Gubaidulina, Sophia Violinkonzert - Offertorium

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    • Gubaidulina, Sophia Violinkonzert - Offertorium

      Sophia Gubaidulina - Konzert für Violine & Orchester "Offertorium"








      Michaela Paetsch,
      Berner Symphonieorchester - Dmitri Kitajenko
      (Mitschnitt vom Februar 1990 aus dem Kulturcasino Bern)
      (CD, BMG, 1991)

      Spieldauer: 36'55

      [das Original-Cover war nirgends im Netz greifbar & in die Gefilde des Eigene-Fotos-Einstellens konnte ich bisher leider noch nicht vordringen]


      In den zurückliegenden Wochen liefen die beiden Violinkonzerte Sophia Gubaidulinas recht häufig bei mir. Da es das ältere Werk noch zu keinem eigenen Faden geschafft hat, sei dies hier & heute nachgeholt.


      Hanspeter Renggli schrieb im Booklet-Text der Paetsch-Aufnahme:

      Das 1980 komponierte, 1982 und 1987 berarbeitete und dem Geiger Gidon Kremer gewidmete Violinkonzert trägt den Titel "Offertorium". Die Bezeichnung ist in diesem Falle mehrdeutig: In der lateinischen Messliturgie ist das Offertorium der Gesang zur Darbringung der Opfergaben. Gubaidulina nimmt im Titel zudem Bezug auf das wesentlichste musikalische Material des Konzerts, das Thema zu Bachs "Musikalischem Opfer", das dem Komponisten bekanntlich von König Friedrich II. zur Improvisation vorgegeben worden war. Schliesslich ist der Titel auch wörtlich im Sinn einer "Opferung" zu verstehen und deutet eine kompositorische Absicht an: Bachs Thema wir im Verlaufe des ersten Teils allmählich "geopfert", das heisst aufgelöst um im dritten Teil als Krebs (notengetreuer rückläufiger Ablauf) wiederzuerscheinen.


      Das Werk beginnt mit der Vorstellung des königlichen Themas, wobei jede Einzelnote von jeweils einem Holz- oder Blechbläser übernommen wird. Im Verlauf ist das Thema für einen "Normalhöhrer" wie mich praktisch nicht mehr zu identifizieren. Ein Großteil des Konzertes wird bestimmt von einem Neben- oder Gegeneinander der einzelnen Stimmen, ein echtes Zusammenspiel findet nur vereinzelt statt & zwar dann, wenn Klangballungen stattfinden, welche durchweg konfliktbeladen, ja bedrohlich wirken. Nachdem diese jedesmal abrupt verstummen, setzt das Soloinstrument mit Monologen ein, nur selten & immer recht spärlich von anderen Einzelstimmen kommentiert.
      Eine spannende, geradezu packende Ausnahme stellt eine Passage dar, die sich etwa nach einem Drittel der Gesamtdauer ereignet & nicht mehr als etwa 1 min dauert: unterlegt von wellenartigen, drängenden Bewegungen der Streicher im 2 Halbe-Takt heulen die Hörner auf, in kurzen, heftigen Aufwärts-Glissandi, man meint Seeungeheuer oder andere Fabelwesen auf diesen Wellen reiten zu sehen. Der Abschnitt hat eine gefährliche & gleichzeitig faszinierende Sogwirkung, der ich mich nicht entziehen kann!
      Erst nach einer knappen halben Stunde, nach der letzten Schlagwerk-Kanonade, kehrt so etwas wie Friede ein. Das Soloinstrument singt in ruhigem Zeitmaß versöhnliche, fast zärtliche Melodielinien, es kommen ganz allmählich andere Instrumente hinzu, beinahe wird eine hymnische Stimmung erreicht. Ein letztes Mal brandet eine Welle der Unruhe heran, es wird stetig lauter im Orchester, die Solistin wiederholt mehrmals einen gebundenen Sekundschritt nach oben (langer Zeitwert auf der ersten Note, die zweite nur kurz angeschliffen), das wirkt wie eine bange Frage. Sogleich wallen Holzbläser, Klavier & Xylophon in mächtigem Crescendo wie Hundertschaften von Zugvögeln über die Szenerie & sind plötzlich verschwunden. Allein zurück geblieben läßt die Geige die letzten Takte in fahlem Monolog im ppp verebben.
      Mit dieser Gesamtanlage ist das erste Violinkonzert karger, schroffer, weitgehend von Innenschau & Vereinzelung geprägt im Unterschied zum zweiten: dort herrscht mehr Abwechslung, es kommt im Vergleich geradezu unterhaltsam daher (habe ebenfalls die famose Anne Sophie Mutter-Aufnahme} & ist von der Gesamtspiellänge her nur geringfügig kürzer

      Diese einzige Aufnahme des ersten VK in meiner Sammlung dokumentiert eine tadellose & packende Darbietung des, allerdings muß man bei der Klangqualität der CD leider leichte Abstriche machen: es herrscht ein Manko an Stimmen-Balance & Natürlichkeit. Von Konzertbesuchen im Berner Casino (der Heimat-Spielstätte "unseres" Orchesters) & auch von Aufnahmen, die dort gemacht wurden, habe ich einen besseren Klang im Ohr.

      Wer kennt diese Version ebenfalls?
      Wer kennt die Kremer-Dutoit-Aufnahme?
      Wer kennt eventuelle weitere Einspielungen?
      Welche bevorzugt ihr?
      Wie ist eure Meinung zu dieser Musik?

      Herzliche Grüße von
      Sfantu

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Sfantu ()

    • Sfantu schrieb:



      Wer kennt diese Version ebenfalls?
      Wer kennt die Kremer-Dutoit-Aufnahme?
      Wer kennt eventuelle weitere Einspielungen?
      Welche bevorzugt ihr?
      Wie ist eure Meinung zu dieser Musik?

      Herzliche Grüße von
      Sfantu
      Ich habe die Kremer-Dutoit-Aufnahme vor sehr langer Zeit einmal gehört und bin damals zu dem Schluss gekommen, dass das nicht meine Musik ist. Mittlerweile bin ich eh hoffungslos eingefahren. Wenn modern, dann "richtig" modern ("zeitgenössisches Gekreische"), wenn klassisch dann "richtig" klassisch (Haydn, Mozart). Mein Kosmos ist recht überschaubar geworden.
      :D
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)
    • Mit Kremer/ Dutoit kann ich dienen.

      Das zweite Konzert, "In Tempus Praeses", finde ich mit Anne-Sophie Mutter in der Sammlung. Möglich, dass es keine weitere Einspielung gibt. Das müsste ich eruieren.

      Technisch bin ich zufrieden; Du könntest trotzdem Recht haben mit Deiner kritischen Sicht auf die Klangqualität, aber da fehlt mir nicht nur die Vergleichsaufnahme, sondern wohl auch die differenziertere Betrachtung des Werks.

      Das ist schon auch "meine Musik" - bin allerdings ein erklärter Allesfresser. Im Großen und Ganzen, das gestehe ich gerne, ziehe ich die etwas heftigeren, weniger introvertierten, weniger spirituell angehauchten Varianten einer Postmoderne, also der Musik zwischen Nörgard und Gloria Coates vor. Ich schätze also den Klang per se am meisten, und, sobald es ein wenig älter wird, das Reizharmonische. Man kann mich - manche werden das seltsam finden - mit Strawinksys Violinkonzert oder den Ballettszenen stärker locken als mit dem Sacre. Immer mehr begeistert mich ein Schnittke, ein Dutilleux. Von Allan Pettersson kenne ich praktisch alles, von John Cage wenig. Letzteres lässt sich irgendwann noch ändern.

      Das sind alles graduelle Abstufungen und das ist natürlich auch eine Stimmungsfrage und vor allem eine Zeitfrage. Von daher verstehe ich Cetays Haltung durchaus, aber es ist bislang nicht meine.

      So, das war jetzt (mangels Kompetenz) nicht gar so viel zur Themafrage, aber einige Deiner Fragen, werter Sfantu, habe ich quasi sogar beantwortet. ;)

      (((Auf Haydn hast Du keine Lust mehr? Das wäre schade. Möge ich dennoch der Letzte sein, der es nicht versteht. Naja ...)))

      Herzliche Grüße,

      Wolfgang

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Andréjo ()

    • Danke, ihr beiden, für eure Statements.

      Paetsch / Kitajenko & das BSO liefern schon eine Version ab, die mir nah am Werk (& womöglich auch nah am Optimum) scheint. Daher sind die aufnahmetechnischen Abstriche verkraftbar. & Kremer / Dutoit würde ich mir auch eher antiquarisch oder im Angebot zulegen: ein Vergleich wäre reizvoll aber nicht überlebenswichtig.
      Immer noch ist neue & neueste Musik für mich in etwa gleichem Maße spannend wie nicht greifbar, da mir nach wie vor verläßliche Wegweiser & Kompasse fehlen. Vieles fasziniert, ja packt mich geradezu, entzieht sich aber einer tauglichen Verortung. Ich sehe mich da ebenfalls als eine Art Allesfresser & verfahre nach dem Lustprinzip, laß' mich begeistern, auch wenn ich mich auf unsicherem Terrain bewege.

      @ Haydn >
      die Lust ist mir nicht abhanden gekommen. Es sind eher äußere, private Zwänge, die gerade limitierend wirken. Ab September hoffe ich, wieder regelmäßiger am Ball zu bleiben. Jetzt freue ich mich erstmal auf 2 Wochen dringend benötigten Urlaub im Baltikum, welche am kommenden Wochenend' beginnen & hernach ein paar Tage im Elsass.

      Beschti Grüess us Bärn,
      Sfantu