Verdis Requiem - ein sakrales Gedenkwerk

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Liebe Honoria,

      Du hast mich angesteckt, dies Werk auch mal wieder zu hören.
      Diesmal unter Solti:


      Joan Sutherland, Marilyn Horne, Luciano Pavarotti, Martti Talvela
      Wiener Staatsopernchor & Philharmoniker, Sir Georg Solti

      Ich mag diese Einspielung, weil Talvela einer meiner Lieblingsbässe ist, Sutherland und Horne auch nicht schlecht singen :D, Solti die Wiener hochdramatisch wie einfühlsam spielen läßt und Pavarotti 1967 schon voll im Saft stand.
      Das Dies Irae läßt Solti schon richtig krachen, und ich habe Schwierigkeiten mir das in einer Kirche vorzustellen. Dennoch ist es wunderbare, ja göttliche Musik und wo sollte man sie sonst spielen?

      ....

      Sorry für die kurze Unterbrechung, aber der Kater wollte raus.

      Aber ich glaube, ich war ohnehin fertig.

      Grüße
      Jürgen
    • Ich hatte mir vorgestern folgende Einspielung ausgeliehen:




      Elisabeth Schwarzkopf, Christa Ludwig, Nicolai Gedda, Nicolai Ghiaurov; Philharmonia Orchestra & Chorus / Carlo Maria Giulini, 1964

      Diese Aufnahme wird von Manchen als Referenz eingestuft. Bei den musikalischen Leistungen kann ich da gar nicht widersprechen, die Tonqualität ist aber lausig. Beim Dies Irae mußte ich abbrechen, weil ich es nicht mehr ausgehalten habe. Giulini lässt es richtig krachen, vielleicht sogar noch mehr als Solti. Allerdings waren die Tontechniker nicht in der Lage diese Spitzen einzufangen. Ich schätze es liegt nicht am Remastering. Oder kennt ihr bessere Ausgaben dieser Aufnahme?

      Ich vergleiche gerade mal mit Solti (nur 3 Jahre jünger). Hier lässt die Tonqualität kaum Wünsche offen. Da liegen Welten dazwischen.

      Grüße
      Jürgen
    • Hallo Jürgen,

      die Giulini-Aufnahme von Verdis Requiem habe ich in dieser Ausgabe:



      Das Remastering stammt aus dem Jahr 1997 und ich gehe davon aus, dass dies mit der Ausgabe identisch ist, die Du hast. Daher wird es wohl keine klanglichen Unterschiede geben. Ich finde die Aufnahmequalität insgesamt akzeptabel, wobei in den fff-Stellen im Dies Irae oder im Libera me die Klangqualität schon an ihre Grenzen stößt aber angesichts der hervorragenden künstlerischen Leistungen kann ich das verschmerzen. Vielleicht mal die Aufnahme mit Kopfhörern hören; evtl. ist es dann etwas besser als über Lautsprecher. So mache ich es jedenfalls.

      Nach meiner Meinung aber hatten gerade Anfang der 1960er Jahre die Tontechniker von Mercury Living Presence, RCA Living Stereo, Decca oder auch von der DG meistens einen besseren Job gemacht als die EMI-Tontechniker.

      Gruß
      Armin
    • Ich hatte mit dem Verdi - Requiem bisher weniger über Aufnahmen zu tun, sondern als Live - Erlebnis durch dreimaliges Mitwirken im Chor in Verona unter Maazel, der Münchner Philharmonie unter Celibidache und einmal in wesentlich kleinerem Rahmen in einer Münchner Kirche unter Prof. Max Frey. Der Chor bei letzterer Aufführung war ziemlich zusammengewürfelt, wurde aber verstärkt durch den vorzüglichen Madrigalchor der Musikhochschule.
      Verona war richtig gigantisch mit einem hervorragenden Pavarotti. Könnt ihr euch das vorstellen, Sommernacht, Vollmond und er singt dort die Hostias - Stelle? Gänsehaut pur.

      Celis Aufführung war eine seiner letzten. Unendlich langsam. Die durchaus hochkarätigen und stimmgewaltigen Solisten sind phasenweise in die Knie gegangen und gesunken, weil diese Langsamkeit wirklich kaum auszuhalten war. Die taten mir echt Leid.

      Mich würde es unglaublich reizen, mal die Altpartie zu singen und ich habe mich mit Teilstücken mal angenähert (Recordare - Duett, Liber scriptus, letzteres wird ordentloich hoch). Ich meine schon, dass das grundsätzlich opernfähige Stimmen sein müssen, da nicht mur das Volumen gefragt ist, sondern auch bei allen ein recht großer Tonumfang.

      Diese Harnoncourt - Fassung kann ich mir nicht so wirklich vorstellen, aber ich will nichts darüber sagen, weil ich sie nicht kenne. Es kommt wohl auch auf den Aufführungsraum an, sei es eine mittlere Kirche, eine Philharmonie oder Riesenlocations wie Verona.

      Den religiösen Bezug kann nur insofern herstellen,als dass ich mir wirklich ein gewaltiges Armageddon vorstelle. Glaubensbezogen betrachtet keinesfalls mein Hauptaugenmerk. Aber dies ist wirklich beeindruckend dargestellt und als Musik begeistert mich jede Stelle in diesem Werk. Es geht durch einen durch.

      LG

      Ulrica

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Ulrica ()

    • Hallo Ulrica,
      ich bin grad auf diesen Thread gestossen, weil ich drauf und dran bin, eine Aufnahme zu bestellen und habe deinen Beitrag gelesen. Zufällie gibts: Das Konzert mit Maazel in Verona habe ich in Teilen mal im Fernsehen gesehen (bzw. grad noch das Ende, bin nur zufällig draufgestossen) und bei dem Konzert "in einer Münchner Kirche mit dem vorzüglichen Madrigalchor der MH" war ich sogar selbst, weil in dem Chor eine Freundin von mir mitsingt. Das war eine Dirigierabschlussprüfung, richtig?
      Mir hats sehr gut gefallen :)

      Habe mich jetzt für Giulini entschieden; ich bin gespannt :)

      Grüße,
      Cornelius
      "Wir können genauso gut unsere Geigen nehmen und sie mit unseren Knien zerbrechen." (Fritz Kreisler über Jascha Heifetz)


    • Montserrat Caballé, Fiorenza Cossotto, Jon Vickers, Ruggero Raimondi
      New Philharmonia Chorus (Einst.: Wilhelm Pitz)
      New Philharmonia Orchestra
      Sir John Barbirolli

      Gegen Ende seines Lebens wandte Sir John Barbirolli seinen Blick noch einmal dem italienischen Repertoire zu. In seinem Todesjahr 1970 erschien dann auch seine Einspielung von Giuseppe Verdis „Messa da Requiem“, besetzt mit vier der weltweit besten Vokalsolisten, dem von Wilhelm Pitz exzellent vorbereiteten New Philharmonia Chorus und dem New Philharmonia Orchestra. Und doch hatte das Ergebnis dieser Zusammenkunft nicht das Zeug, ein echter Klassiker der Diskographie zu werden. Dafür gibt es mE verschiedene Gründe. Zum einen ist es Barbirollis recht behäbiges, nicht selten unsäglich zähes Dirigat (ganz entsetzlich beispielsweise im „Recordare“, das nicht einmal mehr langsam fließt, sondern schlicht steht), das nicht durchgehend die dramatische Spannung des Werkes aufrecht halten kann und zudem nicht frei von Manierismen ist.

      Daneben ist das Solistenquartett in seiner Gestaltungsmacht einigermaßen heterogen. Montserrat Caballé ist durchweg großartig, oft in englischen Pianissimi in großer Höhe über dem Rest schwebend (z.B. im „Lacrimosa“), im „Libera me“ aber von enormer Präsenz, die Dramatik ihrer Partie voll und ganz ausschöpfend aus auskostend. Fiorenza Cossotto steht ihr in nichts nach („Liber scriptus“) und man kann nicht umher, auch anhand dieser Aufnahme zu konstatieren, dass es sich bei diesen beiden Damen um zwei der wichtigsten Verdi-Interpretinnen ihrer Zeit gehandelt hat.

      Dann aber die Herren. Ruggero Raimondi, den ich sonst sehr schätze, scheint bei seiner Aufnahmesitzung keinen sonderlich inspirierten Tag gehabt zu haben. Dicke, eher unbewegliche Stimme, ein den Hörer schnell ermüdender Hang sich von unten in Töne zu drehen, dafür über weite Strecken mit Dauerforte und wenig, wenig Ausdruckskraft (man höre sich seinen ersten Einsatz im „Offertorio“ an). Man fragt sich, ob er ein Double hat singen lassen. Kein Double hatte – leider – Jon Vickers. Ich habe ohnedies nicht übermäßig viel für diesen Sänger übrig (außer als Peter Grimes bei Davis), hier gefällt er mir aber überhaupt nicht. Nicht nur seine bisweilen abstrus-quäkige Vokalfärbung, sondern auch seine Überstrapazierung des Portamento und die Unart, sich in den Quartetten in den Vordergrund zu singen macht es mir bisweilen schwer, nicht die Skip-Taste zu bedienen. Beim „Ingemisco“ kann ich schon fast nicht anders. Gut ist Vickers immer dann, wenn er sich für Piano und Pianissimo entscheidet („Hostias“). Sonst – und es ist leider zu oft – wirkt seine Darstellung enorm unkultiviert.

      An der Leistung von Chor ("Sanctus"!) und Orchester gibt es mE nichts auszusetzen.

      Wenn man wie ich Caballist (oder sollte ich Caballero sagen? :D ) ist, dann lohnt die Anschaffung, aber auch wegen Fiorenza Cossotto. Sonst muss man sie mE nicht im Schrank stehen haben.

      :hello Agravain
      :hello Agravain
    • Nach längerer Pause habe ich mich gestern und heute mal wieder näher mit Verdis Requiem beschäftigt. Dazu habe ich (allerdings nur kursorisch) folgende Aufnahmen herangezogen:


      Sie haben alle ihre Vorzüge und Schwächen. Was Barbirolli angeht, so kann ich Agravain nur zustimmen: Caballé singt himmlisch, Cossotto großartig, doch der Rest fällt dagegen leider ab, auch der (ansonsten von mir hochgeschätzte) Dirigent.
      Toscanini beeindruckt durch seine Strenge, aber der Klang ist schlecht. Bei Fricsay klingt es zwar deutlich besser, aber bei solch großen Chorwerken ziehe ich doch Stereo deutlich vor, bei Mono ist die Gefahr von Klangbrei nicht zu vermeiden.
      Bleiben Karajan (1972) und Giulini (1963). Beide Aufnahmen sind fantastisch, die Solisten durchweg erstklassig, die EMI-Aufnahme ist gegenüber der Karajans bei DGG nicht ganz so gut, aber klanglich nicht so schlecht, wie sie oft gemacht wird. Es mag brillantere aus der Zeit geben, aber ich finde sie so recht in Ordnung.

      Letztlich bekommt den "Grand Prix" von mir folgende:


      Links: CD-Ausgabe von DECCA, rechts ursprüngliche LP-Ausgabe von RCA (beides Schätze in meinem Schrank)
      Leontyne Price (S), Rosalind Elias (M), Jussi Björling (T), Giorgio Tozzi (B)
      Chor der Wiener Gesellschaft für Musikfreunde, Wiener Philharmoniker, Dirigent: Fritz Reiner (1959).
      Ein herrliches, homogenes Solistenquartett, guter Chor, erstklassiges Orchester, und nicht zuletzt ein Dirigent, der alle Facetten des Werks beleuchtet und zur Geltung kommen läßt. Absolute Spitze! Der Stereo-Klang ist auch nicht gerade berauschend, aber was macht das bei solch einer Spitzenleistung? Die Solisten sind alle hervorragend, besonders möchte ich Leontyne Price und Jussi Björling nennen.
      Die LP-Kassette ist noch mit einem schönen, illustrierten Textbuch ausgestattet.

      LG, Cavaradossi
    • Witzigerweise habe ich auch nach etlichen Jahren an diesem Wochenende mal wieder das Requiem gehört. Und zwar in der folgenden Aufnahme:



      De Sabata geht es ganz langsam und leise an und so bleibt die Interpretation auch. Natürlich donnert es im 'Dies Irae', aber das kann man sicherlich noch gewaltiger dirigieren. Insgesamt sehr ergreifend, auch dank der Protagonisten.

      Es bleibt der Klang der Aufnahme und da muss ich dir, lieber Cavaradossi, leider recht geben. Ich bin ja nicht so auf bestem Klang fixiert, aber bei solch einem Werk, dass ich eigentlich immer nur in einer Kirche hören möchte, finde ich ihn schon sehr wichtig. Und ich weiß nicht, was die EMI damals fabriziert hat. Es klingt jedenfalls wie eine alte Live-Aufnahme. Schade, dass nicht die Decca es produziert hat, denn die Aufnahme ist eigentlich absolut zum :down :down :down

      :hello Falstaff
    • Lieber Falstaff,

      exakt mit dieser Aufnahme habe ich das Verdi-Requiem kennengelernt! Ich besitze die 2 LP-Kassette von Columbia noch immer und hätte mir die Aufnahme längst auf CD angeschafft, wenn sie nur ein wenig besser klingen würde. Wie gesagt, ich bin kein Klangfetischist, aber bei solchen großen Chorwerken mit ebenso großem Orchester kommt meist nur ein mehr oder weniger undurchsichtiger Klangbrei heraus. Die Fricsay-Aufnahme von DGG ist auch mono und etwa gleichzeitig entstanden, aber sie ist technisch doch etwas besser. Und trotzdem höre ich sie mir selten an, aus oben genannten Gründen.
      Wenn man von dem mulmigen Klang absieht, ist die de Sabata-Aufnahme ein Traum! Elisabeth Schwarzkopf singt deutlich schöner und ausdrucksvoller als in der späteren Giulini-Fassung, und Giuseppe di Stefano hatte hier eine wahre Sternstunde. Vor allem sein "Hostias" ist einfach himmlisch, da kann selbst mein geliebter Björling nicht ganz mithalten.

      Wie ich soeben bei amazon gesehen habe, gibt es die originale LP-Ausgabe noch zu kaufen:

      und die Aufnahme wurde sogar mit einem Grand Prix du Disque ausgezeichnet (auf meiner Kassette fehlt dieser Hinweis). Den hat sie auch verdient, künstlerisch ist sie einfach Spitze!


      LG :hello Cavaradossi

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Cavaradossi ()

    • Bei mir lief kürzlich einmal wieder:



      Abbado (1980) – Katia Ricciarelli, Shirley Verrett, Plácido Domingo, Nicolai Ghiaurov, Coro e Orchestra del Teatro alla Scala

      Sanft lässt Claudio Abbado seine erste Studioaufnahme des Verdi’schen Requiems beginnen: sanft, sehr dezent, voll nobler Trauer, ohne einen Schimmer von düsterer Resignation angesichts des Unabwendbaren, dafür mit einem guten Ton Tröstung. Das „Te decet hymnus“ geht Abbado recht gewichtig an. Die sehr schwarzen, mir etwas zu muffig klingenden Bässe des Chores schreiten ernsthaft und für meinen Geschmack etwas zu schwerfällig voran. Der sehr groß besetzte Chor tritt wuchtig dazu, wobei die immer wieder enorm eindrucksvoll zurückgenommenen Momente im Pianissimo zeigen, wie wichtig es Abbado war, dass sich das üppige Ensemble streckenweise in eine bis zur Grenze des Hörbaren reichenden Verinnerlichung zurückziehen kann. Das macht schon Eindruck.

      Auch das „Kyrie“ könnte für meinen Geschmack etwas mehr Zug haben. Doch ist die etwas gesetztere Gangart im Rahmen des ernsthaften Ansatzes den Abbado wählt, ja in sich durchaus schlüssig. Domingo setzt ganz herrlich ein, kraftvoll, hell, jugendlich, ohne (bisweilen ein Manko) zu nasal zu klingen. Die anderen Solisten gesellen sich dazu, wobei mir schon hier Katia Ricciarelli – leider nicht zu meiner ungeteilten Freude – herauszustechen scheint. Auch wenn sie besonders im abschließenden „Libera me“ durchaus glanzvolle Momente hat und die ganze Aufnahme hindurch immer wieder wirklich eindrucksvoll gestaltet, so klingt die Stimme für mich den größeren Teil der Zeit ziemlich unattraktiv. Doch dazu an anderer Stelle noch etwas mehr.

      Wer nun meint, der (mir) oft eher (zu) sanfte Abbado könne es nicht auch gehörig krachen lassen, der wird mit dem Einsatz schnell eines Besseren belehrt. Da bricht der Tag des Zornes mit Wucht über den Hörer herein, das Blech klingt scharf und schneidend, die tremolierenden Trompeten bohren sich ohne Gnade ins Ohr. Der Chor zeichnet das kataklysmische Erleben dieses Rachesturmes mit ungehemmter Begeisterung nach. Und dann legt Abbado noch eines drauf. Vom geflüsterten „Quantus tremor est futurus“ zum „Tuba mirum“ entfacht er die wohl maximal mögliche Raserei. In sehr hohem Tempo peitscht Abbado die Toten geradezu vor den Herren. Das kann man durchaus so machen und der Effekt ist auch schon sehr eindringlich, mir persönlich geht aber etwas die unheimliche Größe und Erhabenheit der Szene zugunsten der Wildheit in dieser Darstellung etwas
      zu sehr verloren.

      Nicolai Ghiaurovs „Mors stupebit“ schließt sich angemessen düster an, wobei mir die unheimliche Abgündigkeit, die er diesen wenigen Takten beispielsweise in Karajans 1972er Aufnahme entlockt, doch etwas fehlt. Ohnehin fehlt mir hier etwas die Schwärze des Tones, die ihm dort zur Verfügung steht. Auch die „Confutatis“-Rufe hätten ein Quäntchen mehr Entfesselung gut vertragen, wobei Ghiaurov dafür besonders in den lyrischen „Oro supplex“-Abschnitten glänzt.

      Shirley Verretts Gestaltung der gesamten Mezzopartie des Werkes ist nicht nur tadellos, sondern streckenweise überdurchschnittlich inspiriert. Schon das „Liber scriptus“ ist enorm beeindruckend, weil die Verrett ihre Interpretation höchst dramatisch anlegt und sämtliche Tiefen des Textes höchst leidenschaftlich ausleuchtet. Der von ihr gestaltete Beginn des „Quid sum miser“ ist geradezu atemberaubend gut, gleiches gilt für ihre Anteile im „Lux aeternam“. Lediglich im „Lacrimosa“ verschwindet das – wie ich finde – natürliche Lamento etwas zu sehr hinter dem Anspruch, besonders eindringlich gestalten wollen.

      Kurz zurück zum „Quid sum miser“, das ich trotz der weitgehend überzeugenden Einzelleistungen der drei Solisten, als Ganzes nicht allzu gelungen finde. Abbado gelingt es m.E. nicht, das Schwingen dieses im 6/8-Takt stehenden Satzes herzustellen, sodass dieser – auf mich – etwas zu nüchtern wirkt. Die Niedergeschlagenheit und das Verzagen, von denen der Text spricht und das Orchester singt, wollen sich so beim Hörer (zumindest bei mir) nicht so recht einstellen. Zudem harmonieren Ricciarelli, Verrett und Domingo nicht immer gut (was sich natürlich auch auf die Klanglichkeit anderer Sätze – Recordare, Hostias etc. – auswirkt).

      Das „Rex tremendae“ setzt angemessen gewaltig ein,verliert aber zunächst aus tontechnischen Gründen an Reiz. Ich finde es nicht gelungen, die Solisten so vollständig hinter den Chor zurücktreten zu lassen, wie es hier der Fall ist. Verdis Idee der Verbundenheit aller Stimmen im Flehen um Errettung („Salva me“) wird so kaum noch deutlich.

      Das „Ingemisco“ gelingt Domingo insgesamt gut. Persönlich ziehe ich hier andere Stimmen vor, aber es wäre nachgerade albern, die Leistung Domingos nicht würdigen zu wollen. Auch hier klingt er nicht zu nasal, er hat seine Stimme voll im Griff, gestaltet ausdrucksstark und schlüssig. Ab und zu erliegt er – ich meine: leider – der Versuchung den ein oder anderen Ton anzuschleifen oder leichte Portamenti zum Einsatz zu bringen. Dadurch gehen die Schlichtheit und Naivität, die dem Satz m.E. innewohnen, etwas zu sehr verloren und die Grenze des Kitsches wird zwar ganz kurz, aber dennoch wahrnehmbar gestreift.

      Die Darstellung des „Offertorio“ krankt streckenweise an dem gleichen Problem wie das „Quid sum miser“: es will, sich hier (speziell in den ersten Minuten) kein Schwingen einstellen, sodass der Hörer zunächst Zeuge eines einigermaßen nüchternen Bittgesanges wird. Die ersten Takte des „Hostias“ gestaltet Domingo erst einmal enorm kopfig. Das klingt wirklich enorm gut, sehr sphärisch ein bisschen wie aus einer anderen Welt, auch wenn sich Domingo den ein oder anderen Schleifer erneut hätte sparen können. Wenig überzeugend gelingt dann der fast bruchartige Wechsel zur Bruststimme. Auch Ghiaurov hat man diesen Satz u.a. bei Karajan schon deutlich beteiligter singen hören. Die Ricciarelli durchweg wenig inspiriert, die Verrett hier nur „solide“. Gegen Ende zieht Abbado für meinen Geschmack zu stark an, sodass man zunächst meint, der Satz gehe nun mehr oder minder mittelmäßig seinem Ende entgegen. Doch dann urplötzlich einer der ganz großen atmosphärischen Momente der Aufnahme: das Wechselspiel bei den Textzeilen „Fac eas Domine, de morte transire ad vitam“. Kann man das schöner singen?

      Das „Sanctus“ ist angemessen festlich und nicht zu eilig. Leider klingen die Soprane im Piano-Abschnitt („Pleni sunt coeli“/“Hosanna“) viel zu scharf und deutlich zu laut.

      Das „Agnus Dei“ gefällt mir augrund der großen Schlichtheit, mit der Abbado hier musizieren lässt, gut, auch wenn die Ricciarelli sich an der ein oder anderen Stelle deutlicher zurücknehmen könnte.

      Der Beginn des „Lux aeternam“ ist wieder einer der großen Momente. Ghiaurov klingt hier eher blass (obwohl seine „Requiem aeaternam“-Rufe doch, finde ich, etwas durchaus Düsteres haben dürfen). Gerade aus dem wunderschönen „Cum sanctis tuis“-Einsatz (T. 68 ff.) kann so ein wunderbar lyrischer Moment werden – und Ghiaurov hat das auch immer wieder schön gesungen. Hier jedoch kommt er über die „solide“ Leistung nicht hinaus. Faszinierend klingen jedoch die Holzbläserpizzicati, die ich an diese Stelle nicht oft so prominent gehört habe.

      Schließlich das „Libera me“, die große Stunde der Sopranistin. Wie höchst unterschiedlich kann man allein schon den psalmodierenden Beginn singen! Katia Ricciarelli beginnt hochdramatisch-angespannt und gestaltet den gesamten ersten Abschnitt von nervös-verzweifelter Vorahnung durchdrungen. Im A-capella-Abschnitt findet sie kaum in eine
      ruhige Art der Darstellung. Vielmehr wirkt ihre Darstellung so, als müsse man sie mit Gewalt dazu zwingen, sich zurückzuhalten. Schade ist, dass hier manch ein Spitzenton (speziell das hohe b am Schluss) nicht so recht schön sitzt. Unmittelbar nach der „Pausa lunga“ ist die Ricciarelli wieder in ihrem Element. Die Fuge nimmt Abbado in zügigem
      Tempo, mit einem ganz starken, auf der Entwicklung hin zum Höhepunkt liegenden Fokus, dessen Entladung (T. 381 ff. tutta forza) auf dem (leider etwas schrillen) hohen c der Ricciarelli schon Eindruck macht.

      Insgesamt eine – wie ich meine – mit Abstrichen gelungene Aufnahme, die aber nicht aus der reichhaltigen Konkurrenz herauszustechen vermag.

      :hello Agravain
      :hello Agravain

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von agravain ()