Was macht die alten Damen und Herren so besonders?

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    • Was macht die alten Damen und Herren so besonders?

      Hallo,

      bei mir läuft gerade regelmäßig eine Box von Claudio Arrau:

      The Final Sessions

      Arrau hat diese Box mit über 80 Jahren kurz vor seinem Tod aufgenommen. Mal abgesehen von der hervorragenden Klangqualität begeistert mich der greise Arrau mit ganz eigenständigen Interpretationen.





      Auch von Artur Rubinstein habe ich einige CD's, die er erst in hohem Alter aufgenommen hat. Auch diese Aufnahmen fallen aus der Reihe!


      Wie schaffen es die alten Damen und Herren nur gegenüber ihren jüngeren Kollegen Gehör zu finden und nicht zu verblassen?

      Kennt Ihr noch andere Beispiele?


      Gruss,
      Walter
    • Was macht die alten Damen und Herren so besonders?

      Hallo,

      bei mir läuft gerade regelmäßig eine Box von Claudio Arrau:

      The Final Sessions

      Arrau hat diese Box mit über 80 Jahren kurz vor seinem Tod aufgenommen. Mal abgesehen von der hervorragenden Klangqualität begeistert mich der greise Arrau mit ganz eigenständigen Interpretationen.





      Auch von Artur Rubinstein habe ich einige CD's, die er erst in hohem Alter aufgenommen hat. Auch diese Aufnahmen fallen aus der Reihe!


      Wie schaffen es die alten Damen und Herren nur gegenüber ihren jüngeren Kollegen Gehör zu finden und nicht zu verblassen?

      Kennt Ihr noch andere Beispiele?


      Gruss,
      Walter
    • RE: Was macht die alten Damen und Herren so besonders?

      Lieber Walter,
      wie generell im Leben wird es so sein, dass wache Menschen mit den Jahren reifen wie ein guter Rotwein, während jene, die stehen bleiben im Stehenbleiben stagnieren. Wenn man nun die ganz großen betrachtet, so haben sie auch immer wieder an sich gearbeitet (und sei es, indem sie hie und da pausiert haben und dadurch Distanz zu sich gewonnen haben). Viele Beispiele gibt es auch, die zeigen, wie sich das Repertoire verändert hin zu den durchgeistigten Werken, weg vom Virtuosen je älter die Interpreten wurden, doch ist das natürlich nicht zu verallgemeinern. Aber es gibt einige Fälle, wo sich Pianisten etwa dem Werk Bachs erst spät verstärkt gewidmet haben.
      Natürlich könnten wir aber auch ganz andere Thesen heranführen, etwa die Anthroposophischen Lebensabschnitte. Da würden wir dann sagen müssen, dass sie sich natürlich mit jedem Siebenjahreszyklus ohnehin mehr zum Spirituellen hin bewegen und geistiger werden, es also eine Art Naturgesetz ist. Das allerdings soll jeder handhaben wie er möchte. Ich bin der Ansicht, dass die großen Interpreten aufs Alter tatsächlich einiges gewonnen haben, doch muss das nicht immer der Fall sein, manche brennen auch aus und werden nur noch öde.

      S A T I E
      "...the only logical starting point for a genuine creative art of music -- the ear, and the manifold delights and stimuli that the ear, in conjunction with the experienced mind, can find in the exercise of imagination."
      Harry Partch
    • RE: Was macht die alten Damen und Herren so besonders?

      Lieber Walter,
      wie generell im Leben wird es so sein, dass wache Menschen mit den Jahren reifen wie ein guter Rotwein, während jene, die stehen bleiben im Stehenbleiben stagnieren. Wenn man nun die ganz großen betrachtet, so haben sie auch immer wieder an sich gearbeitet (und sei es, indem sie hie und da pausiert haben und dadurch Distanz zu sich gewonnen haben). Viele Beispiele gibt es auch, die zeigen, wie sich das Repertoire verändert hin zu den durchgeistigten Werken, weg vom Virtuosen je älter die Interpreten wurden, doch ist das natürlich nicht zu verallgemeinern. Aber es gibt einige Fälle, wo sich Pianisten etwa dem Werk Bachs erst spät verstärkt gewidmet haben.
      Natürlich könnten wir aber auch ganz andere Thesen heranführen, etwa die Anthroposophischen Lebensabschnitte. Da würden wir dann sagen müssen, dass sie sich natürlich mit jedem Siebenjahreszyklus ohnehin mehr zum Spirituellen hin bewegen und geistiger werden, es also eine Art Naturgesetz ist. Das allerdings soll jeder handhaben wie er möchte. Ich bin der Ansicht, dass die großen Interpreten aufs Alter tatsächlich einiges gewonnen haben, doch muss das nicht immer der Fall sein, manche brennen auch aus und werden nur noch öde.

      S A T I E
      "...the only logical starting point for a genuine creative art of music -- the ear, and the manifold delights and stimuli that the ear, in conjunction with the experienced mind, can find in the exercise of imagination."
      Harry Partch
    • lieber Satie,

      natürlich gibt es hier eine ganz starke anthroposophische Betrachtungsebene. Auch Dein Vergleich mit dem Rotwein hat was. Gerade in einer Gesellschaft, die die Leistungen der Älteren nicht immer positiv bewertet fällt mir beim Hören dieser Musik die Stärke dieser Interpreten auf. Nicht, dass mir alles zur Referenz werden würde, aber ich wundere mich über geänderte Standpunkte. Gerade die würde ich von den jungen Interpreten erwarten - doch die scheinen oft diese Möglichkeit für den Applaus der Hörer zu opfern.

      Ich habe gestern die Moments Musicaux von Arrau und von Demidenko gehört. Der Demidenko spielt den Arrau beim "Allegro vivace" glatt und locker mit 10:0 an die Wand. Aber der Arrau erzählt in den restlichen Stücken eine Geschichte vom Leben mit Trauer und Freude, die ich bei Demidenko nicht erkennen kann.

      Natürlich macht es mir dann Spass diese Unterschiede zu erleben - solange noch etwas zu erzählen ist und eben nicht alles öde!
      Walter
    • lieber Satie,

      natürlich gibt es hier eine ganz starke anthroposophische Betrachtungsebene. Auch Dein Vergleich mit dem Rotwein hat was. Gerade in einer Gesellschaft, die die Leistungen der Älteren nicht immer positiv bewertet fällt mir beim Hören dieser Musik die Stärke dieser Interpreten auf. Nicht, dass mir alles zur Referenz werden würde, aber ich wundere mich über geänderte Standpunkte. Gerade die würde ich von den jungen Interpreten erwarten - doch die scheinen oft diese Möglichkeit für den Applaus der Hörer zu opfern.

      Ich habe gestern die Moments Musicaux von Arrau und von Demidenko gehört. Der Demidenko spielt den Arrau beim "Allegro vivace" glatt und locker mit 10:0 an die Wand. Aber der Arrau erzählt in den restlichen Stücken eine Geschichte vom Leben mit Trauer und Freude, die ich bei Demidenko nicht erkennen kann.

      Natürlich macht es mir dann Spass diese Unterschiede zu erleben - solange noch etwas zu erzählen ist und eben nicht alles öde!
      Walter
    • @Walter,

      ob die Alten etwas "besonders" machen kann man zunächst einmal so als Erkenntnis festhalten.

      Fragt sich nur ob

      a) das Besondere auch imme rgut ist aufgrund der Erfahrung
      oder
      b) das Besondere auch ein Tribut an das "Alter" darstellt und die fehlende Fähigkeit alles noch so zu spielen wie man es ggf. einst konnte.

      Wie Du geschrieben hast war Arrau 80 Jahre alt zum Zeitpunkt der Aufnahme.

      Heifetz spielte bis ins hohe Alter auf höchsten, nahezu unverändertem Niveau und großartige "Schwankungen" sind dabei nicht zu beobachten innerhalb seines Spiels.

      Die Arrau Box kenne ich zwar und sein Debussy ist klasse. Auch dank der Aufnahmetechnik seitens Philips.
      _____

      Administrator: Das Klassikforum
    • @Walter,

      ob die Alten etwas "besonders" machen kann man zunächst einmal so als Erkenntnis festhalten.

      Fragt sich nur ob

      a) das Besondere auch imme rgut ist aufgrund der Erfahrung
      oder
      b) das Besondere auch ein Tribut an das "Alter" darstellt und die fehlende Fähigkeit alles noch so zu spielen wie man es ggf. einst konnte.

      Wie Du geschrieben hast war Arrau 80 Jahre alt zum Zeitpunkt der Aufnahme.

      Heifetz spielte bis ins hohe Alter auf höchsten, nahezu unverändertem Niveau und großartige "Schwankungen" sind dabei nicht zu beobachten innerhalb seines Spiels.

      Die Arrau Box kenne ich zwar und sein Debussy ist klasse. Auch dank der Aufnahmetechnik seitens Philips.
      _____

      Administrator: Das Klassikforum
    • Lieber Walter,

      ein schönes Thema, finde ich. Mal keine kaum den Pubertätspickeln entwachsenen upcoming stars, mal keine "jungen Pianisten, Geiger, Cellisten" und was sonst noch da hämmert, bläst und sägt...

      Sicher hat Satie recht, dass nicht jeder Wein (oder Künstler) mit den Jahren besser oder vielschichtiger wird. Andererseits ist Jugend für sich genommen ja auch kein Qualitätsmerkmal.

      Was ich ziemlich spannend finde, das ist, wenn man nachvollziehen kann, wie sich die Interpretationen im Laufe der Lebensjahre und -erfahrungen auch verändern. Sehr eindrucksvoll habe ich das dieses Jahr mit den alten Herren (und ihrem vergleichsweise fast minderjährigen Cellisten) vom Guarneri Quartet mit dem Beethoven e-Moll Streichquartett op. 59/2 erlebt. Die Interpretation war vielleicht nicht ganz so frisch wie frühere, hat dafür aber in dieser Musik eine unerhörte Lebenslust, in der zugleich doch auch eine Brüchigkeit und Fragilität zu spüren war. Diese Vielschichtigkeit und Differenziertheit hatte ich so noch nie gehört.

      Ein anderer alter Herr, der mich schwer beeindruckt hat, war Sergiu Celibidache, den ich leider nur ein einziges Mal und das in seinen sehr späten Lebensjahren gehört habe. Bei seinem Auftritt hatte ich gefürchtet, dass er diesen Konzertabend wohl kaum würde durchhalten können, weil er so hinfällig wirkte. Doch am Pult die wundersame Wandlung. Da entwickelte er plötzlich eine Vitalität und Präsenz, die ein Feuerwerk entzündet hat. Großartig.

      Aber ich schweife ab...

      Zurück zu Deiner Frage, was denn die alten Herren so großartig macht. Ich könnte mir vorstellen, dass es zum einen eine klarere Vorstellung von dem ist, was man will. Und vielleicht auch wirklich eine gewisse Reife, ein Wissen, wer man ist, keine Notwendigkeit mehr, sich (selbst und dem Publikum) etwas beweisen müssen. Dass man sich zum Beispiel nicht mehr zu virtuosen Tempi hinreißen lässt, wenn etwas weniger mehr wäre, nur um zu beweisen, dass man der Schnellste ist... Bei jungen Interpreteten hat das bisweilen ja schon so ein bisschen was von "schneller, höher, weiter...".

      Grüße

      Sabine
      ... the rest is silence
      William Shakespeare, The Tragedy of Hamlet Prince of Denmark, Vii
    • Lieber Walter,

      ein schönes Thema, finde ich. Mal keine kaum den Pubertätspickeln entwachsenen upcoming stars, mal keine "jungen Pianisten, Geiger, Cellisten" und was sonst noch da hämmert, bläst und sägt...

      Sicher hat Satie recht, dass nicht jeder Wein (oder Künstler) mit den Jahren besser oder vielschichtiger wird. Andererseits ist Jugend für sich genommen ja auch kein Qualitätsmerkmal.

      Was ich ziemlich spannend finde, das ist, wenn man nachvollziehen kann, wie sich die Interpretationen im Laufe der Lebensjahre und -erfahrungen auch verändern. Sehr eindrucksvoll habe ich das dieses Jahr mit den alten Herren (und ihrem vergleichsweise fast minderjährigen Cellisten) vom Guarneri Quartet mit dem Beethoven e-Moll Streichquartett op. 59/2 erlebt. Die Interpretation war vielleicht nicht ganz so frisch wie frühere, hat dafür aber in dieser Musik eine unerhörte Lebenslust, in der zugleich doch auch eine Brüchigkeit und Fragilität zu spüren war. Diese Vielschichtigkeit und Differenziertheit hatte ich so noch nie gehört.

      Ein anderer alter Herr, der mich schwer beeindruckt hat, war Sergiu Celibidache, den ich leider nur ein einziges Mal und das in seinen sehr späten Lebensjahren gehört habe. Bei seinem Auftritt hatte ich gefürchtet, dass er diesen Konzertabend wohl kaum würde durchhalten können, weil er so hinfällig wirkte. Doch am Pult die wundersame Wandlung. Da entwickelte er plötzlich eine Vitalität und Präsenz, die ein Feuerwerk entzündet hat. Großartig.

      Aber ich schweife ab...

      Zurück zu Deiner Frage, was denn die alten Herren so großartig macht. Ich könnte mir vorstellen, dass es zum einen eine klarere Vorstellung von dem ist, was man will. Und vielleicht auch wirklich eine gewisse Reife, ein Wissen, wer man ist, keine Notwendigkeit mehr, sich (selbst und dem Publikum) etwas beweisen müssen. Dass man sich zum Beispiel nicht mehr zu virtuosen Tempi hinreißen lässt, wenn etwas weniger mehr wäre, nur um zu beweisen, dass man der Schnellste ist... Bei jungen Interpreteten hat das bisweilen ja schon so ein bisschen was von "schneller, höher, weiter...".

      Grüße

      Sabine
      ... the rest is silence
      William Shakespeare, The Tragedy of Hamlet Prince of Denmark, Vii
    • Ich glaube, dass das Interessante an diesen Künstlern u.a. auch ist, dass sie teilweise direkt bei Komponisten oder deren Schülern Unterricht hatten. Diese wussten noch, was sich der Komponist gedacht hat, wie er seine Stücke interpretiert haben wollte. Dieses fehlt der heutigen jungen Generation leider...
    • Ich glaube, dass das Interessante an diesen Künstlern u.a. auch ist, dass sie teilweise direkt bei Komponisten oder deren Schülern Unterricht hatten. Diese wussten noch, was sich der Komponist gedacht hat, wie er seine Stücke interpretiert haben wollte. Dieses fehlt der heutigen jungen Generation leider...
    • Original von Jeremias
      Ich glaube, dass das Interessante an diesen Künstlern u.a. auch ist, dass sie teilweise direkt bei Komponisten oder deren Schülern Unterricht hatten. Diese wussten noch, was sich der Komponist gedacht hat, wie er seine Stücke interpretiert haben wollte. Dieses fehlt der heutigen jungen Generation leider...


      ... so alt sind die Herren vom Guarneri Quartet - glaube ich jedenfalls - nun wohl doch nicht, dass sie persönliche Bekannte von Herrn van Beethoven wären....

      :D

      Grüße

      Sabine
      ... the rest is silence
      William Shakespeare, The Tragedy of Hamlet Prince of Denmark, Vii
    • Original von Jeremias
      Ich glaube, dass das Interessante an diesen Künstlern u.a. auch ist, dass sie teilweise direkt bei Komponisten oder deren Schülern Unterricht hatten. Diese wussten noch, was sich der Komponist gedacht hat, wie er seine Stücke interpretiert haben wollte. Dieses fehlt der heutigen jungen Generation leider...


      ... so alt sind die Herren vom Guarneri Quartet - glaube ich jedenfalls - nun wohl doch nicht, dass sie persönliche Bekannte von Herrn van Beethoven wären....

      :D

      Grüße

      Sabine
      ... the rest is silence
      William Shakespeare, The Tragedy of Hamlet Prince of Denmark, Vii