Don Carlos - eine vollkommene Oper

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    • Liebe Mina,
      sorry, aber diese DVD habe ich doch nicht, ich habe sie mit der CD mit Kaufmann verwechselt. Allmählich muss ich ein Ordnungssystem in meine vielen Kopien bringen, den ich habe nun wirklich den Überblick verloren :S
      Dafür besitze ich eine alte Videokassette des Salzburger Carlo, die ich nur aus einem Grund noch nicht entsorgt habe, und der heißt Agnes Baltsa. Ihre furiose Eboli und speziell die Interpretation des "O don fatale..." ist für mich konkurrenzlos. (Wobei ich viele der alten Knüller :wink nicht kenne und daher natürlich auch nicht berücksichtigen kann!)
      Ansonsten finde ich diese Produktion, man möge es mir verzeihen, sterbenslangweilig, wie alle Stehtheaterarrangements von Karajan. Wobei es auch schon wieder eine Art von Kunst ist, ein so tolles Werk wie den "Don Carlo" derart langweilig wirken zu lassen.
      Für Furlanetto kam der Philipp mindestens 10 Jahre zu früh, Cappuccilli hast Du treffend beschrieben und mit Carreras konnte ich mich nie so recht anfreunden. Seine stereotypen Bewegungen (man konnte getrost die Augen schließen und wusste trotzdem immer genau, was er gerade tat :ignore) brachten ihm am Wiener Stehplatz die Nicks "Fäustling" und "Melonenverkäufer" (wegen seiner mit Vorliebe seitlich abgespreizten Arme) ein, oder wir witzelten "Übermorgen gibt's wieder Aerobic mit Kammersänger José Carreras!"
      Stimmlich war er in Salzburg wirklich gut, und als CD wäre mir diese Produktion willkommen, die DVD ist für mich sehr entbehrlich. (Da müsste sie unter 10€ fallen, dass ich sie meiner Carlos-Sammlung der Vollständigkeit halber einverleibe!)

      lg Severina :hello
    • ?(Ich schaue mir diese DVD gerade in Raten an (sofern der Fernsehapparat nicht auf Geheiß meines Ehemanns mit Staatstragendem wie der Fußball - WM oder einem der unzähligen TATORTE beschäftigt ist) und bin ein bißchen hin und her gerissen. Furlanetto mag ich, nicht nur wegen seiner vokalen Gestaltung der Partie: er muß ja nun nicht steinalt sein, um glaubwürdig zu erscheinen, und für seine damals noch relative Jugend schlägt er sich schauspielerisch ganz wacker, stimmlich sowieso. Der Großinquisitor von Salminen ist fast beängstigend: dem möchte auch ich nicht in die Quere kommen (wo sind eigentlich diese ganzen sonoren finnischen Bässe hin? Ausgestorben?).
      Capuccilli ist nobel wie immer und auch stimmlich gut, die Sopranistin, die nach dieser Produktion in's Dunkel der Geschichte entschwunden scheint, ist mir ein bißchen eindimensional mit ihrem konstant leidenden Gesichtsausdruck und dem leidend - gequälten Singen. Zu Carreras sage ich jetzt mal nichts :D.
      Aber Agnes Baltsa - X( . Ich konzediere, daß die Eboli furios sein muß, nur stimmlich sollte die Sorgfalt nicht völlig in's Hintertreffen geraten. Bei "O don fatale" kreischt und stöhnt sie, daß es mir graust, und zwar erkennbar nicht als Ausdruck, sondern weil sie die zugegebenermaßen vertrackten hohen A's und B's nicht voll singen kann - normalerweise eher kein Problem für sie, aber gerade an dem Abend anscheinend schon. Dazu ein derartig brutal hörbarer Wechsel zwischen den Registern, daß einem schwindlig wird; sie hatte immer schon Probleme mit der korrekten Verblendung, hier finde ich es fast unerträglich. Mit ihrer Ausstrahlung und ihrem vorbehaltlosen Einsatz hat Agnes Baltsa das Abendpublikum damals sicher für sich gewonnen - in der Rückschau fast 25 Jahre später stellt sich die vokale Leistung, übrigens insgesamt für diese Aufnahme, für mich aber nicht sehr positiv dar.

      Grüße!

      Honoria
      "...and suddenly everybody burst out singing." (Busman's Honeymoon)


    • Dies ist eine CD, die man wohl nur der Vollständigkeit halber erwähnen sollte. Die Tonqualität ist so ziemlich das mieseste, was ich bei Live-Mitschnitten je erlebt habe, und man kann von daher die sängerischen Leistungen nur sehr eingeschränkt genießen und sollte sie mit Vorsicht beurteilen. Die Aufführung fand am 15. Juni 1972 in der MET statt.

      Zum Don Carlos von Franco Corelli sage ich nichts - er und ich finden, fürchte ich, auch in Zukunft keine gemeinsame Basis, aber ich mag nicht ständig für meine Kritik an seinen Leistungen von seinen zahlreichen Fans kritisiert werden, also lassen wir seine Leistung hier unkommentiert.

      Den Posa singt Robert Merrill, eher schon im Herbst seiner Karriere. Ihm gelingen immer noch schöne und eindrucksvolle Momente, aber im Schlußduett mit Don Carlos und in seiner Sterbeszene merkt man doch, daß der Atem nicht mehr zum wirklichen Legato-Singen reicht. Das MET-Publikum bejubelt ihn trotzdem heftig.

      Ruggero Raimondi ist König Philipp. Hier kündigt sich schon eine große Karriere an, allerdings war er auf jeden Fall stimmlich noch ein hörbar junger Herrscher; das macht nichts, Baß ist Baß, aber in seiner Rollengestaltung hat er später noch Fortschritte gemacht. Trotzdem eine tadelfreie Leistung.

      Die beiden Stars der Aufführung sind aber Gabriella Tucci als Elisabetta und Fiorenza Cossotto als Eboli. Endlich einmal zwei volltönende, mit charakteristischer Stimmfarbe korrekt und engagiert singende Kräfte! Sie klingen einander sogar ein bißchen ähnlich, so daß man Don Carlos Verwirrung in der Gartenszene nachvollziehen kann, aber das ist nachrangig: ihrer beider vokale Leistung teilt sich fast uneingeschänkt auch in dieser schlechten Tonqualität mit.

      Molinari-Pradelli dirigiert manchmal in irritierend langsamem Tempo, aber so weit ich sonst hören konnte, kann man an der Gestaltung wenig aussetzen.

      Diese CDs ist wegen der unterirdischen Tonqualität sicher nur etwas für Liebhaber; ich steck sie jetzt in's Regal und werde sie auch so schnell nicht wieder hervorholen.

      Grüße!

      Honoria

      P.S. Zu erwaähnen sei noch, daß es natürlich die Fassung ohne Fontainebleau-Akt ist; in den 70ern, scheint mir, wurde der ohnehin meist weggelassen, wie noch in der vorerwähnten DVD vom Anfang der 80er unter Karajan.
      "...and suddenly everybody burst out singing." (Busman's Honeymoon)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Honoria Lucasta ()

    • Liebe Honoria!

      Große Frage,

      es macht mir nichts aus, dass, wie früher üblich, der Fontainebleau - Akt weggelassen wird,

      Hauptsache Franco Corelli nicht
      , der seit meinen Jugendjahren [also fast 50 Jahre her,den ich auch persönlich sowie privat, ihn und seine Gattin, kennenlernte konnte und oft in seiner Garderobe mich aufhalten durfte] der Don Carlos war und ist [alle anderen wirken für mich wie Waschlappen, und scheinen, manchmal nicht einmal unauffällig auf, manchmal auch nicht einmal ungut auf - aber sie wären entbehrlich [von Carreras bis Domingo],

      und Ruggero Raimondi als König Philipp, der nach Siepi der beste König Philipp ist - und war - wo bekommt man diese Aufnahme aus der MET???

      Ich bin entweder hier oder drüben erreichbar.

      Liebe Grüße und Handküsse sendet Dir Peter. :hello :hello
      Wiener Opernfreund

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von peter337 ()

    • Lieber Peter,

      die Aufnahme bekommt man, wenn man geduldig alle Don Carlos - Aufnahmen bei jpc durchblättert - als ich gestern das Coverbild hochladen wollte, mußte ich etwa bis zur 3. oder 4. (weiß ich nicht mehr) Seite gehen. Ich dachte mir schon, daß Dich diese Aufnahme wegen Corelli interessiert, aber ich warne noch einmal: die Tonqualität ist wirklich sehr schlecht. Der Preis ist dafür eigentlich noch zu hoch, aber ich glaube nicht, daß diese Aufnahme noch mal irgendwo preiswerter erscheint...

      Grüße, sehr herzliche übrigens!

      Honoria

      P.S. Ich hab's eben noch einmal probiert: in den Suchbegriffen "Don Carlos" eingeben, dann links die 80 Einträge zu "Verdi" aufrufen, und ann ist es auf der 3. Seite unten. Dann fällst Du erst mal beim Anblick des Preises in Ohnmacht. :I
      "...and suddenly everybody burst out singing." (Busman's Honeymoon)

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Honoria Lucasta ()

    • Liebe Severina!

      Franco kann man gern haben - oder eben nicht, aber Du hast etwas zusammengebracht:

      Du hast mir einen Florez, einen Villazon und einen Kaufmann näher gebracht, hast aus mir einen "Halbstaubi gemacht, den es egal ist ob z. B. ein "Liebesstrank" in einer Dekoration der "West Side Story" spielt, so lange Ruggero Raimondi den Dulcamare singt und vor allem spielt,
      also haben unser "Streitigkeiten im T." doch was Gutes gehabt - ich habe Dich kennen und schätzen gelernt - und Deine Ansichten auch respeiktiert - und das gilt bis heute.

      Liebe Grüße sendet Dir Peter. :hello :hello :hello
      Wiener Opernfreund

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von peter337 ()

    • Original von peter337
      Liebe Severina!

      Franco kann man gern haben - oder eben nicht, aber Du hast etwas zusammengebracht:

      Du hast mir einen Florez, einen Villazon und einen Kaufmann näher gebracht, hast aus mir einen "Halbstaubi gemacht, den es egal ist ob z. B. ein "Liebesstrank" in einer Dekoration der "West Side Story" spielt, so lange Ruggero Raimondi den Dulcamare singt und vor allem spielt,
      also haben unser "Streitigkeiten im T." doch was Gutes gehabt - ich habe Dich kennen und schätzen gelernt - und Deine Ansichten auch respeiktiert - und das gilt bis heute.
      Liebe Grüße sendet Dir Peter. :hello :hello :hello


      Lieber Peter,

      also, Deinem letzten Satz kann ich voll und ganz zustimmen, auch ich sehe Dich in einem ganz anderen Licht als früher, und selbstverständlich respektiere ich Deine Ansichten. Übrigens habe auch ich etwas von Dir gelernt, denn ich schnuppere nun wenigstens hin und wieder in historische Aufnahmen hinein - mit unterschiedlicher Begeisterung - und habe nun doch auch schon etliche Verblichene in meinen Sängerolymp aufgenommen. (Nur der Signore Corelli, fürchte ich, wird wohl ante portas bleiben müssen :ignore )
      Und beim "L'Elisire" kommen wir uns tatsächlich auf halbem Weg entgegen, denn trotz meiner geringen Begeisterung für Schenk-Inszenierungen (um es mal euphemistisch auszudrücken :wink), mag ich diese sehr und wäre traurig, wenn sie verschwinden würde.

      lg Sevi :hello
    • Ich höre zur Zeit mal wieder öfter „Don Carlo“ und habe vor ein paar Tagen auch nochmal die Londoner Fassung von 2008 auf DVD gesehen, dabei stellt sich mir die Frage warum Eboli und Elisabetta eigentlich die Kleider tauschen...
      Ja gut, damit Carlo, nachtblind und verwirrt wie er ist, Eboli mit Elisabetta verwechseln kann (was wäre die Oper nur ohne dieses Versatzstück...). Aber wieso zieht Eboli den Fummel ihrer Königin an? Sie wird ja wohl kaum gesagt haben „Geiles Teil, leihst du mir das mal?“
      Grübel, grübel... ?(
      Ah, music! A magic beyond all we do here...
      (Albus Dumbledore)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Solitaire ()

    • Du meinst, Elisabetta trägt die Klamotten Ebolis?? Das wäre natürlich absurd. (Ist mir gar nicht aufgefallen...) Umgekehrt wird natürlich schon ein Schuh daraus, wenn nämlich Eboli von Anfang an argwöhnt, dass Carlos" Gefühle für die Königin nicht die für eine Mutter sind. Schließlich ist sie nicht dumm, hat Augen im Kopf... Vielleicht ist sie auch mit im Komplott gegen Carlos, will ihm im Auftrag von Alba eine Falle stellen.
      Ja, ja, ich weiß :D, aber man wird ja ein bisschen spekulieren dürfen!

      Die an sich absurde Verwechslung wird zumindest ein bisschen logischer, wenn sich Eboli als Königin tarnt. Und wer die Kassette Elisabettas entwenden kann, findet sicher auch Zugang zu ihrem Kleiderschrank :wink
      lg Sevi :hello
    • Nein, nein, ich meinte schon die Szene im Garten in der Carlo Eboli anschmachtet und sie für Elisabetta hält, da habe ich mich wohl mißerständlich ausgedrückt, sorry!
      Aber okay, wenn Eboli mißtrauisch ist wäre es natürlich logisch, daß sie Elisabettas Kleid anzieht um das mal abzuklären :D
      Ah, music! A magic beyond all we do here...
      (Albus Dumbledore)
    • So, ich krame diesen Thread mal wieder raus für einen Bericht von meinem gestrigen Berliner Opernbesuch:

      1. Mai 2011 Staatsoper im Schillertheater
      Staatskapelle, Staatsopernchor
      Musikalische Leitung Massimo Zanetti
      Inszenierung Philipp Himmelmann

      Philipp II - René Pape
      Don Carlo - Fabio Sartori
      Rodrigo - Alfredo Daza
      Elisabeth von Valois - Amanda Echalaz
      Prinzessin Eboli - Nadia Krasteva
      Tebaldo - Evelin Novak
      Graf Lerma - Paul O’Neill
      Ein Herold - Abdellah Lasri
      Der Grossinquisitor - Rafal Siwek
      Ein Mönch - Andreas Bauer
      Stimme von oben - Adriane Queiroz

      Was für eine grandiose Sängerriege! Allen voran Pape und Sartori - ein meisterliches Vater-Sohn-Gespann! Ein hinreißend sinnierender König zu Beginn des 4. Aktes, ganz großes Gefühl, wunderschöne Zweifel. Ebenso brilliant Don Carlo, sehr beeindruckend, absolut emotional überzeugend - also von beiden zum Dahinschmelzen schön gesungen! Daza als Rodrigo hatte es neben den zwei Könnern natürlich nicht so leicht, aber auch er hat es gut gemacht!

      Auch die Damen beeindruckten, Krasteva hat mir in der Rolle ausgezeichnet gefallen, sie verkörperte eine Eboli, die einerseits durch Schönheit und Rafinesse brillierte, andererseits auch so einen Touch von etwas billigem hatte. Schön gemacht und auch sehr schön gesungen. Echalaz strahlte als Elisabeth hingegen das eher gefühlvolle, unsichere, suchende aus, auch sie fand ich sehr passend.

      Also rundum toll gesungen, auch in den Nebenrollen. Chor und Orchester standen dem in nichts nach.

      Die Inszenierung hat mir auch sehr gefallen. Es wird viel Betonung auf die Personen gelegt, Requisiten sind rar, im Zentrum steht ein großer Tisch, an/bei dem die Szenierie meist abspielt, bis es schließlich eskaliert. Den Rahmen liefern v.a. bewegte schwarz-weiße Wände, die ein-oder ausblenden und sowohl Stimmung als auch den Raum beeinflussen. Ich fand es gut gemacht und auch von den Beteiligten überzeugend dargestellt.
      Die Ketzerverbrennung lieferte als Intermezzo ein starkes, aber überzeugendes Bild, das in seinem Realismus wie ein Bruch das intensive Kammerspiel aufschreckte: 5 Nackte, die (nachdem sie trotzig das letzte Abendmahl verweigert haben) letztlich an den Füßen aufgehängt hochgezogen und abgefackelt werden, absolut böse, sarkastische Bilder, während Verdi dazu schon wieder himmlische Klänge anstimmte. Gruselig.

      Ich weiß nicht, ob diese doch eher subtile Inszenierung mit nicht ganz so überzeugenden Sängern auch funktionieren würde. So wie gestern war es jedenfalls super (und so kann ich auch Verdi sehr viel abgewinnen).

      Heike

      P.s. schade nur, dass der der Fontainebleau - Akt nicht gespielt wurde!
      "If music be the food of love, play on." (W. Shakespeare, Twelfth Night)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Heike ()

    • Liebe Heike,

      für eine Himmelmann-Inszenierung klingt das aber sehr zahm! :D (Er hat am ThadW im Vorjahr eine "Fledermaus" gemacht, bei der kein Stein auf dem anderen blieb!) René Pape werde ich im nächsten Jahr endlich einmal als Philipp erleben, in unserer Neuproduktion, ich wünschte, sein Filius wäre dann auch Fabio Sartori, den ich sehr mag, und nicht schon wieder Ramon Vargas. Der ist leider unser Carlo(s) vom Dienst, egal ob auf Französisch odr Italienisch....
      Nadia Krasteva war jahrelang bei uns im Ensemble und beindruckte mich immer als Gesamtpaket: Die Stimme alleine finde ich nicht so umwerfend, aber in den richtigen Partien kann sie mit ihrer Persönlichkeit punkten und vermag dann wirklich zu begeistern.

      Ich finde es auch immer jammerschade, wenn der Fontainebleauakt gestrichen wird, weil einfach die Fallhöhe der Tragödie fehlt. Man versteht bei der vieraktigen Fassung nie so recht, warum Carlo eigentlich gar so verzweifelt ist, wenn man nicht das Liebesduett mit Elisabetta und überhaupt dieses Sich-in-Liebe-Finden und dann aus allen Wolken fallen miterlebt.

      lg Sevi :hello
    • Liebe Sevi,
      so zahm war es wiederum nicht. Man kann ja mit/an einem Tisch viel machen - ob man zu zweit nebeneinander sitzt oder an den langen Enden, ob man drauf ist oder drunter, ob man drumrum Fangen spielt und wozu die Tischdecke gut ist usw., das will gut überlegt sein.... Jedenfalls war es interessant gemacht und weder langweilig noch dümmlich.

      Es war nicht ausverkauft, eine Schande - also wer in Berlin ist kann im Mai noch eine der weiteren Vorstellungen besuchen, es gibt sicher noch Tickets.
      Heike
      "If music be the food of love, play on." (W. Shakespeare, Twelfth Night)
    • Deutsche Oper Berlin, Premiere, 23.10.2011
      Musikalische Leitung Donald Runnicles
      Inszenierung, Bühne, Licht Marco Arturo Marelli

      Philipp II. Roberto Scandiuzzi
      Don Carlo Massimo Giordano
      Rodrigo, Marquis von Posa Boaz Daniel
      Der Großinquisitor Ante Jerkunica
      Elisabeth von Valois Lucrezia Garcia (kurzfristig für Anja Harteros)
      Prinzessin Eboli Anna Smirnova

      Diesmal wurde ich positiv überrascht, nach dem tollen Don Carlo im Mai im Schillertheater hatte ich befürchtet, arg enttäuscht nach dem Abend zu sein. Ist aber zum Glück nicht eingetroffen, es war eine alles in allem gute Vorstellung.

      zur Inszenierung:
      Sparsam, auf der Bühne dominieren riesige, betonähnliche Ecken, die sich zu Wänden zusammenschieben lassen, Räume und Wege auftun und immer wieder (in den Zwischenräumen) Kreuze bilden. Massiv, beklemmend, einfach, wirkungsvoll, hat mir gut gefallen. Ebenso eindrucksvoll die Lichtregie bzw. die Kostüme. Mit Oberflächen bzw. Farben kann man viel machen, da braucht es wenig Requisiten. In Zenrum der Bilder stand hier ganz klar die Übermacht der Inquisition und die Kleinheit der Menschen dagegen. Sehr simpel und gruselig aktuell die Szene mit der Stimme von oben und den Mönchen, die ein Kind rauben. Etwas fett aufgetragen die Symbolik mit Büchern, die den Ketzern zugehörig sind und mit ihnen auf den Scheiterhaufen geworfen werden.

      Etwas langweilig die Personenregie, also es wirkten mehr die großen Bilder als die kleinen Gesten. Stört aber bei der tollen Musik wenig, lediglich im ersten Akt fand ich es etwas geruhsam.

      Apropos erster Akt - es wurde wieder ohne den Fontainebleau -Akt gespielt, wie schade!

      zur Musik und zu den Sängern:

      Überraschend gut fand ich den Titelhelden, Giordano sah nicht nur gut aus, er spielte auch gut und sang toll, jugendlich hell, mühelos, mit viel Herz. Scandiuzzi war auch gut, aber im Vergeliech zu Rene Pape hat er weniger Eindruck auf mich gemacht. Leider spielte er auch sehr langweilig.

      Als Elisabeth Lucrezia Garcia, die kurzfristig eingesprungen war. An ihrer Stimme gab es rein gar nichts zu mäkeln, eine sehr markantes Timbre mit hohem Wiedererkennungswert, weich und v.a. in den tiefen Tönen sehr sehr schön. Mehr als nur ein Ersatz, die Dame ist noch sehr jung, vielleicht macht sie noch Karriere. Im Wege stehen dürfte ihr dabei vielleicht das hohe Gewicht, sie bewegte sich mehr als majestätisch und hatte manchmal sichtlich Mühe, sich (wenn sie saß oder kniete) wieder zu erheben. Schauspielerisch keine Glanzleistung, wobei man nicht weiß, was mangelndes Talent, was Aufregung war bzw. was sie so kurzfristig alles nicht einstudieren konnte.

      Dasselbe könnte man prinzipiell über Eboli bzw. Anna Smirnova sagen, berührend und makellos gesungen, ein wenig langweilig gespielt. Da fehlte mir irgendwie die Leidenschaft, auch das Böse, das man wohl hörte, aber nicht sehen konnte. Man hätte daraus ein höchst intensives Kammerspiel vor großer Kulisse machen können, wenn die Protagonisten etwas begabter gewesen wären.
      Last not least wäre Boaz Daniel zu erwähnen, ein wendiger, sicherer Barriton, leider auch nicht schauspielerisch überbegabt.

      Vom Orchester her war es genug Dramatik und gerade richtig viel Pathos, ein weng mehr Seele dürfte es in den traurigen Passagen gern noch sein.
      Summa summarum ein schöner Abend, lohnt sich auf jeden Fallanzusehen.
      Heike
      "If music be the food of love, play on." (W. Shakespeare, Twelfth Night)
    • Liebe Heike,

      Berichte über eine meiner Lieblingsopern lese ich doch immer gerne :D! M.A. Marelli war einer von Holenders Hausregisseuren, er stand immer für "geschmäcklerische" Inszenierungen, also hübsch anzusehen, aber ohne Tiefgang. (Lediglich von seiner "Medea" war ich ohne Wenn und Aber begeistert!) Mit Personenführung verschwendet er seine Zeit in der Regel nicht, wie Du ja auch festgestellt hast.

      Schade, dass Anja Harteros abgesagt hat, die würde ich zu gerne einmal als Elisabetta erleben!
      Die von Dir erwähnten Sängerinnen kenne ich nicht, wohl aber die Herren!
      Das wäre natürlich schön, wenn Massimo Giordano endlich sein Schauspielergen entdeckt hätte, ich kenne ihn eigentlich nur als schönstimmige Schlaftablette und denke schon mit Grauen daran, dass er uns wieder als Don José bevorsteht :(
      Boaz Daniel war eine Entdeckung Ioan Holenders, er war einige Jahre in unserem Ensemble, hat sich aber nach viel versprechendem Anfang dann leider doch nicht so toll entwickelt, wie es sich viele (auch ich) von ihm erwartet haben. Er zählt leider auch nicht zu den nervenstärksten Sängern.....

      lg Sevi :hello
    • Liebe Sevi,
      Giordano hat in der Tat gut gesungen und auch gut gespielt - leidenschaftlich und überzeugend. Vielleicht hat er sich leichter freigespielt, weil der Rest der Protagonisten so steif war, da konnte er sich auf jeden Fall deutlich positiv herausheben.
      Heike
      "If music be the food of love, play on." (W. Shakespeare, Twelfth Night)
    • Liebe Mina,

      ich weiß ja nicht, ob Du bei uns wenigstens noch mitliest, aber die Übertragung aus Salzburg liefert die (reichlich verspätete) Antwort auf Deine Frage! Auch dort spielt man die Fassung, in der Elisabetta und Eboli ihre "Fummel" tauschen, und ich habe genau auf den Text aufgepasst: Die Initiative geht von Elisabetta aus, sie ödet das Fest an (ich interpretiere das als emotionale Erschöpfung), möchte sich zurückziehen, was aber natürlich der Königin nicht möglich ist. Also schickt sie Eboli für sich ins Rennen, denn in ihrer Maskierung, davon ist Elisabetta überzeugt, würde man sie für die Königin halten.
      Eboli wiederum genießt das Gefühl, nun nicht mehr Hofdame unter vielen zu sein, sondern für kurze Zeit als Königin verehrt zu werden. Daher wagt sie es auch, in die Offensive zu gehen und Carlo das verhängnisvolle Brieflein mit der Einladung zum Stelldichein zu schicken.
      Tja, ABER: Problem 1 gelöst - es ist nun plausibel, warum Carlo die Eboli für Elisabetta hält, dafür tut sich flugs ein neues Problem auf: Wenn die Eboli dem Infanten ganz bewusst als Königin zum Rendevouz bittet, warum glaubt sie dann auch nur einen Moment lang, dass seine so offenkundig gezeigten Gefühle IHR gelten? Dann müsste ihr doch sofort klar sein, wer der wahre Adressat ist, nicht erst nach Carlos panischer Reaktion nach dem Lüften des Schleiers!

      Übrigens habe ich diesen Thread auch deshalb aus der Versenkung geholt, weil auf Seite 2 eine ausführliche Diskussion zum Charakter und den Motiven von Posa geführt wurde, was gut zu den von Ulrica geäußerten Gedanken zum Salzburger "Don Carlo" passt!

      lg Severina :hello
    • Liebe Severina,

      danke für das Hochholen dieses Threads, auch wenn ich mich mit der Interpretation Posas als Geliebten von Elisabeth ein bisschen schwer tue.

      Über dein Problem, warum Eboli zunächst denkt, dass die Bewunderung Carlos ihr gelte, obwohl sie das Kostüms Elisabeths trägt, bin ich auch gestolpert.
      Meine derzeitige Antwort: zunächst einmal müsste der Zettel, den Eboli Carlo schickt, ohne Unterschrift sein. Da steht nur der Treffpunkt drauf. Für Carlo ist es trotzdem klar: den kann nur Eisabeth geschickt haben.
      Eboli dagegen ist zwar klar, dass man sie aus der Ferne für Elisabeth hält, aber eine so eitle Frau kann sich schlicht nicht vorstellen, dass man aus der Nähe nicht erkennt, wer sie in Wirklichkeit ist. Für solche Zwecke hatte Elisabeth ja eine zusätzliche Gesichtsmaske dabei, die Eboli zunächst auch spielerisch benützt, aber in Carlos Gegenwart dann nicht mehr. Zudem wird jede Liebende gerne annehmen, dass sie auch verkleidet für den Geliebten unverkennbar ist. Und so nimmt sie Carlos glühende Liebesschwüre zwar etwas überrascht, aber dennoch zunächst auf sich gemünzt zur Kenntnis...
      Eine etwas mühselige Erklärung, aber ich konnte mich fürs Erste mit ihr zufrieden geben.

      VG, stiffelio
    • Liebe Stiffelio,

      ich habe selbstverständlich nicht gemeint, dass Posa Elisabeths Geliebter ist - so weit würde sie sich nie vergessen, sondern nur, dass ein starkes geistiges und seelisches Band zwischen ihnen besteht, dass er ihr im Grunde mehr geben könnte als der ungestüme und noch recht unreife Carlo. Nämlich mehr als "nur" sein Herz, auch seine Ideale, welche die Königin in einem viel höheren Maß begreift als der Infant. Ich gebe aber zu, dass dieses Bild sehr von Schillers Drama gespeist ist, wo die beiden ja viel mehr miteinander zu tun haben, das Libretto gibt das nicht wirklich her.

      Auch Ulrica empfindet es so, dass Posa im Prinzip viel besser zu Elisabetta passt als Carlo. Wobei ich schon sagen muss, dass dieser Aspekt in der Londoner Produktion mit Rolando Villazón, der den unreifen Jüngling, dessen Verzweiflung jeden klaren Gedanken unmöglich macht, perfekt verkörpert, viel deutlicher zum Tragen kommt. In Salzburg besteht dieses Gefälle zwischen Kaufmann und Hampson nicht, beide sind "gestandene Männer". (Ist es vielleicht das, was Du als zu gesund an Carlo empfindest?)

      lg Severina :hello

      PS: Ich schaue gerade den Londoner "Don Carlo", und das tut meiner Einschätzung des Salzburgers gar nicht gut.... Bis auf Elisabetta und Eboli sind da alle Rollen besser besetzt (Halfvarson ist zwar in beiden Produktionen dabei, am ROH vokal aber noch ein bisschen kompakter), auch die Regie arbeitet wesentlich subtiler.
      Meine enttäuschenden Live-Begegnungen mit Villazón in den letzten Jahren haben offensichtlich ganz verdrängt, wie großartig er einmal gewesen ist. Dabei war er ja 2008 schon weit von seiner Bestform entfernt, trotzdem würde ich ihn jetzt im direkten Vergleich Kaufmann vorziehen. Seine Stimme ist farbenreicher, glüht von innen heraus, vor allem singt er perfekt gestützte Piani. Dieses extrem kopfstimmige Gehauche von Kaufmann hat mir am Freitag überhaupt nicht gefallen. Er neigt ja schon länger dazu, aber ich habe es noch nie als so störend empfunden.
      Also keine Pattstellung mehr, sondern klar Villazón vor Kaufmann :D! Natürlich nur auf Konserve, live will ich mir einen Carlo von Villazón mit seinen momentanen Stimmresten nicht einmal vorstellen :ignore Insofern ist Kaufmann also zur Zeit als Don Carlo konkurrenzlos. (Natürlich nur für mich, das muss man ja immer dazusagen :wink)

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Severina ()

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