Gestern im Konzert

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    • Gestern im Konzert

      Liebe Forenser,

      es ist mir unangenehm, immer unter dem Superlativ der "größten" Konzerte zu schreiben, auch wenn es nicht so war (und es sind ja die wenigsten so); also hier ein etwas zurückhaltenderer Name, der auch solchen gerecht wird, über die man vielleicht trotzdem ein Wort verlieren möchte - und sei es nur zur Abschreckung.

      Gestern in der Musikhalle in Hamburg: das NDR-Sinfonieorchester unter dem französischen Dirigenten Emanuel Krivine mit dem französischen Pianisten Jean-Yves Thibaudet.

      Zunächst fiel auf, daß das Orchester doch ganz hübsch und präzise klingen kann, anfangs mit zwei Stückchen aus Berlioz' Les Troyens. Dann Saint-Saëns' KK5, nicht unbedingt mein liebstes. Der Pianist war sicherlich durchaus digitaltauglich, trat ausgesprochen "cool" auf, hatte aber einen geradezu aggressiven Gestus von einem Barpianisten, der aufdringlich wirkte und mir einfach zuviel war.

      Die 8. Sinfonie von Dvorák hätte sicherlich sehr angenehm sein können - auch wenn Dvorák auf mich immer ein bißchen wirkt wie ein popularisierter und etwas seichter Abklatsch von Brahms - wenn ich nicht vorher so schläfrig geworden wäre. Alles in allem war ich am Ende froh, wieder an die frische Luft zu kommen.

      Grüße,
      Gamaheh
      In girum imus nocte et consumimur igni.
    • Serres d’Auteuil 1: Francois-Frédéric Guy

      Liebe Forenser,
      mich hat es mal wieder für ein paar Tage nach Paris getrieben, und gern berichte ich Euch von meinen musikalischen Erlebnissen dort.

      Es war der Beginn der „Solistes aux Serres d’Auteuil“, dem Klavier-Festival im Gewächshaus, bei dem ich im letzten Jahr Philippe Bianconi gehört hatte (ich berichtete davon, glaube ich). Es findet seit 2000 alljährlich, seit dem letzten Jahr in zwei Etappen, im Juni und September, statt.

      Diese Serie hat gewisse Vorgaben, die häufigen Einwände gegen Konzerte klassischer Musik begegnen wollen: zu spät (hier: 19 Uhr), zu lang (hier: 60 Minuten), zu teuer (hier: 12 Euro, für Kinder bis zu 12 Jahren umsonst). Darüber hinaus soll in jedem Konzert ein zeitgenössisches Werk aufgeführt werden.

      Die Gewächshäuser, Ende des 19. Jh. erbaut und am Rande des Bois de Boulogne gegenüber dem Tennis-Stadion „Roland Garros“ gelegen, dienten ursprünglich der Anzucht von Pflanzen für die Pariser Parks. Die Konzerte finden im "Pavillon des Azalées" statt, einem der Bestimmung gemäßen Bau aus Glas und Stahl mit etwas mehr als 200 Plätzen auf grünen Parkbänken. Die Akustik ist naturgemäß fragil und hält Einwirkungen von außen nicht gut stand. Die Firma Yamaha stellt den Flügel zur Verfügung und benutzt das Gewächshaus mit ständiger Anwesenheit eines Technikers gewissermaßen als Versuchslabor, um seinen High-end Flügel zu testen, wie ein Presseausschnitt informierte. Die – glücklicherweise – kaum normalen, ungünstigen Bedingungen: zuweilen hohe Luftfeuchtigkeit und starke Temperaturschwankungen, bieten sich dazu an. Wie sich z.B. zeigte, reagiert der Flügel äußerst und unangenehm schrill auf heftig angeschlagene hohe Töne.

      Am ersten Abend, dem 21. Juni (Fête de la Musique in Frankreich), ein für die Serie untypischer Beethoven-Marathon mit Fraçois-Fréderic Guy, der diesmal gar nicht böse wirkte, sondern eher gut gelaunt. Sein Unterfangen war allerdings ein mutiges: an einem Abend acht der beethovenschen Sonaten zu spielen, wobei er das Programm dieses concert surprise – wie die Organisatorin mitteilte – erst einige Stunden vorher festgelegt hatte. Insgesamt wäre dem Abend sicher eine etwas verbindlichere Planung zugute gekommen, aber er war trotzdem schön und interessant. Das Programm der drei aufeinanderfolgenden Konzerte war wie folgt:

      I. op. 26
      op.27/2 „Mondschein“
      op. 110
      II. op. 13 „Pathétique“
      op.111
      III. op. 109
      op. 78 „A Thérèse“
      op. 57 „Appassionata“

      Man muß sagen, daß sich Guy im Laufe des Abends kontinuierlich steigerte, und der Höhepunkt war sicherlich die Appassionata, die auch wohl seinem pianistischen Temperament am meisten entgegenkommt (oder umgekehrt). Diese Sonate habe ich wirklich schon zu Tode gemetzelt gehört, aber Guy führte sie zu einem wahrhaft fulminanten Abschluß. Sehr schön auch op.110, mein Favorit unter Beethovens Sonaten.

      Wenn man Pianisten (unabhängig von der Musik, die sie spielen) literatur- oder geistesgeschichtlichen Epochen zuordnen wollte, gehört Guy sicherlich dem Sturm und Drang an, was aber nicht heißt, daß er nicht auch sehr einfühlsam gerade die langsamen Passagen spielen kann (dies kam besonders schön im op.109 zur Geltung). Er hat bisweilen eine (für mich) irritierende Art, einzelne Noten zu hämmern und bis zur Apokope abzulösen, ein Manierismus, den ihm zweifellos sein Temperament auferlegt.

      Alles in allem ein schöner und interessanter Abend, der nur leicht dadurch gestört wurde, daß in unmittelbarer Nachbarschaft eine riesige Fête de la musique mit ca. 100000 Besuchern stattfand, was gelegentlichen Sirenen- und Hubschrauberlärm mit sich brachte (wir waren gewarnt).

      Grüße,
      Gamaheh
      In girum imus nocte et consumimur igni.
    • Danke für diesen schönen Bericht.

      Ich bin zugegebenermassen ein bisschen neidisch.
      Hier in Münster ist das musikalische Angebot mehr als mager, bzw. ich bekomme manches überhaupt nicht mit. Und bei den heutigen Arbeitszeiten lohnt es sich kaum, "mal eben" nach Dortmund oder Essen zu düsen...
      Diese Konzertserie, die du beschreibst, klingt ja überaus interessant. Wenn du noch mehr dieser Abende besuchst, berichte bitte!!

      Nikolaus :thanks
    • Hallo Nikolaus,

      eine Fortsetzung folgt demnächst: Ich habe dort mehrere Konzerte besucht. Münster ist übrigens, wenn mich meine zugegebenermaßen mangelhaften geographischen Kenntnisse nicht trügen, viel näher an Paris als Hamburg (und dort bist Du doch - Deinen Berichten nach - auch schon öfter zu Konzerten hin- (bzw. her-) gefahren).

      Beste Grüße,
      Gamaheh
      In girum imus nocte et consumimur igni.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Gamaheh ()

    • RE: Serres d’Auteuil 1: Francois-Frédéric Guy

      Liebe Gamaheh,
      Original von Gamaheh
      Es war der Beginn der „Solistes aux Serres d’Auteuil“, dem Klavier-Festival im Gewächshaus, bei dem ich im letzten Jahr Philippe Bianconi gehört hatte (ich berichtete davon, glaube ich).


      War das das Konzert mit der unbequemen Bank? Davon hattest Du - glaube ich - in dem Thread, in dem wir über Konzert und/contra Konserve geredet hatten, geschrieben...

      Original von Gamaheh
      Diese Serie hat gewisse Vorgaben, die häufigen Einwände gegen Konzerte klassischer Musik begegnen wollen: zu spät (hier: 19 Uhr), zu lang (hier: 60 Minuten), zu teuer (hier: 12 Euro, für Kinder bis zu 12 Jahren umsonst). Darüber hinaus soll in jedem Konzert ein zeitgenössisches Werk aufgeführt werden.


      Klingt nach einem bestechend simplen und überzeugenden Konzept. Wird das gut angenommen? Weißt Du, ob das außerhalb von Frankreich Nachahmer findet?

      Original von Gamaheh
      Die Gewächshäuser, Ende des 19. Jh. erbaut und am Rande des Bois de Boulogne gegenüber dem Tennis-Stadion „Roland Garros“ gelegen, dienten ursprünglich der Anzucht von Pflanzen für die Pariser Parks. Die Konzerte finden im "Pavillon des Azalées" statt, einem der Bestimmung gemäßen Bau aus Glas und Stahl mit etwas mehr als 200 Plätzen auf grünen Parkbänken.


      Was für eine schöne Location (zumindest klingt es so).

      Original von Gamaheh
      Die Akustik ist naturgemäß fragil und hält Einwirkungen von außen nicht gut stand. Die Firma Yamaha stellt den Flügel zur Verfügung und benutzt das Gewächshaus mit ständiger Anwesenheit eines Technikers gewissermaßen als Versuchslabor, um seinen High-end Flügel zu testen, wie ein Presseausschnitt informierte. Die – glücklicherweise – kaum normalen, ungünstigen Bedingungen: zuweilen hohe Luftfeuchtigkeit und starke Temperaturschwankungen, bieten sich dazu an. Wie sich z.B. zeigte, reagiert der Flügel äußerst und unangenehm schrill auf heftig angeschlagene hohe Töne.


      Das klingt allerdings etwas weniger romantisch...

      Original von Gamaheh
      (...) Fraçois-Fréderic Guy, der diesmal gar nicht böse wirkte, sondern eher gut gelaunt. Sein Unterfangen war allerdings ein mutiges: an einem Abend acht der beethovenschen Sonaten zu spielen, wobei er das Programm dieses concert surprise – wie die Organisatorin mitteilte – erst einige Stunden vorher festgelegt hatte.


      Monsieur Guy scheint eine hervorragende Kondition zu haben...

      Original von Gamaheh
      Das Programm der drei aufeinanderfolgenden Konzerte war wie folgt:

      I. op. 26
      op.27/2 „Mondschein“
      op. 110
      II. op. 13 „Pathétique“
      op.111
      III. op. 109
      op. 78 „A Thérèse“
      op. 57 „Appassionata“

      Man muß sagen, daß sich Guy im Laufe des Abends kontinuierlich steigerte, und der Höhepunkt war sicherlich die Appassionata, die auch wohl seinem pianistischen Temperament am meisten entgegenkommt (oder umgekehrt). Diese Sonate habe ich wirklich schon zu Tode gemetzelt gehört, aber Guy führte sie zu einem wahrhaft fulminanten Abschluß. Sehr schön auch op.110, mein Favorit unter Beethovens Sonaten.

      Wenn man Pianisten (unabhängig von der Musik, die sie spielen) literatur- oder geistesgeschichtlichen Epochen zuordnen wollte, gehört Guy sicherlich dem Sturm und Drang an, was aber nicht heißt, daß er nicht auch sehr einfühlsam gerade die langsamen Passagen spielen kann (dies kam besonders schön im op.109 zur Geltung). Er hat bisweilen eine (für mich) irritierende Art, einzelne Noten zu hämmern und bis zur Apokope abzulösen, ein Manierismus, den ihm zweifellos sein Temperament auferlegt.


      Das klingt ziemlich packend und mitreißend... Scheint ein richtig gelungener Abend gewesen zu sein.

      Freue mich schon auf die Fortsetzung Deines Berichts aus Paris.

      Herzliche Grüße

      Sabine
      ... the rest is silence
      William Shakespeare, The Tragedy of Hamlet Prince of Denmark, Vii
    • RE: Serres d’Auteuil 1: Francois-Frédéric Guy

      Liebe Sabine,

      vielen Dank für Deine Kommentare.

      Original von cellodil
      War das das Konzert mit der unbequemen Bank? Davon hattest Du - glaube ich - in dem Thread, in dem wir über Konzert und/contra Konserve geredet hatten, geschrieben...


      Genau das war es.

      Klingt nach einem bestechend simplen und überzeugenden Konzept. Wird das gut angenommen? Weißt Du, ob das außerhalb von Frankreich Nachahmer findet?


      Ich finde es sehr überzeugend. Diese Veranstaltungen sind (nach meiner begrenzten Erfahrung) sehr populär. Das Festival Chopin, von dem ich auch noch kurz berichten werde, findet in einem ähnlichen Rahmen statt. Ich weiß allerdings nicht, ob es außerhalb von Frankreich so etwas gibt.

      Was für eine schöne Location (zumindest klingt es so).


      Sehr schön, könnte aber sicher noch schöner bei strahlendem Sonnenschein sein - doch so habe ich es noch nicht erlebt.


      Freue mich schon auf die Fortsetzung Deines Berichts aus Paris.


      Kommt demnächst.

      Herzliche Grüße,
      Gamaheh
      In girum imus nocte et consumimur igni.
    • Serres d’Auteuil 2: Philippe Giusiano

      Am folgenden Abend Philippe Giusiano (Jg. 1973), der 1995 den Warschauer Chopin-Wettbewerb gewann (2. Preis – der erste wurde nicht vergeben). Dieser Pianist hatte mich bereits aus dem Radio (von La Roque d’Anthéron) und von CD durch sein elegantes Chopin-Spiel beeindruckt.

      An diesem Abend spielte er zunächst Rachmaninoff (8 Etudes tableaux op.33) und Skriabin (Sonate-Fantaisie in gis op.19); ich kenne das russische Repertoire nicht besonders gut, habe irgendwie keinen Draht dazu, aber unter den Fingern von Giusiano wurden die Stücke lebendig. Gefolgt – gemäß den Vorgaben der Serie – von einem zeitgenössischen Stück von J. Andrejevas (mir bis dato unbekannt): Estampe An Engraving (1990), dem ich persönlich spontan nichts abgewinnen konnte. Am Schluß dann Chopin: das Nocturne in As op.32/2 und das Scherzo n.2 in b op.31, das er wirklich mit einer Verve wie kein anderer spielt (ich hatte es von ihm schon von La Roque d’Anthéron gehört). Es folgten drei Zugaben (das Prélude op.45 sowie zwei Etüden (op.10/4 und op.10/3).

      Im Laufe dieses Konzertes fiel das Wasser in großen Mengen aus dem Himmel, und eine Schwäche der Konstruktion, die den dafür vorgesehenen Pflanzen nichts anhaben kann, aber möglicherweise für musikalische Instrumente ungeeignet ist, machte sich bemerkbar: Es tropfte an einigen Stellen durch die altersschwachen Nähte zwischen Metall und Glas. (Ich erinnere mich, daß im letzten Jahr zur gleichen Zeit ähnliche Bedingungen herrschten und die Organisation vorsorglich an den betroffenen Stellen Kreppband an die Parkbänke geklebt hatte, deren Bedeutung den ahnungslosen Zuhörern allerdings erst erklärt wurde, als alle bereits dichtgedrängt saßen ohne Möglichkeit, den Platz zu wechseln.)

      Gemäß meiner soeben erfundenen Klassifikation ein Pianist des chevaleresken Zeitalters, des Ritterromans – ein Pianist mit Panache!
      Frankreich hat schon großartige Pianisten, und gerade die besten unter ihnen sind bei uns kaum bekannt: ich denke da zuallererst (wie Ihr wißt) an Philippe Bianconi, aber auch Philippe Giusiano, François-Frédéric Guy, Jean-Frédéric Neuburger und auch Lise de la Salle, von der ich vielleicht noch schreiben werde.

      Grüße,
      Gamaheh
      In girum imus nocte et consumimur igni.
    • RE: Serres d’Auteuil 2: Philippe Giusiano

      Liebe Gamaheh,

      schön, dass Du von Deinem Konzertmarathon so anschaulich erzählst. Das macht richtig Lust auf mehr...

      Apropos Marathon: Wie viele Konzerte gibt es denn an den Serres d'Auteuil? Und wie viele Abende sind das? Ist die Veranstaltung immer an die Fête de la musique gekoppelt?

      Original von Gamaheh
      Philippe Giusiano (Jg. 1973) (...)

      An diesem Abend spielte er zunächst Rachmaninoff (8 Etudes tableaux op.33) und Skriabin (Sonate-Fantaisie in gis op.19); ich kenne das russische Repertoire nicht besonders gut, habe irgendwie keinen Draht dazu, aber unter den Fingern von Giusiano wurden die Stücke lebendig.


      Das sind diese großartigen Momente, in denen plötzlich ein Türchen, das bislang verschlossen war, aufgeht... Was meinst Du, was im Vergleich zu den Interpretationen, die Du von den Stücken kanntest, anders war? Hast Du eine Idee, was dieses plötzliche Lebendigsein bewirkt haben könnte?

      Original von Gamaheh
      Im Laufe dieses Konzertes fiel das Wasser in großen Mengen aus dem Himmel, und eine Schwäche der Konstruktion, die den dafür vorgesehenen Pflanzen nichts anhaben kann, aber möglicherweise für musikalische Instrumente ungeeignet ist, machte sich bemerkbar: Es tropfte an einigen Stellen durch die altersschwachen Nähte zwischen Metall und Glas.


      Das war dann nicht nur für den Flügel der Härtetest...

      Original von Gamaheh
      Ich erinnere mich, daß im letzten Jahr zur gleichen Zeit ähnliche Bedingungen herrschten und die Organisation vorsorglich an den betroffenen Stellen Kreppband an die Parkbänke geklebt hatte, deren Bedeutung den ahnungslosen Zuhörern allerdings erst erklärt wurde, als alle bereits dichtgedrängt saßen ohne Möglichkeit, den Platz zu wechseln.


      Und was war dieses Jahr?

      Stelle mir gerade die Szene vor, wie permanent Wasser von oben tropft, während vorne ein Mann Rachmaninov und Chopin spielt, das Publikum immer nasser und nasser wird, aber zu gebannt von der Musik einfach verharrt. Variante 2: Einer nach dem anderen schleicht sich leise davon und am Ende sitzt nur noch der Pianist, der so versunken in sein Spiel ist, dass er von alledem nichts mitbekommen hat, am Flügel und spielt Chopin.

      Original von Gamaheh
      Frankreich hat schon großartige Pianisten, und gerade die besten unter ihnen sind bei uns kaum bekannt


      Schon merkwürdig, eigentlich...

      Original von Gamaheh
      Lise de la Salle, von der ich vielleicht noch schreiben werde.


      Bitte!!!!!

      Liebe Grüße

      Sabine
      ... the rest is silence
      William Shakespeare, The Tragedy of Hamlet Prince of Denmark, Vii
    • Serres d’Auteuil 3: Giovanni Bellucci (23.6.)

      War der vorige Abend der Höhepunkt meiner vier Tage in Paris, so war dies gewiß der Tiefpunkt. Hier spielte ein italienischer Pianist, Giovanni Bellucci (Jg. 1965), der, wie ich seither recherchierte (auf seiner Homepage, im übrigen), mit diversen Preisen ausgezeichnet und mit Kritikerlob überschüttet worden ist (nichtsdestotrotz ein illustrer Unbekannter für mich).

      Er spielte Liszts Transkription von Beethovens 5. Sinfonie, die Welturaufführung eines Stückes von einem jungen Italiener (N. Campogrande, La dolce Italia von 2004), der die Versammlung durch seine Anwesenheit zierte, und Liszts Ungar. Rhapsodie n.2 in cis. Hier wurde nun der Yamaha wirklich einem Härtetest ausgesetzt: Bellucci hatte offenbar den Ehrgeiz, mindestens ein paar Saiten bersten zu lassen, aber zumindest das gelang ihm nicht, und meine Trommelfelle haben – Spätschäden nicht ausgeschlossen – den Anschlag allem Anschein nach auch unbeschadet überstanden. Leider nähert sich mir, wenn kontinuierlichem Dröhnen – und sei es noch so laut – ausgesetzt, Hypnos auf leisen, aber entschlossenen Schritten, und nur der Unbequemlichkeit der Parkbank war es zu verdanken, daß er keine Gewalt über mich gewann. Wer wie ich – freundlich und optimistisch gestimmt – auf Momente der Poesie wartete, die ja auch bei Liszt reichlich vorhanden sind, wartete vergeblich.

      Zu mehr als einer Zugabe wurde Bellucci – trotz der italienischen Claqueure – nicht genötigt: eine lisztsche Transkription aus Verdis Rigoletto, in der ich die Arie „Bella figlia dell’amore“ erkannte – bedauernswerterweise wurde die Schöne auf dem Yamaha zu Tode geprügelt. Aber immerhin gelang es mir so, mit Beniamino Gigli im Ohr den Rückzug anzutreten.

      Wessen Neigung zu altmodischem Virtuosentum geht und wer keinen großen Wert auf Musikalität legt (und möglicherweise ohnehin schon halb taub ist), sollte sich Bellucci unbedingt bei nächster Gelegenheit anhören – Mittelalter!

      Grüße.
      Gamaheh
      In girum imus nocte et consumimur igni.
    • RE: Serres d’Auteuil 2: Philippe Giusiano

      Original von cellodil
      Apropos Marathon: Wie viele Konzerte gibt es denn an den Serres d'Auteuil? Und wie viele Abende sind das? Ist die Veranstaltung immer an die Fête de la musique gekoppelt?

      Der erste Teil, der wohl immer gegen Ende Juni beginnt (ob aus Anlaß der Fête de la Musique, weiß ich nicht) ist beendet, der zweite Teil fängt Ende August an und geht über drei Wochenenden, glaube ich; hier würde ich besonders auf J.F. Neuburger und Ilia Rachkovsky hinweisen. Wenn es Dich interessiert, geh doch mal zu dem Link im Bericht vom ersten Abend, dort findest Du das Programm und auch ein paar Fotos vom Gewächshaus.
      Hast Du eine Idee, was dieses plötzliche Lebendigsein bewirkt haben könnte?

      In erster Linie die Live-Situation natürlich, dann vermutlich der Schwung, mit dem sie gespielt wurde (die Musik), die mir sonst eher schwer, etwas düster und zäh erscheint.
      Stelle mir gerade die Szene vor, wie permanent Wasser von oben tropft, während vorne ein Mann Rachmaninov und Chopin spielt, das Publikum immer nasser und nasser wird, aber zu gebannt von der Musik einfach verharrt. Variante 2: Einer nach dem anderen schleicht sich leise davon und am Ende sitzt nur noch der Pianist, der so versunken in sein Spiel ist, dass er von alledem nichts mitbekommen hat, am Flügel und spielt Chopin.

      Das wäre eine nette Szene für einen Film; vielleicht kannst Du sie Yamaha als Werbeidee verkaufen? Ganz so schlimm war es nicht: Es tropfte nur ein bißchen, und an den betroffenen Stellen rückten die Leute etwas enger zusammen.

      Beste Grüße,
      Gamaheh
      In girum imus nocte et consumimur igni.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Gamaheh ()

    • Festival Chopin: Hervé Billaut (24.6.)

      Am folgenden Tag mußte ich auf Michel Béroff im Pavillon des Azalées verzichten, da mir daran gelegen war, meinen Nachtzug nach Hause nicht zu verpassen. Stattdessen ging ich am Nachmittag in den nicht weit entfernt, ebenfalls im Bois de Boulogne gelegenen Parc de Bagatelle, wo in der Orangerie das Festival Chopin stattfindet, das in diesem Jahr zum 24. Mal von der Pariser Chopin-Gesellschaft ausgerichtet wird (bis Mitte Juli).

      Die Orangerie ist ein solides steinernes Bauwerk von etwa 150 mq, in das man etwa 200 Stühle gestellt hatte (die auch weitgehend ausgelastet waren) und das mit sehr üppigem Blumenschmuck ansprechend dekoriert war. Das Instrument war ein Steinway Konzertflügel, die Akustik hervorragend. Die milde Wetterlage des Tages erlaubte ein Konzert bei geöffneten Fenstern mit Blick auf das Rosarium.

      Nachteilig ist hier, daß man erst 3 Euro Eintritt bezahlen muß, bevor man den Park betreten darf. Wenn ich – ohne jeden Lokalpatriotismus, der mir abgeht – daran denke, daß man in meiner Heimatstadt in dem schönsten mir bekannten Park (den ich das Glück habe, an Arbeitstagen zweimal am Tag zu durchqueren) jederzeit freizügig lustwandeln darf, dann mutet mich das eigentümlich und undemokratisch an.

      Es spielte Hervé Billaut (Jg.1964), ein französischer Pianist, den ich bereits aus dem Radio von La Roque d’Anthéron kannte. Im Mittelteil den obligatorischen Chopin: die Ballade n.3, die Berceuse, und den Walzer op.42; davor Bach und Fauré, danach Albéniz und zwei Zugaben, die ich nicht kannte.

      Billaut hatte mich im Radio nicht außergewöhnlich beeindruckt, und er tat es auch diesmal nicht; aber das ist eine reine Frage des Geschmacks, es war durchaus ein schönes Konzert von einem sympathischen Pianisten, und ich bin froh, daß ich es nach dem gestrigen noch gehört habe.
      Billaut kann ich nicht spontan einordnen – vielleicht beeindruckt er mich als Persönlichkeit einfach nicht stark genug, weder im positiven noch im negativen Sinne.

      Für die, die es interessiert: Jemand erzählte mir, daß die abendlichen Konzerte dort, die zur Begleitung der untergehenden Sonne stattfinden, die in die Orangerie scheint, besonders schön sind. Im Park werden Kerzen aufgestellt, durch die man dann durch das Rosarium flanieren kann.

      Insgesamt favorisiere ich immer mehr die kleineren, etwas anderen Konzerte dieser Art, die eine intime und gesellige Atmosphäre begünstigen, im Gegensatz zu den großen, repräsentativen, die gesellschaftliche eher als gesellige Anlässe sind, zu denen die Besucher gerne ihre Garderoben ausführen und die mit „großen“ Namen locken.

      Grüße,
      Gamaheh
      In girum imus nocte et consumimur igni.
    • RE: Festival Chopin: Hervé Billaut (24.6.)

      Original von Gamaheh
      Für die, die es interessiert: Jemand erzählte mir, daß die abendlichen Konzerte dort, die zur Begleitung der untergehenden Sonne stattfinden, die in die Orangerie scheint, besonders schön sind. Im Park werden Kerzen aufgestellt, durch die man dann durch das Rosarium flanieren kann.


      Klingt himmlisch... Und dann noch ein schönes Konzert... Hmmm....

      Abgesehen von dem einen Abend, der nicht ganz so gelungen war, scheinst Du ja eine richtig schöne und anregende Zeit in Paris gehabt zu haben. Zumindest hallt sie in Deinen Berichten noch nach.

      Seufz! und herzliche Grüße

      Sabine
      ... the rest is silence
      William Shakespeare, The Tragedy of Hamlet Prince of Denmark, Vii
    • Original von AcomA
      hallo Gamaheh,

      michel beroff würde ich auch mal gerne live erleben. leider spielt er nicht mehr auf dem niveau wie vor 30 jahren aufgrund dystonischer beschwerden.

      gruß, siamak


      Leider habe ich ihn vor ein paar Wochen auch in Hamburg verpaßt (aus eigener Blödigkeit - einfach vergessen!).

      Grüße,
      Gamaheh
      In girum imus nocte et consumimur igni.
    • Tzimon Barto in Wotersen

      Liebe Forenser,

      nun hat das Schleswig-Holstein Musik-Festival begonnen, und ich war am Montag in Wotersen, um in der dortigen Scheune Tzimon Barto zu hören, über den ich hier soviel mir positiv Erscheinendes gelesen hatte. Es war ein recht angenehmer Abend, denn Wotersen ist ein netter Ort, obwohl es fast unerträglich heiß war.

      Das großzügige und vielseitige Programm:

      Beethoven, Sonate op.10/2
      Rameau
      Ravel, Miroirs
      Rameau, Soupirs
      Claude Baker, Flights of Passage
      Chopin, Grande Polonaise brillante précédée par un Andante spianato
      Vier Zugaben:
      (die erste habe ich vergessen - aber vielleicht waren es auch nur drei)
      Schumann, Intermezzo aus Faschingsschwank
      etwas von Scott Joplin (oder ähnliches)
      Liszt, Ungarische Rhapsodie n.2

      Daß wir uns auf nichts Konventionelles einstellen durften, machte der Künstler gleich zu Anfang klar, als er sich an den Flügel setzte, einige beliebige Akkorde spielte und meinte „Wir warten auf die Noten.“ (Eine Merkwürdigkeít, die ich jetzt schon ein paarmal erlebt habe; jemand, der so viele Sprachen lernt, sollte doch seine Musik im Kopf behalten können.) Der Notenständer wurde gebracht, und Barto legte los: nicht so richtig Beethoven, wie man ihn gewohnt ist, etwas gehetzt zuweilen, sehr langsam dann wieder. Im zweiten Satz zeigte er durchaus, daß er dem Instrument wunderschöne lyrische Töne zu entlocken vermag – bisweilen; auch gelang es ihm immer wieder, die Mehrstimmigkeit sehr gut hervorzuheben. Insgesamt fand ich mich durch dauernde, unmotivierte Tempowechsel, durch erratische Dynamik und ein sonderbares Rhythmusgefühl irritiert, ein Eindruck, der sich über das gesamte Konzert verfestigte – ich dachte an schnelle Schnitte in Filmen, die ich mir nicht ansehe, weil mich so etwas nervös macht.

      Dann Rameau, dessen Musik ich nicht so gut kenne, aber sicher schon überzeugender gehört habe, mit enormem Pedaleinsatz. Soviel ich weiß, sind Allemande, Sarabande, Gavotte Tänze, aber es wäre sicherlich eine Herausforderung auch an die Tänzer unter uns, zu dieser ausgeköstelten Langsamkeit mit diesem ungleichmäßigen Rhythmus zu tanzen. Ich werde den Eindruck nicht los, daß Bartos Rhythmusgefühl noch andere Quellen hat als Beethoven, Rameau und Ravel, der uns als nächstes geboten wurde – auch, zugegebenermaßen, nicht meine Vorstellung von Ravel. Insbesondere die Oiseaux erschienen mir nicht traurig, sondern eher manisch-depressiv (einen ähnlichen Eindruck hatte ich kürzlich, als ich sie von Alexandre Tharaud im Radio hörte). Dans la Vallée des cloches, il y avait quelque chose qui clochait.

      Nach der Pause ein längeres Stück von einem zeitgenössischen amerikanischen Komponisten, Claude Baker, das mit einem Schlag der flachen Hand des Pianisten auf die Baßsaiten begann (er mußte noch häufiger die Saiten durch Schlagen und Zupfen züchtigen) und von Lesungen von Texten Walt Whitmans unterbrochen wurde (wobei ich keinen rechten Zusammenhang zwischen der Musik und der Lyrik zu entdecken vermochte), das aber recht launig und teilweise ravelesk war, dann aber wieder sehr an Messiaens Turangalîla-Symphonie erinnerte. Zum Schluß dann Chopin: Als er die Grande Polonaise anstimmte, dachte ich, jetzt käme eine Transkription des Badenweiler Marsches; hier waren es nicht mehr die Kanonen unter den Blumenbeeten, sondern die völlig unverblümten Kalashnikoffs.

      Bis hier war der Beifall eher mäßig, aber insbesondere ab der dritten Zugabe (die er dann auch alle ohne Noten spielte) riß der Pianist mit der eisernen Kondition dann das Publikum so richtig mit. Jetzt begann ich zu ahnen, woher Barto sein Rhythmusgefühl hat: vom Ragtime anscheinend. Insgesamt hatte der Abend durchaus einen gewissen Unterhaltungswert.
      Zu hören gegen Ende des Monats (28.7.?) auf NDR3.

      Grüße,
      Gamaheh
      In girum imus nocte et consumimur igni.
    • Da geht man hin: Schleswig-Holstein-Musikfestival (2)

      "Gestern" ist sicherlich nicht richtig - aber einige Sachen möchte ich gerne nachholen:

      Am 28. Juli im Kieler „Schloß“ (da stand mal eins) eine an und für sich interessant konzipierte Liszt-Nacht (das Themen-Land war ja diesmal Ungarn, unter dem Motto „Musika Paprika“!).

      An dem Abend, den ich als endlosen erwartet hatte, da sechs mehr oder weniger junge Pianisten auf dem Programm standen: Claire-Marie Le Guay (die einen äußerst unvorteilhaften Hosenanzug aus Blümchen-Tüll oder sowas trug), Alice Sara Ott (die gerade beim SHMF heftig Preise abgesahnt hatte und für einsprang, daher auch eine Programmänderung), Evgenia Rubinova, Gergely Bogányi, Nelson Goerner und Herbert Schuch.

      Auf der Bühne standen zwei Flügel, und bald wußte man auch, warum: Es wurde angesagt, daß die Künstler wünschten, daß man zwischendurch nicht applaudiere. Darauf waren sie so angestrengt erpicht, daß während der eine spielte, immer schon der nächste am anderen Flügel bereit saß, um einen nahtlosen Übergang zu gewährleisten. Da keiner länger als fünfzehn Minuten zur Zeit spielte, wirkte das Ganze ziemlich hektisch und unnatürlich. Einer mußte sich ständig im Halbdunkel auf Zehenspitzen zu seinem Stuhl zurücktasten, während ein anderer auf den Klavierschemel nachrückte.

      In der ersten Hälfte Transkriptionen, in der zweiten Originalwerke von Listz:

      Liszt/Bach: Präl. u. Fuge in C BWV 545 (Rubinova)
      Liszt/Mozart: Confutatis und Lachrymosa aus dem Requiem (Le Guay)
      Liszt/Schubert: Erlkönig (Bogányi)
      Liszt/Paganini: Grande Étude in a (Ott)
      Liszt/Wagner: O du mein holder... (Schuch)
      Liszt/Gounod: Faust-Walzer (Goerner)
      Liszt: Nuages gris (Bogányi)
      Unstern! (Bogányi)
      KE Waldesrauschen (Schuch)
      KE Gnomenreigen (Schuch)
      Étude d’exécution transcendante in d „Mazeppa“ (Ott)
      Mephisto-Walzer N.1 (Goerner)
      St. François d’Assise. La prédication aux oiseaux (Le Guay)
      Ungarische Rhapsodie n.2 in cis (Rubinova)

      Bei der Zugabe saß Goerner an dem einen Flügel, während sich die anderen am anderen abwechselten. Da ich u.a. die englische und die italienische Nationalhymne erkannte, war es wohl (ein Teil) dieses massiven Werks über europäische Hymnen.

      Im ganzen ein interessanter und (vielleicht zu) abwechslungsreicher Abend, erfreuliche Leistungen von mehr oder weniger allen, wenn auch zu kurz, um wirklich etwas dazu sagen zu können. Die Entdeckung des Abends war für mich der junge Ungar, offenbar (und sicher nicht zu Unrecht) der klavieristische Stolz seines Landes. Die Poesie, mit der er Liszt spielte, war ganz erstaunlich und zeigte, daß es eben auch so geht – leider zu selten erlebt.

      Grüße,
      Gamaheh
      In girum imus nocte et consumimur igni.
    • Lieber Richard,

      Original von Rachmaninov
      von Étude d’exécution transcendante habe ich sowohl eine Aufnahme von "Le Guay" sowie Goerner. Goerner empfinde ich als Liszt Interpret insg. mind. eine Klasse besser! Wie war Dein Eindruck?


      Ich kann diesen Eindruck nur bestätigen. Hier spielte Goerner ja doch ganz andere Sachen, aber Le Guay hat mich eigentlich gar nicht beeindruckt (aber wie gesagt, die Zeit war zu kurz, um etwas Negatives sagen zu wollen).

      Goerner habe ich am folgenden Tag noch im Kuhstall in dem Zwei-Milchkannen-Flecken Pronstorf gehört. Dort spielte er ein recht aufwendiges Programm:

      Janácek: Sonate 1.X.1905 „Von der Straße“
      Schumann: Humoreske
      Liszt: Sonate in h

      Dort zeigte sich Goerner als durchaus ernstzunehmender Pianist. Die Humoreske erschien mir zwar konträr in der Weise, wie Goerner sie nahm, die h-moll-Sonate hat mich halbwegs überzeugt. Es ist eben schwierig, wenn man schon gewisse Vorstellungen von einem Werk hat, es sein denn, es funkt wirklich (aber das ist in meiner Erfahrung eher selten). Wirklich überzeugt hat er mich jedoch mit einer der drei (!) Zugaben, dem Petrarca-Sonett n.123 (obwohl ich davon auch gewisse Vorstellungen habe).

      Grüße,
      Gamaheh
      In girum imus nocte et consumimur igni.
    • Tedi Papavrami (vl.) und Philippe Bianconi (p.) in der Orangerie von Sceaux (8.9.)

      Dieses Duo hatte ich schon früher einmal gehört, dort aber war die Akustik so, daß zumindest die Geige etwas scharf (soll heißen: unschön) klang.

      In der Orangerie mit ihren vielen Glasfenstern war sie erstaunlicherweise superb, und entsprechend war es ein großartiges Konzert. Zwei der schönsten Beethoven-Sonaten (Nr.3 und Nr. 10), die erste mit jugendlichem Feuer, die zweite unvergleichlich, insbesondere der zweite Satz, bei dem es mir klar wurde, warum Bruno Walter Beethovens langsame Sätze für das Schönste hielt, was in der Musik geschrieben worden ist, und ein anderer sie als „Choräle“ bezeichnet hat. In der zweiten Hälfte Brahms’ dritte Violinsonate, mit großer Hingabe und Elan gespielt. Ein erwartungsgemäß hingerissenes Publikum im ausverkauften Saal. Als erste Zugabe etwas, was ich nicht kannte (Bartok?), aber sehr aufregend, zum Schluß, als obligatorisches „Wiegenlied“ der zweite Satz der 2. Sonate von Brahms. Die beiden erfreuen sich hier ungeheurer Beliebtheit. Am Anschluß gab es Gelegenheit, ihre neue CD mit Brahms’ Violinsonaten, die im Oktober bei Aeon erscheint, „in anteprima“ zu erwerben. (Ich nahm sie natürlich wahr.)


      Das Konzert wird am 2. Oktober um 16 Uhr auf Radio France Musique gesendet.

      Grüße,
      Gamaheh
      In girum imus nocte et consumimur igni.

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    • Jean-Efflam Bavouzet (p.) und Daniel Mesguish (Rezitation) im Parc Floral de Paris (9.9.)

      Im sehr schönen Botanischen Garten von Paris (Parc Floral im Bois de Vincennes) finden im Sommer diverse musikalische Veranstaltungen im Freien statt, der Eintritt ist frei (dafür kostet der Eintritt in den Park 5 €). Es steht dort eine Bühne mit einem Steinway-Konzertflügel unter einer zeltartigen Überdachung, die auch ca. 300 Zuhörern Schutz gewährt.

      Zunächst spielte Bavouzet Beethovens Mondschein-Sonate, die er ziemlich uninspiriert herunternudelte. Danach Liszt: Invocation, Hymne de la nuit, und die Rigoletto-Paraphrase, zugegebenerweise ungleich poetischer als ich sie im Juni gehört hatte (ich berichtete). Diese Stücke wurden durch die „off“-Rezitation von Gedichten unterbrochen (Mesguish). Bavouzet spielt beiläufig, nimmt Beifall beiläufig entgegen und fängt mitten im Applaus beiläufig wieder an zu spielen.

      Danach kamen dann einige Kostproben des Lisztschen Melodramas, eine Gattung, die mir bis dahin unbekannt war: Bavouzet spielte Werke, die Liszt auf Gedichte komponiert hatte, aber nicht dazu (also im Gegensatz zu Liedern). Der Bezug wurde dadurch verdeutlicht, daß Mesguish in unregelmäßigen Abständen zwischendurch die Texte (diesmal "on") rezitierte. Es war schon ulkig, z.B. Bürgers „Leonore“ auf französisch zu hören („mon bonheur, Wilhelm, est avec toi“) – in der Tat trifft kein Wort es besser als „melodramatisch“. Außer der Leonore noch: Die Liebe des toten Dichters, Der traurige Mönch, Der Blinde. Ich mußte an die Klavierbegleitung zu Zeiten des Stummfilms denken. In der Tat sprach Bavouzet in einer anschließenden Veranstaltung, in der die beiden über das Konzept sprachen und Fragen des Publikums beantworteten, über das Melodram als Vorgänger der Filmmusik. Interessante Veranstaltung ...

      Grüße,
      Gamaheh
      In girum imus nocte et consumimur igni.
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