwähne, die einige Jahre jünger ist und zur HIP-Generation gehört, jene der Hanover Band unter Roy Goodman aus dem Jahre 1993 :



      Sie ist einzeln zu bekommen, also nicht in einer Box mit der GE der Sinfonien enthalten.
      Es ist nicht schwer zu komponieren.Aber es ist fabelhaft schwer,die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen. (Johannes Brahms)

      Der Dirigent ist ein Facharbeiter,der zwanzig Jahre Berufsausbildung benötigt. (Herbert von Karajan)
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      Goodman kann da auch nicht wirklich viel "retten". Es ist ein harmloser Stück Musik, reine "Hofmusik", die man auch problemlos als Streichquartett spielen könnte, vor allem der erste Satz. Diesen Satz dürfte man auch hin und wieder als "Tanzmusik" gespielt haben. Er hat ein gemäßigtes Tempo, welches auch die "älteren Herrschaften" noch haben mitmachen lassen.

      Im zweiten Satz wird bei Goodman frisch und flott musiziert , was bei einem "Allegro Molto" auch so sein sollte. Immerhin hört man die Hörner deutlich, aber auch nicht aufdringlich. Sie geben dem Satz immerhin Farbe. Die Bläser sind präsent, ohne aber wirklich eine Rolle zu spielen.

      Das Menuett erscheint mir vielleicht bei Goodman vielleicht einen Ticken zu schnell geraten zu sein.

      Hier mal die Spielzeiten 1. Satz : 06,40 Min 2. Satz : 04,38 Min 3. Satz : 03,50 Min

      Matthew Rye, der damals den Text im Booklet schrieb, hat dazu folgende Sätze geschrieben. Ich zitiere wörtlich daraus jetzt :

      "Nummer 18 ist mit Bezug auf ihre Form eines der antiquierteren dieser Werke. Haydn übernahm (und bearbeitete) die Satzform der Kirchensonate, eine Instrumentalform, die ursprünglich zum Einsatz im Rahmen der Liturgie vorgesehen und in Wirklichkeit eine größere Orchesterversion der Orgelimprovisation war.

      Die wichtigste Charakteristik dieser Form ist ihr langsamer Satz am Anfang, die das typische Einleitungs-Allegro der Sinfonie ersetzte. Die Kirchensonate enthielt meist vier Sätze, doch hier lässt Haydn das übliche Finale weg und die Sinfonie setzt sich stattdessen außer dem Andante moderato (dass, nebenbei bemerkt, ein Eröffnungsthema beinhaltet, in dem Haydn scheinbar mit punktierten Rhythmen auf die barocken Ursprünge anspielen will), aus einem lebhaften Allegro sowie einem Menuett und Trio zusammen."

      Fazit : Man braucht in der Tat nicht unbedingt mehr als drei Aufnahmen dieser Sinfonie. Wer also eine GE der Sinfonien hat, kann sich überlegen, ob man wirklich noch eine weitere Einspielung davon benötigt. Da ich die frühen Sinfonien gerne in HIP-Aufnahmen haben wollte, kann ich neben jener aus meiner GE der Sinfonien (Dennis Russell Davies, auf modernen Instrumenten, nie langweilig wirkend, mir insgesamt weitaus ausgewogener als die Fischer-GE) für mich dieses Werk "abhaken".

      Ich könnte es mir aber vorstellen, dass Laienorchester dieses Werk in ihr Programm aufnehmen könnten, da es nicht wirklich schwierig zu spielen ist. Man kann sie auch ohne Hörner oder Bläser spielen, bzw. nur mit Hörnern, oder eben nur mit Bläsern. Alternativ gingen sicher auch Trompeten oder Posaunen an Stelle der Hörner. Das mag jetzt den Puristen erschaudern, aber HIER spielt das kaum eine entscheidende Rolle. Jetzt hoffe ich, dass man mich verstanden hat.
      Es ist nicht schwer zu komponieren.Aber es ist fabelhaft schwer,die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen. (Johannes Brahms)

      Der Dirigent ist ein Facharbeiter,der zwanzig Jahre Berufsausbildung benötigt. (Herbert von Karajan)
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      Divertissementchen (...) harmlos (...) reine "Hofmusik"
      Da tut mir dann doch weh. Jähe dynamische Kontraste, große Intervallsprünge, Variationen der Textur (2 Satz.), die Kirchensonaten-Form eigens bearbeitet... Sicher ist das kein unstrittiges unsterbliches Meisterwerk. Weit mehr als "nett" finde ich diese Sinfonie auf jeden Fall. Alternativeinspielung zu Dorati und Goodman:


      Toronto Chamber Orchestra, Kevin Mallon
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Cetay ()

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      Bei knapp 5 Jahrzehnten persönlicher & stilistischer Entwicklung ist es am Ende doch "normal", oder zumindest menschlich, daß sich nicht alle Werke oberhalb des Unverzichtbarkeits-Äquators bewegen, findet ihr nicht? Mit welchem schöpferischen Monster hätten wir es zutun, wären alle 104 + x Gattungsbeiträge vollendete Meisterwerke?
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      Es ist gewiss nicht viel zu ergänzen und ich verstehe Cetay so gut wie die anderen Beiträger, denn letztlich muss man diese Musik im Kontext einer genialen Entwicklung über Jahrzehnte betrachten. Sie stellt als (wahrscheinlich oder vielleicht) drittes Werk der noch keineswegs ausgereiften klassischen Zentralgattung ein weiteres Experiment Haydns dar auf dem Weg vom Barock über den galanten und den stürmenden Stil hin zur Reife am Ende des Aufklärungsjahrhunderts. Objektiv zeigt sie gewiss viel mehr Eigenart, als mancher Kleinmeister in späteren Jahrzehnten dies zuwege brachte (mit den berühmten Ausnahmen, welche die Regel bestätigen), und verschwindet dann doch neben vielen der späteren Sinfonien des Meisters.

      Divertimento, Kirchensonate - und beides nicht exakt nachzuvollziehen -, allein diese beiden Begriffe im Miteinander zeigen das augenzwinkernde Spiel, das Haydn vermutlich mit uns treibt. Ob zu diesem Spiel auch die unklare Entstehungszeit beiträgt, wo man, vielleicht auch nur ich das Gefühl nicht los wird, Haydn hätte das ebenso kalkuliert wie seine diversen Anstalten, Verleger bezüglich unterschiedlicher Veröffentlichungstermine auszutricksen?

      Es wird primär ein Problem der Forschung sein ...

      :D :) Wolfgang

      PS: Die Einspielung von 1991 im Rahmen der Fischer-Integrale versucht wohl einen Mittelweg zwischen barockem Sound à la Karajan und Rasant-HIP. Er ist mir vorerst golden genug und ich warte gerne auf Antonini.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Andréjo ()

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      Ich habe heute morgen auf YT die Hogwood-Aufname gehört, um mein aus dem Gedächtnis abgegebenes Verdikt nochmal zu überprüfen und war fast geneigt, die konstatierte Harmlosigkeit doch zu bestätigen. Dann lief allerdings die gezeigte Aufnahme von Mallon -und jetzt spielt sie gerade nochmal- und alles war/ist wieder im hochsubstanziellen Bereich. Er spielt zwar die dynamischen Kontraste wenger deutlich aus, dafür kommen die rhythmischen Feinheiten besser zum tragen und die ganz gelegentlichen, unerwarteten Intervallsprünge wirken bruchhaft, was eine gewisse Tiefe schafft. Bei Mallon spielt das Cembalo vernehmlicher und es passt. Diese sehr ernste und dennoch spritzige Aufnahme gewinnt mit jedem Hören.
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Cetay ()

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      So, ich habe mir aus meiner GE der Sinfonien (Stuttgarter KO, Dennis Russell Davies) die Sinfonie Nr.18 auch noch mal angehört. Hier wurde der Kontrast gut herausgearbeitet, auch klangtechnisch ist die Aufnahme sehr gut (Live, mit Zwischen-Applaus). Doch so recht begeistern konnte mich das auch nicht. Daher eine Sinfonie, die man sicher auch in Zukunft im Konzertsaal nicht hören wird.
      Es ist nicht schwer zu komponieren.Aber es ist fabelhaft schwer,die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen. (Johannes Brahms)

      Der Dirigent ist ein Facharbeiter,der zwanzig Jahre Berufsausbildung benötigt. (Herbert von Karajan)
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