Gestern im Konzert

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    • Lieber Falstaff,
      wahrlich kein Ersatz für Pollini...
      Ich hörte sie live vor Jahren mit dem Schumann-Konzert. Dort kam zum unpersönlichen Spiel noch ein schlechtes Orchester dazu... Keine angenehme Erinnerung...

      Herzliche Grüße
      Satie
      "...the only logical starting point for a genuine creative art of music -- the ear, and the manifold delights and stimuli that the ear, in conjunction with the experienced mind, can find in the exercise of imagination."
      Harry Partch
    • Satie schrieb:

      Ich hörte sie live vor Jahren mit dem Schumann-Konzert. Dort kam zum unpersönlichen Spiel
      Lieber Satie, das habe ich nun schon häufiger gehört, das mit dem 'unpersönlichen Spiel'. Irgendwie dann doch ganz tröstlich, das eben mein Eindruck nicht so völlig daneben war.

      Höchstwahrscheinlich ist mein Eindruck bei den beiden Solo-Konzerten von damals wohl auf meine Unerfahrenheit zurückzuführen und möglicherweise hat Richter sie in dem Doppelkonzert einfach mitgerissen. Oder sie baut ab. Kann ja auch vorkommen. ^^

      LG Falstaff
    • Mieczysław Karłowicz; Eternal Songs op. 10 Nr. 1
      Modest Mussorgski; Lieder und Tänze des Todes
      Pjotr Iljitsch Tschaikowski Sinfonie Nr. 6 „Pathétique“ h-Moll op. 74

      Adam Palka (Bass), Staatsorchester Stuttgart, Vladimir Fedoseyev
      Liederhalle Stuttgart 11.11.2018

      Ich weiß nicht, was mich geritten hat -Masochismus oder doch Intuition-, mir Karten zu kaufen für ein Konzert mit Musik, die ich nicht sonderlich mag. Verdeckt oder offen programmatische Sinfonik, möglicherweise gar subjektive Bekenntnismusik aus der Epoche der Romantik steht auf meiner Beliebtheitsskala ganz unten. Aber immerhin ist die Sechste das Werk, das ich aus diesem Dunstkreis noch am ehesten mal höre und daher recht gut kenne und dann ist es immerhin mit Fedoseyev, 86 Jahre Lebenserfahren - der Sibelius' Zweiter alle Romantizismen ausgetrieben hat, ohne die dramatische Wucht zu opfern und der ein Meister im Ausgleich des Zielkonflikts zwischen Transparenz und Klangfülle ist. Das Problem bei Mussorgski steht schon im Titel. Wo Lieder sind, wird gesungen. Aber immerhin geht es um den Tod, was meiner verkappten morbiden Ader entgegen kommt und es ist ein Bass der da singt, da ist heroisches Geschmetterte eher nicht zu befürchten. Und dann ist da immerhin ein absolut Unbekannter auf dem Programmzettel. Das ist höchst erfreulich, weil viel zu selten, aber die Freude wurde merklich getrübt, als ich in der Ankündigung etwas von spätromantischer Musik im Bannkreis von Wagner las. Egal, ich hab trotzdem den Saal-Plan geöffnet und tatsächlich noch einen freien Platz in der allerersten Reihe fast genau in der Mitte entdeckt. Weil es mir das letzte mal auf der Loge teilweise zu leise war, habe ich draufgeklickt. Wenn schon leiden, dann wenigstens richtig laut.

      Und so saß ich dann mit den Schuhen des Dirigenten in zwei Meter Entfernung auf Augenhöhe. Ich meine, die Plätze der ersten Reihe werden zu unrecht kritisch bezüglich der Klangbalance gesehen. Es wirkt halt alles weiter auseinandergezogen und in die Tiefe gestaffelt, aber kein Instrument deckt das andere zu. Man hat sozusagen diesen analytischen Klang, den man sich von der heimischen Anlage wünscht - und der trotz aller anderslautender Versprechungen der Audio-Industrie auch nicht nur annähernd von Konserve reproduzierbar ist. Das Stück von Karłowicz klang zum Glück wenig nach Wagner, dazu waren die Holzbläser viel zu prominent solistisch herausgehoben. Instrumentieren konnte der früh verstorbene Pole. Sonst war es halt eines der Stücke, die es wie Sand am Meer gibt. Gewoge und Gewabere, Herausschälen von vagen Motiven, Anschwellen mit erstickend dichter werdender Harmonik, Klimax und dann das Ganze retour. Aber was für ein Fest der Klangfarben und unaufdringlichen Klangeffekte. Ich dachte mir, dass ich diese Art von Musik wahrscheinlich nur deswegen so selten höre, weil sie von der Konserve so grottig klingt.

      Einen Bass nur drei Meter entfernt zu hören, war beeindruckend. Vor allem wie laut der schon in den leisen Passagen geklungen hat. Und ich war durchaus beeindruckt, was der alles mit seinem Stimmorgan anzustellen wusste. Ich vermute mal, dass Vokal-Hardliner bemängelt hätten, dass man das hört und dass es dadurch eben nicht selbstverständlich genug geklungen hat. Über die Lieder kann ich wenig sagen. Beim Gang in die Pause habe ich einen Gesprächsfetzen aufgeschnappt, der es auf den Punkt bringt: Schon ein bisschen arg melodramatisch...

      Die Sechste war erfreulich, wie erhofft. Nichts mit Schmelz und Schmalz und Schmerz. Sehr straffes Tempo im ersten Satz, in den Fortissimo-Passagen wirkte es etwas chaotisch, wobei ich nicht weiß, ob andere Dirigenten das glätten oder ob das Orchester nicht ganz beieinander war - immerhin war es sonntagmorgens. Sensationell der zweite Satz, der immer Gefahr läuft in Kitsch zu versumpfen oder in Langeweile zu veröden. Hier habe ich die Komposition gehört und Konzentration und Innenspannung haben nie nachgelassen- nicht mehr und nicht weniger will ich von einem Dirigenten bekommen. Der dritte Satz war dann wie ein Erwachen - jetzt auch mit deutlich mehr sichtbaren Engagement der Musiker in Mimik und Körpersprache. Es gab eine interessante Korrelation zu beobachten: je weiter weg vom Pult, desto weniger schienen die Akteure wirklich intensiv bei der Sache zu sein. Macht die 6. Reihe lediglich ihren Job, weil sie in der sechsten Reihe sitzt oder sitzt sie in der sechsten Reihe, weil sie lediglich ihren Job macht? Jedenfalls reichten sparsame und ruhige Gesten von Fedoseyev aus um das Orchester in einen furiosen Haufen zu verwandeln, der mit unerbittlich straffem Rhythmus schon fast brutal auf die Klimax zu stampfte. Bis ich mich davon erholen konnte war der sehr zügig gespielte Schlusssatz schon halb vorbei. Die gerne als letztes verzweifeltes Aufbäumen eines sinfonischen Ichs verstandenen Steigerungswellen wirkten distanziert, die grotesken Klänge im Abgesang seltsam farblos. Wenn es ein sinfonisches Ich in diesem Werk geben sollte, dann wurde es im Satz davor bereits erschlagen und geisterte im Finale als Untoter herum. Wie auch immer, als ich nach dem ungewöhnlich lang anhalten Schlussapplaus - der alte Maestro musste sechs mal hervor, bevor dann der Konzertmeister aufstand und dem ein Ende bereitete- mir draußen eine ansteckte, zitterten meine Hände heftig. Das machte schon Eindruck. Irgendwie.
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)