Bruckner: Symphonie #4 Es-Dur "Romantische"

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    • Auch ich habe seinerzeit über die Vierte (und zwar – eher zufällig – mit Denis Zsolnay) den Zugang zu Bruckner gefunden. Mir gefällt dieses Werk nach wie vor, und ich kann es immer noch ganz gut genießen, ohne mir die vom Komponisten skizzierten programmatischen Bezüge zu vergegenwärtigen.
      Ich finde die Vierte an keiner Stelle "lasch", es ist für mich durchaus der ganze, "echte" Bruckner, und daß sie wegen einer stellenweise markanten Eingängigkeit die bekannteste, populärste Symphonie von Bruckner geworden ist, ist ja kein Makel.
      Wenn ich mich entscheiden müßte, würde ich aber doch eingestehen, daß ich – bei aller Wertschätzung der Vierten –, der Dritten, Achten und Neunten den Vorrang gebe.

      Obwohl ich auch die Symphonien von Brahms schätze, mit Abstand am meisten von ihnen die dritte, spricht mich alles in allem die Brucknersche Symphonik mehr an (übrigens mag ich auch den Menschen Bruckner, das ist für meine Wertschätzung vielleicht nicht völlig ohne Bedeutung ...).

      Beste Grüße,
      Sarastro
      "Ich hätte das nicht so gemacht!" (Kozeluch zu Mozart über ein Haydn-Quartett). "Ich auch nicht! Und wissen Sie warum? Weil weder Sie noch ich auf diesen Einfall gekommen wären."
    • Original von Sarastro
      Auch ich habe seinerzeit über die Vierte (und zwar – eher zufällig – mit Denis Zsolnay) den Zugang zu Bruckner gefunden.


      Off topic: Wieder einmal eine Möglichkeit, um auf Mahlers 1., Der Titan, unter Denis Zsoltay aufmerksam zu machen, die er mit der Süddeutschen Philharmopnie aufgenommen hat: mein Geheimtipp!
      Seine Bruckner fiel mir leider nie in Hände...
      Gruß, ab

      Wissen ist Beschreiben können.
      (Rudolf Arnheim)
    • Bruckner 4 mit Karajan

      Hallo Uhlmann,

      in deinem Startbeitrag hast Du Deine zahlreichen Aufnahmen der Sinfonie Nr.4 vorgestellt.
      Ich selber bin mit der Jochum-GA aufgewachsen (auf DG-LP) und habe die wunderbare Sinfonie Nr.4 auch mit Jochum kennen und schätzen gelernt.

      Bisher habe ich nicht wenige Interpretationen gehört - aber fast alle finde ich langatmig, zu ausgewalzt, mit zu wenig Esprit.
      Auch Solti, den ich bei Bruckner aufs höchste schätze, sagt mir bei Bruckner 4 im Vergleich zu den anderen Sinfonieeinspielungen am wenigsten zu - IMO die einzig schwache Aufnahme bei der Solti-GA.

      :engel Die einzige Aufnahme, die bei mir richtig gut ankommt ist

      Karajan / Berliner PH (DG, 1976, ADD),
      die ich nach Jochum zu meiner größten erbaulichen und positiven Überraschung auf CD kaufte (wie alle weiteren Bruckner-Sinfonien mit Karajan auf CD (alle als Einzel-CD)).
      Es ist die Aufnahme der Sinfonie Nr.4 von 1976, die auch in der GA enthalten ist:


      Karajan hat noch zwei Ältere bei DG und EMI im Repertoire.

      :hello Kennst Du oder ein anderer Klassikforianer diese Karajan-Aufnahme von DG 1976, die in der Kritik damals mit den Worten "wie aus Chrom und Stahl" beschrieben wurde ?


      Ich habe auch eine Kritik gefunden, deren Worte ich nachvollziehen kann :
      Es brodelt, es glüht, es ist spannend. Die 4te von Bruckner unter Karajan mit seinen Berlinern Phiharmonikern ist die dramatischste "Romantische", die ich persönlich kenne. Verglichen mit anderen Aufnahmen gibt es für mich keine Version, in der die orchestrale Perfektion eine untergründige und permanente Spannung derart hörbar ausstrahlt, wie diese. Die Entladung des Ganzen, besonders im Schlußsatz ist atemberaubend und fesselnd, ja fast schon explodierend. Die Tempi wie bei Karajan nicht selten, sind forsch gewählt, die Berliner Blechbläser, ein Highlight als solches, drücken diesem Werk ihren zusätzlichen, flammenden Stempel auf. Wer mehr zu kammermusikalischen und langsameren Interpretationen neigt, verbrennt sich allerdings hier die Finger und sollte vielleicht bei Celibidache oder Inbal fündig werden. ich werde bei der Karajan'schen Version bleiben, denn das ist Symphonik, das ist Kraft, das ist Leidenschaft und Emotionalität pur!
      Gruß aus Bonn

      Wolfgang
    • Bruckner hat sich nach seiner 2. Fassung der 4. Sinfonie Es-dur von1878-1880 erneut mit diesem Werk beschäftigt und eine weitere (3.) Fassung, in den Jahren 1887/88 erstellt, sie wurde in 1888 aufgeführt. Da das einzig erhaltene Partiturmanuskript von den Brüdern Schalk und F.Löwe stammt, jedoch mit Bruckners eigenhändigen Eintragungen und Änderungen, nahm die Musikwelt an, dass es sich nicht um reinen Bruckner handele. Der amerikanische Musikwissenschaftler Benjamin Korstvedt konnte jedoch das Gegenteil nachweisen und legte 2004 eine kritische Ausgabe dieser 3. Fassung vor. Die Gestalt der beiden ersten Sätze ist ziemlich identisch, Bruckner griff jedoch in die Instrumentierung ein und fügte Vortragsbezeichnungen ein, die vorher fehlten. Eingriffe nahm der Komponist im Scherzo ein, die Wiederholung ist nun nicht mehr wortwörtlich, sowie im Finale. Nähere detaillierte Angaben enthält das informative Beiheft von B.Korstvedt selbst auf dieser Neueinspielung:



      die ich hiermit empfehle. Der Autor schreibt auch, dass Furtwängler, Knappertsbusch und William Steinberg die 3. Fassung benutzten. Bei der Erstellung meiner Übersicht der "Romatischen" im Klassik-Prisma fiel mir dies bei Furtwängler und Kna bereits auf, ohne zu wissen, dass es sich um diese Version handelte. Mir fehlt(e) auch die Partitur der 3. Fassung, um genaues zu berichten.

      Gruß Amadé
    • RE: Urfassung hier: mit Inbal

      Liebe Bruckner-Freunde und Amade,

      beim Regenwetter im August hatte ich mir auch einen langgfassten Plan umgesetzt und endlich mal bei "Bruckner 4-Wetter" erstmalig die Urfassung von 1874 genossen, die besonders in den Sätzen 3 und 4 frapante Neuigkeiten bietet.

      Ich habe auf die empfohlene Inbal-Aufnahme zurückgegriffen und bin voll zufrieden. Was Inbal (APEX) bietet ist klanglich und interpretatorisch zum detailreichen Mitlesen und Hören geeignet und das Blech der Frankfurter ist einsame Klasse !


      APEX, DDD

      :) Eine Klasse Aufnahme und Interpretation die meinen Player, trotz meiner folgenden Vorbehalte, oft und gerne sehen wird:

      In der Urfassung höre ich sehr viel Neues und Ungewohntes.
      Die Sinfonie Nr.4 hält ja ohnehin ein verstecktes Programm bereit, weshalb gerde diese Vierte mir besonders sympathisch ist:

      1. Satz Naturstimmen aus dem Walde

      2. Satz Trauermarsch und elegische Momente

      3. Satz Jagdscherzo: "Während der Mahlzeit auf der Jagd" ist eine originale Überschrift in den Bruckner-Skizzen.

      Das Scherzo ist in der Spätfassung von 494 Takten auf 313 Takte verkürzt. Bruckner tat IMO gut daran um die ständige Wiederholung des Hornthemas nicht auf die Spitze zu treiben. Ich finde die kompaktere und gestraffte Fassung 1878 (10:43 mit Karajan) viel spannender als die etwas langatmigere Urfassung (13:10 mit Inbal) und das sowohl von der Intrumentation, wie vom Aufbau her.

      4. Volksfest (in der Urfassung); Wolfsschluchtromantik mit schauerlichen, strurmgepeitschten, vom tosen der Elemente durchgepeitschten Waldes (in der Fassung 1880).
      Die Urfassung ist ein komplett anderer Satz (616 takte) , als die neukomponierte Fassung des Satzes von 1880 (514 Takte). Während in der Urfassung ein heiteres Volksfest stattfindet mit turbulent heiterem Ausgang, ist bei der Neufassung von 1880 ein sturmgepeitschter packender Satz entstanden.
      :wink Bruckner hat wohl gemerkt, das mit dem diesem fabelhaften Themenmaterial mehr zu machen ist !
      Das geniale Hauptthema wird auch vom Kontrapunkt wesentlich aufgewühlter behandelt. Im 4.Takt des Hauptthemas ist eine Viertelpause - in der Urfassung wirkt diese leer und beinahe zu lang; in der Spätfassung wird das Thema und die Pause packend umspielt, in der Durchführung mit fetzigem Paukenschlag um in Takt 5 dann weiter anzuheizen. Bei Karajan und der Fassung 1880 (DG) bin ich bei dem Thema innerlich voll aufgewühlt/angespannt, bei Inbal (der gewiss nicht weniger packend agiert) und der Urfassung nehme ich das Thema sachlich auf - es hat nicht die Wirkung. Auch die Rückblicke auf Themen der Vorsätze sind wirkungsvoll eingebaut.

      Fazit:
      Das Verhältnis der Sätze zueinander finde ich 1880 auch zeitlich ausgewogener: 18:14 - 14:27 - 10:43 - 20:28 (mit Karajan).
      :engel Im Prinzip bin ich Bruckner hier für seine weit genialere Bearbeitung und Neukomposition des 4.Satzes von 1880 dankbar - da geht es richtig rund - und Karajan (DG, 1976; Fassung 1880, Robert Haas) steht dem in nichts nach.
      :beer Mich wundert daher nun weniger, dass auf diese 2.bzw.3.Fassung 1880 meist zurückgegriffen wird - es ist IMO die eindeutig bessere und packendere ...
      Gruß aus Bonn

      Wolfgang
    • Bruckner 4.Sinfonie - 3.Fassung

      Lieber teleton,

      wie ich Dich aus Deinen vielen Beiträgen hier im Forum einschätze, ist es mir klar, dass Du auf die 2. Fassung der 4. Bruckner und dabei auf die Karajan-Aufnahme von 1975 (Angabe in meinem Beiheft) voll abfährst.
      Mir gefällt sie insgesamt weniger als andere Interpretationen, da ich sie an einigen Stellen allzu vordergründig gespielt finde. Kennst Du auch die EMI-Aufnahme von 1970?

      Mir war es in meinem gestrigen Beitrag wichtig, auf die kaum bekannte 3. Fassung aufmerksam zu machen, die müsstest Du auch mal hören.

      Grüße Amadé
    • RE: Bruckner 4.Sinfonie - 2.Fassung

      Kennst Du auch die EMI-Aufnahme von 1970?


      Hallo Amade,

      wie es der Zufall wollte war am Sonntag in Bad Godesberg Flohmarkt. Solche Märkte interessieren mich nur für die CD-Stände !

      Und siehe da - ich konnte die Bruckner 4 mit Karajan (EMI, 1970, ADD) für ganze 2Euro ergattern.
      ( OT: Eine zweite CD war Poulenc mit Pretre und dem Orgelkonzert, das in seinen fabelhaften Poulenc-Aufnahmen auf der EMI-Doppel-CD immer fehlte.)

      Inzwischen habe ich die EMI-CD (in zwei Hördurchgängen) gehört. Die längeren Spielzeiten als bei DG, 1975 ließen mich vorab schon etwas vorahnen.
      Die Interpretation ist ebenfalls stark, aber klanglich vemisse ich dann doch einiges. Wenier wegen der klangqualität, die in Kritiken als "Klangliche Offenbarung"(siehe amazon) bezeichnet wird. Das Tempo ist mir vielfach zu gedehnt. Besonders der entscheidende 4.Satz ist in seiner 5Jahre späteren DG-Aufnahme dann doch "energischer", zupackender und pointierter. Die Berliner PH spielen wie aus einer anderen Welt - einfach wahnsinning bei DG !
      Kurz und Bündig:
      EMI soweit sehr gut - aber DG für mich absolut genial, wie da die Post abgeht.


      EMI, 1970, ADD

      Hier die Gegenüberstellung der Spielzeiten der Sinf.Nr.4:
      EMI - 20:48 - 15:38 - 10:41 - 23:05 = 70:14
      DGG - 18:14 - 14:27 - 10:43 - 20:28 = 64:11
      Gruß aus Bonn

      Wolfgang

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    • Bruckner 4 mit Karajan (DG)

      Ich möchte es mir nicht nehmen lassen auch die Abb der Einzel-CD dieser umwerfenden Aufnahme zu posten, sowie eine Rezension von
      Michael Becker, die es genau so ausdrückt wie ich es auch sehe:

      Es brodelt, es glüht, es ist spannend. Die 4te von Bruckner unter Karajan mit seinen Berlinern Phiharmonikern ist die dramatischste "Romantische", die ich persönlich kenne. Verglichen mit anderen Aufnahmen gibt es für mich keine Version, in der die orchestrale Perfektion eine untergründige und permanente Spannung derart hörbar ausstrahlt, wie diese. Die Entladung des Ganzen, besonders im Schlußsatz ist atemberaubend und fesselnd, ja fast schon explodierend. Die Tempi wie bei Karajan nicht selten, sind forsch gewählt, die Berliner Blechbläser, ein Highlight als solches, drücken diesem Werk ihren zusätzlichen, flammenden Stempel auf. Wer mehr zu kammermusikalischen und langsameren Interpretationen neigt, verbrennt sich allerdings hier die Finger und sollte vielleicht bei Celibidache oder Inbal fündig werden. ich werde bei der Karajan'schen Version bleiben, denn das ist Symphonik, das ist Kraft, das ist Leidenschaft und Emotionalität pur!


      Die Aufnahme gibt es in mindestens drei Ausgaben bei DG:
      1. Die DG-Einzel-CD aus der ersten DG-Hochpreis Serie (die habe ich).
      2. Auf DG - Galleria
      3. Jetzt auch in der DG-Serie Entree


      DG, 1975, ADD
      Gruß aus Bonn

      Wolfgang

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von teleton ()



    • Ich möchte gerne noch - wie eigentlich immer bei Bruckner - Giuseppe Sinopoli mit der Staatskapelle Dresden in den Ring werfen. Ich habe jetzt im Moment leider keine Zeit für eine längere und genauere Darstellung (Urlaubsvorbereitung :D), will aber versuchen in näherer Zukunft ein paar detailreichere Zeilen zu liefern.

      Für den Moment folgender Eindruck: herrlicher, sehr breit aufgefächerter Klang, in den Ecksätz wie im Scherzo/Trio zupackende, aber nicht gehetzte Tempi, im Adagio Mut zur kontemplativen Langsamkeit (Spielzeit: 16:00 Minuten). Insgesamt die Struktur betreffend gut durchhörbar, auch wenn's laut wird kein Klangbrei. Bruckner-Klang der Staatskapelle: spektakulär.

      Doch gibt es die ewig gleiche, mich immer mehr quälende Frage: Warum hat die DG sämtliche-Aufnahmen bis auf die Fünfte auslaufen lassen? Ich hoffe, meinen folgenden Verdacht bestätigt zu finden: Sinopoli ist 2011 seit einem Dezennium tot. Vielleicht soll es eine (preisgünstige?) Neuauflage der Bruckner-Symphonien (3-9) in einer Box geben? Das wär doch was!

      :hello Agravain

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