Sinfonie Nr. 4 D-dur

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    • Sinfonie Nr. 4 D-dur

      D-dur Hob I Nr. 4

      Wie sich die Bilder doch scheinbar gleichen -
      ebenso wie bei Hoboken I 1, 18 & 2 hören wir auch hier einen Dreisätzer im Fahrwasser der italienische Opern-Sinfonia.
      Doch halt!
      Es wäre nicht Franz Joseph Haydn, würde er uns nicht am Schlawittchen packen, wollten wir hier gemütlich verallgemeinern...Am interessantesten für mich der Presto-Kopfsatz: mit unwiderstehlichem Schwung geht es hier ohne Umschweife mitten ins Getümmel - beinahe meint man es schon mit dem Geist des Stürmers & Drängers CPE Bach zu tun zu haben. Wir werden Zeugen eines Widerstreits, eines Ringens der Themen miteinander. Dynamische Kontraste sorgen für eine gekonnte Potenzierung der Spannung.
      Der langsame Satz in d-moll ist erneut den Streichern - & zwar durchgängig con sordino - vorbehalten. Ausgesprochen sanglich die getragenen Kantilenen der Geigen. Ob hier tiefgründiges Raisonieren oder schalkhafte Affekte Raum greifen, liegt im Ohr des geneigten Hörers.
      Das abschließende Menuett mit seinen Punktierungen ist wieder ganz nah bei bewährten barocken Archetypen,

      Zwei Oboen, zwei Hörner, zwei Violinen, Bratsche, Violoncello & Kontrabaß markieren abermals die herrschende Konvention.


      Philharmonia Hungarica - Antal Doráti
      (LP. Decca, P 1974)

      Presto 4'00
      Andante 3'47
      Finale. Tempo di Menuetto 5'27

      a'= 440 Hz




      The Hanover Band - Roy Goodman
      (CD, hyperion, 1991)

      Presto 5'43
      Andante 3'31
      Finale. Tempo di Menuetto 4'38

      a'= 430 Hz


      Die Goodman- Version kann vielleicht schon als mustergültig gelten. Stimmige Tempi, geschmackvolle Gestaltung & ein transparent-klares Klangbild sind auch hier wieder die Pluspunkte. Wie schon bei Doráti rundet das Cembalo den Gesamteindruck sehr stimmig ab - sei es auch noch so haltlos & dem neusten Forschungsstand zuwider laufend. Der Ausklang des Andante erhält bei Goodman durch das Cembalo eine noble, tiefsinnige Note - so, wie er bspw. bei Hogwood (über YT gehört) ohne das Cembalo & nur mit Fagott & Kontrabaß eine wohlig schauernde Morbidität gewinnt. Beides kann sehr für sich einnehmen!
      Doráti punktet mit überbordender Musizierlaune: in den ersten Satz wird sich kopfüber mit einer Verve gestürzt, als wäre es die "Seidene Leiter". Die Lautstärke-Kontraste werden mit spürbarer Lust ausgekostet. Dem Schlußsatz verleiht die Hungarica in gemessenem Tempo mehr Gewicht. Kein Kehraus, keine Beliebigkeit. Es wird so der Charakter der Eigenständigkeit & der Emanzipation vom Opern-Vorspiel markiert.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Sfantu ()

    • Mir stehen wieder zwei Einspielungen zur Verfügung: Adam Fischer im Rahmen der Integrale und Giovanni Antonini auf der Nr. 3 des 2032-Projekts.



      Fischer von 1990 ist bei aller angemessenen Transparenz, die auch das bislang am deutlichsten bereits klassisch wirkende Formkonzept des Kopfsatzes vermittelt, denn doch zu gemütlich unterwegs. Insofern dürfte das Tempo im Verhältnis der Sätze zueinander zwar harmonieren, sie sind aber wohl alle zu langsam geraten und beim Presto fällt das wirklich auf ... wobei mir Goodman auch ein wenig zu langsam erscheint. Da ich die von Sfantu verlinkte Scheibe aber nicht kenne, steht mir natürlich kein Urteil zu.

      Angesichts der Kürze der Sinfonie erscheint es schon beachtlich, dass Antonini von 2015 um mehr als drei Minuten schneller unterwegs ist. Auch sonst ist die Einspielung farbiger.

      In Ergänzung zu Sfantus wiederum sehr persönlicher und von Freude über die Musik geprägter Kurzcharakterisierung möchte ich noch zweierlei ergänzen:

      Zum einen wurde der Konzept-Titel der alpha-Produktion gewählt, um auf die spezifische Melancholie des Mittelsatzes aufmerksam zu machen. In meinen beiden Einspielungen ist das Sordino prägnant, es fällt wirklich ins Gewicht. Bei Haydn werde stets das Humoristische als besonders kennzeichnend hervorgehoben, heißt es im Beiheft, das Melancholische ebenso gerne unterschätzt.

      Unwichtig dürfte die Tatsache sein, dass Haydns Sinfonie Nr. 4 bei Csampai/ Holland im Kontext der ersten Sinfoniengruppe (zwischen 1757 und 1761) erst an zehnter Stelle erscheint. Zum einen liefern die Autoren dafür keine Begründung oder präzise Quelle, zum anderen scheint die Forschung bis in die unmittelbare Gegenwart für die ganz frühen Sinfonien nichts Präziseres anbieten zu können.

      :) Wolfgang
    • Vielen Dank, lieber Wolfgang,

      daß Du Dich beteiligst!
      Nach einem verlängerten Wochenende auf dem Land mit selbstgewählter Netzlosigkeit wird es jetzt aber höchste Zeit, ein paar Ergänzungen & Korrekturen zu meinem ersten Beitrag zu schreiben.

      Nach Lieferung der bisherigen Vinyl-Versionen von Antoninis Haydn 2032-Ausgaben hatte ich sie jeweils sofort in die Waschmaschine gesteckt, 1x abgespielt & im Rohe-Eier-Modus wieder zurück in die gefütterten Innenhüllen & ins Cover speditiert.
      Die Doppel-LPs + Booklet mit Foto-Artwork, diversen Schriftbeiträgen samt (in diesem Fall) einer Sonette Petrarcas, welche dem Album als Namensgeberin & spirituelle Orientierung dient, können es in puncto Haptik & Gewicht (!) mit repräsentativen Bildbänden, ja Atlanten aufnehmen. Hatte sogar Schutzhüllen für sie gebastelt. Nach, wie gesagt, einmaligem Hören wanderten sie dann Reliquien gleich in einen Schrein in mein sonnenlichtgeschütztes Regal.
      & dies war der Grund dafür, daß Antonini bei meinem ersten Vergleichshören wie nicht existent war - ich hatte ihn schlicht nicht mehr auf dem Radar. Er überließ somit Doráti & Goodman generös das Feld um sich nun umso nachdrücklicher mit einzubringen:

      I
      Il Gardino Armonico - Giovanni Antonini
      (LP, alpha, 2015)

      Presto 5'37
      Andante 3'58
      Tempo di Menuetto 3'59

      a'= 430 Hz

      So hörte ich heute die Nr. 4 in dieser Abfolge: Goodman, Antonini, Doráti.
      Zunächst ein paar Ergänzungen zum von mir bereits Geschriebenen:

      Sfantu schrieb:

      Der langsame Satz in d-moll ist erneut den Streichern - & zwar durchgängig con sordino - vorbehalten.
      Sordiniert sind nur die beiden Violinstimmen.
      Zu diesem Satz sind zudem keine Wiederholungen notiert.


      Sfantu schrieb:

      Philharmonia Hungarica - Antal Doráti
      (LP. Decca, P 1974)

      Presto 4'00
      Andante 3'47
      Finale. Tempo di Menuetto 5'27
      Die vergleichsweise kurze Spieldauer des Kopfsatzes bei Doráti resultiert daraus, daß er (man kann sich's wohl denken) nicht alle Wiederholungen spielen läßt. Im Grundtempo ist die Hungarica hier dgg. geringfügig langsamer als The Hanover Band.


      Ließ ich mich im Beispiel von Nr. 18 noch zu dieser Aussage hinreissen:

      Sfantu schrieb:

      Da dieses (verzeiht mir den Ausdruck) Divertissementchen nicht zu den unverzichtbaren Meisterwerken des Sinfonikers Haydn zählt, muß ich beileibe keine weitere, bessere, historisierende, womöglich sorgfältigere Einspielung von ihm besitzen.
      ...& schreibe nun im Gegensatz dazu mit Blick auf Nr. 4:
      "Ich möchte keine dieser Versionen missen - jede kann auf eigene Weise überzeugen.", dann sagt das schon Einiges über die Qualität des Stücks! Zum zweiten Mal (nach Nr. 37) macht die Sinfonie auf Anhieb Freude & Lust auf erneutes Hören!

      Andrejo schrieb:

      In meinen beiden Einspielungen ist das Sordino prägnant, es fällt wirklich ins Gewicht. Bei Haydn werde stets das Humoristische als besonders kennzeichnend hervorgehoben, heißt es im Beiheft, das Melancholische ebenso gerne unterschätzt.
      Zurecht hebst Du die Stellung des langsamen Satzes heraus! Bei mir brauchte es doch erst mehrere Hörsitzungen um das ebenfalls entsprechend würdigen zu können.

      Wenngleich sich Haydns frühe Sinfonien trotz einzelner Experimente nicht wesentlich von denen seiner Zeitgenossen unterscheiden, so weisen sie doch gelegentlich ins Ohr stechende originelle Ideen auf, wie etwa das Andante der Sinfonie Nr. 4, dessen zentrale Idee die Kontrastierung der Pizzicato-Achtel von Baßstimme & Viola mit Synkopen-Achteln der zweiten Violine ist. Beide Violinstimmen sind zudem sordiniert, so daß der Gesamteindruck geisterhaft (H. C. Robbins Landon) ist. [1]

      Die Pistole auf die Brust gesetzt, müßte ich die Goodman-Aufnahme als am ehesten werkgerecht, quasi objektiv, bezeichnen. Alles wirkt stimmig & natürlich. Auch Doráti kann mit breiterem Pinselstrich & sehr diesseitiger, süffiger Werkauffassung (wie beschrieben) durchaus überzeugen. Antonini schließlich macht Kontraste & Affekte hörbar (1. Satz!), die so von den anderen nicht herausgestrichen werden. Das ist ohne Frage spannend & auch fesselnd. Trotzdem: an der ein oder anderen Stelle denke ich: hier wäre etwas weniger mehr. Die Tempi der Ecksätze bspw. sind doch ziemlich rasant gewählt. Auch wird die Dynamik sehr ausgereizt (manchmal sehe ich da einen akustischen erhobenen Zeigefinger). Auch das in doppelter Hinsicht zentrale Andante kommt fast zu bedeutungsschwanger herüber (dem Titel des Albums entsprechend): die beiden Violinstimmen sind doch etwas blutarm, ja morbide. Das p wird zum pp, alles rückt ins Schattenhafte. Um mich nicht mißzuverstehen: hier haben wir großes Theater. Das ist legitim & auf jeden Fall faszinierend! Die einzige Wahrheit für Nr. 4 stellt es aber nicht dar.

      Noch einmal: ein tolles, ein fesselndes Werk! Zu einzigartig für nur eine Deutung!

      Falls es noch erwähnt werden muß: Bei Antonini ist kein Cembalo im B. c. beteiligt.

      _____________________________________________________________________________________________________________
      [1] Michael Walter - Haydns Sinfonien (C. H. Beck, 2007)

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Sfantu ()

    • Nun, lieber Sfantu: Ich bin weiterhin gerne dabei und freue mich darauf! Bis 2032 wird's ja nicht dauern, aber schon noch so einige Zeit ... ;)

      Sfantu schrieb:

      Auch wird die Dynamik sehr ausgereizt (manchmal sehe ich da einen akustischen erhobenen Zeigefinger).
      Der berüchtigte Zeigefinger desjenigen, der alles anders machen will als bisher !?! Bei den ganz frühen Sinfonien, die Antonini bislang einstudiert hat, stört er mich nicht, aber ich kann mich am Anfang der Serie an einen schon sehr schroffen Eindruck bei gewissen Sturm-und-Drang-Sinfonien erinnern - es dürften eine oder zwei von den 30er-Nummern gewesen sein, wo es an die Grenze des für mich Angenehmen bzw. Angemessenen ging.

      Andererseits stecken solche markanten Unterschiede ein breites Feld ab, das ich beim genaueren Kennenlernen der Werke nicht missen möchte, und es liegt mir fern, den konventionelleren Zugang, den vielleicht "langweiligeren" Ansatz - wobei ich dieses Adjektiv im Kontext musikalischer Interpretationen weder schätze noch gerne verwende - eindeutig abzuwerten.

      Es grüßt Wolfgang

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Andréjo ()