Mitten aus dem Leben - Autobiographisches in der Musik

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    • Mitten aus dem Leben - Autobiographisches in der Musik

      Hier soll es darum gehen, Werke zu sammeln, welche einen autobiographischen Bezug zu ihrem Schöpfer / ihrer Schöpferin besitzen.
      Das kann von namentlichen Nennungen, alter egos über verschlüsselte Anspielungen bis hin zu vom Komponisten / der Komponistin oder seinem / ihrem Umfeld verbrieften Intentionen zur Selbstreflexion, -darstellung oder -Verballhornung reichen.
      Die Beispiele, die mir aus dem Stehgreif einfallen, stammen überwiegend aus der Romantik – was kaum verwundern dürfte. Schließlich war dies die Epoche, in der die Künstlerpersönlichkeit oder jene der / des unerreichbaren Geliebten, Gottes, von Geisterwesen oder dem Leibhaftigen ins Schwärmerische bis Rauschhafte überhöht & in der Naturphänomene als beseelt begriffen & interpretiert wurden.
      Daher besteht hier die Gefahr, in Stücken eines Erzromantikers wie etwa Robert Schumann an allen Ecken & Enden Ich-Bezüge auszumachen oder herzustellen. An anderer Stelle beschrieb ich einmal einen Grund für meine Abneigung gegen die Musik Gustav Mahlers mit der Wendung «Diese Musik schreit immer nur: Ich! Ich! Ich!». Cetay entgegnete, « […] das ganze Wesen der Klassischen Musik seit Beethovens Eroica [sei] ein einziger Ich-Schrei». Also – eben dieser allenfalls zu erahnende, nicht als solcher genannte Ich-Bezug gilt natürlich nicht – wir kämen da vom Hundertsten ins Tausendste.

      Bin gespannt, was wir hier alles zusammentragen können.

      Viele Grüße,
      Sfantu

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    • Das wohl bekannteste Beispiel ist Richard Strauss mit seinem von ihm selbst getexteten "Intermezzo": Szenen einer Ehe, die das reale Leben des Komponisten und seiner Gattin spiegeln - obwohl man das Werk natürlich nicht nur auf diesen Aspekt beschränken kann.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Waldi ()

    • Lieber sfantu,

      Sicher, das hat Strauss doch selbst bestätigt. Man darf aber nicht vergessen, daß auch das "Heldenleben" zwar autobiographische Züge trägt, daß aber Strauss das nicht so ernst und doch auch selbstironisch gemeint hat - wie aus diversen seiner Äußerungen hervorgeht. Neben einer gehörigen Portion Selbstbewußtsein verfügte er über genügend Realitätssinn (den er freilich auch verbarg, wenn es im wirklichen Leben heikel wurde). Sich selbst ein wenig auf die Schaufel zu nehmen, war ihm nicht fremd.
    • Einer meiner all time favourites & eines der ersten Orchesterwerke, die mir das Tor zur Kunstmusik auftaten, sind die

      Enigma Variations op. 36 von Edward Elgar, in denen er, bevor er sich selbst portraitiert, 12 Freunde & seine Frau musikalisch vorstellt.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Sfantu ()

    • Danke, Cetay,

      für den guten Oswald - hatte ich überhaupt nicht auf dem Schirm!

      Nicht fehlen darf in unserer Auflistung Bedřich Smetanas erstes Streichquartett e-moll von 1876 mit dem Titel
      "Z mého života" ("Aus meinem Leben"), in dessen Finale der plötzliche Abbruch der freudig-enthusiastischen Musik durch einen schneidend hohen Ton der Primgeige, unterlegt vom Tremolo der Anderen, den quälenden Tinnitus illustriert, welcher den Beginn Smetanas allmählicher Ertaubung markierte.
    • :thumbup:

      dann fallen mir noch der American in Paris von Gershwin ein, auch Dvoraks 9. Symphonie dürfte dazuzählen, um beim amerikanisch-europäischem Austausch zu bleiben. Und natürlich das Violinkonzert von Alban Berg, "Dem Andenken eines Engels", in dem er seine Erschütterung über den Tod Manon Gropius' verarbeitet.
      "Wir können genauso gut unsere Geigen nehmen und sie mit unseren Knien zerbrechen." (Fritz Kreisler über Jascha Heifetz)
    • Es ist etwas weit hergeholt, aber das Volkslexikon benennt Franz Liszts Werk Der Blinde Sänger explizit autobiographische Komposition. Liszt schrieb mehrere Melodramen, aber sie blieben unbekannt, da sich die Gattung nicht durchgesetzt hat. Schliesslich komponierte er das Melodram nach einer Ballade von Byron. Der Sänger glaubt, er würde vor einem Publikum stehen. Da er jedoch blind ist, bemerkt er nicht, daß kein einziger Zuhörer anwesend ist, so daß er vergeblich singt. Es hört ihm niemand zu.
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)
    • Um mal wieder mein Steckenpferd Beethoven zu reiten:

      Klaviersonate Nr. 26 Op.81a "Les Adieux" - geschrieben zum Abschied seines Schülers und Freundes Erzherzog Rudolph, der vor den herannahenden napoleonischen Truppen aus Wien fliehen musste. Der autobiografische Bezug ist hier m.E. eindeutig.

      Nicht ganz so eindeutig, aber vielleicht noch wichtiger ist er beim Andante favori - einem seiner gelungensten und pfiffigsten Stücke, das ursprünglich als Mittelsatz der Waldstein-Sonate fungieren sollte, dann aber aus stilistischen Gründen wieder herausgenommen wurde.

      Beethoven hat das Autograph des Stücks (das niemals einen offiziellen Widmungsträger bekam) seiner großen Liebe Josefine Brunswik geschenkt. Im Begleitbrief heißt es: "hier ihr - ihr - Andante".

      Es ist sogar spekuliert worden, dass die Anfangsmotive ihren Namen deklamieren: Josefine, Josefine. Beweisen lässt sich das allerdings nicht.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Werther ()

    • Und noch einmal der alte Grantler:

      Beethoven liebte die Natur und die Aufenthalte auf dem Land.

      Spricht nicht alles dafür, dass die Pastorale - "mehr Ausdruck der Empfindungen als Malerei" - extrem autobiografisch ist?

      Sie setzt sich mit ihrer heiteren Stimmung auch sehr deutlich vom Rest seines Werkes ab, ähnlich wie das Andante favori.

      Vielleicht kein Zufall.
    • Man kann durchaus auch Mahlers 5.Sinfonie dazu zählen oder Ralph Vaughan-Williams' 3.Sinfonie, die zwar den Titel "Pastorale" trägt, aber in der er seine Kriegserlebnisse aus den 1.Weltkrieg verarbeitet hat.

      Smetanas Zyklus "My Vlast" dazu zu zählen, dürfte vielleicht nicht bei allen hier Einklang finden, aber ich finde, dass das Werk sein Persönlichstes war.
      Es ist nicht schwer zu komponieren.Aber es ist fabelhaft schwer,die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen. (Johannes Brahms)

      Der Dirigent ist ein Facharbeiter,der zwanzig Jahre Berufsausbildung benötigt. (Herbert von Karajan)
    • Schöne Beispiele bis jetzt, danke euch!

      @ Nicolas_Aine,

      Wenn schon die Fantastique, dann auch ihre Fortsetzung: Lélio ou le retour à la vie op. 14b für Rezitator, Tenor, konzertierendes Klavier, Chor und Orchester.

      Dieser Wurmfortsatz der Symphonie fantastique ist vielleicht eher aus musikhistorischen denn aus musikalischen Gründen interessant. In jedem Fall haben wir es hier ebenso mit einem Vollbad in autobiographischer Nabelschau zutun.
    • Auch bei dem ein oder anderen Klavierwerk Rossinis wird man fündig: Marche et Réminiscences pour mon dernier voyage ... (Marsch und Erinnerungen für meine letzte Reise ...) ist eine halbernste Vision seines eigenen Todes, auf dem Weg zur Himmelspforte erklingen zu einem Trauermarsch Melodiefetzen aus 8 seiner Opern: Tancredi, La Cenerentola, La donna del lago, Semiramide, Le Comte Ory, Guillaume Tell, Otello, Il barbiere di Siviglia.

      Gruß Amonasro
      Die Wahrheit nachbilden mag gut sein, aber die Wahrheit erfinden ist besser, viel besser. (Giuseppe Verdi)
    • Eins habe ich noch. So aktuell, dass es noch gar nicht im Druck erschienen ist:
      "Entschuldigen Sie, können Sie mir vielleicht sagen, wer ich bin" für Mallet-Quintett (Vibraphon, Xylophon & 3 Marimba) von Manfred Menke. Er selbst weist dem Titel eine autobiographische Dimension zu, mit dem Hinweis, dass er zu seinem 35. Geburtstag fertig gestellt wurde. Für meinen Geschmack ist das etwas zu früh für die Identitätskrise in der Lebensmitte?!
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)