Debussy: die Préludes

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    • Original von Peter Brixius
      dazu Debussy selbst dazu nehmen, wo es denn eine Eihnspielung von ihm gibt.


      Von wann ist denn Deine Aufnahme von Debussys Piano-Rollen? Auf welchem Instrument wurde diese gemacht? Ist das Klavier eher nahe aufgenommen oder ist das Instrument mehr in einen Saal zurückversetzt worden?

      Danke! :hello
      Gruß, ab

      Wissen ist Beschreiben können.
      (Rudolf Arnheim)
    • Lieber ab,

      die Aufnahmen entstammen der Caswell-Collection. Die Rollen wurden auf einem Feurich-Welte Klavier aus dem Jahr 1923 abgespielt und von zwei historischen Neumann K 83 Mikrophonen in Stereo auf gezeichnet. Die Aufzeichnung wurde nicht weiter bearbeitet ("computerized"). Für meine Ohren hat sich ein natürlicher Klavierklang ergeben, mit ein wenig Raum, doch relativ nahe am Piano.

      Liebe Grüße Peter
      Ein ritter sô gelêret was daz er an den buochen las.
      (Hartmann von Aue)
    • Claude Debussy: Préludes - Premier Livre
      - Le Vent dans la plaine


      Der Wind in der Ebene - eine Drehfigur rotiert um sich selbst bis zum Rausch. Ein ungestümer Wind, mit gewaltsamen Sprüngen (die Fortepassage) und einer schnellen gleitenden Bewegung. Darin eine Kantilene in es-moll. Am Ende entgleitet uns der Wind: C-dur, Des-dur, D-dur Dreiklang, dann nur noch B - Ces - B, das B vibriert fort - Ende.

      Liebe Grüße Peter
      Ein ritter sô gelêret was daz er an den buochen las.
      (Hartmann von Aue)
    • Der Text, auf den sich Debussy bezieht, steht in dem Stück Ninette à la Cour von Favart. Dort gehört er zu der Ariette No.17


      Dans nos Prairies
      Toujours fleuries,
      On voit sourire
      Un doux zéphire;
      Le vent dans la plaine
      Souspend son haleine;
      Mais il s'excite
      Sur le côteaux;
      Sans cesse il agite
      Les orgueilleux ormeaux
      Il s'irrite,
      Sans cesse il agite
      Les ormeaux


      Liebe Grüße Peter
      Ein ritter sô gelêret was daz er an den buochen las.
      (Hartmann von Aue)
    • Claude Debussy: Préludes - Premier Livre
      - "Les sons et les parfums tournent dans l'air du soir"


      Die Anführungszeichen zeigen, dass dieses Klavierstück sich (wie das vorherige auf ein Gedicht Favarts) auf einen poetischen Text bezieht, hier auf Baudelaire. Bei solchen sprachlichen Bezügen sind die Assoziationen des Hörers konkreter, aber sie haben noch immer viel Raum. Ein blühender Garten der Töne, ein Garten, über dem ein betäubender Zauber liegt, der Zauber etwa Armidas. Und so ergibt sich ein Schwanken zwischen Realität und Erwartungen, ein Gespräch zweier Liebender mit Fragen und Antworten, eine Melodik voll Liebesgedanken, eiine reiche Harmonik, die an Blütenschwere denken lässt. Und dann kommt das eigenartige Schwimmen im Tempo. So viele Spielanweisungen habe ich nicht in den vorherigen Préludes gesehen, z-B. im Zentrum des Stückes: plus lent - en animant - cédez - rubato - serrez - rubato - serrez - la basse un peu appuyée et soutenu - rubato - serrez, oft genug im Abstand von zwei Takten. Am Ende eine geistreiche Pointe: "Comme une lointaine sonnerie de Cors" - wie ein fernes Klingen von Hörnern. Dann versinkt der Zaubergarten.

      Hier hat mir übrigens die etwas langsamere Gestaltung Giesekings besser gefallen, sie duftet stärker ...

      Der Text bei Baudelaire als Ganzes zitiert:

      Harmonie du soir

      Voici venir les temps où vibrant sur sa tige
      Chaque fleur s'évapore ainsi qu'un encensoir;
      Les sons et les parfums tournent dans l'air du soir;
      Valse mélancolique et langoureux vertige!

      Chaque fleur s'évapore ainsi qu'un encensoir;
      Le violon frémit comme un coeur qu'on afflige;
      Valse mélancolique et langoureux vertige!
      Le ciel est triste et beau comme un grand reposoir.

      Le violon frémit comme un coeur qu'on afflige,
      Un coeur tendre, qui hait le néant vaste et noir!
      Le ciel est triste et beau comme un grand reposoir;
      Le soleil s'est noyé dans son sang qui se fige.

      Un coeur tendre, qui hait le néant vaste et noir,
      Du passé lumineux recueille tout vestige!
      Le soleil s'est noyé dans son sang qui se fige...
      Ton souvenir en moi luit comme un ostensoir!



      Liebe Grüße Peter
      Ein ritter sô gelêret was daz er an den buochen las.
      (Hartmann von Aue)
    • Claude Debussy: Préludes - Premier Livre
      - Les Collines d'Anacapri


      Ein wenig zögernd betritt der Reisende das süditalienische Paradies, da hört er schon die ersten temperamentvollen Klänge - léger et lointain (leicht und fern), noch einmal der Reisende très modéré und schon geht es los- vif (lebhaft): eine kleine Tarantella-Melodie, ein Bruchstück, dann die eigentliche Tarantella, wie von einer jungen Italienerin geträllert. Keck springt die Melodie in den Bass, eine chromatische Gegenstimme antwortet ihr, eine dritte Melodie kommt auf, eine Canzonetta, sie bestimmt den Mittelteil ruhig und expressiv, am Ende über zwei Arpeggien fast langsam - und dann ist man wieder im brodelnden Leben (vif=lebhaft), die Melodien werden verarbeitet, mit dieser mitreißenden südländischen Leichtigkeit, die schon längst den Beobachter einbezogen hat, am Ende löst sich alles im blendenden Sonnenlicht auf, sich schnell steigernd bis zu den beiden letzten Fortissimo-Arpeggios - ein Bild von Lebenslust.

      Nur kurz war die Erinnerung, es bleibt die Sehnsucht, die die sonnenumglänzten Hügel von Anacapri beschworen hat.

      Liebe Grüße Peter
      Ein ritter sô gelêret was daz er an den buochen las.
      (Hartmann von Aue)



    • Debussy: Préludes Livre 1 & 2
      Larissa Dedova - Piano; Moskau, Juli 2002

      Die Pianistin war mir bislang unbekannt, obohl sie seit rund 30 Jahren konzertiert. Die Suche bei Amazon.com liefert gerade mal 5 Treffer.

      Die Aufnahme ist gut durchhörbar, die Tonqualität auf recht hohem Niveau.
      Der Interpretation hätte ich an wenigen Stellen einen etwas längeren Atem gewünscht.

      Grüße
      Jürgen
    • Claude Debussy: Préludes - Premier Livre
      - Des pas sur la neige




      Wenn ich nun nach längerer Zeit den Faden noch einmal aufnehme, so merke ich doch einen Abstand zwischen dem, was ich damals hörte. Einiges möchte ich neu aufwerfen, wie die Frage zwischen dem rituellen Schreiten bei den Priesterinnen von Delphi und den sinnverwirrenden Rubati, die man in Debussys eigener Interpretation hört (und die nicht zuletzt das Rateteam des "Musikalischen Quartetts" bei der öffentlichen Sitzung im Rahmen der Schwetzinger Festspiele durcheinander brachte). Zwei Fragen an mich selbst, bei denen ich noch nicht weiß, wie ich sie beantworten soll: die Préludes ein geschlossener Zyklus - oder eine lockere Folge von Klavierstücken, die allerdings in zeitlicher Nähe entstanden sind? Ein von Tonarten geprägtes Fortschreiten wie bei Bach oder bei Chopin, die beiden Zyklen auf Augenhöhe mit Debussy, gibt es hier nicht. Man hat zwei Leittöne gefunden (B für den 1. Band, Des für den zweiten), in den "Danseuses" wird das B offengelegt, das Stück endet dann auch noch in einem überwältigendem B-Dur-Akkord.

      Die zweite Frage, und die trifft meine Darstellungsweise: Sind die Préludes Programmmusik? Es gibt ja die verführerischen Titel, die auch mit dem musikalischen Geschehen korrespondieren. Allerdings hat Debussy sie nicht über die Stücke, er hat sie nachgesetzt. Da kann man die Kompositionen als absolute Musik nehmen - aber ihre Wirkung haben diese Titel schon. Denn die Musik erzählt offensichtlich, allerdings Stimmungen, Klangeindrücke und Klangfortsetzungen. Auf reine Impressionen beschränkt sich hier nichts, was man hört, bewegt sich, es lebt.

      Die Assoziationen, die mit "Des pas sur la neige" (Schritte im Schnee) verbunden sind, bringen mir Schuberts "Der Leiermann" und (M. Croche mag's verzeihen) Wagners "Tristan" nahe. Es ist eine düstere Winterlandschaft, die sich vor meinem geistigen Auge darbietet. Ein Zweinotenmotiv mit einer Synkope - ein Sekundschritt - karges Material, karg wie das Leben im Winter. Ist es der Fuß des Wanderers, den man hört, ist es ein zaghafter Ruf? Mühsam entwickelt sich der Fortgang, die Schritte im Schnee zögern, setzen immer wieder ab um dann die Bewegung wieder aufzunehmen. Es erhebt sich eine Melodie, die lichtlose Verzweiflung ausdrückt, sie antwortet auf den Ruf, ohne ihn zu beantworten, ein Abbild trostloser Verlassenheit. Diese Melodie versinkt am Ende in den Abgrund namenloser Trauer. Zuvor erloschen die Schritte.

      Ich habe die Aufnahme von Michelangelo Benedetti zum Anfang des Artikel angegeben, weil sie mich besonders beeindruckte. Man kann wie Gulda das Stück anders verstehen, aber dann ist es ein anderes Stück.

      Liebe Grüße Peter
      Ein ritter sô gelêret was daz er an den buochen las.
      (Hartmann von Aue)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Peter Brixius ()

    • Claude Debussy: Préludes - Premier Livre
      - Ce qu'a vu le vent de l'Ouest


      "Aber da haben wir meinen Bruder aus dem Westen; ihn mag ich von allen am besten leiden; er schmeckt nach der See und führt eine herrliche Kälte mit sich!" "Ist das der kleine Zephyr?" frage der Prinz.
      "Jawohl ist das Zephyr!" sagte die Alte. "Aber er ist doch nicht klein. Vor Jahren war es ein hübscher Knabe, aber das ist nun vorbei!"
      Er sah aus wie ein wilder Mann, aber er hatte einen Fallhut auf, um nicht zu Schaden zu kommen. In der Hand hielt er eine Mahagonikeule, in den amerikanischen Mahagoniwäldern gehauen. Das war gar nichts Geringes" "Wo kommst du her?" fragte die Mutter. "Aus den Waldwüsten", sagte er, "wo die Wasserschlange in dem nassen Grase liegt und die Menschen unnötig zu sein scheinen!" "Was triebst du dort?" "Ich sah in den tiefsten Fluß, sah, wie er von den Felsen herabstürzte, Staub wurde und gegen die Wolken flog, um den Regenbogen zu tragen. Ich sah den wilden Büffel im Flusse schwimmen, aber der Strom riß ihn mit sich fort. Er trieb mit dem Schwarm wilder Enten, welche in die Höhe flogen, wo das Wasser stürzte. Der Büffel mußte hinunter; das gefiel mir, und ich blies einen Sturm, daß uralte Bäume splitterten und zu Spänen wurden".


      (Hans Christian Andersen: Der Garten des Paradieses. zit. nach "http://gutenberg.spiegel.de/buch/hans-christian-andersen-m-1227/144")

      Zwei Männer von Einfluss sind für dieses Prélude bestimmend. Die literarische Inspiration kam von Andersen, einen Autor, den Debussy sehr schätzte. Der musikalische Raum, auch der hohe Anspruch an eine Interpretation, ist Franz Liszt zuzuordnen. Keine Frage, dass hier alles Debussy ist, der diese Einflüsse genial verarbeitet hat.

      Es gibt unterschiedliche Anordnungen der Préludes, meine Dover-Noten haben eine andere als etwa die Reihenfolge, in der Marcelle Meyer die Stücke spielt. Interessanterweise ist es gerade dieses Stück, das man an unterschiedlichen Stellen findet. Liegt es daran, dass es undatiert überliefert wurde? Wie immer auch, die Reihenfolge, die ich wiedergebe, scheint mir interpretatorisch logisch (doch ein geschlossener Zyklus?). Denn wo anders als zwischen den beiden Stücken, die am zugänglichsten formuliert sind, hätte dieses wilde Traumbild seine Wirkung?

      Ein anderer Bezug ist "Voiles". Die leichte Brise dort hat sich zum tobenden Sturm entwickelt. Der Westwind fegt über den Ozean, und dessen aufgepeitschte Gischt gestaltet den Ablauf. Wut, Aggression des Sturmes zeigen sich in den schnellen Noten und den wilden Harmonien. Zwei Bewegungen bestimmen das Stück, die eingetrübten Arpeggien über den weit gespannten Orgelpunkt auf Fis und die von Urgewalt sprechenden dissonanten Akkord-Ausbrüche über wühlenden Tremolos.

      Musikalisch wird die Wildheit gefasst durch die Spannung zwischen den Orgelpunkten Fis und C - dem Tritonus. Ein grandioses Stück Musik.

      Gehört habe ich es u.a. in dieser beeindruckenden Interpretation



      Liebe Grüße Peter
      Ein ritter sô gelêret was daz er an den buochen las.
      (Hartmann von Aue)
    • Original von Hosenrolle1
      Original von Peter Brixius
      Es gibt unterschiedliche Anordnungen der Préludes, meine Dover-Noten haben eine andere als etwa die Reihenfolge, in der Marcelle Meyer die Stücke spielt.


      Ist es diese Partitur?



      [Quelle: store.doverpublications.com]



      Lieber Hosenrolle1,

      eben die habe ich in den Musikbücherei ausgeliehen. Der Vorteil meiner Ausgabe: jemand hat mit sehr viel Fleiß (und mit Bleistift) ausführliche Analysen eingetragen. Da hat sich jemand das Werk sehr intensiv erarbeitet.

      Liebe Grüße Peter
      Ein ritter sô gelêret was daz er an den buochen las.
      (Hartmann von Aue)


    • Die Aufnahme ist eine Offenbarung. Das Gedicht, das Debussy inspirierte wird in der Musik nicht abgebildet

      La fille aux cheveux de lin
      Charles-Marie René Leconte de Lisle


      Sur la luzerne en fleur assise,
      Qui chante dès le frais matin ?
      C'est la fille aux cheveux de lin,
      La belle aux lèvres de cerise.

      L'amour, au clair soleil d'été,
      Avec l'alouette a chanté.

      Ta bouche a des couleurs divines,
      Ma chère, et tente le baiser !
      Sur l'herbe en fleur veux-tu causer,
      Fille aux cils longs, aux boucles fines ?

      L'amour, au clair soleil d'été,
      Avec l'alouette a chanté.

      Ne dis pas non, fille cruelle !
      Ne dis pas oui ! J'entendrai mieux
      Le long regard de tes grands yeux
      Et ta lèvre rose, ô ma belle !

      L'amour, au clair soleil d'été,
      Avec l'alouette a chanté.

      Adieu les daims, adieu les lièvres
      Et les rouges perdrix ! Je veux
      Baiser le lin de tes cheveux,
      Presser la pourpre de tes lèvres !

      L'amour, au clair soleil d'été,
      Avec l'alouette a chanté.


      Es fängt damit an, dass das Mädchen im Prélude nicht "assise", nicht sitzend ist. Sie bewegt sich mit den mehrfachen Ansätzen einer Melodie, spielerisch begonnen, abgebrochen, wieder neu begonnen. Und dann der Eindruck einer Kühle, einer Unerreichbarkeit, zu denen die "baisers" (die gewünschten Küsse) nicht passen. Debussys Vertonung hüllt das Mädchen in eine unüberschreitbare Schutzzone. Man denkt an eine der kühlen Schönheiten Dante Gabriel Rossettis, dessen "Démoiselle elue" Debussy ja vertonte. Jugendliche Anmut, eine zarte Sinnlichkeit und ein unüberwindbarer Zauber.

      Die Freiheit der jungen Frau spiegelt sich in den freien Rückungen im Bass ebenso wie in der keltisch anmutenden Melodie. Sie stellt ein Rätsel, das nicht gelöst wird. Ein scheinbar einfaches Stück, das einen Charme verlangt, wie er von Marcelle Meyer einzigartig in ihr perlendes Spiel gefasst wird.

      Liebe Grüße Peter
      Ein ritter sô gelêret was daz er an den buochen las.
      (Hartmann von Aue)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Peter Brixius ()

    • Original von Peter Brixius
      Lieber Hosenrolle1,

      eben die habe ich in den Musikbücherei ausgeliehen.


      Laut Dover handelt es sich dabei um eine

      Reprint of the Izdatel'stvo "Muzyka," Moscow, 1964 edition.


      Sagt mir natürlich gar nichts, aber vielleicht hilft dir das irgendwie weiter?


      Der Vorteil meiner Ausgabe: jemand hat mit sehr viel Fleiß (und mit Bleistift) ausführliche Analysen eingetragen. Da hat sich jemand das Werk sehr intensiv erarbeitet.


      Oh, was für Analysen denn? In Form von Texten, oder Notizen zu Noten, Korrekturen oder ähnliches?

      Dover hat ja meistens sehr schöne Cover für seine Partituren, und der Vorteil ist, dass sie auch vergleichsweise billig sind - aber leider sind sie oft fehlerhaft, weil es keine kritischen Ausgaben sind, sondern nur Nachdrucke alter Partituren, die durchaus fehlerhaft sein können.
      Vielleicht hat derjenige diese Partitur kritisch durchgesehen und sie ergänzt?


      EDIT: ganz kurz völlig OT: wie ist denn die Druckqualität dieser Dover Partitur? Sind die Notenlinien alle durchgehend, die Notenköpfe gut erkennbar, oder gibt es da löchrige Stellen?




      LG,
      Hosenrolle1

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Hosenrolle1 ()

    • Original von Hosenrolle1
      Oh, was für Analysen denn? In Form von Texten, oder Notizen zu Noten, Korrekturen oder ähnliches?


      Meist Fingersätze und Phrasierungen, aber hin und wieder eine ausführliche harmonische Analyse, in Hinsicht auf eine Aufführung, Markierungen von Zielpunkten, Rubati, richtig spannend auch deshalb, weil ich das mit meinen Einspielungen vergleichen kann. Um nur das heutige Beispiel zu verwenden: Zimerman und Meyer schaffen zwei deutlich unterschiedliche Auffassungen den Stücks, Zimerman ein eher konventionell impressionistisches auf höchstem Niveau, Meyer ein Stück, das solche einfachen Zuordnungen nicht mehr zulässt - klanggewordene Poesie.

      Wenn ich da mal ein ausführlicheres Zitat von Marguerite Long (1874-1966) bringen darf

      Wenn Debussy seine Musik spielte, war es wunderbar, unvergleichlich. Es gab keinen zweiten Pianisten, der so spielte wie Debussy. Die Geschmeidigkeit und die liebkosenden Gesten, mit denen er die Tasten berührte, sind mir unvergesslich. Er glitt mit einer merkwürdigen, nachdrücklichen Sanftheit über die Tasten und erzieltedadurch eine außerordentliche Ausdruckskraft. [...] Die Sanftheit, verbunden mit ständigem Druck, verlieh dem Klang die Farbe, die nur er dem Klavier zu entlocken vermochte. Er spielte meist mit halb-schattierten Tönen, aber gleichzeitig, wie Chopin, ohne Härte im Anschlag. [...] Die Skala der Abstufungsvielfalt in der Lautstärke reicht von einem dreifachen pianissimo bis forte, und zwar ohne Beeinträchtigung der Klangfülle, ohne Verlust der harmonischen Feinheiten. Wie Chopin betrachtete er den Pedalgebrauch als eine Art "Atemvorgang" (zit. nach Udo Zilkens: Claude Debussy spielt Debussy. Köln-Rodenkirchen 1998)



      EDIT: ganz kurz völlig OT: wie ist denn die Druckqualität dieser Dover Partitur? Sind die Notenlinien alle durchgehend, die Notenköpfe gut erkennbar, oder gibt es da löchrige Stellen?


      Noten und Druck sind in meinem Exemplar einwandfrei, Vergleichsstellen waren bis dato identisch, es gab bislang auch keine Korrekturen im Text.

      Liebe Grüße Peter





      LG,
      Hosenrolle1[/quote]
      Ein ritter sô gelêret was daz er an den buochen las.
      (Hartmann von Aue)
    • Claude Debussy: Préludes - Premier Livre
      - La sérénade interrompue


      "Die unterbrochene Serenade" ist ein gut zugängliches Stück. Zu bewundern ist die Kunstfertigkeit, wie Debussy auf kleinstem Raum melodische Gegensätze unterbringt. Der Ort der Handlung ist Spanien, zwei Sänger bzw. zwei Freier streiten mit ihren Gitarren um die Gunst eines Mädchens, die verborgen hinter ihrem Blumengitter bleibt und das galante Turnier aufmerksam verfolgt (de Falla: Claude Debussy und Spanien).

      Der eine beginnt mit seinem Ständchen, das Klavier verwandelt sich in eine Gitarre (auch im Tonumfang). Aber da mischt sich der andere Freier - in einer anderen Tonart ein, der erste klagt in f-moll, sein Konkurrent hält mit D-Dur dagegen, bis der erste wieder seinen Vortrag in f-moll aufnimmt. Wir sind in Andalusien, der Rhythmus des Stücks ist eine Jota im 3/8-Takt. Zwei Quinten bilden den rhythmischen Untergrund der Melodie. Der andere Musikant setzt einen 2/4-Rhythmus dagegen, das führt zu reizvollen rhythmischen Störungen. Melodisch steht da eine Liebeskantilene mit der Zigeunertonleiter F-Ges-A-B-C-Des-E gegen den Marsch aus der "Iberia", seine ruppigen Motive durchbrechen das Liebeswerben. Am Ende hört man den Gitarrenspieler trippelnd die Szene verlassen - ein Stück köstlichen Humors..




      Liebe Grüße Peter
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    • Claude Debussy: Préludes - Premier Livre
      - La Cathedrale englooutie


      "Die versunkene Kathedrale" ist wohl das bekannteste Stück des des Buchs der Préludes. Zugrunde liegt ihm eine bretonische Legende, in der an der Küste der Insel Ys eine alte Kathedrale versunken ist. An klaren Morgen, wenn das Wasser durchsichtig ist, kann man die Kirche sehen. Man hört sogar das Singen der Priester, das Läuten der Glocken, das Spiel der Orgel über das Meer. Dann versinkt alles wieder in der See und es wird still. Debussy erfuhr von der Legende in Ernest Renans "Souvenirs d`enfance et de jeunesse" (1883).

      Erstes Auftauchen, Sichtbarwerden und Versinken werden von drei Noten bestimmt, von D, E und H. Wie stets geht Debussy mit dem Material ökonomisch um. Umso eindrucksvoller ist der Gebrauch der harmonischen Abläufe. Am Beginn stehen Quintklänge (G-D), die Klänge ballen sich, steigen aus dem Nebel auf. Mit dem Gebrauch der Quinten assoziiert man Kirchenglocken, die aus der Ferne aufklingen.

      Über H-Dur, Es-Dur wird C-Dur erreicht, sobald die Orgel ertönt. Der Orgelpunkt C ist Grundlage von riesenhaften Säulen von Quartsextakkorden, die einen großen Raum öffnen. Nach dem überwältigendem Höhepunkt beginnt die Kathedrale wieder zu versinken, man hört die Orgel unter dem Wasser. Der Effekt wird durch den Gebrauch des "Halbpedals", der Klang wird zunehmend erstickt. Am Ende hört man nur noch im Pianissimo weit entfernt die Glocken.

      Wenn Debussy schon bei den "Tänzerinnen von Delphi" bemerkte, dies sei ein Stück, das unter vier Augen zu spielen sei, so bezog er die Äußerung auch auf "La cathédrale engloutie". Wenn Debussy ds Stück spielte, stellte er den Deckel des Flügels flacher, um nach seinen Worten den Ton zu ertränken.

      Die Überraschung von Debussys eigenem Spiel auf dem Welte-Mignon ist der Tempowechsel: Takt 7-12 und Takt 22-83 spielt er im doppelten Tempo. Dadurch verschieben sich die Proportionen des Stückes deutlich, die Introduktion wird so bedeutsamer, ebenso ihre Reminiszenz am Schluss. Debussy wählt von einem zögerlichen Beginn her ein fließendes Tempo, das drängender wird, wenn die Kathedrale auftaucht und dann ein gewaltiges Accelerando und Crescendo bis zum Fortissimo erfährt.




      Liebe Grüße Peter
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      (Hartmann von Aue)
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