Motörhead

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    • Vor genau 1320 Tagen starb Ian Frasier "Lemmy" Kilmister, Gründer und über 40 Jahre einzig ständiges Mitglied von Motörhead - meiner unangefochtenen Lieblingsgruppe. Aus diesem Anlass möchte ich an diese Gruppe erinnern. In einem Klassikforum ist das auch im off-tpoic Bereich nicht unbedingt zu erwarten. Da gibt es nichts zu beschönigen. Diese Musik ist primitiv - in dem Sinne, dass Strukturen kaum über das Strophe-Refrain Schema hinauskommen, dass sich die Harmonik eines Lieds auf zwei bis drei Akkorde beschränkt und dass das spieltechnische und gesangliche Niveau nicht gerade schwindelerrengend hoch ist. Laut, hart und rotzig wird das vorgetragen: Das ist Hard-Rock mit Punk-Attitüde, wobei -anders als beim Heavy Metal- die traditionellen Wurzeln dieser Stile, namentlich der Blues und der Rock & Roll immer präsent bleiben. Konzerte begannen mit der Ansage: We are Motorhead, we play Rock & Roll. Und dann sind da noch die nicht gerade feinsinnigen Texte, die sich mit Sex, Partys, Krieg und dem Tod beschäftigen. Alles in allem ist die Musik von Motörhead eine Bestätigung für den Bildungsheini, der nie U-Musik hört, eben weil sie primitiv ist - und dass alle U-Musik primitiv ist, weiss er natürlich ganz genau, obwohl er sie nie hört.

      Die Band war für mich der Inbegriff von Tugenden, die im Musikgeschäft rar geworden sind: Authentizität und Glaubwürdigkeit. Unbeeindruckt von Trends und Moden haben sie den von ihnen erfundenen Stil beibehalten. Weniger freundlich gesonnene Kritiker bemerken angesichts dieser Konsequenz bisweilen, Motörhead hätten 22 Mal dieselbe Platte aufgenommen. Auf der anderen Seite haben sich die Kompromisslosigkeit gegenüber Plattenlabels (die Wechsel sind kaum zählbar), die Resistenz gegenüber Kritikern, das Durchhaltevermögen in der Phase des Misserfolgs, die kaum erklärbare Wiederauferstehung und nicht zuletzt die charismatische Persönlichkeit des Bandleaders bis ins Feuilleton herumgesprochen. Die großen Blätter der "Qualitätspresse" brachten zu Lemmys Tod vier Tage nach seinem 70. Geburtstag ausgedehnte Nachrufe. Tenor: Er lebte den den Rock'n‘Roll nicht, er war Rock'n‘Roll!

      Man muss weder seine Lebensphilosophie noch seine Musik mögen, aber wo findet man sonst noch, dass sich die beiden 1:1 decken? Das könnte eine Erklärung sein, warum auch Bankangestellte, die sonst allenfalls mit ihrer Papageien-Krawatte hinterm Schalter rebellische Züge demonstrieren, auf seinen Konzerten anzutreffen waren. Er lebte, was sich mancher Kollektivhuman klammheimlich oder unbewusst wünscht und die Musik transportiert glaubwürdig einen Hauch dieses Outlaw-Lebensgefühls in die wohlerzogenen Bürgerstuben. Deswegen liebe ich diese Musik.

      An seinem erstem Todestag habe ich alle 22 Studioalben am Stück gehört und zu jedem mindestens einen doppelten Jack-and-Coke, Lemmys Lieblingsgetrank getrunken. Damit darf ich mich wohl als Fan bezeichnen. Welche Alben sollte man kennen? Ich verteile den Arbeitsertrag auf 6 Schaffensperioden und empfehle aus jeder ein für mich absolut unverzichtbares Album. Und vergessen wir nicht den Joker: Ace of Spades gibt es obendrauf.
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

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    • Die klassiche Trio-Besetzung: Motorhead (1977), Overkill (1979), Bomber (1979), Ace of Spades (1980), Iron Fist (1981)

      Glaubt man den diversen Polls im Netz, ist einhellig die Trias der drei Alben Overkill (1979), Bomber (1979) und Ace of Spades (1980) das Beste aller Motörhead-Zeiten, mit dem letztgenannten an der unangefochtenen Spitzenposition. Diese Alben gelten zurecht als Klassiker und haben ihren Platz in den Geschichtsbüchern sicher. Der Einfluss ist in vielen Genres der modernen Rockmusik nachweisbar und zahlreiche Gruppen, die mit künstlerischen und kommerziellen Weiterentwickelungen des Stils weitaus größeren Erfolg als Motörhead verbuchen konnten, geben sie als wichtige Inspirationsquelle an. Dass es die bedeutendsten LPs sind, steht außer Frage, aber dass es die besten sind, hat schon Lemmy höchstselbst angezweifelt. In seiner Autobiographie White Line Fever (Citadel Press, 2004) beklagte er sich darüber, dass die Fans immer nur die alten Sachen hören wollen, obwohl seine Band auch später noch sehr gute Alben gemacht hat. Glaubt man Lemmy -na gut, er muss das ja sagen-, ist die Trias Bastards (1993), Sacrifice (1995) und Overnight Senstation (1996) den Klassikern ebenbürtig. Glaubt man Marcie und Cetay sind die in den 2000ern herausgekommenen Alben noch besser.

      Man kann dem Debüt sicher ankreiden, dass es noch etwas unausgegoren ist und die Band ihren Stil noch nicht endgültig gefunden hat. Aber gerade das ist das Spannende. Man findet die Ingredenzien zum Teil noch in Rohform vor und zum Teil schon zu einem perfekten Cocktail gemixt – insbesondere in dem wie Bandname und Albumtitel bennannten Eröffnungstrack Motörhead.


      Motörhead (s/t)


      Und der Joker:



      Ace of Spades
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    • Die “progressive“ Phase: Another Perfect Day (1983)

      Das 6. Album wurde lange Zeit von Fans und Kritikern missachtet und erst spät rehabilitiert. Nach fünf Alben mit dem klassischen Trio, Lemmy (Bassgitarre/Gesang), Eddie Clarke (Gitarre) & Phil Taylor (Schlagzeug) fand der erste Besetzungwechsel statt. Die herausragenden Qualitäten des neuen Gitarren Brian Robertson verleiteten die Band dazu, es mit etwas mehr Melodie und Anspruch zu versuchen und bisweilen wie eine räudige Version von Rush zu klingen. Ich finde das steht der Combo sehr gut zu Gesicht, zumal die übrigen Charakteristika, Lemmys rauher Gesang und sein charakteristisches grollendes Bass-Spiel unverändert präsent sind.




      Another Perfect Day
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    • Die Quartett-Jahre: Orgasmatron (1986), Rock ‘n‘ Roll (1988), 1916 (1991), March or Die (1992), Bastards (1993), Sacrifice (1995)

      Nach dem sofortigen Wieder-Rauschmiss des exzellenten, aber menschlich nicht in die Band passenden Robertson rekrutierte Lemmy zwei neue Gitarristen (Phil Campell & Würzel) und wechselte gleich noch den Schlagzeuger aus. Damit war er das einzig verbliebene Gründungsmitglied und es begann eine sehr unstetige und wechselhafte Phase mit Aufs und Abs, wobei man geteilter Meinung sein kann, ob 1916 ein Auf und Rock ‘n‘ Roll ein Ab war oder doch nicht eher umgekehrt. Ich finde, jedes der sechs Alben hat seine Meriten und klingt völlig eigenständig. Wenn die Band irgendwann bewiesen hat, dass sie nicht immer wieder das gleiche Album aufgenommen hat, dann in dieser Quartett-Phase. Auf der Besetzungsseite erwies sich das Schlagzeug als wahrer Schleudersitz – auch während der Aufnahmesitzungen. Das im Allgemeinen als Karrieretiefpunkt angesehene March or Die hat gleich drei verschiedende Fellklopfer zum Einsatz. Auf Orgasmatron war die Welt freilich noch in Ordnung. In den drei Jahren seit dem letzten Album hatte sich der Metal hinsichtlich Härte und Geschwindigkeit rasant weiter entwickelt und Motörhead borgten sich von der Thrash-Bewegung, die sie mit losgetreten aber nicht mitgemacht hatten, etwas zurück und legten eine Heavy- und Speedgranate ersten Ranges vor. Die etwas blecherne und wummerige Produktion ist gewöhnungsbedürftig, passt aber irgendwie. Das langsamere Titelstück am Schluss ist eines der besten Lieder der Band überhaupt und macht alleine eine Aufnahme in die Top 6 unvermeidlich.



      Orgasmatron
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    • Das finale Trio – erste Jahre: Overnight Sensation (1996), Snake Bite Love (1998), We are Motörhead (2000), Hammered (2002)

      Die letzten 17 Jahre spielte die Gruppe in unveränderter Triobesetzung (Lemmy (Bassgitarre/Gesang), Phil Campell (Gitarre), Micky Dee (Schlagzeug)). Die ersten beiden Alben klingen noch wie in einer Findungsphase, aber sind deswegen bei weitem nicht so schlecht, wie sie gerne gemacht werden. Aber mit dem Umspringen der ersten Jahresziffer auf die 2 hatte man sich gefunden – und wie! Die Band zeigte sich nun auf einem höheren spieltechnischen Niveau als zu Anfangszeiten und hatte die inspiriertesten Lied-Einfälle seit langem. Somit gab es wieder mehr Interesse und die Plattenverkaufe zogen an. Vieles auf dem Album We are Motorhead hat ebenso großes Hitpotential wie die alten Klassiker. Dazu ist das Schlagzeug so variabel gespielt und prominent eingefangen wie kaum auf einer anderen Scheibe – und Dee zeigt eindrucksvoll, dass Rock & Roll Schlagwerker mehr als stupides Gekloppe drauf haben.



      We are Motörhead
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    • Die Cameron Webb produzieten Alben: Inferno (2004), Kiss of Death (2006), Motörizer (2008), The Wörld is Yours (2010)

      Einen kaum zu überschätzenden Einluss auf das fertige Produkt hat der jeweilige Produzent. Motörhead haben im Laufe ihrer Karriere unzählige davon verschlissen – ein weiterer Grund, warum ein Album eben nicht wie das andere klingt. Kein Produzent hat der Band so sehr seinen Stempel aufgedrückt, wie der auf vier Alben aktive Cameron Webb. Motörhead waren zwar immer noch keine Metalband, aber auf Inferno klangen sie wie eine. Auf den beiden Nachfolgern wurde der metallische Einfluss etwas zurückgefahren, aber die transparente und extrem druckvolle Produktion liessen die Handschrift klar erkennen. Die Band hatte ein meisterhaftes spieltechnisches Niveau und eine traumwandlerische Dichte und Geschlossenheit im Zusammenspiel erreicht und Lemmy sang mit 60 so gut wie nie. Die Autorität und Souveränität, die mir auf den frühen Alben fehlt, trifft auf Kiss of Death mit dem besten Liedmaterial dieser Phase zusammen. Auch die Texte wurden anspruchsvoller, die Kritk an Religion, Staat und Gesellschaft wurde differenzierter vorgetragen und es mischten sich Gedanken über die Existenz an sich und was das alles soll darunter. Für das letzte Album dieser Tetralogie, The Wörld is Yours nahm Webb starke Korrekturen vor und verpasste der Band wieder einen sumpfigeren Sound, der wie das Songmaterial als Reminiszens an die Anfangszeiten wirkte – sehr zur Freude derjenigen, denen die vier bis fünf Scheiben davor zu routiniert und glatt erschienen.



      Kiss of Death
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    • Das Finale Trio – letzte Jahre: Aftershock (2013), Bad Magic (2015)

      Die beiden letzten Alben wurden selbst produziert und vereinen produktionstechnisch die Stärken der beiden Vorgänger. Das ist ein Schlag in die Fresse, ein Orkan der mich vom Sessel weht - vornehmer kann ich nicht ausdrucken, wie es sich anfühlt, wenn nach dem unbegleitet gebrüllten Victory or... die Instrumente bei ...Die losbretzeln. Der schon auf The Wörld is Yours einsetzende Verschleiss der Stimme ist auf den letzen beiden Alben unüberhörbar, aber auch mit verwundeter Kehle und ohne Gebiss im Mund klingt Lemmy mächtig angepisst. Phil Campell steigert sich immer noch weiter und liefert einige der feinsten Soli seiner Karriere ab.

      69-jährig zeigt Lemmy mit Bad Magic allen dekadenten Rasen mähenden oder in Klassikforen aktiven Rentnern nochmal mit aller gebotenen Härte den fetten Stinkefinger, bevor er endgültig von der Bühne der Welt abtritt. Ein unfassbar intensives, von der Gewissheit des nahenden Endes durchzogenes Meisterwerk.
      Das Album erreichte in Deutschland und in Österreich jeweils die Spitzenposition der Verkaufscharts und in der Schweiz Platz 2. Nach 40 Jahren Arbeit waren die Massen endlich konvertiert und Lemmy konnte beruhigt abtreten. R.I.P.



      Bad Magic
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    • Anmerkung: Natürlich muss man mehr als 7 Alben haben. Dass bei meiner Auswahl keines aus den 90ern dabei ist, ist eigentlich ein Unding. Es ist einfacher zu sagen, welche für mich nicht ganz unverzichtbar sind: Iron Fist und 1916 und sonst keins.
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    • @Satie

      Siehst Du, hier vermisse ich wieder den LIKE-Button. :)


      @Cetay

      Du schriebst über die scheußlich blecherne Produktion von Orgasmatron...
      Wenn Du es noch nicht haben solltest, unbedingt diese Live besorgen! Da ist DIE Version von Orgasmatron überhaupt mit dabei, Dr. Rock und natürlich etliche andere gibts erstklassig noch dazu.

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    • Als Fanboy kenne ich diese Scheibe - natürlich(?!).
      Das ist schon grenzwertig. Er kann nicht mehr singen und er kann nicht mehr Bass spielen; bei Orgasmatron stimmt das Timing selten und er setzt immer wieder aus und der gequälte Gesang passt nicht zu dem Text, in dem der Erzähler die Menschheit als personifizierte(r) Politiker, Religion und Kriegsgott unterjocht. Hier singt er unfreiwillig aus der Perspektive der Opfer, aber die Magie ist ungebrochen. Es ist einfach großartig, wie sich seine Mitstreiter buchstäblich den Allerwertesten abspielen um ihren Boss durch die Performance zu tragen - das gilt für das gesamte Album. Phil Campbell war nie so gut wie auf diesem Live-Album, allein für sein Spiel lohnte sich die Anschaffung. Micky Dee steht dem nicht nach und Lemmy gibt in einem Zustand, indem jeder andere längst in die Klinik gegangen wäre, nochmal alles was er noch kann. 6 Wochen nach diesem Konzert trat er für immer von der Bühne dieser Welt ab. Ein bewegendes Dokument.
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

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    • Kilmister’s Lost Country Duet ‘The Mask’

      "Lemmy Kilmister started writing the outlaw country song “The Mask” in 1979 — the same year he put out the screaming, hard-rock albums Overkill and Bomber with his band Motörhead — but didn’t finish it until three decades later. Now, a decade after that – and a couple of years after his death – the song is finally seeing the light of day.

      Kilmister completed the song in 2009 with country singer Lynda Kay, who plays herself on the Amazon Prime series Goliath. The recording was thought to be lost but was recently rediscovered. It features Kilmister singing in a way that shows off his full voice, as opposed to the gruff grunts of Motörhead, and it is now the lead single off Kay’s upcoming album Black & Gold. A rare heart-on-sleeve love song by Kilmister, the lyrics concern a couple whose “love was doomed.” The LP is due out tomorrow, August 23rd."