Don Carlos - eine vollkommene Oper

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    • Original von manrico
      Hallo Rachmaninov!

      Die Aufnahmen sind sehr unterschiedlich. Beide sind sehr feinfühlig und exakt dirigiert, die Unterschiede sind in der gänzlich anderen Besetzung zu suchen. Für die Studioeinspielung hat Giulini ein Ensemble mit Stimmen wie aus dem Hochglanzmagazin. Alles spiegelt und glänzt, es gibt kaum Unebenheiten - eine perfekte Studioeinspielung. In Covent Garden schaut es ganz anders aus. Die Stimmen sind durch viele Furchen gekennzeichnet. Das bedeutet, dass die vokalen Gesichter der Protagonisten nicht so schön aber viel interessanter und individueller sind. Die Charakterzeichnng gelingt profilierter (vor allem bei Christoff und Brouwestijn).

      Es hängt also ganz davon ab, welche Vorstellungen du erfüllt wissen möchtest.

      lg

      Werner


      @Werner.

      danke!

      So wie ich es sehe ist die Studio Aufnahme wohl die derzeit problemlos verfügbare.
      _____

      Administrator: Das Klassikforum
    • Hat jemand am Sonntag "Don Carlo" aus Mailand gesehen?
      Ich habe etwas getan, was ich noch nie getan habe: ich habe mitten im Schwurduett ausgeschaltet. Die haben gesungen, als gälte es, den Wetterbericht zu vermelden X(
      Hat es jemand zuende gesehen? Furlanetto war Filippo, aber nicht mal die Aussicht auf ihn konnte mich dazu bewegen, weiter zu gucken.
      Im übrigen soll es mal wieder Theater in Mailand geben: die Erstbesetzung wurde drei Tage vor der Premiere gefeuert und jetzt brennt mal wieder die Luzie im schönen Milano :rofl
      Vielleicht waren Posa und Carlos deshalb so uninspiriert. Hatten halt andere Sachen im Kopf... :J
      Zum Trost gab's gestern die DVD mit Alagna, Hamspon und Matila.
      Auch wenn ich kein ausgewiesener Alagna Verehrer bin (au contraire!), war er um Trilliarden Lichtjahre besser als der Mailänder Kollege. Hampson ist grandios und Karita Mattila zum niederknieen.
      Ah, music! A magic beyond all we do here...
      (Albus Dumbledore)

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Solitaire ()

    • Original von Solitaire
      Hat jemand am Sonntag "Don Carlo" aus Mailand gesehen?
      Ich habe etwas getan, was ich noch nie getan habe: ich habe mitten im Schwurduett ausgeschaltet. Die haben gesungen, als gälte es, den Wetterbericht zu vermelden X(


      Habe nur kurz die Ankündigung zum 3. und 4. Akt auf Bayern 4 gehört und kurz reingelauscht! Mir war abe rnicht nach Oper....
      _____

      Administrator: Das Klassikforum
    • Original von Solitaire
      Hat jemand am Sonntag "Don Carlo" aus Mailand gesehen?
      Ich habe etwas getan, was ich noch nie getan habe: ich habe mitten im Schwurduett ausgeschaltet. Die haben gesungen, als gälte es, den Wetterbericht zu vermelden X(
      Hat es jemand zuende gesehen? Furlanetto war Filippo, aber nicht mal die Aussicht auf ihn konnte mich dazu bewegen, weiter zu gucken.
      Im übrigen soll es mal wieder Theater in Mailand geben: die Erstbesetzung wurde drei Tage vor der Premiere gefeuert und jetzt brennt mal wieder die Luzie im schönen Milano :rofl
      Vielleicht waren Posa und Carlos deshalb so uninspiriert. Hatten halt andere Sachen im Kopf... :J
      Zum Trost gab's gestern die DVD mit Alagna, Hamspon und Matila.
      Auch wenn ich kein ausgewiesener Alagna Verehrer bin (au contraire!), war er um Trilliarden Lichtjahre besser als der Mailänder Kollege. Hampson ist grandios und Karita Mattila zum niederknieen.


      Liebe Solitaire,

      ich habe den Fernseher eingeschaltet gelassen. Ich habe jetzt noch nicht nachgeschaut, ob meine Aufnahme funktioniert hat, wenn nicht, bin ich auch nicht sonderlich traurig.

      Die sängerischen Leistungen haben mich nicht sonderlich begeistert, ein mehr bemühter als frei singender Don Carlo, ein vielleicht etwas besserer Poso, alle anderen haben bei mir auch keinen nachhaltigen Eindruck hinterlassen.
      Mehr statische denn agierende Darsteller, wären nicht die sicherlich schönen Kostüme gewesen, hätte es auch eine konzertante Aufführung getan. Kaum Regungen oder Emotionen in den Gesichern und Gesten, weder bei den Solisten noch vom Chor. Daß das Bühnenbild sehr spartanisch war, hat mich dann noch am wenigsten gestört.

      Kurz: enttäuschend.

      Viele Grüße,
      Wolfgang
      Wir sollten uns nicht brüsten, der Gipfel der Evolution zu sein, sondern uns daran freuen, eine Art Freak der Natur zu sein.
      So etwas wie uns wird die Evolution nie wieder hervorbringen. (Paul Sereno, Paläontologe)
    • Original von Gerion
      Hat jemand die Großinquisitorszene gesehen? Den G.I. fand ich persönlich ziemlich schlecht... Furlanetto hingegen hat mir gut gefallen, auch wenn er in anderen Einspielungen sicherlich besser ausgesehen hat.

      Das Bühnenbild fand ich gut und interessant. Ich habe aber nicht die ganze Oper gesehen.


      Beim GI stimme ich Dir zu, er hat mich auch nicht überzeugt. Das Publikum hat ihn das nach der Vorstellung auch deutlich spüren lassen.

      Grüße,
      Wolfgang
      Wir sollten uns nicht brüsten, der Gipfel der Evolution zu sein, sondern uns daran freuen, eine Art Freak der Natur zu sein.
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    • Danke für die Antworten!
      So wirklich begeistert ist also keiner. Das was ich vom Bühnenbild gesehen habe, erinnert mich an Willie Deckers Amsterdamer Inszenierung(2004) die für mich die beste ist, die ich bisher gesehen habe, auch wenn etwas der Wurm drin steckte: Elisabetta stimmlich nicht mehr frisch, Posa an sich ein guter Sänger aber an dem Abend angekündigt indisponiert, die Kostüme ein Schwerverbrechen.
      Aber die großartige Inszenierung, eine Luxus-Eboli (Violeta Urmana) sowie ein brennender, fiebriger, hochneurotischer Infant von Spanien (Rolando Villazón) reißen es wieder raus. Letzterem möchte man zurufen "Tu das nie wieder, aber danke, daß du es getan hast!"...

      Die DVD mit Alagna und Hamspon hat mir gut gefallen. Vor allem Thomas Hampson war phantastisch, aber auch Alagna hat sich großartig geschlagen. Schade, daß es um seine Stimme zur Zeit so schlecht bestellt ist, das war mal anders.
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      (Albus Dumbledore)

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Solitaire ()

    • Original von manrico
      Die Frage nach dem Charakter des Posa finde ich eine sehr spannende.

      Auch Elisabetta muss sich wohl noch heimlich mit Posa getroffen haben (schade, dass wir nicht wissen, was da passiert ist....), denn in ihrer letzten Arie singt doch im Mittelteil "A Posa di vegliar i giorni suoi giuro) - und ich wüsste nicht, in welcher der Szenen, die wir zu sehen gekriegt haben, Elisabetta Posa dieses Versprechen gegeben hätte. Ich mein, das ist jetzt reine Spekulation, aber hätten wir hier nicht ein viel besseres Motiv für den Mord Philipps an Posa als die getürkten Briefe? Posa kann ohne Carlos politisch nichts ausrichten, und Posa steht Philipp sicherlich näher als sein Sohn. Warum lässt er also ausgerechnet den Mann töten, den er eigentlich auf seine Seite bringen will? Warum erfüllt er den Wunsch des verhassten Grossinquisitors? Nein, die politische Motivation glaube ich nicht, Philipp hat ein persönliches Motiv.

      lg

      Werner


      Dieser Thread ruht zwar schon seit zwei Jahren, aber ich hole ihn einmal hoch, weil mich die Figurenkonstellation im DC auch ungemein fasziniert und man immer wieder neue Facetten entdeckt.
      Ich habe Werners hoch interessante Ausführungen stark gekürzt, um das hervorzuheben, was mir speziell beim Studium von Schiller immer wieder durch den Kopf gegangen ist, dass nämlich für eine so willensstarke Frau wie Elisabeth der "Knabe Carlos" (so nennt ihn Phlipp immer noch) doch nur halb so reizvoll ist wie Marquis Posa:
      Carlos benimmt sich, speziell bei Schiller, doch über weite Strecken wie ein unreifer Jüngling, der statt planvoll überlegtem Handeln mit dem Kopf durch die Wand will und seine Gefühle absolut setzt. Dass er nur aus dem Bauch heraus handelt, beweist er in vielen Szenen.
      Am Anfang im Fontainebleauakt mag dieser Fant ja noch zu Elisabeth passen, da sind beide jung und verliebt und malen sich ihre gemeinsame Zukunft in rosigen Farben aus. Dann aber wird sie zwangsverheiratet ("sie war gefasst auf Liebe - und empfing ein Diadem!" heißt es bei Schiller so treffend) und schlagartig erwachsen, während Carlos scheinbar keine Entwicklung durchmacht, der typische Sturm-und-Drang-Held bleibt, der die Realität einfach nicht akzeptiert und völlig zusammenbricht, als ihm Elisabeth die Unmöglichkeit einer Beziehung vor Augen führt. Hier nun sublimiert Posa sehr geschickt die handfeste Liebe zu einer Frau in die ideale Liebe zu einer Nation - er zeigt ihm ein neues Ziel, für das es sich lohnt zu leben und zu kämpfen.
      Aber worauf ich hinauswill: Posa steht doch Elisabeth in Wahrheit viel näher als der unreife Carlos: Beide verachten Philipps Regime und die Inquisition, beide träumen von Freiheit finden sich in einer politischen Utopie, die der Kronprinz verwirklichen soll. Insofern glaube ich auch sehr stark, dass Posa bei aller Freundschaft, die er für Carlos zweifellos hegt, in ihm in erster Linie eine Möglichkeit sieht, seine politischen Ideale zu verwirklichen. Carlos ist der Nährboden, in den er den Samen einer neuen Zeit legt, und er stirbt nicht für ihn, sondern für seine Ideale, die er höher stellt als sein Leben.
      Und hier nun gibt es bei Schiller eine sehr interessante Stelle, die mich seit Jahrzehnten nicht los lässt: Als Posa der Königin von seinem Plan erzählt, sich für Carlos zu opfern, reagiert sie seltsam emotional. Nicht dankbar, dass dieser Mann das Leben des Geliebten retten will, nein, sie ist völlig aufgewühlt bei dem Gedanken, der Marquis könnte sterben, bietet ihm an ("Ich habe Mut!") sich für ihn einzusetzen, und als er seine Situation als ausweglos darstellt ("Ist keine Rettung möglich?" "Keine!") sagt sie "Marquis, ich schätze keinen Mann mehr!" Hoppla, kann ich da nur sagen :D Was ist mit Carlos, den sie doch angeblich liebt, was mit Philipp, den sie zwar nicht liebt, aber immerhin respektiert??? Und wie reagiert Posa auf diese seltsame Ansage? "Mein Gott, Königin, das Leben ist doch schön!" Ich betone dabei immer das "Doch", weil für mich der Schlüssel zum Verständnis dieses faszinierenden Mannes in diesem Satz liegt. Posas Liebe hat immer nur dem abstrakten Ideal der Freiheit gegolten - "Ich liebe die Menschheit!" sagt er, und auch das ist bezeichnend, denn einem einzelnen Individuum gehört seine Liebe nicht, ich bezweifle, ob er Menschen überhaupt wirklich wahr nimmt in seinem Kampf um eine bessere Welt. Dieser Kampf absorbiert den ganzen Mann und lässt ihm keinen Platz für das, was Leben in erster Linie ist, nämlich die Suche nach dem persönlichen Glück. Und ich glaube, dass ihm genau das in diesem Moment bewusst wird, als ihm die Königin so deutlich zu verstehen gibt, dass sie mehr für ihn empfindet als schicklich ist. Jetzt, wo für ihn alles vorbei ist, erkennt er, dass er eigentlich vergessen hat zu leben, dass das Glück auch anderswo liegen könnte als auf dem politischen Parkett, dass das Leben trotz aller Philippe doch schön ist.
      Werners Spekulation, da könnte eventuell etwas gewesen sein zwischen den beiden, entspricht genau meiner Sicht der Dinge: Wenn Elisabetta die Absicht hätte, die Ehe zu brechen, dann ganz bestimmt nicht mit diesem unreifen Schwärmer Carlos, sondern mit dem gestandenen Mannsbild Posa!! Der ist Geist von ihrem Geist, Carlos nicht mehr als eine sentimentale Jugenderinnerung.

      lg Severina :hello
    • Ups, da hast du mir aber was zum denken gegeben!
      Ich liebe nicht nur die Oper sondern auch das Stück und lese es immer wieder, aber auf diesen Gedanken bin ich noch nicht gekommen.
      Ich muß da länger drüber nachdenken, aber erstmal auf die Schnelle: muß die Tatsache daß Elisabeth Posa schätzt auch zwangsläufig bedeuten daß sie ihn liebt? Liebt im Sinne von romantischer Liebe? Sie respektiert Philipp als ihren Ehemann und fürchtet vermutlich seine Grausamkeit, lieben kann sie in ihm wohl weder den Mann noch den Menschen (wenn mir diese Unerscheidung mal gestattet ist), und schätzen wird sie ihn wohl auch nicht übermäßig, dazu ist er zu despotisch. Ich kann mir auch nicht vorstellen, daß eine Frau einen Mann in dessen Ehebett sie aus Staatsgründen gezwungen wird und der sie öffentlich demütigt schätzt. Respektieren und ihm aus Pflichtgefühl, Gehorsam und auch aus religiösen Gründen die Treue halten ja, aber schätzen? Carlos ist ihre Jugendliebe, ist ihr im Alter näher und auch wenn sie wesentlich realistischer ist als er und sich mit ihrem Schicksal abgefunden hat, wird da wohl noch ein bißchen Romantik und wie du so treffend sagst auch Sentimentalität im Spiel sein wenn sie an ihn denkt, auch wenn sie das ihm gegenüber nicht zugeben würde. Ich denke auch, daß sie genau weiß, das Carlos psychisch instabil und ein Kind ist. Es wundert also nicht, daß Elisabeth in Posa den Menschen, den Freigeist, den aufrechten Charakter erkennt und ihn mehr als jeden anderen Menschen"schätzt". Aber muß dabei romantische Liebe und/oder Begehren im Spiel sein?
      Wobei ich allerdings selber zugeben muß, daß ich Posa immer sehr..äh..sexy fand. Gerade weil er so ist wie er ist. Vielleicht geht es Elisabeth also doch so. :)

      Was nun Posa angeht, so finde ich deine Überlegungen noch spannender als bei Elisabeth. Ich denke auch daß er zu freundschaftlichen Gefühlen fähig und Carlos aufrichtig zugetan ist, aber ich denke ebenfalls, daß er für ihn tatsächlich auch Mittel zum Zweck ist. Der Gedanke, daß ihm die Königin klar macht, daß es noch mehr gibt als politische Ideale und daß man auch in einer Diktatur nach persönlichem Glück streben kann und darf gefällt mir. Ich glaube aber nicht, daß Posa dazu wirklich fähig gewesen wäre, selbst wenn die Situation nicht so verzweifelt wäre wie sie ist. Ebenso wenig wie Carlos ohne Posas Aschtritte fähig wäre seinem Leben eine neue Richtung zu geben wäre Posa in der Lage sich zu einem stillen Glück mit Frau und Kind auf's Land zurückzuziehen und der Geschichte ihren Lauf zu lassen. Er ist zu sehr Politiker und Visionär. Er gehört m.E. auch nicht zu den Menschen, die das eine mit dem anderen verbinden könnten. Dieser Mann tut etwas ganz oder gar nicht. Ein bißchen Familienglück (oder auch eine rasante Affaire mit der Königin oder einer anderen Schönen) und nebenher Politik sind wohl nicht sein Ding. Bei ihm gibt es wohl nur entweder - oder. Mal abgesehen davon, daß er mit einer Familie nicht mehr so unabhängig und in der Lage wäre, sein Leben in die Waagschale zu werfen wenn es sein muß. Mit einer Affaire über die wohl irgendwann gemunkelt würde, würde er hingegen seine Integrität, seine Position und damit auch wieder seine Unabhängigkeit auf's Spiel setzen und das würde er nicht riskieren.
      Danke erstmal für die denanstöße, ich werde wohl noch mal zu meinem Schiller greifen :)
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      (Albus Dumbledore)

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Solitaire ()

    • Liebe Mina,
      man müsste halt genau wissen, was konkret man zur Zeit Schillers unter "einen Mann schätzen" verstanden hat, Wörter ändern bekanntlich ihre Bedeutung im Laufe der Zeit. Mir irritiert eben dieses "Kein" - wieso schätzt sie keinen Mann mehr, wenn es Posa nicht mehr gibt, wenn es in unserem heutigen Sinn verstanden wird?? Eigentlich müsste Elisabeth doch sehr "schätzen", was Posa beabsichtigt, nämlich sein Leben für Carlos hinzugeben, statt dessen erklärt sie das Kapitel Männer für abgeschlossen (sehr salopp formuliert :D) Und warum erkennt Posa just in dem Augenblick, wo er sein Leben verspielt, dass es "doch" schön ist, wenn das nichts mit Elisabeth zu tun hat? Ich kenne das Drama beinahe auswendig, so oft habe ich es bereits gelesen, aber diese Stelle lässt mich einfach nicht los, die hat einen doppelten Boden, ich kann mir nicht helfen.
      Dass Elisabeth und Posa Geistes- und Seelenverwandte sind, dafür gibt es viele Belegstellen, meine Theorie, dass sie sich darüber hinaus zueinander hingezogen fühlen, ist zugegeben kühn, aber je länger ich mich mit dem Stück beschäftige, umso weniger abwegig erscheint es mir.
      In einem sind wir uns einig, dass Posa als Mann wesentlich faszinierender ist als Carlos, der immer noch grün hinter den Ohren ist und ja vieles vergeigt, weil er immer nur seinen Gefühlen folgt, anstatt einmal seinen Verstand einzusetzen.
      lg Severina :hello
    • Ihr lieben,
      also wenn ihr wollt - morgen gibt es die Oper im Radio, in sicher hörenswerter Besetzung:

      BR-KLASSIK - 19:05 Uhr Giuseppe Verdi: "Don Carlo"
      Oper in fünf Akten, In italienischer Sprache

      Don Carlo - Jonas Kaufmann
      Elisabetta di Valois - Marina Poplavskaya
      Rodrigo - Simon Keenlyside
      Prinzessin Eboli - Marianne Cornetti
      Filippo II - Ferruccio Furlanetto
      Der Großinquisitor - John Tomlinson
      und andere
      Chor und Orchester des Royal Opera House
      Leitung: Semyon Bychkov
      Aufnahme vom 23. September 2009 im Royal Opera House, Covent Garden, London

      Heike
      "If music be the food of love, play on." (W. Shakespeare, Twelfth Night)
    • Original von Severina
      Mich irritiert eben dieses "Kein" - wieso schätzt sie keinen Mann mehr, wenn es Posa nicht mehr gibt, wenn es in unserem heutigen Sinn verstanden wird??
      lg Severina :hello


      Liebe Severina,

      nachdem der Virus in meinem PC zumindest mal Pause zu machen scheint, habe ich diese Beiträge nachgeholt.

      Ohne dass mit ich Stück und Oper auch nur annähernd so vertraut bin wie Ihr es offenbar seid, könnte es sein, dass der von Dir zitierte Satz sein Schwergewicht nicht auf dem "keinen" hat sondern auf dem "mehr", d. h. dass man sich den Satz so denken muss: ich schätze keinen Mann mehr?

      Ich habe den Text des Dramas nicht vorliegen, daher ist das nur so ein Gedanke, der Dich einerseits bestätigt, was Elisabeths Zuneigung zu Posa betrifft, andererseits den scheinbaren Unsinn beseitigt, dass Elisabeth gar nichts mehr von Männern wissen will.

      :hello Rideamus
      Ich mag alle Kunstformen und Genres. Ich höre Musik von Alban Berg und gehe ins Musical. Für mich gibt es keine Hierarchie der Künste, denn es sind letztlich alles Erzählformen. Alain Resnais
    • Die Bemerkung von Rideamus zur Betonung des Satzes leuchtet mir sofort ein, Alles andere ergibt für mich auch keinen Sinn.

      Ich fände zwar eine Paarung Elisabeth/Posa psychologisch auch nicht so ganz unpassend, aber ich habe meine grossen Zweifel, ob Schiller das intendiert haben kann.
      Elisabeth steht bereits zwischen Vater und Sohn, damit ist ein klassischer Konflikt in aller Dramatik vorgezeichnet. Ob nun ein hochbegabter Dramatiker wie Schiller diees Potential aufweicht, indem er noch eine dritte Verstrickung derselben Frau und Hauptperson in das Drama hereinlässt? Ich glaube eher nicht, denn das widerspräche so ziemlich allen Regeln der Kunst.
      Was Posa angeht, denke ich auch eher wie Mina-den interessiert die Liebe nur peripher und wenn sie es denn doch tut, wird sie verdrängt.
      Man sollte auch leichte homosexuelle Tendenzen, natürlich ebenfalls verdrängt und vielleicht sogar nur Kompensation für die generall verdrängte Libido, nciht ganz ausschliessen.
      Und ein solcher Zusatz- Konflikt, auch noch zwischen seinem besten Freund und seinem Gewissen zu stehen, wo er mit dem König und seiner Taktik hinsichtlich Carlos Rettung reichlichst zu tun hat- nein, das passt nicht in ein klassisches Drama.
      Das einstweilen nur vom dramaturgischen Standpunkt, den psychologischen muss ich mir anhand des Textes noch genauer überlegen.

      F.Q.

      Ich fand die Konwitschny-Inszenierung im Hinblick auf die Persoenenkonstellationen so gelungen. Vor allem was Eboli und den König angeht.Und dort hatte Posa gewiss andere Probleme als Elisabetta heimlich zu lieben..... :D
      Da es der Gesundheit förderlich ist, habe ich beschlossen, glücklich zu sein (Voltaire)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Fairy Queen ()

    • Meine Lieben,
      von Posas Seite sehe ich das genauso wie Ihr, denn wie ich oben bereits ausgeführt habe, liebt und lebt er für seine Utopie von einer besseren Welt, da ist kein Platz für die handfeste Liebe zu einem einzelnen Menschen, sei es nun Mann oder Frau. Aber in diesem speziellen Augenblick, als Elisabeth ihm ihre Zuneigung (oder meinetwegen auch "nur" Wertschätzung signalisiert), blitzt in ihm die Erkenntnis auf, dass es noch etwas anderes gegeben hätte, nämlich das ganz profane persönliche Glück. Was mich an dieser Textstelle eben so fasziniert, ist das, was Rideamus oben anspricht: Das Spiel mit den Betonungen - man kann praktisch alles hineinlegen. "Das Leben ist doch schön!" (Als Erkenntnis, was er verpasst hat) oder "das Leben ist doch schön!" (Als Trost für Elisabeth, dass für sie noch nicht alles vorbei ist)

      Was das "Mehr" betrifft: Wenn das wirklich in dem simplen Sinn gemeint ist, dass eben Posa der von Elisabeth am meisten geschätzte Mann ist, dann erscheint mir seine reaktion darauf etwas überzogen.
      Das sind natürlich alles Rosinenklaubereien, aber ich finde solche Spekulationen einfach spannend.
      Vielleicht spricht da aus mir das Unterbewusstsein, weil ich einfach finde, dass Elisabeth viel besser zu Posa passt als zu Carlos. (Mit dem könnte sie händchenhaltend im Mondenschein spazieren gehen, aber kaum tiefsinnige Gespräche über Gott und die Welt führen und schon gar nicht letztere verbessern - dieser Wunsch verbindet sie aber eindeutig mit dem Marquis!!)

      Jetzt wird mir endlich auch klar, was Bieito mit seiner Inszenierung tendiert hat: Alles ist offen, alles ist möglich! :cool Da treibt's jeder mit jedem und auch mit sich selbst, also darf sich der geschätzte ZUseher aussuchen, wie er's gerne hätte! :J

      lg Severina :hello
    • Original von Heike
      Ihr lieben,
      also wenn ihr wollt - morgen gibt es die Oper im Radio, in sicher hörenswerter Besetzung:

      BR-KLASSIK - 19:05 Uhr Giuseppe Verdi: "Don Carlo"
      Oper in fünf Akten, In italienischer Sprache

      Don Carlo - Jonas Kaufmann
      Elisabetta di Valois - Marina Poplavskaya
      Rodrigo - Simon Keenlyside
      Prinzessin Eboli - Marianne Cornetti
      Filippo II - Ferruccio Furlanetto
      Der Großinquisitor - John Tomlinson
      und andere
      Chor und Orchester des Royal Opera House
      Leitung: Semyon Bychkov
      Aufnahme vom 23. September 2009 im Royal Opera House, Covent Garden, London

      Heike


      Schade, dass ich Eure Diskussion nicht schon vor dieser Übertragung verfolgt habe, denn sonst hätte ich wohl ganz besonders auf die verschiedenen Betonungen und die besonderen Paarkonstellationen geachtet. Ich war bisher der naiven Meinung, dass Elisabeth Posa sehr schätzte, aber geliebt hat sie nur den Carlos.

      Ich saß natürlich in erster Linie wegen JK wie angewurzelt auf der Couch und lauschte, aber da gefiel mir unser junger Koreaner in München doch tatsächlich als Carlo besser (Anja Harteros sowieso), denn gerade im Duett mit Posa/Keenlyside (der war selbstverständlich auch ein Grund) hörte man kaum einen Unterschied zwischen Tenor und Bariton und das sollte doch so sein, oder? Selbst im Zuschauerraum, hätte mich das aber sicher überhaupt nicht gestört :D

      Eine gute Nacht
      wünscht Euch
      Ingrid

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Ingrid ()

    • Liebe Ingrid,
      wie war's???? Ich hatte unerwarteten Besuch, der mich so aus dem Konzept brachte, dass ich ganz vergass, meinen Radiorecorder zu aktivieren! X( X( Ich könnte mich beißen!!
      Live kenne ich Kaufmanns Carlo ja, aber da war das Rundherum leider sehr mäßig, speziell der Posa (Stoyanov) ein Totalausfall ohne die geringsten Ambitionen, seine Rolle auch zu spielen. Vor diesem Betonklotz musste sogar Jonas kapitulieren. Außerdem verknöchelte er sich bei einem Sprung und absolvierte den letzten Akt hinkend.


      Ah, jetzt sehe ich Deine Antwort! Witzig, genau das dachte ich mir im Vorfeld: Ein so hoher Bariton wie Keenlyside und ein so tiefer Tenor wie Kaufmann - das dürfte Interferenzen ergeben! Außerdem dürfte in Zürich dann doch nicht nur am Umfeld gelegen sein, dass mich unserLiebling als Carlo am wenigsten von allen seinen Partien überzeugt hat. Ich fand ihn nicht schlecht, aber irgendetwas fehlte mir zur großen Begeisterung!

      lg Severina :hello

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Severina ()

    • Ich hätte eine Aufführung dieser Inszenierung leihweise auf DVD anzubieten.
      Ein anderer Carlos als gestern (habe es auch nicht gehört da entenfütternderweise unterwegs :D)
      ansonsten ist die Besetzung weitgehend identisch
      Carlos: Rolando Villazón
      Elisabetta: Marina Poplavskaya
      Posa: Simon Keenlyside
      Filippo: Feruccio Furlanetto
      Nur die Eboli fällt mir gerade nicht ein.
      Es ist ein ganz legaler Fernsehmitschnitt, also nix verbotenes, daher biete ich ihn hier öffentlich zum ausleihen an. Kopien kann ich leider nicht machen, da ich kein Programm dafür habe.
      Also, wer will: PN genügt!
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      (Albus Dumbledore)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Solitaire ()

    • Hallo Severina!
      Schreib doch mal deine Meinung zu der Vorstellung! Ich fand RV besser als im Radiomitschnitt bei dem man ihm vor allem gegen Ende die Grenzpartie und die Stimmprobleme doch recht deutlich angehört hat. Auf der DVD klang er m.E. wesentlich freier.
      Marina Poplavskaya hat mir gut gefallen, allerdings fand ich sie als Desdemona 2008 in Salzburg noch etwas besser. Der letzte Otello- Akt war dank ihr ein wahres Wunder und für mich das Highlight der Übertragungen der Festspiele. Keenlyside hat mir ebenfalls sehr gefallen, nicht nur stimmlich sondern auch darstellerisch, seine recht zurückgenommene Darstellung war m.E. ein guter Gegenpol zum wie immer sehr feurigen Spiel von RV: der rationale Politiker und Freund, sich bemüht, den impulsiven, sich permanent grämenden Infanten auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Das hat mir sehr gefallen. Furlanetto ist für mich zur Zeit DER Filippo, obwohl ich auch gerne mal René Pape in der Rolle hören würde. Auf CD hat mir seine Arie sehr gefallen. Wie gesagt, ich bin gespannt auf deine Meinung!


      Eine Aufführung die ich sehr mag ist übrigens die von den Salzburger Osterfestspielen 1986 unter Karajan, gespielt wird die vieraktige italienische Fassung.
      Es handelt sich nicht um Regietheater, weder im Guten noch im Schlechten, sondern um pure Ausstattungsoper, das aber mit sehr viel Geschmack und Liebe zum Detail: grandiose Bühnenbilder, wunderschöne Kostüme und durch die Bank hervorragend singende Künstler. Da stört es dann ausnahmsweise auch nicht, daß die Personenregie recht eindimensional daherkommt und das Beziehungsgeflecht wenig bis überhaupt nicht beleuchtet wird.
      In der Titelrolle José Carreras, dessen Stimme damals m.E. noch völlig intakt war, und der einen melancholischen Carlos mit viel düsterem Hamlet-Charme gibt. Auch wenn die Rolle für ihn, wie für viele, wohl nicht ungefährlich war: er singt sie sehr, sehr schön. Daß er damals jung und gut aussehend war, und die strengen Kostüme jener Zeit mit Stil und Grandezza zu tragen wusste, hat mich nicht wirklich gestört. :engel
      Seine Elisabetta ist die damals 22jährige Fiamma Izzo D'Amico, von der ich weder vorher noch nachher je gehört habe, die mir aber sehr gut gefällt, und die auch optisch und darstellerisch eine glaubhafte junge, traurige Königin ist. Piero Capuccieli ist äußerlich vielleicht schon etwas zu alt für die Rolle und wirkt als Posa eher wie Carlos’ väterlicher Freund, stimmlich ist an ihm m.E. jedoch nichts
      auszusetzen. Ferruccio Furlanetto hat schon damals den Filippo gesungen, mit seinen 30 Jahren zumindest optisch zu fast zu jung für die Rolle, da nutzt auch der graue Puder in Haar- und Barttracht nix, er ist einfach zu...knackig. Stimmlich ist er phänomenal und man kann dem unbekannten Zuschauer der nach „Ella giammai m'amo“ ein hörbar gerührtes „Bravo“ nicht unterdrücken konnte nur zustimmen: schon damals war er grandios.
      Mit Matti Salminen als Großinquisitor gibt sich der schwärzeste aller schwarzen Bässe die Ehre, und es ist einer der Höhepunkte der Oper, diese beiden Künstler in der immer wieder schauerlichen Szene zu erleben. Zum guten Schluß Agnes Baltsa als attraktive, furiose, wunderbare Eboli, die m.E. viele andere Interpretinnen dieser Rolle auf die Plätze verweist.
      Alles in allem hätte ich mir wie erwähnt von der Regie etwas mehr Tiefgang gewünscht, aber man kann nicht alles haben, und es ist ja auch mal ganz schön, sich zurückzulehnen, in der Fülle des Wohllauts zu schwelgen, schöne Kostüme zu bewundern und schönen Menschen zu lauschen, die schön singen.
      Da es die DVD günstig bei Amazon/Marketplace gibt, gibt es eigentlich keine Entschuldigung, sie nicht zu besitzen.

      Ah, music! A magic beyond all we do here...
      (Albus Dumbledore)

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Solitaire ()

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