Hespos, Hans-Joachim - Opposition und Störung

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    • Hespos, Hans-Joachim - Opposition und Störung

      » SISTRUM, ein altägyptisches Rasselidiophon. Dessen Schüttelbewegung ist ein Symbol der Beweglichkeit alles Seienden. Seiner ritualen Wirkung entsprechend, soll es den Menschen vor Augen und Ohren führen, daß die durch den Tod bedrohte Welt beständig aus ihrer Erstarrung aufgerüttelt werden muß. Was wir gestalten, muß sein wie SISTRUM …« (MusikTexte 8,35)

      Geb. 13. 3. 1938 in Emden. Pädagogik-Studium, anschließend Schuldienst. Autodidaktische Kompositionsstudien. 1972/73 Rom-Aufenthalt in der Villa Massimo. 1978 Gründung des Eigenverlags ›hespos…edition‹, Ganderkeese. 1982 mit Werner Scheiza Gründung der ›Kulturreihe Hoyerswege‹, einem ›Zentrum aktueller Taten‹. 1981/82 Gastdozent in Israel, USA, Brasilien und Japan. 1984 Dozent bei den Darmstädter Ferienkursen, 1989 an der Universität Sao Paulo, Brasilien. Von 1990/91 Gastprofessur an der Hochschule für Künste Bremen. 1997-99 Leitung der Projektwerkstatt erweiternde komposition an der Hochschule für Musik und Theater Rostock. 1999 mit Jürgen Engel Gründung der Universitaere Manufactur Com-Position e. V. (UMAC). 2005 Einrichtung des hespos-Archiv durch die Akademie der Künste (Berlin) und Wahl von iOPAL zur Opernuraufführung des Jahres durch die Zeitschrift Opernwelt. Zahlreiche nationale und interationale Preise und Ehrungen.

      Ob Hespos wirklich im Schatten der Grossen steht, kann ich nicht beurteilen. Es gibt doch einiges über ihn im Netz zu finden, sogar mehrere Bücher. Wenn man es an der auf Tonträger verfügbaren Musik ausmacht, dann sieht es allerdings schattendüster aus. Immerhin halten sich die beiden später zu besprechenden cpo-CDs hartnäckig im Katalog und erst im lezten Jahr erschien eine Neuheit mit Solo-Werken für Orgel und für Cimbalom. Hespos' Musik wird als extrem bezeichent, sogar gemessen an den Standards der deutschen Neuen Musik. Opposition und Störung gehören zu seinem Grundwortschatz, gezielte Überforderung von Interpreten und Publikum zu seinem Handwerk. Allerdings geht es ihm nicht um Provokation an sich, sondern um Provaktion zum Hören - das wir seiner Meinung nach durch den etablierten Klassik-Kulturbetrieb, in dem Musik zum reinen Konsumgut wird, verlernen. In der Tat bietet seine Musik Unerhörtes, Unbekanntes, Überraschendes, nicht Vorhersehbares - das ist ein akustisches Abenteuer, das sich stets an den Extremen bewegt, archaisch, kompromisslos. In den Worten des Komponisten: Klang, Stille, Schrei. Mehr haben wir nicht. Wer Hespos 'verstehen' will, wird fündig in dem Interview-Buch Höre Hespos! - Gespräche mit dem Komponisten. Ich habe es nicht, weil ich lieber Hepsos höre* und in der Einleitung steht dann auch: (...) entwickeln Sie aber Freude am Entdecken ungewohnter Musikwelten, dann haben sie eigentlich alles verstanden.



      *aber da eine CD dabei ist, muss ich es wohl kaufen.
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

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    • Hespos hat über 200 Werke in allen Gattungen geschrieben. Wieviele davon aufgeführt wurden, entzieht sich meiner Kenntnis, aber der Orchestermusikführer von Holland/Csampai weiß zu berichten, dass manche geplante Aufführung platzte oder zur öffentlichen Probe umfunktioniert wurde. Neben den gefordeten extremen Ausdruckswerten, sind es ungewohnte Instrumente und die Forderung, ohne Dirigent zu proben und zu spielen, die den Ensembles Probleme bereiten. Dazu gibt es oft Anweisungen für szenische Aktionen der Spieler, wodurch die Schwierigkeiten vollends unüberwindbar werden.

      Hespos verwischt damit die Grenzen zum Schauspiel, ohne die tradierten Elemente wie Handlung und Bühnenbild zu übernehmen. Das bringt uns zum Seiltanz, der Hespos' bekannteste Komposition sein dürfte. In diesem szenischen Abenteuer (Untertitel) für 5 Bläser, Kontrabass und Perkussion ist der Schlagzeuger in einem Stahlplattenkäfig eingesperrt, aus dem er sich während der Aufführung mit Hilfe eines Schweißgeräts befreit. Das Werk dauert fast eine Stunde. Man kann grob eine dreiteilige Form ausmachen, über die ein gigantischer Spannungsbogen gezogen wird. Der erste Teil gehört den Instrumenten in verhältnismäßig konventioneller Spielweise und steigert sich von ersten, kaum wahrnehmbaren Regungen zum "turbulent brüllenden Aufruhr". Im Mittelteil mit dem Befreiungsakt des Schlagzeugers kommt der Schweißgesang orgelpunktartig dazu - die Bläserstimmen entwicklen sich von Klangbändern zu chaotischem "Liniengebrüll". Wenn sich der Schlagzeuger unter grossem Getöse schließlich befreit, sind auch die Bläser auf dem Höhepunkt des Lärms. Nachdem sich der Tumult aufgelöst hat, beginnt der letzte Teil. Angeführt vom Schlagzeuger spielen die Bläser nun geräuschhafter, aber dynamisch zurückgenommener und das ganze verebbt langsam in der Stille.
      Dieser, mein unbeholfener Versuch, das Stück mit den letzten Sätzen durch Verdichtung des Begleittextes zur CD zu beschreiben, gibt die Erfahrung nur unzureichend wieder. Es sagt nichts über die unfassbare, glühende, raumfüllende Intensität, die hier hörbar und spürbar wird. Etwas Vergleichbares findet man vielleicht noch bei John Coltranes Free-Jazz Meilenstein Ascension - auch die Artikulation der Bläser beim Seiltanz erinnert stark an dieses Genre. Das fährt so rein, dass es mich schier vom Stuhl reißt und wenn die Protagonisten auf dem Höhepunkt in ihre Instrumente hineinschreien, weil anders keine Steigerung mehr möglich ist, möchte ich am liebsten mitbrüllen. Umso eindringlicher, ja, spirituell erhebend wirken nach dem Ermatten die "Gesänge" des letzten Teils. Weil die Tonkonserve eines szenischen Abenteurs eine spezielle Perspektive auf das Werk wiedergibt, wurde der Untertitel für die CD folgerichtig in akustisches Abenteuer umbenannt.




      Seiltanz
      Ensemble 13, Manfred Reichert

      Instrumentierung (7 Spielerinnen):
      • Sporan-/Alt-/Baritonsaxophon, Klarinetten in Es und A, Didgeridoo
      • Klarinetten in hoch As, Es, C, B, A, Bassethorn, Bass- und Kontrabassklarinette
      • Kleine Trompete in hoch B, Trompete in B, Piccolo-Kornett in Es, Flügelhorn
      • Alt-und Tenorbassposaune, Flugabone
      • Tuba
      • Kontrabass
      • Metall-Percussion, Schweißgerät
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

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    • Lieber Cetay, vielen Dank für diesen Thread zum ewig wild gebliebenen Hespos.
      Ich erinnere mich, wie ich seine Musik kennenlernte. Es gab einmal eine Radiosendung, eigentlich eine Diskussionsrunde um die Figur des Don Juan/ Don Giovanni. Ich hatte eher lustlos reingehört (es kam gerade nichts besseres...Zeiten vor dem ganzen Streaming etc...). Als ich aber hörte, dass auch Marcel Reich-Ranicki unter den Talkgästen war, blieb ich dabei. Ranicki sagte, Don Giovanni sei ein Burlador, und Hespos, der bis dahin kaum etwas gesagt hatte, fragte: "Ein WAS bitte?" worauf Ranicki esnihm erklärte. Offenbar war das für die Regie der richtige Moment, ein Stück von Hespos einzuspielen. Leider weiß ich den Titel nicht mehr, aber ich erinnere mich sehr gut an das Stück. Eine Sprecherin rezitierte einen Text aus dem "Kybernetischen Lexikon" (falls ich mich bzgl. des Titels nicht vertue), und zwar auf eine absolut groteske Weise, mit gequetschter Stimme, extra lispelnd und einer völlig wirren Sprachmelodie. Der Text selber war hochintellektuell und gespickt mit Fremdwörtern, die ich noch nie gehört hatte. Dazu hörte man mehrere Personen, die im Hintergrund ständig von links nach rechts und zurück rannten und Schreie ausstießen.
      Das dauerte vielleicht 5 oder auch 7 Minuten...keine Ahnung. Danach erst einmal Todesstille im Publikum, bevor der zaghafte Applaus einsetzte. Der Moderator forderte Reich-Ranicki auf, etwas darüber zu sagen. Und er sagte: "Das ist wunderbar, wie hier ein so intellektueller Text auf eine vollkommen unintellektuelle Weise dargeboten wurde. Ich wette, der Hespos hat sich gekugelt vor Lachen, als er das geschrieben hat." (Natürlich muss man sich den berühmten Tonfall dazu denken)
      Darauf Hespos, mit gedämpfter Stimme: "Nein, es war eine Qual."

      Seitdem hat Hespos bei mir einen Sympathiebonus, obwohl ich seine Musik heute nur noch schlecht hören kann. Aber mir gefielen immer seine wunderbaren Spielanweisungen, Sachen wie "kratzig-zerquält" o.ä. zeigen viel Originalität. Für mich ist da viel Provokation dabei. Und irgendwie ist es auch ganz schön, wenn jemand so etwas standhaft weiterführt im Lauf seines Lebens.
      Was ist ein Mensch? Eine arme Kreatur, die man auf die Erde gesetzt hat, damit sie den anderen auf die Nerven geht. - Erik Satie
    • Lieber Satie,
      danke fur diese Ergänzungen. Hinter Hespos' Kratzbürstigkeit lauert immer Humor. Das geht auch aus den Zeitungsartikeln, die zu seinen 75. und 80. Geburtstagen erschienen sind, hervor. Die Standhaftigkeit ist wahrlich bemerkenswert. Das muss man erst mal hinbekommen, in der Neuen Musik, die eigentlich schon in den 50ern und 60ern alle Unmöglichkeiten gesehen hat, den Ruf als Enfant Terrible über einen so langen Zeitraum aktiv zu bewahren.

      Hübsch finde ich die Platte mit Soloinstrumentalwerken - ebenfalls bei cpo herausgekommen und noch im Katalog. Hier ist nur sicher, dass man nie weiß, was als nächstes kommt. Konventionelle und unknoventionelle Spielweisen, verblüffende, faszinierende Klange und Geräusche, Stille, Schreie, Collagen, changieren an der Schwelle der Wahrnehmbarkeit, Krach. Das ist sicher nicht so leicht zu hören wie eine Solosonate von Telemann, aber längst nicht so extrem, wie man es über Hepsos zu lesen bekommt. Duchaus zum Sonntagmorgenkaffee oder gar zum Einschlummern geeignet. Letzteres dürfte Hespos gar nicht gefallen, ist doch das im Konzertsaal dösende Publikum eine seiner Zielscheiben. Nur würden die niemals eine Platte von ihm kaufen, weswegen es so wenige gibt. Die beiden von mir in diesem Faden vorgestellten zählen freilich zum Aufregendsten, das mir je in die Ohren gekommen ist.





      Solowerke 1969-96; Ensemble l'Art pour l'Art
      • splash für Kontrabass & Schlagzeug
      • duma für Altflöte
      • kitara für Spanische Gitarre
      • monske, Ritual for mobile Pauke in C
      • leija für Harfe solo
      • pico für Piccoloblockflöte
      • cang für Zimbel solo
      • -Z...( ), variabel, Anregung für einen Pianisten
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

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