Bartok: Konzert für Orchester

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    • Mit Christoph von Dohnányis Aufnahme mit dem Cleveland Orchestra (Decca, 1990) habe ich das KfO Anfang der 90er kennengelernt. Und ehrlich gesagt war damals der Grund für den Erwerb der CD das Lutosławski-Konzert. Ich kannte eine Passage aus dem ersten Satz als Vorspann-Musik zum «ZDF-Magazin» - es lief in den Achtzigern immer am Sonntag Vormittag – erinnert sich jemand? Dazu sah man ein zitternd ausschlagendes Oszillogramm & von links nach rechts durchlaufend die Themen-Überschriften:

      youtube.com/watch?v=A4kyLjxvXR0

      Mühsam (noch ohne www) habe ich nach dieser Musik recherchiert & just als ich es dann endlich wusste, erschien diese phänomenale Einspielung.
      Nach längerer Pause höre ich meine Aufnahmen nun im Vergleich & kann nur sagen, dass sich die Clevelander mehr als achtbar schlagen! Feinste Dynamikabstufungen, exquisite Holzbläser, prägnantes, sehr sprechend geführtes Schlagwerk & ein mitreissender Drive zeichnet diese Darbietung aus.

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    • Das passiert, weil das Bild eine Linkadresse hat, die etwa so anfängt: data:image/jpeg;base64,/9j/4AAQSkZJRgABAQAAAQABAAD/2wBDAAoHBwgHBgoICAgLCgoLDhgQDg0NDh0VFhEYIx8lJCIfIiEmKzcvJik0KSEiMEExNDk7Pj4+JS5ESUM8SDc9Pjv/2wBDAQoLCw4NDhwQEBw7KCIoOzs7Ozs7Ozs7Ozs7Ozs7Ozs7Ozs7Ozs7Ozs7Ozs7Ozs7Ozs7Ozs7Ozs7Ozs7Ozs7Ozv/wAARCAErASwDASIAAhEBAxEB/....
      und sich über tausende von Zeichen so weiter windet.
      Das sind jene Bilder, bei denen der Mauszeiger als Lupe fungiert, d.h. sobald man mit dem Mauszeiger draufgeht, öffnet sich rechts ein vergrößerter Ausschnitt. Der Trick: einmal draufklicken, dann öffnet sich das Bild in einem separaten Fenster und von dort kann es kopiert werden:



      Ist ja durchaus ein Cover mit ästhetischem Wert...
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)
    • ...also: weiter mit Dohnányi:



      Nachdem ich den (deutschsprachigen) Booklet-Text neu las, war mir klar, weshalb ich auf die kürzlich thematisierte (mutmasslich) falsche Fährte geriet, was die umstrittene Lehár-Schostakowitsch-Zitat-Passage im 4. Satz angeht. Daher tippe ich den sich darauf beziehenden Abschnitt hier ab:
      Die Kunst des mehrdeutigen musikalischen Zitats gehört ebenfalls zu Bartóks «Fresco des Lebens» [1], und sie feiert ihren höchsten Triumph in dem «Intermezzo interrotto» des 4. Satzes, einer bewussten Anspielung auf Debussys Sérénade interrompue (aus den Préludes). Mit bitterer Ironie entwirft Bartók hier einen rondoartigen Zusammenstoss höchst konträrer Charaktere, um ein dialektisches Bild der durchaus vergeblichen Sehnsucht nach der (wahren) Heimat beschwören zu können: auf ein eindringlich simples Serenadenthema folgt eine noch aufdringlichere, sentimental verkitschte Melodie, die so klischeehaft «ungarisch» klingt, wie man sich gemeinhin ungarische Musik vorstellt (Es ist natürlich die Musik der Städter). Bartók zitiert an dieser Stelle, als scharfen Kontrast zur echten Bauernmusik, ein populäres bürgerliches Operettenlied aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen («Schön, wunderschön, bist Du, Ungarland»): die Sehnsucht wird also enthüllt als schöner Schein. In die Wiederkehr des Serenadenthemas bricht dann, höchst dramatisch und illustrativ, ein roher Gassenhauer ein, der in grotesker Verzerrung das frivole Couplet «Da geh ich ins Maxim» aus Lehárs «Lustiger Witwe» herbeizitiert, eines Komponisten übrigens, den Bartók, wie ein bereits sehr früher Brief beweist, sehr gehasst hat. Die Fortsetzung jenes Couplettextes («da kann man leicht vergessen das teure Vaterland») mag Bartók wohl mitgedacht haben, ganz sicher aber die kleinbürgerliche Banalität, die bei ihm zur brutalen «Stiefelmusik» (Kroó) wird und nichts anderes bedeutet als den Übergriff der Faschisten auf Ungarn. Die falsche Idylle wird von der gnadenlosen Realität überrollt. (Dietmar Holland)

      Schostakowitsch wird da mit keinem Wort erwähnt, wohl aber in den anderssprachigen Booklet-Beiträgen, welche ich damals aber (aus Bequemlichkeit? Oder in dem Glauben, sie seien inhaltsgleich?) nicht las.



      Sehr erhellend auch ein weiterer Hinweis aus dem Booklet-Text zur Entstehungsgeschichte:
      Bereits im Frühjahr 1939 hatte sich Bartók mit dem Plan getragen, eine Art «symphonisches Ballett» für Orchester zu schreiben. Daraus wurde zunächst nichts, und wir haben Grund zu der Annahme, dass dieser Gedanke in das 1943 komponierte Konzert für Orchester einging. (Dietmar Holland)

      Vielleicht eine Erklärung für den bildhaften, Tanz implizierenden (originalen) Titel «Presentando delle coppie» oder selbst noch für den kolportierten Titel «Giuoco delle coppie» des 2. Satzes?


      ab schrieb:

      Die Orchesterleistung ist jedenfalls überdurchschnittlich gut gelungen und sie schaffen es, geradezu amerikanischen Groove hineinzubringen. Echt Cool.

      teleton schrieb:

      Allerdings finde ich die Aufnahme Bartok-Konzert für Orchester des von mir sonst hochgeschätzten Dohnanyi derart daneben, dass ich nie auf die Idee gekommen wäre diese Aufnahme zu archivieren/übernehmen.
      Wie verschieden die Geschmäcker doch sein können…


      teleton schrieb:

      Mich hat immer schon gewundert, wie man zwei so unterschiedliche Aufnahmen auf einer CD vereinen kann - Klangtechnisch ist die Bartok-Aufnahme dort auch trotz DDD ziemlich verrauscht. Lutoslawsky dagegen wäre als audiophil zu bezeichnen.
      Tatsächlich stimmen Aufnahmedaten & Namen der Toningenieure nicht überein. Beide Takes wurden im Masonic Auditorium Cleveland aufgezeichnet: Bartók: August 1988 (John Pellowe), Lutosławski: März 1989 (Colin Moorfoot). Allerdings finde ich es an den Ohren herbeigezogen, von «verrauscht» zu sprechen. Der Klang ist hier wie dort satt & dynamisch, ihm fehlt vielleicht ein letztes Quäntchen Fokus, Transparenz & Brillanz. Stärker ins Gewicht fällt da m. E. schlichtweg die andere Orchesterfarbe bei Lutosławski – bspw. ist das Schlagwerk hier facettenreicher eingesetzt & bewirkt somit per se schon ein Mehr an helleren Klangwerten.
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      [1] in einem früheren Abschnitt des Booklet-Textes:
      […]So ist es auch wohl kaum verwunderlich, dass im Zentrum des (fünfsätzigen) Konzerts für Orchester ein mit «Elegia» bezeichneter langsamer Satz steht, der im übrigen nicht nur auf die langsame Einleitung des 1. Satzes Bezug nimmt – es gibt in diesem Werke manche unterirdische Querverbindungen – sondern innerhalb der Satzfolge, die György Kroó treffend als «Fresco des Lebens» bezeichnet hat, die Funktion einnimmt, die in analoger Weise dem Tränensee in Bartóks einaktiger Oper «Herzog Blaubarts Burg» zukommt. Diesen zentralen, innerlichen Satz nannte Bartók selbst «das herzzerreissende Klagelied» des Werkes. (Dietmar Holland)

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    • Antal Doráti
      hat das KfO mindestens 4x eingespielt: neben der schon mehrfach genannten Mercury-Aufnahme mit dem London Symphony Orchestra existieren auch eine mit dem Ungarischen Staatsorchester (Hungaroton) im Rahmen der damaligen umfassenden Bártok-Ausgabe, mit dem Concertgebouworkest (Philips) (ich kenne keine dieser Aufnahmen) & schliesslich jene mit dem Minneapolis Symphony Orchestra (mono, 1953, guilde internationale du disque resp. Concert Hall). Doráti zeigt einen (darf ich sagen, gewohnt?) trockenen, leicht lakonischen Zugang, alles ist rhythmisch gestrafft, fast wünschte ich mir hie & da kleine Rubati zum Atmen, zum Verweilen. Beim 2. Satz wird man Zeuge einer veritablen Kreis-Quadratur: mit seinen rekordverdächtig rasanten 5’47 min wirkt er zu keiner Zeit gehetzt – alles fliesst. Herrlich böse & grell herausgespielt: die Maxim-Passage, das Orchester insgesamt mit stupender Virtuosität. Guter Mono-Klang.


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    • Fritz Reiners
      Aufnahme mit dem Chicago Symphony (1955, stereo) wirkt sehr diszipliniert & ausgefeilt. Auch hier hört man mit 5’57 einen flinken 2. Satz. Videos von Reiner-Dirigaten zeigen seine minimalistische Technik (ich denke an Beethoven 7, Kopfsatz auf YouTube): sämtliche Lautstärken, Diminuendi, Sforzati, alle Grundcharaktere einzelner Vortragsbezeichnungen werden mit der immer gleichen, stoischen Körperhaltung & Mimik begleitet. Es vermittelt sich sehr wohl seine absolute Konzentration, sein genaues Auszählen, jeden Einsatz gibt er messerscharf & punktgenau, die Ausführenden sind restlos «gedrillt». Man hat es eher mit einem sich wie am Schnürchen ablaufenden Orchester-Uhrwerk zu tun als mit Musikern aus Fleisch & Blut. Vielleicht ist es auch das beschriebene Bild vor Augen, das mir einen weniger voreingenommenen Blick verstellt. Übrigens gibt es klitzekleine Wackler im Zusammenspiel, die am Ende doch noch (gottlob) auf vom Homo Sapiens bediente Instrumente schliessen lassen…Fazit > nahezu perfekte Darbietung in gutem frühem Stereo-Klang. Allein der letzte Funkenflug, derBegeisterung auslöst, fehlt mir am Ende.

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    • Gennadi Roshdestwenskij
      schätze ich als eine Art Garanten für einen klaren, schnörkellosen, energetischen Musizierstil. Leider enttäuscht diese Aufnahme mit den Leningrader Philharmonikern (Aufnahmedatum nicht angegeben) aber auf ganzer Linie. Das Orchester &/oder ihr Dirigent scheinen mit Bartók nicht allzu viel anfangen zu können. Das mag einer Art Fremdeln mit Bartóks Idiom geschuldet sein oder einer wie auch immer zu erklärenden Unlust. Einen Gutteil (oder den Rest) dieses schlechten Eindrucks kann man, wie ich meine, der bescheidenen Aufnahmequalität anlasten: die Platte gehört zu jenen Beispielen der nachträglichen Stereophonisierung eines original monauralen Masterbandes, wie sie in der jungen & mittleren Frühzeit der Stereophonie beliebt war um Backkataloge attraktiv zu erhalten. Hier unter dem phantasiesprühenden Markennamen «Duplo Sound». Für wahrscheinlicher halte ich allerdings, dass bereits die Original-Aufnahme von schlechter Güte war. Es tönt alles dumpf & etwas eingeengt. Haushoch überlegene Beispiele für einen formidablen Monoklang liefern dagegen u. a. einige (nicht alle) DG-Aufnahmen des RIAS-Sinfonieorchesters mit Ferenc Fricsay (Sommernachtstraum etwa) oder bei der RCA: Honegger-Sinfonien mit dem Boston SO & Charles Münch. Ein Trost bleibt mir: habe diese Scheibe vorvorletzte Woche für ganze 2,-CHF in einem Brockenstübli erstanden & das Exemplar kann ich getrost als VG+ bis NMINT- einstufen. Ausserdem gebe ich auch solchen beim ersten Hören niederschmetternden Gruft-Aufnahmen immer noch eine 2. Chance (vielleicht)…


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    • Georg Solti
      Schliesslich noch das London Symphony Orchestra (Decca, 1965), das alles Gehörte wiederum auf den Kopf stellt. Das LSO spielt, ach was - es wütet geradezu durch diese Partitur, dass einem die Mütze wegfliegt: aufgekratzt, mit Attacke & unwiderstehlicher Energie. Solch Kopfüber-ins-Getöse-Stürzen ist gleichermassen entrückend wie beglückend! Als wäre diese Performance nicht schon genug Koffein, trifft das Ganze auch noch im allerfeinsten Decca-Stereo der 60er Jahre aufs Ohr: satt, mit weiter Dynamik, knackig & kristallklar...ein Rausch für die Sinne!!!

      Cetay schrieb:

      [...] allerorts hochgelobten Aufnahmen mit Georg Solti vor. Letztere haben durchaus ihre Meriten. Wo hört man sonst die einleitenden Streichertremoli so ausdifferenziert, so geheimnisvoll und latent bedrohlich? Wo werden die Höhepunkte so expressiv auffahrend gespielt, wo sonst ist das Holz so leuchtend, das Blech so schneidend, das Schlagwerk so unerbittlich knallend? Aber für diesen doch etwas einseitigen Ansatz werden auch Opfer gebracht. Es herrscht eine ständige Unruhe, eine Spannung, die ich als unnatürlich empfinde. Echte Spannung ergibt sich bei einer guten Komposition durch das "Ausspielen" der Formverläufe von alleine und das geht mir bei Solti durch die ständige Action etwas verloren.
      Zugegeben - die beinahe durchgängige Hochspannung wird vielleicht irgendwann einfach auch mal zuviel, wie etwa im Finalsatz. Glücklicherweise ist das Ganze aber eine knappe Viertelstunde kürzer als bspw. Rihms "Jagden & Formen", nach denen ich tatsächlich was zur Beruhigung brauche - bei dieser Dosis aber geht's gerade noch.

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    • Apropos Finalsatz: die eröffnende Fanfare ist fürs Blech ff notiert, das auf die Fermate mit dem 5. Takt folgende Tutti dann in f. Was folgt, sind die schnellen, gleichzeitig accelerando wie diminuendo zu spielenden Pizzicati, das sich abschnurrende, quasi Perpetuum mobile.

      Erwartungsgemäss missachtet Solti diese Angaben, gibt dem Affen Zucker & setzt mit dem Tutti noch ein f auf das ff. Mir erscheint das folgerichtig & es fetzt ordentlich, widerspricht aber nunmal Bartóks Vorgaben.

      Doráti beginnt ebenfalls zu laut. Nach dem fermatierten Schlusston der Fanfare klafft eine (nicht notierte) 2-Sekunden-Generalpause bis es mit dem (auch hier zu lauten Tutti) weitergeht. & auch hier: nicht textgetreu aber mit grandiosem Effekt.

      Bei Dohnányi ist mir die Fanfare zu hastig, ein bisschen wie nebenbei. Das Tutti wiederum zu laut im Vergleich zur Fanfare.

      Roshdestwenskij: eine blitzsaubere aber lauwarme Angelegenheit. Harmlose Fanfare, das Tutti wiederum zu laut - braucht kein Mensch...

      Exemplarisch notengetreu geliefert wird einzig vom CSO mit Reiner.



      Insbesondere mit Solti & Doráti bin ich sehr zufrieden & verspüre nicht das dringende Verlangen, für dieses Werk noch weiter nach dem heiligen Gral zu suchen. Einzig, wenn ein Ensemble meiner ersten oder meiner Wahlheimaten aktiv würde oder aber was die Originalversion des Finalsatzes anbetrifft, könnte ich mir vorstellen, nochmal wieder zuzuschlagen: die von Cetay ins Spiel gebrachte Koussevitzky-Aufnahme bietet das Original-Finale, soweit ich weiss. & auch eine vergleichsweise neue Aufnahme soll die Originalversion als separaten Track beinhalten (wurde in einer Diskussion zum KfO in einem unserer Parallel-Universen mal thematisiert).

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