Die Hochzeit des Figaro

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    • Satie schrieb:

      Ich meine gelesen zu haben, dass das Jus primae noctis (wenn es nicht ein reiner Mythos ist) kaum wirklich gängige Praxis war und vergleichbar ist mit den berühmten römischen Orgien, die ebenfalls kaum wirklich stattfanden.
      Da muss ich dir Recht geben; auch der Opernführer sagt nicht, dass es dieses Recht tatsächlich in der Form gab, weist aber auf verschiedene Quellen bzw. verschiedene Herrscher hin, die sich ein solches Recht zumindest selbst eingeräumt haben.

      So heißt es etwa in einer Encyclopédie von Diderot und d´Alembert:
      "CULAGE, CULLAGE, ou CULIAGE, war ein Recht, das gewisse Lehnsherrn von ihren Vasallen und Personen, die sich verheirateten, forderten. viele Grundherren vollzogen auf ihrem Boden einen willkürlichen und tyrannischen Gewaltakt, sie maßten sich anläßlich einer Hochzeit verschiedene Rechte an, die gleichermaßen schändlich und ungerecht waren, so bestand eine infame Sitte darin, daß Herren die erste Nacht der neuvermählten Frauen zustand." Die Empörung ist durchaus als Kritik an den damaligen Zuständen zu lesen, und der Aufruf zum Widerstand wird auch als Geschichte dieses Rechts gleich mitgeliefert: "Man nahm an, daß diese skandaleuse Sitte von König Even von Schottland eingeführt wurde, der seinen wichtigsten schottischen Grundherren erlaubt hatte, sich ihrer zu bedienen; aber in der Folge erregte die Sitte den geballten Unwillen der frischverheirateten Männer, deren persönliche Ehre durch die Schändung ihrer Frauen verletzt wurde, bis sich schließelich König Malcolm dafür hergab, diesen Gebrauch abzuschaffen (...)
      Also ob es dieses Recht wirklich so gab ist sicher nicht 100%ig gesagt, aber auch so weiß man, wie sich Herrscher, Könige, Adelige aufgeführt haben. Macht ist gefährlich.
      Herodes in Wildes "Salome" (im Theaterstück noch mehr als in der Oper) ist auch so jemand. Er hat Macht, er nutzt sie aus, um willkürlich Leute umzubringen oder einzusperren, um Palastsklavinnen zu vergewaltigen, und braucht immer neue Kicks. Jetzt möchte er Salome haben, die für ihn am Ende uninteressant wird.

      Satie schrieb:

      Ansonsten: ich würde auch meinen, dass es all die Dinge heute ebenfalls gibt, vielleicht nicht direkt bei uns in Zentraleuropa (oder nur im mehr oder minder Geheimen), aber in nicht all zu weiter Ferne (was ist heute schon noch „fern“?) durchaus.
      Auch das stimmt leider, darum schrieb ich auch, dass es das "hier" nicht gibt, weil wir uns zum Glück weiterentwickelt haben und in einer Demokratie leben, wo keine kleinen Kinder zur "Kaisertreue" erzogen werden, oder ähnliches.

      Aber unabhängig davon, ob es dieses Recht gab oder nicht, dieser Graf Almaviva bei Beaumarchais ist einer von diesen Herrschern von damals, die sich so aufgeführt haben. Sicher waren nicht ausnahmslos alle so, aber dennoch. Ich verstehe die Intention von da Ponte und Mozart nicht, diesen Stoff auszuwählen, wenn man von Anfang an wusste, dass man das nur in stark abgeschwächter Form tun kann.


      Ein anderer Text von Beaumarchais aus dem Jahr 1793 wird ebenfalls zitiert:
      "Oh mein tränenüberströmtes Vaterland! Oh unglückliche Franzosen! Was hat es euch genützt, Bastillen gestürmt zu haben, wenn nun Räuber auf deren Trümmern tanzen und uns ermorden? Wahre Freunde der Freiheit! Bedenkt, daß Rechtlosigkeit und Anarchie die ersten Henkersknechte sind! Schließt euch meinen Rufen an und fordert von den Abgeordneten Gesetze, denn das sind sie uns schuldig, schließlich haben wir sie zu diesem Zweck ernannt. Schließen wir Frieden mit Europa! (...) Geben wir uns eine Verfassung, ohne Debatten, ohne Stürme und wenn möglich, ohne Verbrechen! Eure Leitsätze werden sich ohne Krieg, Mord und Zerstörung viel besser ausbreiten, wenn man nämlich sieht, daß sie auch glücklich machen. (...) Frieden, Gesetze, eine Verfassung! Ohne diese Güter gibt es kein Vaterland und vor allem keine Freiheit!"
      Ich glaube, auch das zeigt, in welche Richtung Beaurmarchais dachte, auch wenn es hier nicht um den Figaro geht.

      Für mich ist eine stark abgemilderte, "mitfühlende" Version vom Figaro nun so ähnlich, als würde jemand Brechts "Legende vom toten Soldaten", wenn es verboten wäre, als heitere Verwechslungskomödie vertonen, und daraus eine Art "Immer Ärger mit Bernie" machen.

      Mozarts Oper ist eigentlich unfreie Kunst, weil der Zensor ihm und da Ponte über die Schulter geschaut hat.





      LG,
      Hosenrolle1

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Hosenrolle1 ()

    • Ich verstehe die Intention von da Ponte und Mozart nicht, diesen Stoff auszuwählen, wenn man von Anfang an wusste, dass man das nur in stark abgeschwächter Form tun kann.
      M.W. gibt es keine gesicherten Erkenntnisse, warum Mozart und Da Ponte diesen Stoff gewählt haben. Ich könnte mir aber vorstellen, dass die Bühnenwirksamkeit der Hauptgrund war. Schon die ersten Takte der Ouvertüre ähneln den Bewegungen eines Versteckspiels, ein schnelles Wechseln der Plätze. Mozart wird sich gedacht haben, dass dieses Hin und Her auf der Bühne, vor allem im zweiten und im letzten Akt, guten Stoff für dramatische Musik bietet, und auch die Möglichkeit, immer wieder innige Momente einzuschalten. Die sozialpolitische Brisanz war vielleicht gar nicht sein Anliegen.
    • Oberhoff schreibt zu Mozart auch etwas, das dazu passt. Die Hervorhebung ist von mir:
      Mozart ist ganz gewiss kein Sozialrevolutionär und kein Umstürzler. Das Ende der Oper wird dafür den Beleg liefern. Aber Mozart vertritt eine Geisteshaltung, die von der Gleichheit aller Menschen tief durchdrungen ist. So schreibt er zum Beispiel in einem Brief vom 20. Juni 1781 an seinen Vater: "Das Herz adelt den Menschen; und wenn ich schon kein Graf bin, so hab ich vielleicht mehr Ehre im Leib als mancher Graf." Und es folgt im eben zitierten Brief ein Ausspruch, der in der Tat auch aus dem Munde Figaros stammen könnte. Es heißt dort: "Hausknecht oder Graf, sobald er mich beschimpft, so ist er ein hundsfut" (Mozart-Briefe, Bd III, Nr. 607, S. 133)
      Ich kann gut verstehen, dass er den Stoff bühnentauglich fand, es gibt ja genügend Elemente darin. Beaumarchais selbst meint ja auch in dem von mir zitierten Satz, dass es egal ist ob der Künstler lachend oder weinend moralisiert. Das Problem ist für mich dabei, dass da Ponte und Mozart hier eigentlich gar nicht wirklich moralisieren oder etwas aufzeigen (eben auch wegen der Zensur). Einem übermütigen Grafen wird am Ende ein bisschen auf die Finger geklopft, und alles ist wieder gut, auf zur fröhlichen Hochzeit.
      Beaumarchais hat seinen Figaro geschrieben, und auch die Fortsetzung, und die ist alles andere als lustig. Hätte er ein lustiges Stück geschrieben, dann wäre die Oper auch weniger ein Problem. Aber ein ernstes Stück auf lustig zu gestalten, halte ich für problematisch.




      LG,
      Hosenrolle1
    • Ich glaube, du wolltest das im "Was höre ich gerade jetzt"-Thread posten, wo wir darüber geredet haben. Halte auf jeden Fall Ausschau nach Platten, die nur auf einer Seite gepresst sind, denn das sind uralt Platten um die Jahrhundertwende!

      Vielleicht wird das hier noch verschoben, oder du kannst mir auch eine PN schreiben, oder im "Schallplatten"-Thread.



      LG,
      Hosenrolle1
    • Gerade in eine ca. ein Jahr alte "Opernglas"-Ausgabe geschaut. Die haben da jetzt auch so eine Rubrik "Das SpielPlänchen", wo Aufführungen für Kinder gelistet sind.

      Neben Dingen wie "Die Schneekönigin", "Pinocchio" oder "Der Zauberer von Oz", wo ich überhaupt kein Problem damit habe, muss ich dann sowas hier lesen:
      Plauen, Theater

      Cherubino mischt sich ein
      oder Die verflixte Sache mit der Liebe

      Kinderoper nach Mozarts "Figaro"
      Die Romantisierung dieser Zeit und speziell dieser Handlung geht unvermindert weiter. Man züchtet sich gezielt ein unkritisches Publikum heran, das denkt, dass alles lustig und schön war damals. Lauter hübsche Rokoko-Kleider, ein paar lustige Intrigen, und Happy Ends. Bravo!



      LG,
      Hosenrolle1

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Hosenrolle1 ()

    • Naja, ich finde es schon nicht so gut, wenn man einen Stoff wie den von Beaumarchais so drastisch kürzt, entschärft und daraus eine Komödie macht. Aber dass man dann noch diese Komödie weiter entschärft und daraus Kindertheater macht, das muss doch nicht sein.

      Es gibt soviele tolle Werke, die auch eigens für Kinder geschrieben wurden und auch einen Anspruch haben. Aber für Kinder untaugliche Stoffe zu bearbeiten ... mehr als fragwürdig aus meiner Sicht.



      LG,
      Hosenrolle1
    • Hast du den Gulliver-Film von 1960 heute gesehen, ich glaube in einem der dritten Programme? ;)
      Auf jeden Fall wurde hier der Figaro für Kinder bearbeitet. Ich hab mir mal das Cover rausgesucht:



      Knapp 5 Euro kostet der Spaß. Und das Bild ist schon ziemlich bezeichnend. "Hihi, schau, der lustige Graf, wie er sich unterm Sessel versteckt".
      Leider haben die Hörproben auf Amazon bei mir nicht funktioniert, aber mich würde doch interessieren, ob da von einem "Recht auf die erste Nacht" die Rede ist, und wenn ja, in welcher Form.

      Zu diesem "Cherubino mischt sich ein" habe ich Bilder gesucht und bin fündig geworden:


      [Quelle: hfbk-dresden.de]

      Und dazu gibt es auch noch eine Inhaltsangabe:



      Cherubino will sich nicht damit abfinden, dass sein bester Freund Figaro nur noch Augen für Susanna hat und kaum noch Zeit mit ihm verbringt.Ein gefälschter Liebesbrief soll helfen, das Liebesglück zu zerstören. Jedoch endet alles im Chaos. Um die Sache wieder ins Reine zu bringen, initiiert Cherubino eine Verwechslung.
      "Und im dritten Teil krepiert Cherubino dann auf dem Schlachtfeld. Aber das ist eine andere Geschichte."

      Grausig.
      Dann bitte lieber solche Sachen wie "Peter und der Wolf" oder "Der kleine Prinz" als Oper, dessen Vorschau mir doch recht gut gefallen hat. Das hat sicher mehr Wert als das hier.



      LG,
      Hosenrolle1
    • Hast du den Gulliver-Film von 1960 heute gesehen, ich glaube in einem der dritten Programme?
      Nee, habe ich gar nicht mitbekommen. Ich kenne zwei oder drei Gulliver-Verfilmungen, aber keine, die mir gefallen hätte. Das Buch ist im übrigens unverfilmbar, es ist für einen heutigen deutschen Leser auch eigentlich fast unlesbar. Ich habe eine Ausgabe, bei der die erklärenden Anmerkungen fast so viel Raum einnehmen wie der Roman selbst.
    • Zefira schrieb:

      Das Buch ist im übrigens unverfilmbar, es ist für einen heutigen deutschen Leser auch eigentlich fast unlesbar.
      Beim Figaro geht es mir ähnlich: ich denke, dass der Stoff schwer zu vertonen ist, ohne dass es den ursprünglichen Absichten Beaumarchais´ zuwiderläuft.
      Allerdings glaube ich, im Gegensatz zum Gulliver, dass das heutige Publikum durchaus diese kritischen Töne verstehen könnte, auch wenn sich seit der Entstehungszeit einiges geändert hat - wenn nicht z.B. Opernhäuser und CD-Firmen etc. das Stück als lustige Komödie mit Gefühl vermarkten würden.




      LG,
      Hosenrolle1
    • Auch auf die Gefahr hin, dass ich für meine Themenwahl gerügt werde, schreibe ich dennoch diesen Beitrag.
      Wie schon an anderer Stelle erwähnt, lese ich gerade dieses Buch hier, in dem es aber vor allem um verschiedene Opern und ihre Wichtigkeit geht. Besprochen werden dabei Inszenierungen, an denen Harnoncourt beteiligt war. (Wieso er auf dem Titel so prominent steht weiß ich nicht, weil er vergleichsweise wenig vorkommt, viel mehr kommen alle möglichen Beteiligten verschiedener Aufführungen zu Wort).




      Darin gibt es auch ein Kapitel zum Figaro, und einige Aussagen davon möchte ich gerne präsentieren.
      _______


      Schon das erste Zitat spricht genau das an, was ich beim Figaro bemängelt habe, nämlich, dass es politisch viel zu unkritisch ist (sicher auch teilweise zensurbedingt), und Figuren wie den Grafen, die im echten Leben fürchterlich waren, als doch irgendwie netten Menschen hinstellt.
      Beim zweiten Teil der Trilogie, dem Tollen Tag, war die Situation nicht so einfach. Das Stück war weder von seinem Aufbau noch von seiner Tendenz her zunächst für eine Oper geeignet. Die Dialoge und vor allem die Figaro-Monologe waren zu lang und auch zu intellektuell, um daraus Musik zu machen. Für das Interesse Mozarts war der Text, so wie er sich darstellte, völlig ungeeignet. Der Komponist war von seiner ganzen Anlage her ein eher unpolitischer Mensch. Als Künstler faszinierte ihn die menschliche Persönlichkeit, nicht ihr soziales Umfeld. (…) Politische Ideen und Überlegungen gehörten, wenn er sie denn hatte, nicht in den Bereich seiner Kunst. In keinem seiner Briefe kam die Französische Revolution vor.Zwar spielte das politische Zeit- und Gesellschaftsbild von der Thematik her in Figaro eine größere Rolle als in alle seinen anderen Opern, doch war das für ihn nur der Rahmen, in dem sich seine Figuren mit allen ihren menschlichen Emotionen und Widersprüchlichkeiten bewegten.


      Ein anderes Zitat behandelt die Tempodramaturgie Mozarts im Figaro:
      Letzterer [Rodney Gilfry als Almaviva], der bei dieser Gelegenheit zum erstenmal mit Harnoncourt gearbeitet hat, ließ sich von dessen Tempodramaturgie rasch überzeugen:

      „In der Arbeit mit Harnoncourt war ich erstaunt, ja zuweilen verblüfft, über die Wahl seiner Tempi – doch er sagte immer, das sei nicht seine Wahl, sondern das einzig mögliche Tempo. Und er hatte immer treffliche Gründe dafür, sprach mit mir über seine Erkenntnis, dass Mozart in seinen Tempobezeichnungen völlig konsequent war, und dass ein bestimmtes Tempo genau positioniert ist zwischen dem nächst schnelleren und dem nächst langsameren."


      Ein Punkt, der mich überrascht hat, war dieser hier:
      Cherubino war übrigens schon bei Beaumarchais als Hosenrolle angelegt. Dort hatte der ewig verliebte Knabe eine Romanze zu singen, für die Beaumarchais eine „schöne junge Frau“ vorgesehen hatte.
      Ich dachte, der sollte auf der Bühne von einem Mann gespielt werden. Ich erinnere mich aber dunkel, dass Peter Brixius mir damals einmal verschiedene (französischsprachige) Quellen gezeigt hat, wo so etwas ähnliches stand. Damals wusste ich aber überhaupt nichts von "Beaumarchais" oder von einer Vorlage, oder dass der Figaro ein Dreiteiler war, usw. Leider habe ich auch diese PNs nicht mehr zum Nachsehen :(


      Ein anderer Punkt, der mir bei der "Lautmalerei" in "Venite, inginocchiatevi" aufgefallen ist, wird hier angesprochen:
      Als besonders wichtig hob sie [Charlotte Margiono als Gräfin in der Flimm-Inszenierung 1993] Harnoncourts Anwesenheit bei den szenischen Proben hervor. Die Gestik, die Mozart in seiner Musik mitkomponiert hat, muss ja aus der Musik entwickelt werden.
      Bei den Synkopen in dieser Arie kann ich das nachvollziehen, weil sie ganz offensichtlich genau abgestimmt sind mit dem Text. "Nun lasst uns sehen wir ihr geht", und dann diese unsicheren Schlenker in den Streichern. Aber wie sieht es mit der restlichen Musik aus? Ich bin immer dafür, dass man auf die Musik hört beim Inszenieren und die Musik nicht parallel zum Bühnengeschehen läuft, ohne jeden Bezug dazu.


      Stichwort "Venite, inginocchiatevi":
      Jahre später, im Programmheft zum Salzburger Figaro 2006, erklärt Harnoncourt, warum ihm diese Szene, eine Arie der Susanna, musikalisch so wichtig ist:

      „Die Arie der Susanna mit dem anwesenden Cherubino und der anwesenden Contessa, die sogenannte Verkleidungsszene im zweiten Akt, ist eigentlich ein verkapptes Terzett; im Orchestersatz wird über die Beziehung der drei Personen zueinander gesprochen, das hat eine derart flirrende Erotik …, da hat man das Gefühl, dass alles passieren könnte, da sind alle drei jenseits von Gut und Böse. Bei dieser Szene habe ich immer Angst, dass die Leute wegen der Vorgänge auf der Bühne lachen. Ich will, dass die Verkleidung nachher stattfindet, nicht während der Arie.“
      Und auch hier keine Erklärung, was da an der Musik ein "Terzett" sein soll. So wie es da steht ist es nur eine Behauptung. Ich unterschreibe keine einzige Aussage in diesem Zitat.
      Er hat sicher Recht, dass die Verkleidung nicht WÄHREND der Arie passiert, das lässt sich auch in der Partitur nachlesen. VOR der Arie nimmt sie Maß und sagt, dass er ihre Größe hätte. Dann kommt die Arie, in der Susanna Cherubino, laut Anweisungen, lediglich kämmt, und ihn auffordert, weiblich zu gehen. Und direkt nach der Arie geht es schon weiter mit der Handlung, das mit dem Band, das Alleine-sein mit der Gräfin und das Klopfen an der Tür. Ich denke, das Verkleiden findet vor der Arie statt.


      Auch Luc Bondy, der das Stück inszeniert hat, sagt etwas dazu:
      Seine [Luc Bondys] Sicht des Figaro führte er in einem Radio-Interview aus:

      „Es gibt in diesem Stück ein ewiges Begehren. Wenn es nicht zuvor alle diese Irrungen der Gefühle gäbe, woher käme dann die Sicherheit, mit der die Gräfin im letzten Finale den Grafen Lügen straft? Man muss das alles so direkt wie möglich darstellen, ohne Rokoko und Getändel. Die Musik verlangt, dass man nicht tändelt und äugelt und es süßlich macht. Wir schwelgen gerne in der Musik und neigen daher dazu, die Beziehungen zu verschönern. Doch die Empfindungen sind vorhanden, und sie sind sehr gegensätzlich. Das Verzeihen am Ende findet statt, doch vielleicht ist es auch einfach nur ein Gentlemen-Agreement. Der Graf entschuldigt sich ja dauernd in diesem Stück, nicht nur im Finale. Vielleicht ist es am Ende eine Ernüchterung, und die wäre wichtig.“
      Das mit dem verschönern der Beziehungen sehe ich ganz genauso.


      Auch über eine offenbar meistens gestrichene Arie wird etwas gesagt:
      Besonderen Wert legt Harnoncourt dabei auf die Arie des Basilio, über die Eselshaut:

      „Sie macht nicht nur den Basilio zu einer völlig anderen Figur, sondern hat Auswirkungen auf das Ganze. Sie ist ein Leitfaden, wie man auf miese Art Karriere macht.“




      LG,
      Hosenrolle1
    • Bezugnehmend auf diesen Beitrag im "Opernperlen"-Thread antworte ich hier, wo es passender ist.
      ________

      Auch kann ich nicht entdecken, daß die Gräfin sich irgendwie am Cherubino zu schaffen machen möchte.

      Ich kenne das Original-Theaterstück nicht, ich weiß nicht, ob es DORT solche Anspielungen gibt. Dort würde ich das noch eher logisch finden, weil Beaumarchais vermutlich schon wusste, was im dritten Teil passieren wird.


      Umgekehrt ist es wohl eher so, daß der Junge ihr schüchtern schöne Augen macht und erst von Susanna dazu gedrängt wird, die Kavatine Voi che sapete zu singen.

      Ich hab auch nie verstanden, wieso sie ihm sagt, er soll das vor der Gräfin singen. Wozu?
      Die Zeit, die da während dem Lied draufgeht, hätten die beiden Damen damit verwenden können, Cherubino zu verkleiden.


      Da Ponte hat den Beaumarchais nicht etwa einfach ins Libretto übertragen, sondern ein mehr oder weniger neues Stück angelegt.

      Und das finde ich halt nicht gut, weil die Vorlage viel zu politisch und kritisch ist, um als gefühlvolle Komödie aufgeführt zu werden.


      Kaiser gut und schön, ich rate aber eher dazu, sich den Stefan Kunze zuzulegen und die Analysen zu Mozarts Opern zu lesen. Er belegt mit vielen Musikbeispielen seine Ansichten, und auch, wenn ich nicht alle teile, so kann man doch wenigstens seinen Gedankengängen im Detail folgen.

      Werd ich mal Ausschau halten danach, bin gespannt!


      Ich sehe hier keine "vorgeschobene" Verzeihung in dem Sinne, die Gräfin würde nur vorgeblich verzeihen, sich jedoch "hintenrum" mit Cherubino vergnügen...


      Nein, DAS sehe ich hier auch nicht. Ich denke schon, dass sie ihm – warum auch immer – in dem Moment verzeiht, und dass der Graf es in diesem Moment auch halbwegs ernst meint. Das mit Cherubino und der Gräfin meinte ich allerdings so, dass da manche offenbar in der Musik oder im Text Anspielungen darauf zu finden meinen, dass sie schon hier vom Gefühl her zu ihm hingezogen ist, auch wenn sie es nicht laut ausspricht oder offen zeigt.


      Deine Ansichten bgzgl. der Personen ("schlecht", "unsympathisch") finde ich so abwegig, daß ich darauf nicht eingehen möchte. Sorry... ;)

      Das finde ich schade, weil ich sehr wohl finde, dass die Figuren unsympathisch sind. Alle davon sind intrigant, und benutzen andere Leute für ihre Zwecke, oder sind sonstwie abgehoben.

      Über den Grafen habe ich eh schon einiges gesagt. Quasi ein Vergewaltiger, der seine Macht missbraucht. Ein Adeliger, der Spaß am „Frauenjagen“ und Entjungfern hat. Allein das macht sein „contessa perdono“ für mich nur umso schmieriger, ich höre da in erster Linie Selbstmitleid. Eine Art Herodes aus „Salome“.

      Die Gräfin und Susanna benutzen Cherubino für ihre Zwecke und machen sich noch darüber lustig, dass er zum Militär geschickt werden soll. Denen ist das egal, hauptsache er bleibt noch eine Weile im Schloss, damit sie ihren Plan umsetzen können. Danach kann er ruhig verschwinden, dann ist er unbrauchbar.

      Figaro ist ebenfalls alles andere als sympathisch. Wie er Cherubino verspottet in „Non piu andrai“ ist mehr als grob. Sogar Bernd Oberhoff schreibt dazu:

      „Warum versteigt sich Figaro zu solcher Häme gegen den jungen Pagen? Galt Figaro bislang als Liebender und als tatkräftig und männlich Handelnder, so fällt hier ein leichter Schatten auf die Lauterkeit seines Charakters. Es schmälert die Sympathie für diesen Hochzeiter, wenn er sich in dieser Szene mit den Bestrafungsaktionen des Grafen verbündet und den kindlichen Cherubino öffentlich beschämt. Diese Rolle hätte er getrost anderen überlassen können. Diese Demütigung des Pagen wird dem Zuschauer aber nicht so recht bewusst angesichts einer schmissigen Militärmusik, zu der am Ende alle Anwesenden die Bühne im Marschschritt verlassen. Witz und Komik überdecken in diesem äußerst wirkungsvollen Finale des 1. Akts Figaros Boshaftigkeit.“


      Auch die anderen Figuren sind praktisch alles andere als nett. Der Gesangslehrer ist ebenfalls intrigant und schmierig. Nur Barbarina ist für mich in Ordnung, die scheint Cherubino wirklich zu mögen und verkleidet ihn als Frau, nicht für IHRE Zwecke, sondern damit er weiterhin im Schloss bleiben kann.

      Wie gesagt, es kann natürlich sein, dass Da Ponte und Mozart diese Figuren abgemildert haben (was ich wiederum für falsch halte!) und eine Komödie draus gemacht haben, die niemandem zu nahe treten soll, aber es sind nach wie vor für mich unsympathische Figuren.


      (Und ich finde, dass man das auch sagen darf, wenn man Figuren unsympathisch oder schlecht findet, auf dieser Grundlage kann man auch darüber diskutieren. Dass du da nicht meiner Meinung bist ist völlig in Ordnung, das macht es aber nicht automatisch „abwegig“, zumal ich es auch begründet habe.)

      Meine Bitte wäre, dass du dir diese drei Postings hier anschaust, wo ich genauer darauf eingegangen bin, auf die Figuren, aber auch auf die Zeit damals generell, und auf den Adel, schließlich auch auf Beaumarchais selber und seine Aussagen. Dann wird vielleicht deutlicher, wieso ich diese Figuren so fürchterlich finde.


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      LG,
      Hosenrolle1
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