Franz Schubert: Streichquartett Nr. 14 d-Moll D 810 "Der Tod und das Mädchen"

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    • Aus Wiki:

      Als absolute Musik hat das Quartett d-Moll programmatisch nichts mit dem Titel zu tun. Das bedeutet, dass hierin nicht etwa der Tod oder das Mädchen musikalisch geschildert werden, sondern der Ablauf rein nach innermusikalischen Gesetzen und Ausdrucksformen gestaltet ist.


      Und zum II. Satz:

      Das Thema nimmt im ersten Teil die achttaktige Einleitung von Schuberts Lied „Der Tod und das Mädchen“ auf,


      Ich persönlich finde hier, dass das Cover mit dem Sensenmann und dem Mädchen ein bisschen irreführend ist, weil das Quartett lediglich den Beinamen "Der Tod und das Mädchen" trägt, inhaltlich aber nichts damit zu tun hat.


      EDIT: vielleicht wäre das mit der Situation vergleichbar, dass jemand ein Streichquartett komponiert, und in einem Satz ein paar Takte aus dem Triumphmarsch aus "Aida" musikalisch verarbeitet - und das Quartett bekommt dann den Titel "Aida-Quartett" und auf dem Cover sieht man vielleicht eine Opernszene aus "Aida".

      LG,
      Hosenrolle1

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Hosenrolle1 ()

    • Original von Hosenrolle1
      Aus Wiki:

      Als absolute Musik hat das Quartett d-Moll programmatisch nichts mit dem Titel zu tun. Das bedeutet, dass hierin nicht etwa der Tod oder das Mädchen musikalisch geschildert werden, sondern der Ablauf rein nach innermusikalischen Gesetzen und Ausdrucksformen gestaltet ist.


      Und zum II. Satz:

      Das Thema nimmt im ersten Teil die achttaktige Einleitung von Schuberts Lied „Der Tod und das Mädchen“ auf,


      Ich persönlich finde hier, dass das Cover mit dem Sensenmann und dem Mädchen ein bisschen irreführend ist, weil das Quartett lediglich den Beinamen "Der Tod und das Mädchen" trägt, inhaltlich aber nichts damit zu tun hat.


      EDIT: vielleicht wäre das mit der Situation vergleichbar, dass jemand ein Streichquartett komponiert, und in einem Satz ein paar Takte aus dem Triumphmarsch aus "Aida" musikalisch verarbeitet - und das Quartett bekommt dann den Titel "Aida-Quartett" und auf dem Cover sieht man vielleicht eine Opernszene aus "Aida".

      LG,
      Hosenrolle1


      Hier wäre ich vorsichtig. Nicht alles, was in der Wikipedia steht, ist korrekt. Das verwendete Lied hat für das Quartett eine ziemliche Tragweite, immerhin macht Schubert doch daraus einen seiner berückendsten Variationssätze.

      Es ist augenfällig, wenn man beides mal vergleicht. Hier das Lied:

      Und hier das Thema im zweiten Satz des Streichquartetts:


      Es sind gerade mal die 11 Takte im schnelleren Tempo, die im Streichquartett nicht verarbeitet werden, fast der komplette Pavanenteil wird übernommen. Von wegen nur die Einleitung!!
      Für Schubert ist dieser Pavanenrhythmus übrigens öfters mit Todesthemen verbunden.

      Die langsamen Sätze scheinen mir überhaupt bei Schubert oft die stärksten zu sein, weil er sich dort auch oft so extrem reduziert (Paradebeispiel wäre das Streichquintett, überhaupt ein unglaubliches Meisterwerk). Mir scheint auch hier, dass von der Schubertschen erdigen Lyrik des langsamen Satzes viel ausstrahlt in die anderen Sätze. Nicht umsonst wurde auch die Tonart des Liedes übernommen.

      Lies Dir mal den englischen Eintrag der Wikipedia dazu durch, der behauptet nämlich, das Thema des zweiten Satzes sei in allen vier Sätzen zu spüren! Interessant, nicht?
      Also: das Cover passt!

      Herzliche Grüße
      Satie
      "...the only logical starting point for a genuine creative art of music -- the ear, and the manifold delights and stimuli that the ear, in conjunction with the experienced mind, can find in the exercise of imagination."
      Harry Partch
    • Original von Satie
      Das verwendete Lied hat für das Quartett eine ziemliche Tragweite, immerhin macht Schubert doch daraus einen seiner berückendsten Variationssätze.


      Hmm, ich bin da immer noch skeptisch; wäre das Quartett noch "absolute Musik", wenn es ein "Thema" hätte, oder eine Handlung oder Personen, Gegenstände, etc. schildert?

      Ich sehe die Verwendung des Themas aus dem Lied eher als "Materialverarbeitung" (im positiven Sinne gemeint!). Vielleicht hat Schubert eine für ihn passende Stelle aus seinem Lied genommen, um sie musikalisch zu verarbeiten.

      Daneben kommt, wenn ich das richtig gesehen habe, diese Musik auch nur im 2. Satz vor, sie beherrscht nicht das ganze Stück.

      (Ich erarbeite mir momentan immer noch den I. Satz, was eine Zeit dauert, die anderen habe ich noch nicht so oft gehört, vielleicht 2 oder 3x)

      Deswegen fand ich, dass das Cover vielleicht, trotz des Beinamens und trotz der Verwendung (danke für die Notenbeispiele!) des Liedes ein wenig falsche Erwartungen wecken könnte.

      Als ich das Stück zum ersten Mal hörte, kannte ich nur den Titel, und ich muss gestehen, dass ich ebenfalls dachte, dass hier eine Handlung geschildert wird, dass hier das Mädchen und der Sensenmann musikalisch beschrieben werden, und versuchte auch entsprechend meiner Erwartung etwas diesbezügliches in der Musik zu entdecken.

      Das war, bevor ich etwas über "absolute Musik" wusste und bevor ich etwas über die Entstehlungsgeschichte wusste.




      LG,
      Hosenrolle1
    • Original von Hosenrolle1
      Hmm, ich bin da immer noch skeptisch; wäre das Quartett noch "absolute Musik", wenn es ein "Thema" hätte, oder eine Handlung oder Personen, Gegenstände, etc. schildert?


      Nein, per Definition nicht. Aber es gibt ja nicht nur Programmmusik und absolute Musik (letztere ist sowieso ein ganz strittiges Thema). Hier denke ich aber, man spürt eben die Aura des Liedes, und dieses hat ein (bildliches) Thema. Das strahlt schon auch auf das Ganze Stück aus, finde ich. Im Scherzo sehen viele eine "Danse macabre", eine gewisse melodische Parallele zum Lied ist auch im Mittelteil des Scherzos vorhanden.
      Der letzte Satz ist eine Tarantella, und die wird durchaus auch als rasender Todestanz angesehen (also natürlich sind das alles Interpretationen, ich finde aber, sie sind stimmig). Es gibt hier auch ziemlich deutliche Erlkönig-Anklänge. Insgesamt hat das Stück für mich schon etwas Makabres, allein der furiose Schluss erinnert an den Tod als wilden Fiedler.

      Man kann nicht einfach von "Material" sprechen. Ein Komponist hat dazu immer ein ganz anderes Verhältnis (na gut, die meisten Komponisten, gerade in zeitgenössischer Musik ist die Ästhetik natürlich oft eine ganz andere), außerdem darf man nicht vergessen, dass "Der Tod und das Mädchen" genau wie der Totentanz ein Kunstgeschichtlicher Topos ist. Musikalische Topoi gibt es genauso, und die haben halt ihre Konnotation. Die sind nie wirklich absolut, das hieße ohne jeden außermusikalischen Einfluss, so eben beispielsweise die Tarantella am Ende.

      Und jetzt kommt mein großes ABER: es ist vollkommen wurscht, ob man all diese Dinge kennt oder hört oder ob man sich vom Bild leiten lässt. Ein großes Stück Musik wie dieses steht letztlich über diesen Fragen und erschließt sich interessanterweise aus jeder Art des Betrachtung. Vielleicht wäre das eine Definition für ein Meisterwerk.
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      Harry Partch
    • Durch dieses Interview mit der Violinistin Julia Fischer bin ich auf Schuberts D.810 überhaupt aufmerksam geworden.

      br.de/radio/br-klassik/sendung…ist-das-groesste-100.html

      Bitte geht auf 2:16.

      Durch meine Beschäftigung mit Schuberts Autograph weiß ich nun, dass derselbe an dieser Stelle gespielte Ausschnitt für das Cello Portato notiert und NICHT Legato.

      Nachdem ich nun auch mehrere Aufnahmen kenne, höre ich diesen Ausschnitt natürlich anders als beim ersten Mal, und ich bilde mir ein, dass, unabhängig davon ob einem die Interpretation als Ganzes gefällt, das Cello hier tatsächlich Portato spielt. Sehe ich das richtig?




      LG,
      Hosenrolle1
    • Kein Ausschnitt aus einem kritischen Bericht (für den es einen eigenen Thread gäbe), sondern aus dem Vorwort meiner Henle Ausgabe, der die ganze Interpretation betrifft, keine Spieltechniken oder einzelne, bestimmte Takte.

      Bei Gegenüberstellung von Triolen und punktierten Rhythmen wird die 2. Note der punktierten Figur entsprechend ihrem Wert hinter die 3. Triolennote gesetzt. Die Frage, ob die Notierungsweise in den Quellen eine triolische Ausführung nahe legt, lässt sich nicht klären. Die Notierung ist ungenau und gibt keinen eindeutigen Hinweis auf die Ausführung. Es bleibt daher dem Spieler überlassen, ob er die punktierte Note gleichzeitig mit der letzten Triolennote spielen will.



      Ein interessanter Punkt, dem sich die Interpreten des Werkes stellen müssen!

      Eine solche Stelle fällt mir spontan ein:



      Welche Erfahrungen habt ihr hier gemacht bei euren Aufnahmen?




      LG,
      Hosenrolle1
    • Das Liedthema des langsamen Satzes höre ich zwar nicht explizit in den anderen Sätzen, aber dass die "Todes-Stimmung" auf die anderen ausstrahlt, finde ich durchaus nachvollziehbar. Jedenfalls hat das Lied m.E. mehr Bedeutung für das Quartett als "Die Forelle" oder "Rosamunde" für die entsprechenden Werke. Daher finde ich die übliche Benennung nicht grob irreführend, selbst wenn man auch nicht zu viel hineininterpretieren sollte.

      Nun sind bei diesem Werk (und einigen anderen späten Schuberts) freilich alle Sätze sehr stark. Aber dass im langsame (bzw. meist eher mäßig gehende andante-)Sätze und Variationen besonders lagen, kann ich nachvollziehen. Der eher breiten, melodischen Kompositionsweise kommen diese Sätze entgegen, während manche schnelle Schubertsätze m.E. "zu leicht" (im Werkkontext) wirken oder etwas zu ziellose in die Breite gehen können.
      Und während sich Schubert im Kopfsatz und vielleicht auch dem 3. Satz recht deutlich im Gestus an Beethoven (Klopfmotiv aus der 5. Sinf. und Appassionata, ebenso dürfte das f-moll-Quartett ein Einfluss gewesen sein) anknüpft, ist der Variationensatz sehr "schubertsch".
    • Naja, schon in dem Gedicht/Lied ist das natürlich keine "konkrete Handlung", sondern sozusagen ein "Memento Mori"-Bild. Dass Schuberts gesamtes Quartett ein sehr düsteres Werk ist, wird wohl kaum jemand bestreiten. Die "Aufhellungen" in den Seitenthemen, den Dur-Abschnitten des Variationensatzes und dem Trio des 3. Satzes sind immer nur vorübergehend, das Finale, wie schon gesagt wurde, ein rasender "Totentanz". Es ist schon ein wenig mehr als bloße "Stimmung", weil bestimmte musikalische "Gesten" in einem Kontext, der über das Werk hinausgeht, so etwas wie eine Bedeutung bekommen haben.
      Etwa der langsame Schreitrhythmus, der sich nicht nur in diesem langsamen Satz (und dem entsprechenden Lied) findet, sondern in zig anderen Schubertsätzen (z.B. im a-moll-Quartett, oder dem Lied "Das Wirtshaus" aus der Winterrreise), oder eben auch im 2. Satz von Beethovens 7. Sinfonie (der auch sehr schnell als "Leichenzug" gedeutet und später sogar mit entsprechenden Texten für Chor bearbeitet wurde) usw.

      Da Du Dich meistens eher monomanisch auf ein Werk konzentrierst, fehlt Dir leider dieser Hintergrund. Du würdest ziemlich sicher mehr von dem Stück haben, wenn Du dir zB Schuberts a-moll-Quartett und ein paar andere seiner Werke oder eben auch Beethovens Quartette und Sinfonien mal anhören würdest, anstatt Vergleiche einzelner Passagen zwischen den Druckausgaben und dem Autographen anzustellen. (Du machst sozusagen die Doktorarbeit, ohne ein Grundstudium absolviert zu haben...)
      Warum auch immer, folgst Du anscheinend normalerweise einem extremen "Zweige und Blättchen"-Ansatz, daher fällt es schwer die Bäume zu sehen, erst recht den Wald oder die Landschaft.
    • Naja, schon in dem Gedicht/Lied ist das natürlich keine "konkrete Handlung", sondern sozusagen ein "Memento Mori"-Bild. Dass Schuberts gesamtes Quartett ein sehr düsteres Werk ist, wird wohl kaum jemand bestreiten. Die "Aufhellungen" in den Seitenthemen, den Dur-Abschnitten des Variationensatzes und dem Trio des 3. Satzes sind immer nur vorübergehend, das Finale, wie schon gesagt wurde, ein rasender "Totentanz". Es ist schon ein wenig mehr als bloße "Stimmung", weil bestimmte musikalische "Gesten" in einem Kontext, der über das Werk hinausgeht, so etwas wie eine Bedeutung bekommen haben. Etwa der langsame Schreitrhythmus, der sich nicht nur in diesem langsamen Satz (und dem entsprechenden Lied) findet, sondern in zig anderen Schubertsätzen (z.B. im a-moll-Quartett, oder dem Lied "Das Wirtshaus" aus der Winterrreise), oder eben auch im 2. Satz von Beethovens 7. Sinfonie (der auch sehr schnell als "Leichenzug" gedeutet und später sogar mit entsprechenden Texten für Chor bearbeitet wurde) usw.


      Das leuchtet mir soweit ein. Interessant wäre jedoch, ob das Quartett nicht theoretisch auch "Der Tod" oder so ähnlich heißen könnte, also ohne Mädchen dazu, denn das Mädchen höre ich gar nicht heraus. (Der fröhliche Teil im 1. Satz erinnert mich viel zu sehr an einen Tanz, mit den Wechselbässen im Cello)

      Da Du Dich meistens eher monomanisch auf ein Werk konzentrierst


      Wie muss ich das verstehen?

      fehlt Dir leider dieser Hintergrund. Du würdest ziemlich sicher mehr von dem Stück haben, wenn Du dir zB Schuberts a-moll-Quartett und ein paar andere seiner Werke oder eben auch Beethovens Quartette und Sinfonien mal anhören würdest,


      Ich bin eigentlich kein Freund von Streichquartetten, weil die mich - ohne Streichquartettfans zu nahe treten zu wollen - ob der fehlenden anderen Klangfarben schnell langweilen. Das gilt aber auch etwa für Solokonzerte für Clarinette, Flöte, etc.
      Irgendwann möchte ich andere Klangfarben hören, die ein Orchester bietet.

      Dieses Streichquartett ist für mich eine absolute Ausnahme, es gibt keinen Punkt wo ich mich eher langweile, mir gefallen die Melodien und die "Begleitstimmen" dazu.
      Mir macht das Stück aber sehr viel Freude, auch ohne diese "Vorkenntnisse", wenn man so möchte. Ich muss gestehen, dass ich das gesamte Stück erst 1x gehört habe, weil ich mich immer noch mit dem 1. Satz beschäftige und versuche, ihn so gut es geht auswendig zu lernen, mit seinen Eigenheiten, Begleitstimmen etc.

      Wenn ich beispielsweise die HUG Ouvertüre höre, dann bin ich soweit dass ich ohne Partitur denken kann "Jetzt spielen gleich das Horn und das Cello zusammen, wobei das Cello zuerst auf der 1. Viertel eine Oktave höher spielt um dann hinunterzufallen" - und dann kann ich darauf auch besonders achten. Ich denke es mir selbstverständlich nicht in solchen Sätzen, man weiß es einfach. Und das möchte ich beim Schubert jetzt auch tun, was natürlich Zeit braucht.

      Dazu muss ich aber auch sagen, dass ich die anderen beiden Sätze deswegen nicht mehr gehört habe, weil ich da die Henle-Partitur noch nicht hatte, und ich keine fehlerhafte Version zum Mitlesen haben wollte. Deswegen lieber warten und dann hören.

      Hinzufügen möchte ich noch, dass ich bei meinen Lieblingsopern aber sehr wohl auch genauer über Entstehungsgeschichten etc. lese, also möglichst viel Sekundärliteratur.

      anstatt Vergleiche einzelner Passagen zwischen den Druckausgaben und dem Autographen anzustellen. (Du machst sozusagen die Doktorarbeit, ohne ein Grundstudium absolviert zu haben...)


      Naja, Doktorarbeit finde ich zu hoch gegriffen. Ich analysiere ja nichts musiktheoretisches, sondern folge den kritischen Hinweisen um sie selbst in Vergleichen zu überprüfen. Ich finde das generell interessant, weil es zeigt, wie viele Fehler verschiedene Ausgaben beinhalten (können). Gleichzeitig ist das Ganze eine Art Produkttest, so dass der Leser anhand der Vergleiche sich selbst ein Bild davon machen kann, welche Version er sich zulegt, so er das möchte.




      LG,
      Hosenrolle1
    • Ich glaube, was Wooster meint, ist, dass man nicht die einzelnen Partikel betrachten sollte, sondern größere Zusammenhänge, sowohl im Stück als auch außerhalb des Stücks.
      Wenn man nur eine Handvoll Eicheln hat und diese aufschneidet, dann kann man zwar genau sehen, was da drin ist, man weiß aber nicht, wie die Eiche aussieht oder wo diese steht oder gar, wie es ist, im Wald zu stehen.
      Es gibt in der Musik einen ganzen Haufen Topoi, solche, die allgemein eine Gültigkeit haben (beispielsweise ein Lamento-Bass) oder solche, die man in einer bestimmten Konnotation sehen muss (die Pavane bei Schubert ist anders als bei Tilman Susato).
      Du machst beispielsweise gerne den Fehler, Akkorde einzeln zu untersuchen, statt sie in einen tonalen Zusammenhang zu stellen. Das ist nicht schlimm, aber es verhindert das Verständnis des großen Zusammenhangs. Es ist ein wenig so, als wollte man einen Roman verstehen, indem man einzelne Sätze nimmt und sagt: ok, hier haben wir das Verb, hier das Adjektiv, hier den Artikel, der Casus ist der Genitiv, die Zeitform das Präsens... etc., ohne dass man schaut, wer hier mit wem spricht, worüber, welches Bild evoziert wird undsoweiter.
      Es ist leider sogar so, dass man an den Hochschulen teilweise auch so verfährt. Man übt endlos, alles zu sezieren und zu bezeichnen. Das ist als Übung zwar nicht verkehrt, aber das ist nur deskriptiv, so als würde man einem Blinden sagen, was alles auf einem Bild zu sehen ist: da ist eine Frau, die sitzt und frontal uns zulächelt. Dahinter ist eine Landschaft zu sehen. Die Frau ist soundso alt und hat ein sowiesofarbenes Kleid an etc. Das taugt als Fahndungsprofil, lässt uns aber nicht die Mona Lisa erkennen, oder? Das geht nur, wenn man das ganze Bild sieht.

      Mit der Gattung Streichquartett hat das alles nicht so viel zu tun. Diese Topoi, die ich meine durchziehen die gesamte Musikgeschichte und sind nicht gattungsspezifisch. Es ist nicht uninteressant, die Unterschiede in gedruckten Ausgaben zu zeigen. Diese sind aber eher relevant für die Interpretation im Sinne der "korrekten" Ausführung. Ein Bild des Werks vermitteln sie natürlich nicht, das ist ja wohl auch kaum der Anspruch dabei.

      Mich würde einmal interessieren, ob Du Dir die Frage beantworten kannst, warum Dich das Seitenthema des ersten Satzes so sehr anspricht. Ich glaube - abgesehen vom spontanen Gefallen oder Missfallen - kann man durchaus Begriffe dafür finden (persönliche, keine Fachbegriffe).

      Herzliche Grüße
      Satie
      "...the only logical starting point for a genuine creative art of music -- the ear, and the manifold delights and stimuli that the ear, in conjunction with the experienced mind, can find in the exercise of imagination."
      Harry Partch
    • Du kannst das natürlich machen, wie es Dir Spaß macht.

      Aber wenn Du, anstatt dutzende winzigster Details in Hänsel und Gretel, Freischütz und vereinzelten anderen Werken zu "analysieren", mal EIN EINZIGES einführendes Buch oder Kapitel eines Buches zur Sonatenform in Sinfonien, Quartetten usw. gelesen hättest, würdest Du Dich zB nicht fragen, ob es irgendwas besonderes ist, wenn ein Seitenthema in einem d-moll-Satz zuerst in F-Dur und später in D-Dur auftaucht. Das steht vermutlich in jedem einspaltigen Artikel eines allgemeinen (nicht einmal Musik-)Lexikons zur Sonatenhauptsatzform drin.

      Und in vielen ausführlicheren Kommentaren zu D 810 stünde auch etwas über die Konnotationen, die der Viertel-2Achtel-Viertel-Viertel usw. Rhythmus bei Schubert hat usw.

      Du stürzt Dich auf Details, die Du oft kaum einordnen kannst, weil Dir so viel Hintergrund fehlt. Dieser Hintergrund ist zwar nicht von heute auf morgen, aber doch relativ schnell, durch Lektüre und etwas breiteres Hören zu bekommen. Und mir schiene es für ein "tieferes" Erleben von Musik weit sinnvoller, solch einen Hintergrund aufzubauen, anstatt sich auf, oft eher bedeutungslose Details zu stürzen, wie Artikulationsfeinheiten. Das ist alles auch interessant, aber meistens erst lange nach anderen, fundamentaleren Dingen.

      Das macht leider die Interaktion etwas frustrierend, weil Du einzelne Details beinahe besser kennst als Experten, man aber so gut wie keine breiteren Kenntnisse voraussetzen kann.
    • "Ich glaube, was Wooster meint, ist, dass man nicht die einzelnen Partikel betrachten sollte, sondern größere Zusammenhänge, sowohl im Stück als auch außerhalb des Stücks. Wenn man nur eine Handvoll Eicheln hat und diese aufschneidet, dann kann man zwar genau sehen, was da drin ist, man weiß aber nicht, wie die Eiche aussieht oder wo diese steht oder gar, wie es ist, im Wald zu stehen. Es gibt in der Musik einen ganzen Haufen Topoi, solche, die allgemein eine Gültigkeit haben (beispielsweise ein Lamento-Bass) oder solche, die man in einer bestimmten Konnotation sehen muss (die Pavane bei Schubert ist anders als bei Tilman Susato)."


      Ja, das sind interessante und wissenswerte Dinge; wie gesagt, ich finde Sekundärliteratur etc. ebenfalls sehr hilfreich.

      Das Problem für mich dabei ist, dass das natürlich auch aufwändig ist, und schlussendlich würde es sich für mich persönlich nicht wirklich lohnen, mich in Schuberts Schaffen, oder in das Schaffen von von Schubert gemochten Künstlern einzulesen/einzuarbeiten, weil mir an sich nur dieses eine Werk wirklich gefällt.
      Ich bin ja mit meinen Opern und den paar Instrumentalstücken, die mir gefallen, schon voll bedient.

      Ohne damit jemanden vor den Kopf stoßen zu wollen, ich versuche das Quartett dennoch möglichst als "absolute Musik" zu sehen, mit Themen, Themenverarbeitung, Begleitung etc., nicht aus zweifelsohne interessanten und sicher auch für das Verständnis wichtigen Kontexten heraus.

      Mich würde einmal interessieren, ob Du Dir die Frage beantworten kannst, warum Dich das Seitenthema des ersten Satzes so sehr anspricht. Ich glaube - abgesehen vom spontanen Gefallen oder Missfallen - kann man durchaus Begriffe dafür finden (persönliche, keine Fachbegriffe).


      Ja, beim ersten Hören gefiel mir die Melodie gut, die da (in Sexten? bin mir jetzt nicht sicher) durch die zweite Geige verdoppelt wurde.

      Als ich mir die Noten ansah gefiel es mir noch besser: zu der breiten, legato gespielten Melodie kommen diese antreibenden Triolen der Bratsche und diese Schübe des Cellos, die gemeinsam sozusagen im Untergrund pulsieren.

      Aber auch das restliche Stück gefällt mir sehr gut, nicht nur diese Melodie, für mich haben die alle Ohrwurmcharakter; zumindest kann ich sie nachsummen, wenn ich es wollte.




      LG,
      Hosenrolle1
    • Original von Hosenrolle1
      und schlussendlich würde es sich für mich persönlich nicht wirklich lohnen, mich in Schuberts Schaffen, oder in das Schaffen von von Schubert gemochten Künstlern einzulesen/einzuarbeiten, weil mir an sich nur dieses eine Werk wirklich gefällt.



      Kennst Du denn überhaupt viel von Schubert, z. B. auch die anderen späten Quartette??

      Wenn Dir das d-moll-Quartett gefällt, höre Dir doch auch einmal den Quartettsatz in c-moll an, der müsste dir eigentlich auch zusagen (und hat auch ein schönes 2. Thema! :wink :(

      youtube.com/watch?v=_kExE2br0jM

      Leider hat Schubert dieses Quartett dann nicht weitergeführt...
      zwischen weißem rauschen und nichtton

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von EinTon ()

    • Hab mir den Link gerade angehört.

      Leider gefiel mir das Quartett überhaupt nicht, es war keine Stelle dabei, die ins Ohr gegangen wäre, oder die ich interessant fand. Im Gegensatz zum D 810, da war ich von jeder Stelle "gefesselt", wenn man so möchte.

      Jedoch, ein paar interessante Effekte waren drin, ich werde mir mal die Begleitung im Seitenthema ansehen. Ich glaube, dass da Triolen gespielt werden, aber mal schauen. Auch wie der Anfang notiert ist würde mich interessieren.

      EDIT: muss aber ergänzend dazu sagen, dass mir auch die anderen Werke von R. Strauss (Ausnahme: Alpensinfonie - Elektra weiß ich noch nicht) nicht gefallen. Rosenkavalier finde ich schrecklich, Konzerte für Soloinstrumente recht langweilig. Auch von Humperdincks anderen Kompositionen bin ich nicht wirklich begeistert. Was mir wirklich gefällt ist eine Nummer aus einem Shakespeare-Stück von ihm, die ich mal zufällig im Radio mitgeschnitten habe, aber nicht weiß, von wo sie ist.


      LG,
      Hosenrolle1

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Hosenrolle1 ()

    • Original von Hosenrolle1
      Hab mir den Link gerade angehört.

      Leider gefiel mir das Quartett überhaupt nicht, es war keine Stelle dabei, die ins Ohr gegangen wäre, oder die ich interessant fand. Im Gegensatz zum D 810, da war ich von jeder Stelle "gefesselt", wenn man so möchte.



      Kann ich zwar ehrlich gesagt nicht nachvollziehen, aber ok...

      Dann versuche es doch einmal mit den beiden anderen "berühmten" Quartetten von Schubert, Nr. 13 in a-moll ("Rosamunde"):

      youtube.com/watch?v=JGO_qd4PTh4

      oder seinem letzten Streichquartett, Nr 15. in G-Dur:

      open.spotify.com/album/0NAaT1aO8jwZL4uJU6R3Gk (auf CD 2 zu finden).

      Gruß,

      Normann
      zwischen weißem rauschen und nichtton

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von EinTon ()

    • Ich habe mir jetzt mal den ersten Satz von Rosamunde angehört - leider auch nichts für mich, ich fand das Thema nicht wirklich ansprechend, und auch sonst fand ich es eher eintönig. Diesmal war auch keine Stelle dabei, wo ich gesagt hätte, dass ich mir das mal in der Partitur ansehen möchte.

      Ich weiß nicht, es hat nur bei D 810 wirklich eingeschlagen bei mir, ich finde das Stück abwechslungsreich, melodiös, spannend.

      Mir ging es bei Brahms Sextett op. 18 aber auch nicht anders. Besonders der erste Satz ist für mich herrlich. Danach habe ich mir andere Streichquartette oder Sextette angehört, aber mit dem gleichen Ergebnis wie oben: es gefiel mir nicht mehr, und ich war eher enttäuscht.

      Aber es ist eh besser, wenn mir die anderen Werke nicht gefallen, eine kritische Ausgabe zu einem Streichquartett reicht ja erst mal :D




      LG,
      Hosenrolle1
    • Weil ja hier auch kurz von der "Rosamunde" die Rede war: ich habe gesehen, dass der Henle-Verlag dieses Werk auch bald rausbringt, es steht "In Vorbereitung".

      Dabei stand auch, dass das Autograph zu verschollen ist, und die einzige Quelle nur die Erstausgabe ist.

      Nach meinen bisherigen Erfahrungen mit dem Vergleich der Erstausgabe und dem Autograph von D810 will ich nicht wissen, was für Fehler da enthalten sein werden .... bin ich froh, dass mir die Rosamunde nicht gefällt, denn das Hören würde mir keinen Spaß machen, wenn ich weiß, dass das, was ich da höre, Schubert womöglich gar nicht so notiert hat.

      :A




      LG,
      Hosenrolle1